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Durch die Wüste

BooksWhale-Ausgabe auf Deutsch von Karl May

Ein früher Orientroman mit Wüstenreisen, Gefahren, Verfolgung und dem Beginn der Abenteuer von Kara Ben Nemsi.

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Bucheinführung

Durch die Wüste

Ein früher Orientroman mit Wüstenreisen, Gefahren, Verfolgung und dem Beginn der Abenteuer von Kara Ben Nemsi. Durch die Wüste führt Kara Ben Nemsi durch wechselnde Landschaften und Konflikte, in denen Mut, Beobachtungsgabe und Loyalität entscheiden.

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Karl May died in 1912; the 1880 adventure novel is public domain.

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Durch die Wüste

Karl May

VorschaukapitelEin TodesrittVorschau

"Und ist es wirklich wahr, Sihdi (* Herr.), daß du ein Giaur bleiben willst, ein Ungläubiger, welcher verächtlicher ist als ein Hund, widerlicher als eine Ratte, die nur Verfaultes frißt?" "Ja," antwortete ich. "Effendi, ich hasse die Ungläubigen und gönne es ihnen, daß sie nach ihrem Tode in die Dschehenna kommen, wo der Teufel wohnt; aber dich möchte ich retten vor dem ewigen Verderben, welches dich ereilen wird, wenn du dich nicht zum Ikrar bil Lisan, zum heiligen Zeugnisse, bekennst. Du bist so gut, so ganz anders als andere Sihdis, denen ich gedient habe, und darum werde ich dich bekehren, du magst wollen oder nicht." So sprach Halef, mein Diener und Wegweiser, mit dem ich in den Schluchten und Klüften des Dschebel Aures herumgekrochen und dann nach dem Dra el Haua heruntergestiegen war, um über den Dschebel Tarfaui nach Seddada, Kris und Dgasche zu kommen, von welchen Orten aus ein Weg über den berüchtigten Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli führt. Halef war ein eigentümliches Kerlchen. Er war so klein, daß er mir kaum bis unter die Arme reichte, und dabei so hager und dünn, daß man hätte behaupten mögen, er habe ein volles Jahrzehnt zwischen den Löschpapierblättern eines Herbariums in fortwährender Pressung gelegen. Dabei verschwand sein Gesichtchen vollständig unter einem Turban, der drei volle - 2 - Fuß im Durchmesser hatte, und sein einst weiß gewesener Burnus, welcher jetzt in allen möglichen Fett- und Schmutznuancen schimmerte, war jedenfalls für einen weit größeren Mann gefertigt worden, so daß er ihn, sobald er vom Pferde gestiegen war und nun gehen wollte, empornehmen mußte wie das Reitkleid einer Dame. Aber trotz dieser äußeren Unansehnlichkeit mußte man allen Respekt vor ihm haben. Er besaß einen ungemeinen Scharfsinn, viel Mut und Gewandtheit und eine Ausdauer, welche ihn die größten Beschwerden überwinden ließ. Und da er auch außerdem alle Dialekte sprach, welche zwischen dem Wohnsitze der Uëlad Bu Seba und den Nilmündungen erklingen, so kann man sich denken, daß er meine vollste Zufriedenheit besaß, so daß ich ihn mehr als Freund denn als Diener behandelte. Eine Eigenschaft besaß er nun allerdings, welche mir zuweilen recht unbequem werden konnte: er war ein fanatischer Muselmann und hatte aus Liebe zu mir den Entschluß gefaßt, mich zum Islam zu bekehren. Eben jetzt hatte er wieder einen seiner fruchtlosen Versuche