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Die Stadt ohne Juden

德语 BooksWhale 版本 · Hugo Bettauer

A sharp political satire imagining a city that expels its Jewish population and then confronts the human, cultural, and economic consequences.

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Die Stadt ohne Juden

Bettauer’s speculative Vienna exposes antisemitism through exaggeration and reversal, showing how exclusion damages both its victims and the society that demands it. The novel is historically urgent as well as literary.

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The original German work was published in 1922 and the author died in 1925; the source edition must remain the original-language public-domain text without a modern translation.

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Die Stadt ohne Juden

Hugo Bettauer

Die

Stadt ohne Juden

Ein Roman von übermorgen

Von

Hugo Bettauer

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»Hinaus mit den Juden!«

Sonst pflegten bei ähnlichen Demonstrationen hier und dort Leute mit gebogener Nase oder besonders schwarzem Haar weidlich verprügelt zu werden; diesmal kam es zu keinem solchen Zwischenfall, denn Jüdisches war weit und breit nicht zu sehen, und zudem hatten die Kaffeehäuser und Bankgeschäfte am Franzens- und Schottenring, in weiser Erkenntnis aller Möglichkeiten, ihre Pforten geschlossen und die Rollbalken herabgezogen.

Plötzlich zerriß ein einziges Aufbrüllen die Luft.

»Hoch Doktor Karl Schwertfeger, hoch, hoch, hoch! Hoch der Befreier Oesterreichs!«

Ein offenes Auto fuhr langsam mitten durch die Menschenmassen hindurch, die zurückdrängten und Bahn machten. Im Auto saß ein großer älterer Herr, dessen mächtiger Schädel mit willkürlichen Büscheln weißer Haare bedeckt war.

Er nahm den grauen, weichen Schlapphut ab, nickte der jubelnden Menschenmenge zu und verzerrte das Gesicht zu einem Lächeln. Aber es war ein saures Lächeln, das von den zwei Falten, die von den Mundwinkeln abwärts liefen, gewissermaßen dementiert wurde. Und die tiefliegenden grauen Augen blickten eher finster als vergnügt drein.

Lachende Mädchen drängten sich vor, schwangen sich auf das Trittbrett, die eine warf dem Gefeierten Blumen zu, eine andere war noch dreister, schlang ihren Arm um seinen Hals und küßte den Doktor Schwertfeger auf die Wange. Als ob der Chauffeur ahnte, wie seinem Herrn bei solchen Gefühlsausbrüchen zumute wurde, ließ er das Auto vorwärts springen, so daß die Mädchen mit jähem Ruck nach rückwärts fielen. Sie taten sich dabei nicht wehe, denn die Menschenmauer fing sie auf.

Im Parlamentsgebäude herrschte nicht die laute Begeisterung der Straße, sondern fieberhafte Erregung, zu stark, um Ausdruck nach außen zu finden. Die Abgeordneten, die sich bis zum letzten Mann eingefunden hatten, die Minister, die Saaldiener gingen schweigend und unruhig umher, sogar die überfüllten Galerien verhielten sich lautlos.

In der Journalistenloge, in der es sonst am ungeniertesten zuzugehen pflegte, wurde nur im Flüsterton gesprochen. Und eine bemerkenswerte räumliche Spaltung hatte sich eingestellt. Die kompakte jüdische Majorität der Berichterstatter drängte ihre Stühle zusammen, die Referenten der christlichsozialen und deutschnationalen Blätter bildeten ihrerseits eine Gruppe. Sonst mischten sich die jüdischen und christlichen Journalisten fröhlich durcheinander, im Berufskreis war man nicht Parteigänger, sondern nur der Herr Kollege, und da die jüdischen Journalisten gewöhnlich mehr Neuigkeiten wußten und sie besser verwerten konnten, standen die antisemitischen zu ihnen in einem starken Abhängigkeitsverhältnis. Heute aber flogen hämische Blicke von der christlichen Ecke in die jüdische, und als der kleine Karpeles von der »Weltpost«, der eben erst eingetreten war, den Doktor Wiesel von der »Wehr« mit »Servus Herr Kollege!« begrüßte, wandte ihm dieser ohne Erwiderung den Rücken.

