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Deutsch Ausgabe

Literatur

Der arme Spielmann

BooksWhale-Ausgabe auf Deutsch von Franz Grillparzer

Das berührende Porträt eines Außenseiters, dessen Musik sich dem gewöhnlichen Erfolg entzieht.

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Bucheinführung

Der arme Spielmann

Grillparzer erzählt von Jakob, einem armen Geiger, dessen unbeholfene Hingabe an die Musik den Abstand zwischen gesellschaftlichem Nutzen, Kunst und Würde sichtbar macht.

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Franz Grillparzer died in 1872; Der arme Spielmann was first published or performed in 1848. This entry uses the original German text.

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Der arme Spielmann

Franz Grillparzer

VorschaukapitelDER ARME SPIELMANNVorschau

von FRANZ GRILLPARZER

Erzählung (1847)

In Wien ist der Sonntag nach dem Vollmonde im Monat Juli jedes Jahres

samt dem darauffolgenden Tage ein eigentliches Volksfest, wenn je ein

Fest diesen Namen verdient hat. Das Volk besucht es und gibt es

selbst; und wenn Vornehmere dabei erscheinen, so können sie es nur in

ihrer Eigenschaft als Glieder des Volks. Da ist keine Möglichkeit der

Absonderung; wenigstens vor einigen Jahren noch war keine.

An diesem Tage feiert die mit dem Augarten, der Leopoldstadt, dem

Prater in ununterbrochener Lustreihe zusammenhängende Brigittenau ihre

Kirchweihe. Von Brigittenkirchtag zu Brigittenkirchtag zählt seine

guten Tage das arbeitende Volk. Lange erwartet, erscheint endlich das

saturnalische Fest. Da entsteht Aufruhr in der gutmütig ruhigen Stadt.

Eine wogende Menge erfüllt die Straßen. Geräusch von Fußtritten,

Gemurmel von Sprechenden, das hie und da ein lauter Ausruf durchzuckt.

Der Unterschied der Stände ist verschwunden; Bürger und Soldat teilt

die Bewegung. An den Toren der Stadt wächst der Drang. Genommen,

verloren und wiedergenommen, ist endlich der Ausgang erkämpft. Aber

die Donaubrücke bietet neue Schwierigkeiten. Auch hier siegreich,

ziehen endlich zwei Ströme, die alte Donau und die geschwollnere Woge

des Volks, sich kreuzend quer unter- und übereinander, die Donau ihrem

alten Flußbette nach, der Strom des Volkes, der Eindämmung der Brücke

entnommen, ein weiter, tosender See, sich ergießend in alles deckender

Überschwemmung. Ein neu Hinzugekommener fände die Zeichen bedenklich.

Es ist aber der Aufruhr der Freude, die Losgebundenheit der Lust.

Schon zwischen Stadt und Brücke haben sich Korbwagen aufgestellt für

die eigentlichen Hierophanten dieses Weihfestes: die Kinder der

Dienstbarkeit und der Arbeit. Überfüllt und dennoch im Galopp

durchfliegen sie die Menschenmasse, die sich hart vor ihnen öffnet und

hinter ihnen schließt, unbesorgt und unverletzt. Denn es ist in Wien

ein stillschweigender Bund zwischen Wagen und Menschen: nicht zu

überfahren, selbst im vollen Lauf; und nicht überfahren zu werden,

auch ohne alle Aufmerksamkeit.

Von Sekunde zu Sekunde wird der Abstand zwischen Wagen und Wagen

kleiner. Schon mischen sich einzelne Equipagen der Vornehmeren in den

oft unterbrochenen Zug. Die Wagen fliegen nicht mehr. Bis endlich

fünf bis sechs Stunden vor Nacht die einzelnen Pferde- und

Kutschen-Atome sich zu einer kompakten Reihe verdichten, die, sich

selber hemmend und durch Zufahrende aus allen Quergassen gehemmt, das

alte Sprichwort "Besser schlecht gefahren, als zu Fuße gegangen"

offenbar zuschanden macht. Begafft, bedauert, bespottet, sitzen die

geputzten Damen in den scheinbar stillestehenden Kutschen. Des

immerwährenden Anhaltens ungewohnt, bäumt sich der Holsteiner Rappe,

als wollte er seinen durch den ihm vorgehenden Korbwagen gehemmten Weg

obenhin über diesen hinaus nehmen, was auch die schreiende Weiber- und

Kinderbevölkerung des Plebejer-Fuhrwerks offenbar zu befürchten

scheint. Der schnell dahinschießende Fiaker, zum ersten Male seiner

Natur ungetreu, berechnet ingrimmig den Verlust, auf einem Wege drei

Stunden zubringen zu müssen, den er sonst in fünf Minuten durchflog.

Zank, Geschrei, wechselseitige Ehrenangriffe der Kutscher, mitunter

ein Peitschenhieb.

Endlich, wie denn in dieser Welt jedes noch so hartnäckige

Stehenbleiben doch nur ein unvermerktes Weiterrücken ist, erscheint

auch diesem status quo ein Hoffnungsstrahl. Die ersten Bäume des

Augartens und der Brigittenau werden sichtbar. Land! Land! Land!

Alle Leiden sind vergessen. Die zu Wagen Gekommenen steigen aus und

mischen sich unter die Fußgänger, Töne entfernter Tanzmusik schallen

herüber, vom Jubel der neu Ankommenden beantwortet. Und so fort und

immer weiter, bis endlich der breite Hafen der Lust sich auftut und

Wald und Wiese, Musik und Tanz, Wein und Schmaus, Schattenspiel und

Seiltänzer, Erleuchtung und Feuerwerk sich zu einem pays de cocagne,

einem Eldorado, einem eigentlichen Schlaraffenlande vereinigen, das

leider, oder glücklicherweise, wie man es nimmt, nur einen und den

nächst darauffolgenden Tag dauert, dann aber verschwindet, wie der

Traum einer Sommernacht, und nur in der Erinnerung zurückbleibt und

Inhaltsverzeichnis

In dieser Ausgabe

  1. 01Full text
  2. 02DER ARME SPIELMANN

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