unternommen, und ich hätte lachen können, so komisch sah er dabei aus. Ich ritt einen kleinen, halb wilden Berberhengst, und meine Füße schleiften dabei fast am Boden; er aber hatte sich, um seine Figur zu unterstützen, eine alte, dürre, aber himmelhohe Hassi-Ferdschahn-Stute ausgewählt und saß also so hoch, daß er zu mir herniederblicken konnte. Während der Unterhaltung war er äußerst lebhaft; er wedelte mit den bügellosen Beinen, gestikulierte mit den dünnen, braunen Aermchen und versuchte, seinen Worten durch ein so lebhaftes Mienenspiel Nachdruck zu geben, daß ich alle Mühe hatte, ernst zu bleiben. Als ich auf seine letzten Worte nicht antwortete, fuhr er fort: "Weißt du, Sihdi, wie es den Giaurs nach ihrem Tode ergehen wird?" "Nun?" fragte ich. "Nach dem Tode kommen alle Menschen, sie mögen Moslemim, Christen, Juden oder etwas Anderes sein, in den Barzakh." "Das ist der Zustand zwischen dem Tode und der Auferstehung?" - 3 - "Ja, Sihdi. Aus ihm werden sie alle mit dem Schall der Posaunen erweckt, denn el Jaum el akbar, der jüngste Tag, und el Akhiret, das Ende, sind gekommen, wo dann alles zu Grunde geht, außer el Kuhrs, der Sessel Gottes, er Ruhh, der heilige Geist, el Lauhel mafus und el Kalam, die Tafel und die Feder der göttlichen Vorherbestimmung." "Weiter wird nichts mehr bestehen?" "Nein." "Aber das Paradies und die Hölle?" "Sihdi, du bist klug und weise; du merkst gleich, was ich vergessen habe, und daher ist es jammerschade, daß du ein verfluchter Giaur bleiben willst. Aber ich schwöre es bei meinem Barte, daß ich dich bekehren werde, du magst wollen oder nicht!" Bei diesen Worten zog er seine Stirn in sechs drohende Falten, zupfte sich an den sieben Fasern seines Kinns, zerrte an den acht Spinnenfäden rechts und an den neun Partikeln links von seiner Nase, Summa Summarum Bart genannt, schlenkerte die Beine unternehmend in die Höhe und fuhr mit der freien andern Hand der Stute so kräftig in die Mähne, als sei sie der Teufel, dem ich entrissen werden sollte. Das so grausam aus seinem Nachdenken gestörte Tier machte einen Versuch, vorn emporzusteigen, besann sich aber sofort auf die Ehrwürdigkeit seines Alters und ließ sich stolz in seinem Gleichmut zurückfallen. Halef aber setzte seine Rede fort: "Ja, Dschennet, das Paradies, und Dschehenna, die Hölle, müssen auch mit bleiben, denn wohin sollten die Seligen und die Verdammten sonst kommen? Vorher aber müssen die Auferstandenen über die Brücke Ssireth, welche über den Teich Handh führt und so schmal und scharf ist, wie die Schneide eines gut geschliffenen Schwertes." "Du hast noch Eins vergessen," bemerkte ich. "Was?" fragte er. "Das Erscheinen des Deddschel." "Wahrhaftig! Sihdi, du kennst den Kuran und alle heiligen Bücher und willst dich nicht zur wahren Lehre bekehren! Aber trage nur keine Sorge; ich werde einen gläubigen Moslem aus dir machen! Also vor dem Gerichte wird sich der Deddschel - 4 - zeigen, den die Giaurs den Antichrist nennen, nicht wahr, Effendi?" "Ja." "Dann wird über jeden das Buch Kitab aufgeschlagen, in welchem seine guten und bösen Taten verzeichnet stehen, und die Hisab gehalten, die Musterung seiner Handlungen, welche über fünfzigtausend Jahre währt, eine