Deutsch Ausgabe
Literatur
Schach von Wuthenow
BooksWhale-Ausgabe auf Deutsch von Theodor Fontane
Eine preußische Novelle über Ehre, Schönheit, Schwäche und gesellschaftlichen Zwang.
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Bucheinführung
Schach von Wuthenow
Schach von Wuthenow spielt im preußischen Offiziersmilieu und zeigt, wie Ehrbegriffe und äußerer Schein eine persönliche Entscheidung bestimmen. Fontane macht aus einer kleinen Geschichte eine scharfe Studie sozialer Konvention.
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Theodor Fontane starb 1898, und Schach von Wuthenow erschien erstmals 1883; diese Daten stützen die Gemeinfreiheit dieser deutschsprachigen Originalausgabe.
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Schach von Wuthenow
Theodor Fontane
VorschaukapitelErstes Kapitel.Vorschau
Im Salon der Frau von Carayon.
In dem Salon der in der Behrenstraße wohnenden Frau von Carayon und ihrer Tochter Victoire waren an ihrem gewöhnlichen Empfangsabend einige Freunde versammelt, aber freilich wenige nur, da die große Hitze des
Tages auch die treuesten Anhänger des Zirkels ins Freie gelockt hatte.
Von den Offizieren des Regiments Gensdarmes, die selten an einem dieser Abende fehlten, war nur einer erschienen, ein Herr von Alvensleben, und hatte neben der schönen Frau vom Hause Platz genommen unter gleichzeitigem scherzhaftem Bedauern darüber, daß gerade =der= fehle,
dem dieser Platz in Wahrheit gebühre.
Beiden gegenüber, an der der Mitte des Zimmers zugekehrten Tischseite, saßen zwei Herren in Civil, die, seit wenig Wochen erst heimisch in diesem Kreise, sich nichtsdestoweniger bereits eine dominirende Stellung innerhalb desselben errungen hatten. Am entschiedensten der um einige
Jahre jüngere von beiden, ein ehemaliger Stabskapitän, der, nach einem abenteuernden Leben in England und den Unionsstaaten in die Heimat zurückgekehrt, allgemein als das Haupt jener militärischen Frondeurs angesehen wurde, die damals die politische Meinung der Hauptstadt
machten, beziehungsweise terrorisirten. Sein Name war von Bülow.
Nonchalance gehörte mit zur Genialität, und so focht er denn, beide Füße weit vorgestreckt und die linke Hand in der Hosentasche, mit seiner Rechten in der Luft umher, um durch lebhafte Gestikulationen seinem Kathedervortrage Nachdruck zu geben. Er konnte, wie seine Freunde
sagten, nur sprechen um Vortrag zu halten, und -- er sprach eigentlich immer. Der starke Herr neben ihm war der Verleger seiner Schriften, Herr Daniel Sander, im Uebrigen aber sein vollkommener Widerpart, wenigstens in allem was Erscheinung anging. Ein schwarzer Vollbart umrahmte sein
Gesicht, das ebensoviel Behagen wie Sarkasmus ausdrückte, während ihm der in der Taille knapp anschließende Rock von niederländischem Tuche sein Embonpoint zusammenschnürte. Was den Gegensatz vollendete, war die
feinste weiße Wäsche, worin Bülow keineswegs excellirte.
Das Gespräch, das eben geführt wurde, schien sich um die kurz vorher beendete Haugwitzsche Mission zu drehen, die, nach Bülows Ansicht, nicht nur ein wünschenswerthes Einvernehmen zwischen Preußen und Frankreich wieder hergestellt, sondern uns auch den Besitz von Hannover noch als
»Morgengabe« mit eingetragen habe. Frau von Carayon aber bemängelte
diese »Morgengabe«, weil man nicht gut geben oder verschenken könne, was man nicht habe, bei welchem Worte die bis dahin unbemerkt am Theetisch beschäftigt gewesene Tochter Victoire der Mutter einen zärtlichen Blick
zuwarf, während Alvensleben der schönen Frau die Hand küßte.