»Nicht rühren kann man sich«, brummte der Herglotz vom christlichen »Tag«, worauf ihm ein Kollege mit kleinem, bärtigem Kopf und mächtigem Bierbauch erwiderte:

»Na, ein paar Tage noch und wir werden hier Platz genug haben!«

Hüsteln, Lächeln, Lachen auf der einen Seite, gegenseitige bedeutungsvolle Blicke auf der anderen.

Ein junger blonder Herr mit roten Backen machte nach links und rechts eine leichte Verbeugung.

Das alles war in so drolligem Englisch-deutsch herausgekommen, daß sich die Spannung ein wenig löste. Minkus vom »Tagesboten« bemächtigte sich, heftig gestikulierend, des englischen Kollegen und begann mit den Worten:

»Also, ich werde Ihnen alles genau erklären –.« Aber Doktor Wiesel ließ ihn nicht weitersprechen. »Sie verzeihen, aber diese Aufklärung wird besser von uns ausgehen.«

Tonfall drohend, das »uns« bedeutungsvoll unterstrichen.

Und schon befand sich Holborn in der christlichen Ecke, wo Wiesel kurz und sachlich erklärte:

»Was geschehen soll, werden Sie sofort aus dem Munde unseres Bundeskanzlers Dr. Karl Schwertfeger erfahren, der das Gesetz zur Ausweisung aller Nichtarier aus Oesterreich eingehend begründen wird. Die Vorgeschichte ist, kurz gesagt, folgende: Als die österreichische Krone auf den Wert eines fünfzigstel Centimes herabgesunken war, begann das Chaos einzutreten. Ein Ministerium nach dem anderen mußte gehen, es entstanden Unruhen, täglich kam es zu Plünderungen der Geschäfte, zu Pogroms, die Wut und Verzweiflung der Bevölkerung kannte keine Grenzen mehr und schließlich mußte zu Neuwahlen geschritten werden. Die Sozialdemokraten traten ohne neues Programm in den Wahlkampf, die Christlichsozialen hingegen scharten sich um ihren geistvollen Führer Dr. Karl Schwertfeger, dessen Losungswort lautete: Hinaus mit den Juden aus Oesterreich! Nun, vielleicht ist es Ihnen bekannt,« – Holborn nickte, obwohl er keine Ahnung hatte – »daß die Wahlen den völligen Zusammenbruch der Sozialdemokraten, Kommunisten und Liberalen brachten. Selbst die Arbeitermassen wählten unter der Parole »Hinaus mit den Juden!«, und die sozialistische Partei, vordem relativ die stärkste, konnte knapp elf Mandate retten. Die Großdeutschen aber, die gut abschnitten, hatten sich ebenfalls auf das »Hinaus mit den Juden!« eingestellt.

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Lotte Spineder an Leo Strakosch, Paris, Rue Foch 22.

Mein Lieber, nun ist genau ein Jahr vergangen, seitdem ich Dir auf dem Westbahnhofe mit meinem von Tränen ganz durchnäßten Taschentuch nachgewinkt habe. Und das erste Weihnachtsfest, das ich als Deine Braut ohne Dich verbringen mußte, liegt hinter mir. Es war wieder recht traurig, und Papa meinte sehr besorgt, daß ich noch ganz krank und elend werden würde, wenn ich mich meinem Schmerz so hingebe. Ich bin jetzt nämlich immer sehr blaß, schlafe schlecht, habe viel Kopfschmerz und werde gleich so müde. Unser Hausarzt meint, es sei Bleichsucht und hat mir Guberquelle verordnet, aber ich weiß, daß es nur meine Sehnsucht nach Dir ist, die mich schwach und krank macht.