Zeit, welche den Guten wie ein Augenblick vergehen, den Bösen aber wie eine Ewigkeit erscheinen wird. Das ist das Hukm, das Abwiegen aller menschlichen Taten." "Und nachher?" "Nachher folgt das Urteil. Diejenigen mit überwiegend guten Werken kommen in das Paradies, die ungläubigen Sünder aber in die Hölle, während die sündigen Moslemim nur auf kurze Zeit bestraft werden. Du siehst also, Sihdi, was deiner wartet, selbst wenn du mehr gute als böse Taten verrichtest. Aber du sollst gerettet werden, du sollst mit mir in das Dschennet, in das Paradies, kommen, denn ich werde dich bekehren, du magst wollen oder nicht!" Und wieder strampelte er bei dieser Versicherung so energisch mit den Beinen, daß die alte Hassi-Ferdschahn-Stute ganz verwundert die Ohren spitzte und mit den großen Augen nach ihm zu schielen versuchte. "Und was harrt meiner in eurer Hölle?" fragte ich ihn. "In der Dschehenna brennt das Nar, das ewige Feuer; dort fließen Bäche, welche so sehr stinken, daß der Verdammte trotz seines glühenden Durstes nichts aus ihnen trinken mag, und dort stehen fürchterliche Bäume, unter ihnen der schreckliche Baum Zakum, auf dessen Zweigen Teufelsköpfe wachsen." "Brrrrrrr!" "Ja, Sihdi, es ist schauderhaft! Der Beherrscher der Dschehenna ist der Strafengel Thabek. Sie hat sieben Abteilungen, zu denen sieben Tore führen. Im Dschehennem, der ersten Abteilung, müssen die sündhaften Moslemim büßen so lange, bis sie gereinigt sind; Ladha, die zweite Abteilung, ist für die Christen, Hothama, die dritte Abteilung, für die Juden, Sair, die vierte, für die Sabier, Sakar, die fünfte, für die Magier und Feueranbeter, und Gehim, die sechste, für alle, - 5 - welche Götzen oder Fetische anbeten. Zaoviat aber, die siebente Abteilung, welche auch Derk Asfal genannt wird, ist die allertiefste und fürchterlichste; sie wird alle Heuchler aufnehmen. In allen diesen Abteilungen werden die Verdammten von bösen Geistern durch Feuerströme geschleppt, und dabei müssen sie vom Baume Zakum die Teufelsköpfe essen, welche dann ihre Eingeweide zerbeißen und zerfleischen. O, Effendi, bekehre dich zum Propheten, damit du nur kurze Zeit in der Dschehenna zu stecken brauchst!" Ich schüttelte den Kopf und sagte: "Dann komme ich in unsere Hölle, welche ebenso entsetzlich ist wie die eurige." "Glaube dies nicht, Sihdi! Ich verspreche dir beim Propheten und allen Kalifen, daß du in das Paradies kommen wirst. Soll ich es dir beschreiben?" "Tue es!" "Das Dschennet liegt über den sieben Himmeln und hat acht Tore. Zuerst kommst du an den großen Brunnen Hawus Kewser, aus welchem hunderttausende Selige zugleich trinken können. Sein Wasser ist weißer als Milch, sein Geruch köstlicher als Moschus und Myrrha, und an seinem Rande stehen Millionen goldener Trinkschalen, welche mit Diamanten und Steinen besetzt sind. Dann kommst du an Orte, wo die Seligen auf golddurchwirkten Kissen ruhen. Sie erhalten von unsterblichen Jünglingen und ewig jungen Houris köstliche Speisen und Getränke. Ihr Ohr wird ohne Aufhören von den Gesängen des Engels Israfil entzückt und von den Harmonien der Bäume, in denen Glocken hängen, welche ein vom Throne Gottes gesendeter Wind bewegt. Jeder Selige ist sechzig Ellen lang