Deutsch Ausgabe
Literatur
Frau Sorge
BooksWhale-Ausgabe auf Deutsch von Hermann Sudermann
Ein realistischer Roman über Armut, Pflichtgefühl, Liebe und den Schatten der Sorge.
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Bucheinführung
Frau Sorge
Frau Sorge machte Hermann Sudermann berühmt und erzählt die Entwicklung Paul Meyhöfers unter dem Druck von Familie, Besitzverlust und sozialem Aufstieg. Der Roman verbindet realistische Milieuschilderung mit einer symbolischen Figur der Sorge, die das Leben begleitet.
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Deutscher Originalroman, erstmals 1887 veröffentlicht. Hermann Sudermann starb 1928; das Werk ist nach Leben plus 70 Jahren gemeinfrei.
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Frau Sorge
Hermann Sudermann
VorschaukapitelHermann SudermannVorschau
Meinen Eltern Zum 16. November 1887
Frau Sorge, die graue, verschleierte Frau, Herzliebe Eltern, Ihr kennt sie genau, Sie ist ja heute vor dreißig Jahren Mit Euch in die Fremde hinausgefahren, Da der triefende Novembertag Schweratmend auf nebliger Heide lag Und der Wind in den Weidenzweigen Euch pfiff den Hochzeitsreigen. –
Als Ihr nach langen, bangen Stunden Im Litauerwalde ein Nest gefunden Und zagend standet an öder Schwelle, Da war auch Frau Sorge schon wieder zur Stelle Und breitete segnend die Arme aus Und segnete Euch und Euer Haus Und segnete die, so in den Tiefen Annoch den Schlaf des Nichtseins schliefen.
Es rann die Zeit. – Die morsche Wiege, Die jetzt im Dunkel unter der Stiege Sich freut der langverdienten Rast, Sah viermal einen neuen Gast. Dann, wenn die Abendglut verblichen, Kam aus dem Winkel ein Schatten geschlichen Und wuchs empor und wankte stumm Erhobenen Arms um die Wiege herum.
Was Euch Frau Sorge da versprach, Das Leben hat es allgemach In Seufzen und Weinen, in Not und Plage, Im Mühsal trüber Werkeltage, Im Jammer manch' durchwachter Nacht Ach! so getreulich wahrgemacht. Ihr wurdet derweilen alt und grau.
Und immer noch schleicht die verschleierte Frau Mit starrem Aug' und segnenden Händen Zwischen des Hauses armen vier Wänden, Vom duftigen Tische zum leeren Schrein, Von Schwelle zu Schwelle aus und ein, Und kauert am Herde und bläst in die Flammen Und schmiedet den Tag mit dem Tage zusammen.
Herzliebe Eltern, drum nicht verzagt! Und habt Ihr Euch redlich gemüht und geplagt Ein langes, schweres Leben lang, So wird auch Euch bei der Tage Neigen Ein Feierabend vom Himmel steigen.
Wir Jungens sind jung – wir haben Kraft, Uns ist der Mut noch nicht erschlafft, Wir wissen zu ringen mit Not und Müh'n, Wir wissen, wo blaue Glücksblumen blüh'n; Bald kehren wir lachend heim nach Haus Und jagen Frau Sorge zur Tür hinaus.
Vorschaukapitel1Vorschau
Gerade als das Gut Meyhöfers sich unter dem Hammer befand, wurde Paul, sein dritter Sohn, geboren.
Das war freilich eine schwere Zeit!
Frau Elsbeth mit ihrem vergrämten Gesicht und ihrem wehmütigen Lächeln lag in dem großen Himmelbette, neben sich die Wiege des Neugeborenen, ließ die Augen unruhig umherschweifen und horchte auf jegliches Geräusch, das vom Hofe und aus den Wohnzimmern in ihre traurige Wochenstube drang. – Bei jedem verdächtigen Laut fuhr sie empor, und jedesmal, wenn eine fremde Männerstimme sich hören ließ oder ein Wagen mit dumpfem Rollen dahergefahren kam, fragte sie, in heller Angst die Pfosten des Bettes umklammernd:
»Ist's soweit? Ist's soweit?«
Niemand gab ihr Antwort. Der Arzt hatte streng befohlen, jede Aufregung von ihr fernzuhalten, aber er hatte nicht bedacht, der gute Mann, daß dieses ewige Hangen und Bangen sie tausendmal härter quälen mußte als die schrecklichste Gewißheit.