Unsagbare Freude hat mir Deine wundervolle Mappe bereitet, die gerade am Weihnachtsabend eingetroffen ist. Du bist jetzt, wie man aus diesen herrlichen Stichen sieht, ein ganz großer Künstler; Papa, der doch so viel davon versteht, meint, daß Du schon zu den ersten Meistern gehörst und hat furchtbar auf unsere Regierung geschimpft, die solche Männer, statt sie zu ehren, aus dem Lande jagt. Dein Brief, in dem Du von Deinen großen Erfolgen berichtest, hat mich natürlich sehr beglückt, und Papa hat umgerechnet, daß die dreißigtausend Francs, die Du für diese Mappe bekommen hast, viele Millionen österreichischer Kronen sind. Die Krone ist nämlich wieder riesig gefallen. Nur als ich las, daß Du so viel in Gesellschaft verkehrst und dich der Einladungen in die feinsten Häuser kaum erwehren kannst, bekam ich ordentlich Herzklopfen. Wirst Du bei den schönen Pariserinnen nicht Deine arme, kleine Lotte ganz vergessen? O Leo, was soll nur aus uns werden, wann werde ich wieder meinen Kopf an Deine Schulter legen können? Weißt Du, Leo, neulich flog ein großer Aeroplan über den Kahlenberg westwärts, und da habe ich gedacht, daß ich, wenn ich die Möglichkeit dazu hätte, gleich zu Dir nach Paris fliegen würde, ob meine Eltern es nun erlauben oder nicht. Ueberhaupt, wenn ich wüßte, wie man, ohne daß es jemand erfährt, einen Paß bekommt, würde ich mir von Dir Geld schicken lassen und heimlich zu Dir kommen. Ich weiß, daß ich Papa und die Mutter damit furchtbar kränken würde, aber meine Sehnsucht nach Dir ist so groß, daß ich ganz schlecht und grausam geworden bin.

Du bittest mich, ich möge Dir in großen Zügen die Entwicklung der Dinge schildern, seitdem die Israeliten fort sind, da Du aus den farblosen und langweiligen Wiener Zeitungen kein richtiges Bild bekommen kannst. Nun, ich will versuchen, Dir alles zu erzählen, was ich selbst sehe oder von den anderen weiß; aber wenn es dumm wird, so darfst Du mich nicht auslachen.

Also, von dem großen Jubel und den Festzügen am Silvestertage, als die letzten Israeliten Wien und Oesterreich verlassen hatten, wirst Du ja ohnedies alles aus den Zeitungen ersehen haben. Nun, den ganzen Januar hielt diese Stimmung an, die Leute machten alle fröhliche Gesichter, ein Festkonzert folgte dem anderen und immer wieder zogen die Massen vor das Rathaus oder das Kanzlerpalais, um dem Bürgermeister Laberl und dem Doktor Schwertfeger zu huldigen. Mir selbst ist es aufgefallen, daß die Wiener in der Elektrischen viel freundlicher und netter waren als vorher, und der Hofrat Tumpel, der bei uns verkehrt, Du weißt, der mit dem blonden Vollbart, den Du nie leiden mochtest, sagte triumphierend zu uns:

»Sehen Sie, das Wiener sonnige Gemüt, das so lange von all dem Fremden überschattet worden war, bricht sich wieder Bahn.«

»Ja, Schnecken,« brummte der Vater, »das ist nur, weil den Wienern das Ganze eine Riesenhetz ist und weil die Lebensmittel billiger und wieder Wohnungen zu haben sind.« Tumpel meinte aber: »Oho, lieber Freund, das ist es nicht allein, sondern die indogermanische Naivität unseres Volkes wagt sich wieder heraus!«

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  1. 01Full text
  2. 02Erster Teil.
  3. 03Zweiter Teil.

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