und immerfort grad dreißig Jahre alt. Unter allen Bäumen aber ragt hervor der Tubah, der Baum der Glückseligkeit, dessen Stamm im Palaste des großen Propheten steht und dessen Aeste in die Wohnungen der Seligen reichen, wo an ihnen alles hängt, was zur Seligkeit erforderlich ist. Aus den Wurzeln des Baumes Tubah entspringen alle Flüsse des Paradieses, in denen Milch, Wein, Kaffee und Honig strömt." Trotz der Sinnlichkeit dieser Vorstellung muß ich bemerken, daß Muhammed aus der christlichen Anschauung geschöpft und - 6 - dieselbe für seine Nomadenhorden umgemodelt hat. Halef blickte mich jetzt mit einem Gesichte an, in welchem sehr deutlich die Erwartung zu lesen war, daß mich seine Beschreibung des Paradieses überwältigt haben werde. "Nun, was meinst du jetzt?" fragte er, als ich schwieg. "Ich will dir aufrichtig sagen, daß ich nicht sechzig Ellen lang werden mag; auch mag ich von den Houris nichts wissen, denn ich bin ein Feind aller Frauen und Mädchen." "Warum?" fragte er ganz erstaunt. "Weil der Prophet sagt: >Des Weibes Stimme ist wie der Gesang des Bülbül (* Nachtigall.), aber ihre Zunge ist voll Gift wie die Zunge der Natter.< Hast du das noch nicht gelesen?" "Ich habe es gelesen." Er senkte den Kopf; ich hatte ihn mit den Worten seines eigenen Propheten geschlagen. Dann fragte er mit etwas weniger Zuversichtlichkeit: "Ist nicht trotzdem unsere Seligkeit schön? Du brauchst ja keine Houri anzusehen!" "Ich bleibe ein Christ!" "Aber es ist nicht schwer, zu sagen: La Illa illa Allah, we Muhammed Resul Allah!" "Ist es schwerer, zu beten: Ja abana 'Iledsi, fi 's - semavati, jata- haddeso 'smoka?" Er blickte mich zornig an. "Ich weiß es wohl, daß Isa Ben Marryam, den ihr Jesus nennt, euch dieses Gebet gelehrt hat; ihr nennt es das Vaterunser. Du willst mich stets zu deinem Glauben bekehren, aber denke nur nicht daran, daß du mich zu einem Abtrünnigen vom Tauhid, dem Glauben an Allah, machen wirst!" Ich hatte schon mehrmals versucht, seinem Bekehrungsversuche den meinigen entgegen zu stellen. Zwar war ich von der Fruchtlosigkeit desselben vollständig überzeugt, aber es war das einzige Mittel, ihn zum Schweigen zu bringen. Das bewährte sich auch jetzt wieder. "So laß mir meinen Glauben, wie ich dir den deinigen lasse!" Er knurrte auf diese meine Worte etwas vor sich hin und brummte dann: - 7 - "Aber ich werde dich dennoch bekehren, du magst wollen oder nicht. Was ich einmal will, das will ich, denn ich bin der Hadschi (* Mekkapilger.) Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah!" "So bist du also der Sohn Abul Abbas', des Sohnes Dawud al Gossarah?" "Ja." "Und beide waren Pilger?" "Ja." "Auch du bist ein Hadschi?" "Ja." "So waret ihr alle Drei in Mekka und habt die heilige Kaaba gesehen?" "Dawud al Gossarah nicht." "Ah! Und dennoch nennst du ihn einen Hadschi?" "Ja, denn er war einer. Er wohnte am Dschebel Schur-Schum und machte sich als Jüngling auf die Pilgerreise. Er kam glücklich über el Dschuf, das man den Leib der Wüste nennt; dann aber wurde er krank und mußte am Brunnen Trasah zurückbleiben. Dort nahm er ein Weib und starb, nachdem er seinen Sohn Abul Abbas gesehen hatte. Ist er nicht ein Hadschi, ein Pilger, zu nennen?" "Hm!