»Ihrer Zustimmung, lieber Alvensleben,« nahm Frau von Carayon das Wort,
»war ich sicher. Aber sehen Sie, wie minos- und rhadamantusartig unser
Freund Bülow dasitzt. Er brütet mal wieder Sturm, Victoire, reiche Herrn von Bülow von den Karlsbader Oblaten. Es ist, glaub' ich, das Einzige, was er von Oesterreich gelten läßt. Inzwischen unterhält uns Herr Sander von unsern Fortschritten in der neuen Provinz. Ich fürchte nur, daß sie
nicht groß sind.«
»Oder sagen wir lieber, gar nicht existiren,« erwiderte Sander. »Alles
was zum welfischen Löwen oder zum springenden Roß hält, will sich nicht preußisch regieren lassen. Und ich verdenk es Keinem. Für die Polen reichten wir allenfalls aus. Aber die Hannoveraner sind feine Leute.«
»Ja, das sind sie,« bestätigte Frau von Carayon, während sie gleich
danach hinzufügte: »Vielleicht auch etwas hochmüthig.«
»Etwas!« lachte Bülow. »O, meine Gnädigste, wer doch allzeit einer
ähnlichen Milde begegnete. Glauben Sie mir, ich kenne die Hannoveraner seit lange, hab ihnen in meiner Altmärker-Eigenschaft so zu sagen von Jugend auf über den Zaun gekuckt, und darf Ihnen danach versichern, daß alles das, was mir England so zuwider macht, in diesem welfischen
Stammlande doppelt anzutreffen ist. Ich gönn' ihnen deshalb die Zuchtruthe, die wir ihnen bringen. Unsere preußische Wirthschaft ist erbärmlich, und Mirabeau hatte Recht, den gepriesenen Staat Friedrichs des Großen mit einer Frucht zu vergleichen, die schon faul sei, bevor
VorschaukapitelZweites Kapitel.Vorschau
»Die Weihe der Kraft.«
Bülow, dessen Züge den Ausdruck einer äußersten Ueberheblichkeit anzunehmen begannen, wollte repliziren, aber Frau von Carayon unterbrach und sagte: »Lernen wir etwas aus der Politik unserer Tage: wo nicht Friede sein kann, da sei wenigstens Waffenstillstand. Auch hier.... Und
nun rathen Sie, lieber Alvensleben, wer heute hier war, uns seinen Besuch zu machen? Eine Berühmtheit. Und von der Rahel Lewin uns zugewiesen.«
»Also der Prinz,« sagte Alvensleben.
»O nein, berühmter oder doch wenigstens tagesberühmter. Der Prinz ist
eine etablirte Celebrität, und Celebritäten, die zehn Jahre gedauert haben, sind keine mehr.... Ich will Ihnen übrigens zu Hilfe kommen, es geht ins Litterarische hinüber, und so möcht' ich denn auch annehmen, daß uns Herr Sander das Räthsel lösen wird.«
»Ich will es wenigstens versuchen, gnädigste Frau, wobei mir Ihr
Zutrauen vielleicht eine gewisse Weihekraft, oder sagen wirs lieber rund heraus, eine gewisse ›Weihe der Kraft‹ verleihen wird.«
»O vorzüglich. Ja, Zacharias Werner war hier. Leider waren wir aus, und
so sind wir denn um den uns zugedachten Besuch gekommen. Ich hab es sehr bedauert.«
»Sie sollten sich umgekehrt beglückwünschen, einer Enttäuschung
entgangen zu sein,« nahm Bülow das Wort. »Es ist selten, daß die Dichter der Vorstellung entsprechen, die wir uns von ihnen machen. Wir erwarten einen Olympier, einen Nektar- und Ambrosiamann, und sehen statt dessen einen Gourmand einen Putenbraten verzehren; wir erwarten Mittheilungen
aus seiner geheimsten Zwiesprach mit den Göttern und hören ihn von seinem letzten Orden erzählen oder wohl gar die allergnädigsten Worte citiren, die Serenissimus über das jüngste Kind seiner Muse geäußert hat. Vielleicht auch Serenissima, was immer das denkbar Albernste
bedeutet.«
»Aber doch schließlich nichts Alberneres, als das Urtheil solcher, die
den Vorzug haben, in einem Stall oder einer Scheune geboren zu sein,«
sagte Schach spitz.