Eines Vormittags – am fünften Tage nach der Geburt – hörte sie ihren Mann, den sie in dieser bösen Zeit kaum einmal zu Gesicht bekommen, mit schwerem Fluchen und Seufzen im Nebenzimmer auf und nieder gehen. – Auch ein Wort konnte sie verstehen, ein einziges Wort, das er immer aufs neue wiederholte, das Wort: »Heimatlos!«
Da wußte sie: Es war soweit.
Sie legte die matte Hand auf das Köpfchen des Neugeborenen, der mit einem ernsthaften Gesicht still vor sich hin dröselte, und weinte in die Kissen hinein. Nach einer Weile sagte sie zu der Dienstmagd, welche den Kleinen wartete:
»Bestell dem Herrn, ich möchte ihn sprechen.«
Und er kam. – Mit seinen dröhnenden Schritten trat er vor das Bett der Wöchnerin und sah sie an mit einem Gesicht, das in seiner erzwungenen Unbefangenheit doppelt verzerrt und verzweifelt dreinschaute.
»Max«, sagte sie schüchtern, denn sie hatte immer Angst vor ihm, »Max, verheimliche mir nichts – ich bin ja ohnehin auf das Schlimmste gefaßt.«
»Bist du?« fragte er mißtrauisch, denn er erinnerte sich an die Warnung des Arztes.
»Wann müssen wir hinaus?«
Als er sah, daß sie so ruhig dem Unglück ins Auge schaute, glaubte er fürder nicht nötig zu haben, ein Blatt vor den Mund zu nehmen, und wetternd brach er los:
»Heute – morgen – ganz wie es dem neuen Herrn gefällt! – Nur durch seine Barmherzigkeit sind wir noch hier – und wenn es ihm so paßt, können wir diese Nacht auf der Straße logieren.«
»So schlimm wird es nicht sein, Max«, sagte sie, mühsam ihre Fassung bewahrend, »wenn er erfährt, daß erst vor ein paar Tagen ein Kleines eingekehrt ist...«
»So – ich soll wohl betteln gehen bei ihm – was?«
»Oh, nicht doch. Er tut's von selbst. Wer ist es denn?«
»Douglas heißt er – stammt aus dem Insterburgischen trat sehr breitspurig auf, der Herr, sehr breitspurig – hätt' ihn am liebsten vom Hof gejagt.«
»Ist uns was übriggeblieben?« Sie fragte es leise und zögernd und sah dabei auf den Neugeborenen nieder, hing doch von der Antwort vielleicht sein junges, schwaches Leben ab.
Er brach in ein hartes Lachen aus. »Ja, ein Trinkgeld – volle zweitausend Taler.«
Sie seufzte erleichtert auf, denn ihr war zumute gewesen, als hörte sie schon das fürchterliche »Nichts« von seinen Lippen schwirren.
»Was sollen uns zweitausend Taler«, fuhr er fort, »nachdem ihrer fünfzig in den Sumpf geschmissen sind? Soll ich etwa in der Stadt eine Gastwirtschaft aufmachen oder mit Knöpfen und Bändern handeln? Du hilfst vielleicht noch mit, indem du in vornehmen Häusern nähen gehst, und die Kinder verkaufen Streichhölzchen auf den Straßen – hahaha!«
Er wühlte sich in den schon graumelierten, buschigen Haaren und stieß dabei mit dem Fuße gegen die Wiege, daß sie heftig hin- und herschwankte.
»Wozu ist das Wurm nun geboren?« murmelte er düster, dann kniete er neben der Wiege nieder, begrub die winzigen Fäustchen in den Höhlungen seiner großen roten Hände und redete zu seinem Kinde: »Wenn du gewußt hättest, Junge, wie schlecht und niederträchtig diese Welt ist, wie die Unverschämtheit darin siegt und die Rechtlichkeit zugrunde geht, du wärst wahrhaftig geblieben, wo du warst. – Was wirst du für ein Schicksal haben? – Dein Vater ist ein Stück Vagabund, ein Abgewirtschafteter, der sich mit Weib und drei Kindern auf der Straße herumtreibt, bis er einen Ort gefunden hat, wo er sich und die Seinen vollends zugrunde richtet...«
Inhaltsverzeichnis
In dieser Ausgabe
- 01Full text
- 02Hermann Sudermann
- 031
- 042
- 053
- 064
- 075
- 086
- 097
- 10Kapitel 9
- 11Kapitel 10
- 128
- 139
- 1410
- 15Kapitel 14
- 1611
- 1712
- 1813
- 1914
- 2015
- 21Kapitel 20
- 2216
- 23Kapitel 22
- 2417
- 25Kapitel 24
- 26Kapitel 25
- 2718
- 28Kapitel 27
- 2919
- 3020
- 31Kapitel 30
- 3221
- 3322
- 3423
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