VorschaukapitelEin böser Zug durchzuckte sein GesichtVorschau

"Und wenn ich es getan hätte, was hättest du darüber zu sagen?" "Nicht viel; nur einige Worte." "Welche?" "Wer war der Mann?" "Ich kenne ihn nicht." "Warum hast du ihn und sein Kamel getötet?" "Weil es mir so gefiel." "War er ein Rechtgläubiger?" "Nein. Er war ein Giaur." "Du hast genommen, was er bei sich trug?" "Sollte ich es bei ihm liegen lassen?" "Nein, denn du hattest es für mich aufzuheben." "Für dich - -?" "Ja." "Ich verstehe dich nicht." "Du sollst mich verstehen. Der Tote war ein Giaur; ich bin auch ein Giaur und werde sein Rächer sein." "Sein Bluträcher?" "Nein; wenn ich das wäre, so hättest du bereits aufgehört, zu leben. Wir sind in der Wüste, wo kein Gesetz gilt als nur das des Stärkeren. Ich will nicht erproben, wer von uns der Stärkere ist; ich übergebe dich der Rache Gottes, des All- - 22 - wissenden [Allwissenden], der alles sieht und keine Tat unvergolten läßt; aber das Eine sage ich dir, und das magst du dir wohl merken: du gibst alles heraus, was du dem Toten abgenommen hast." Er lächelte überlegen. "Meinst du wirklich, daß ich dieses tue?" "Ich meine es." "So nimm dir, was du haben willst!" Er zuckte mit der Hand, um nach dem Revolver zu greifen; schnell aber hielt ich ihm die Mündung des meinigen entgegen. "Halt, oder ich schieße!" Es war jedenfalls eine sehr eigentümliche Situation, in der ich mich befand. Glücklicherweise aber schien mein Gegner mehr Verschlagenheit als Mut zu besitzen. Er zog die Hand wieder zurück und schien unentschlossen zu werden. "Was willst du mit den Sachen tun?" "Ich werde sie den Verwandten des Toten zurückgeben." Es war fast eine Art von Mitleid, mit der er mich jetzt fixierte. "Du lügst. Du willst sie für dich behalten!" "Ich lüge nicht." "Und was wirst du gegen mich unternehmen?" "Jetzt nichts; aber hüte dich, mir jemals wieder zu begegnen!" "Du reitest wirklich von hier nach Seddada?" "Ja." "Und wenn ich dir die Sachen gebe, wirst du mich und meinen Gefährten ungehindert nach dem Bir Sauidi gehen lassen?" "Ja." "Du versprichst es mir?" "Ja." "Beschwöre es!" "Ein Giaur schwört nie; sein Wort ist auch ohne Schwur die Wahrheit." "Hier, nimm das Drehgewehr, die Uhr, den Kompaß und das Tuch." "Was hatte er noch bei sich?" "Nichts." - 23 - "Er hatte Geld." "Das werde ich behalten." "Ich habe nichts dagegen; aber gib mir den Beutel oder die Börse, in der es sich befand." "Du sollst sie haben." Er griff in seinen Gürtel und zog eine gestickte Perlenbörse hervor, die er leerte und mir dann entgegenreichte. "Weiter hatte er nichts bei sich?" "Nein. Willst du mich aussuchen?" "Nein." "So können wir gehen?" "Ja." Er schien sich jetzt doch leichter zu fühlen als vorhin; sein Begleiter aber war ganz sicher ein furchtsamer Mensch, der sehr froh war, auf diese Weise davonzukommen. Sie nahmen ihre Habseligkeiten zusammen und bestiegen ihre Pferde. "Salam aaleïkum, Friede sei mit euch!" Ich antwortete nicht, und sie nahmen diese Unhöflichkeit sehr gleichgültig hin. In wenigen Augenblicken waren sie hinter dem Rande des Wadiufers verschwunden. Halef hatte bis jetzt kein einziges Wort gesprochen; nun brach er sein Schweigen. "Sihdi!" "Was?" "Darf ich dir etwas sagen?" "Ja." "Kennst du den Strauß?" "Ja." "Weißt du, wie er ist?" "Nun?" "Dumm, sehr dumm." "Weiter!" "Verzeihe mir, Effendi, aber du kommst mir noch schlimmer vor, als der Strauß." "Warum?" "Weil du diese Schurken laufen lässest." "Ich kann sie nicht halten und auch nicht töten." "Warum nicht? Hätten sie einen Rechtgläubigen ermordet, - 24 - so kannst du dich darauf verlassen, daß ich sie zum Scheïtan, zum Teufel, geschickt hätte. Da es aber ein Giaur war, so ist es mir sehr gleichgültig, ob sie Strafe finden oder nicht. Du aber bist ein Christ und lässest die Mörder eines Christen entkommen!" "Wer sagt dir, daß sie entkommen werden?" "Sie sind ja bereits fort! Sie werden den Bir Sauidi erreichen und von da nach Debila und El Uëd gehen, um in der Areg (* Region der Dünen.) zu verschwinden." "Das