»Ich muß Ihnen zu meinem Bedauern, mein sehr verehrter Herr von Schach,
auch auf =diesem= Gebiete widersprechen. Der Unterschied, den Sie bezweifeln, ist wenigstens nach =meinen= Erfahrungen thatsächlich vorhanden, und zwar, wie Sie mir zu wiederholen gestatten wollen, zu =Nicht=-Gunsten von Serenissimus. In der Welt der kleinen Leute steht
das Urtheil an und für sich nicht höher, aber die verlegene Bescheidenheit, darin sich's kleidet und das stotternde Schlechte-Gewissen, womit es zu Tage tritt, haben allemal etwas Versöhnendes. Und nun spricht der Fürst! Er ist der Gesetzgeber seines Landes in all und jedem, in Großem und Kleinem, also natürlich auch in
Aestheticis. Wer über Leben und Tod entscheidet, sollte der nicht auch über ein Gedichtchen entscheiden können? Ah, bah! Er mag sprechen was er will, es sind immer Tafeln direkt vom Sinai. Ich habe solche zehn Gebote mehr als einmal verkünden hören und weiß seitdem was es heißt: _regarder
dans le Néant_.«
»Und doch stimm' ich der Mama bei,« bemerkte Victoire, der daran lag das
Gespräch auf seinen Anfang, auf das Stück und seinen Dichter also zurückzuführen. »Es wäre mir wirklich eine Freude gewesen, den ›tagesberühmten Herrn‹, wie Mama ihn einschränkend genannt hat, kennen zu lernen. Sie vergessen, Herr von Bülow, daß wir =Frauen= sind, und daß
wir als solche ein Recht haben, neugierig zu sein. An einer Berühmtheit wenig Gefallen zu finden, ist schließlich immer noch besser, als sie gar nicht gesehen zu haben.«
»Und wir werden ihn in der That nicht mehr sehen, in aller Bestimmtheit
nicht,« fügte Frau von Carayon hinzu. »Er verläßt Berlin in den nächsten Tagen schon und war überhaupt nur hier, um den ersten Proben seines Stückes beizuwohnen.«
»Was also heißt,« warf Alvensleben ein, »daß an der Aufführung selbst
nicht länger mehr zu zweifeln ist.«
»Ich glaube, nein. Man hat den Hof dafür zu gewinnen oder wenigstens
Inhaltsverzeichnis
In dieser Ausgabe
- 01Full text
- 02Erstes Kapitel.
- 03Zweites Kapitel.
- 04Drittes Kapitel.
- 05Viertes Kapitel.
- 06Fünftes Kapitel.
- 07Sechstes Kapitel.
- 08Siebentes Kapitel.
- 09Achtes Kapitel.
- 10Neuntes Kapitel.
- 11Zehntes Kapitel.
- 12Elftes Kapitel.
- 13Zwölftes Kapitel.
- 14Dreizehntes Kapitel.
- 15Vierzehntes Kapitel.
- 16Fünfzehntes Kapitel.
- 17Sechzehntes Kapitel.
- 18Siebzehntes Kapitel.
- 19Achtzehntes Kapitel.
- 20Neunzehntes Kapitel.
- 21Zwanzigstes Kapitel.
- 22Einundzwanzigstes Kapitel.
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