werden sie nicht." "Was sonst? Sie sagten ja, daß sie nach Bir Sauidi gehen werden." "Sie logen. Sie werden nach Seddada gehen." "Wer sagte es dir?" "Meine Augen." "Allah segne deine Augen, mit denen du die Stapfen im Sande betrachtest. So wie du kann nur ein Ungläubiger handeln. Aber ich werde dich schon noch zum rechten Glauben bekehren; darauf kannst du dich verlassen, du magst nun wollen oder nicht!" "Dann nenne ich mich einen Pilger, ohne in Mekka gewesen zu sein." "Sihdi - -! Du hast mir ja versprochen, das nicht zu sagen!" "Ja, so lange du mich nicht bekehren willst." "Du bist der Herr, und ich muß es mir gefallen lassen. Aber, was tun wir jetzt?" "Wir sorgen zunächst für unsere Sicherheit. Hier können wir leicht von einer Kugel getroffen werden. Wir müssen uns überzeugen, ob diese beiden Schurken auch wirklich fort sind." Ich erstieg den Rand der Schlucht und sah allerdings die zwei Reiter in bereits sehr großer Entfernung von uns auf Südwest zuhalten. Halef war mir gefolgt. "Dort reiten sie," meinte er. "Das ist die Richtung nach Bir Sauidi." "Wenn sie sich weit genug entfernt haben, werden sie sich nach Osten wenden." - 25 - "Sihdi, dein Gehirn dünkt mir schwach. Wenn sie dies täten, müßten sie uns ja wieder in die Hände kommen!" "Sie meinen, daß wir erst morgen aufbrechen, und glauben also, einen guten Vorsprung vor uns zu erlangen." "Du rätst und wirst doch das Richtige nicht treffen." "Meinst du? Sagte ich nicht da oben, daß eins ihrer Pferde den Hahnentritt habe?" "Ja, das sah ich, als sie davonritten." "So werde ich auch jetzt recht haben, wenn ich sage, daß sie nach Seddada gehen." "Warum folgen wir ihnen nicht sofort?" "Wir kämen ihnen sonst zuvor, da wir den geraden Weg haben; dann würden sie auf unsere Spur stoßen und sich hüten, mit uns wieder zusammenzutreffen." "Laß uns also wieder zum Wasser gehen und ruhen, bis es Zeit zum Aufbruch ist." Wir stiegen wieder hinab. Ich streckte mich auf meine am Boden ausgebreitete Decke aus, zog das Ende meines Turbans als Lischam (* Gesichtsschleier.) über das Gesicht und schloß die Augen, nicht um zu schlafen, sondern um über unser letztes Abenteuer nachzudenken. Aber wer vermag es, in der fürchterlichen Glut der Sahara seine Gedanken längere Zeit mit einer an sich schon unklaren Sache zu beschäftigen? Ich schlummerte wirklich ein und mochte über zwei Stunden geschlafen haben, als ich wieder erwachte. Wir brachen auf. Das Wadi Tarfaui mündet in den Schott Rharsa: wir mußten es also nun verlassen, wenn wir, nach Osten zu, Seddada erreichen wollten. Nach Verlauf von vielleicht einer Stunde trafen wir auf die Spur zweier Pferde, welche von West nach Ost führte. "Nun, Halef, kennst du diese Ethar, diese Fährte?" "Masch Allah, du hattest recht, Sihdi! Sie gehen nach Seddada." Ich stieg ab und untersuchte die Eindrücke. "Sie sind erst vor einer halben Stunde hier vorübergekommen. Laß uns langsam reiten, sonst sehen sie uns hinter sich." - 26 - Die Ausläufer des Dschebel Tarfaui senkten sich allmählich in die Ebene hernieder, und als die Sonne unterging und nach kurzer Zeit der Mond emporstieg, sahen wir Seddada zu unsern Füßen liegen. "Reiten wir hinab?" fragte Halef. "Nein. Wir schlafen unter den Oliven dort am Abhange des Berges." Wir bogen ein wenig von unserer Richtung ab und fanden unter den Oelbäumen einen prächtigen Platz zum Biwak. Wir [Illustration Nr. 3] waren beide an das heulende Bellen des Schakal, an das Gekläffe des Fennek und an die tieferen Töne der schleichenden Hyäne gewöhnt und ließen uns von diesen nächtlichen Lauten nicht im Schlafe stören. Als wir erwachten, war es mein erstes, die gestrige Fährte wieder aufzusuchen. Ich war überzeugt, daß sie mir hier in der Nähe eines bewohnten Ortes nicht mehr von Nutzen sein werde, fand aber zu meiner Ueberraschung, daß sie nicht nach Seddada führte, sondern nach Süden bog. "Warum gingen sie nicht hernieder?" fragte Halef. "Um sich nicht sehen zu lassen. Ein verfolgter Mörder muß vorsichtig sein." - 27 - "Aber wohin gehen sie denn?" "Jedenfalls nach Kris, um über den Dscherid zu reiten. Dann haben sie Algerien hinter sich und sind in leidlicher Sicherheit." "Wir sind doch bereits in Tunis. Die Grenze geht vom Bir el Khalla zum Bir el Tam über den Schott Rharsa." "Das kann solchen Leuten noch nicht genügen. Ich wette, daß sie über Fezzan nach Kufarah gehen, denn erst dort sind sie vollständig sicher." "Sie sind auch hier bereits sicher, wenn sie ein Budjeruldu (* Legitimation, Reisepaß.) des Sultans haben." "Das würde ihnen einem Konsul oder Polizei-Agenten gegenüber nicht viel nützen." "Meinst du? Ich möchte es Keinem raten, gegen das mächtige >Giölgeda padishanün< (** Wörtlich: "Im Schatten des Padischah.") zu sündigen!" "Du sprichst so, trotzdem du ein freier Araber sein willst?" "Ja. Ich habe in Aegypten gesehen, was der Großherr vermag; aber in der Wüste fürchte ich ihn nicht. Werden wir jetzt nach Seddada gehen?" "Ja, um Datteln zu kaufen und einmal gutes Wasser zu trinken. Dann aber setzen wir den Weg fort." "Nach Kris?" "Nach Kris." Bereits eine Viertelstunde später hatten wir uns restauriert und folgten dem Reitwege, welcher von Seddada nach Kris führt. Zu unserer Linken glänzte die Fläche des Schott Dscherid zu uns herauf, ein Anblick, den ich vollständig auszukosten suchte. Die Sahara ist ein großes, noch immer nicht gelöstes Rätsel. Schon seit Virlet d'Aoust im Jahre 1845 besteht das Projekt, einen Teil der Wüste in ein Meer und dadurch die anliegenden Gebiete in ein fruchtbares Land zu verwandeln und so auch die Bewohner dieser Strecken dem Fortschritte der Zivilisation näher zu bringen. Ob aber dieses Projekt ausführbar und dann auch von den beabsichtigten Erfolgen gekrönt sein wird, darüber läßt sich noch immer streiten. - 28 - Am Fuße des Südabhanges des Dschebel Aures und der östlichen Fortsetzung dieser Bergmasse, also des Dra el Haua, Dschebel Tarfaui, Dschebel Situna und Dschebel Hadifa, dehnt sich eine einheitliche unübersehbare, hier und da leicht gewellte Ebene aus, deren tiefste Stellen mit Salzkrusten und Salzauswitterungen bedeckt sind, welche als Ueberreste einstiger großer Binnengewässer im algerischen Teile den Namen Schott und im tunesischen Teile den Namen Sobha oder Sebcha führen. Die Grenze dieses eigentümlichen und hochinteressanten Gebietes bilden im Westen die Ausläufer des Beni-Mzab-Plateau, im Osten die Landenge von Gabes und im Süden die Dünenregion von Ssuf und Nifzaua nebst dem langgestreckten Dschebel Tebaga. Vielleicht ist unter dieser Einsenkung der Golf von Triton zu verstehen, von welchem uns Herodot, der Vater der Geschichtschreibung, berichtet. Außer einer großen Anzahl kleinerer Sümpfe, welche im Sommer ausgetrocknet sind, besteht dieses Gebiet aus drei größeren Salzseen, nämlich, von West nach Ost verfolgt, aus den Schotts Melrir, Rharsa und Dscherid, welch letzterer auch El Kebir genannt zu werden pflegt. Diese drei Becken bezeichnen eine Zone, deren westliche Hälfte tiefer liegt, als das Mittelmeer bei Gabes zur Zeit der Ebbe. Die Einsenkung des Schottgebietes ist heutzutage zum großen Teile mit Sandmassen angefüllt, und nur in der Mitte der einzelnen Bassins hat sich eine ziemlich beträchtliche Wassermasse erhalten, welche durch ihr Aussehen den arabischen Schriftstellern und Reisenden Veranlassung gab, sie bald mit einem Kampferteppich oder einer Kristalldecke, bald mit einer Silberplatte oder der Oberfläche geschmolzenen Metalls zu vergleichen. Dieses Aussehen erhalten die Schotts durch die Salzkruste, mit der sie bedeckt sind und deren Dicke sehr verschieden ist, so daß sie zwischen zehn und höchstens zwanzig Zentimeter variiert. Nur an einzelnen Stellen ist es möglich, sich ohne die eminenteste Lebensgefahr auf sie zu wagen. Wehe dem, der auch nur eine Hand breit von dem schmalen Pfade abweicht! Die Kruste gibt nach, und der Abgrund verschlingt augenblicklich sein Opfer. Unmittelbar über dem Kopfe des Versinkenden schließt sich alsbald die Decke wieder. Die schmalen Furten, welche über die - 29 - Salzdecke der S

Inhaltsverzeichnis

In dieser Ausgabe

  1. 01Full text
  2. 02Ein Todesritt
  3. 03Ein böser Zug durchzuckte sein Gesicht
  4. 04ZWEITES KAPITEL.
  5. 05Die hundert Finger ließen augenblicklich von mir ab
  6. 06Die Helden stürzten auf ihre Gewehre zu und nahmen sie wieder an sich
  7. 07DRITTES KAPITEL.
  8. 08Im Harem
  9. 09Der Kapitän lachte, was sonst seine Angewohnheit nicht war
  10. 10Der junge Mann kniete bei mir nieder und legte mir seine beiden Hände auf die Schultern
  11. 11VIERTES KAPITEL.
  12. 12Eine Entführung
  13. 13Die Leute folgten seinem Gebote und begannen:
  14. 14Der gute Mann sah mich ganz verdutzt an
  15. 15FÜNFTES KAPITEL.
  16. 16SECHSTES KAPITEL.
  17. 17Das war jedenfalls Abu Seïf mit den Seinen gewesen
  18. 18Das waren ungefähr zwanzig Pfennige pro Mann
  19. 19Im Laufe des Nachmittags ging ich, um mir die Stadt anzusehen
  20. 20Das war überraschend
  21. 21Der Scheik lächelte ein wenig und antwortete dann:
  22. 22Das Mädchen entfernte sich wieder, und der Scheik fragte ihn:
  23. 23Die Ateïbeh hockten sich neben ihre Kamele nieder, und wir drei ritten in die Stadt
  24. 24Der Angeredete imitierte ein würdevolles Nachdenken und antwortete dann:
  25. 25Der Redeführer drehte sich zu Halef um
  26. 26Die anderen stimmten bei
  27. 27ACHTES KAPITEL.
  28. 28Der Kawehdschi verstand ihn nicht
  29. 29Der freundliche Gruß verblüffte sie
  30. 30Der Scheik bemerkte das und hielt ihm sein Haïk entgegen
  31. 31Der Engländer war bisher ein stiller Zuschauer gewesen; nun trat er an meine Seite
  32. 32NEUNTES KAPITEL.
  33. 33Der andere entfernte sich, und der Scheik reichte mir die Hand
  34. 34Der gute Master David Lindsay zog seinen parallelogrammen Mund bis hinter an die Ohren
  35. 35Der Scheik wandte sich ihm zu:
  36. 36Die beiden Anderen kamen herbei
  37. 37ZEHNTES KAPITEL.
  38. 38Der Sieg
  39. 39Der Fragende wiederholte seine Worte in türkischer Sprache
  40. 40Der Scheik blieb vor Ueberraschung halten
  41. 41Die Obeïde wurden entwaffnet
  42. 42Eine Weile danach stand Sir David auf der Insel
  43. 43Im Nu war ich auf und stand vor ihnen
  44. 44Der Pascha unterbrach sich aber sofort und fragte dann:
  45. 45Der Arzt deutete auf einen großen, wurmstichigen Kasten
  46. 46Ein vielstimmiger Schrei der Ueberraschung und des Grimmes erscholl hinter ihm
  47. 47Der Esel merkte, daß wir uns mit ihm beschäftigten; er öffnete das Maul und schrie
  48. 48Das große Fest
  49. 49Der Bey umarmte mich
  50. 50Der Bey stopfte sich die Pfeife und steckte sie in Brand
  51. 51Der Himmlische nannte die Namen der Feinde

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