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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

德语 BooksWhale 版本 · Gustav Freytag

Eine populäre Kulturgeschichte Deutschlands mit Szenen aus Alltag, Gesellschaft, Arbeit und Wandel.

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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Bilder aus der deutschen Vergangenheit verbindet historische Quellen, Erzählung und Kulturbeobachtung zu einem breiten Panorama deutscher Lebensformen. Diese Ausgabe eignet sich für Leser von deutscher Geschichte, Kulturgeschichte, Sozialgeschichte und historischer Prosa.

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Gustav Freytag starb 1895, und Bilder aus der deutschen Vergangenheit erschien erstmals 1859. Diese Daten stützen die Gemeinfreiheit des deutschen Ausgangstextes dieser Ausgabe.

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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag

Aus dem Klosterleben

Im zehnten Jahrhundert

Das älteste Mönchstum. – Hilarion. – Irische Mönche. – Die Benediktiner und der Einfluß der Angelsachsen. – Gründung eines Klosters, seine Reliquien und seine irdischen Gönner. Bau der alten Klöster. – Tätigkeit der Benediktiner. – Landbau, Schule, Handschriften. – Aristokratismus der alten Klöster. – Einwirkung der lateinischen Bildung auf die Laien. – Das Leben im Kloster; Kampf mit den Gelübden. – Die Frauenklöster. – Hroswitha. – Kurze Probe aus ihrem Drama Paphnutius. – Das Liebeskonzil im Kloster. – Verfall und Bedeutung der Benediktiner. – St. Gallen. – Bericht Ekkehards IV. aus den Schicksalen von St. Gallen: der Ungarneinfall, Graf Udalrich und Wendilgard und ihr Sohn Abt Purchard; Ekkehard der Hofmann und die Herzogin Hadawig. – Geschichtsschreibung in den Klöstern

Von Klöstern und Bischofsitzen verbreitete sich eine Bildung, die in ihrer Literatur noch fast ganz lateinisch, in ihren praktischen Forderungen fast ganz deutsch war. Mit neuer Kraft betätigte der Christenglaube seine Macht als Kulturträger. Allerdings auf eine Weise, welche uns fremdartig erscheint; denn es war Fügung, daß gerade die Richtung, welche unserer Bildung am wenigsten heimisch ist, die weltverachtende Aszese, den Völkern des Mittelalters weltliche Kultur und irdisches Heil begründen sollte.

Christus und die Apostel hatten nicht in der Einsamkeit härenes Gewand getragen, sondern ihr Leben darangesetzt, Lehrer der Völker zu werden. Aber aszetischer Eifer, in dem jüdischen Glauben wie in den heidnischen Kulten des Orients seit alter Zeit geschäftig, drang auch in die milde Christenlehre.

Aus den sittenlosen Städten Ägyptens, wo uralte Superstition sich mit griechischen und orientalischen Kulten widerwärtig gemischt hatte, wo raffinierte Sinnlichkeit auch die Christgläubigen verdarb, zogen sich die frommen Büßer hinweg in die Wüsten längs dem Niltal. Dort am Saum der bewohnbaren Welt errichteten sie ihre Zellen, um darin betend zu kauern, oder einen Säulenschaft, um zu Gottes Ehre darauf zu stehen.

Wer jetzt das Leben eines dieser Heiligen, wie es von seinen Verehrern aufgezeichnet ist, überschaut, wird widerwillig die große Hingabe an die Gottesidee anerkennen, aber auch einen Schauder nicht überwinden vor der furchtbaren Einseitigkeit solcher Devotion. Als Knabe wurde Hilarion von heidnischen Eltern nach Alexandrien in die Lehre eines Grammatikers gegeben, aber den Knaben trieb der Ruf des heiligen Antonius zu diesem in die Wüste. Er blieb einige Monate bei ihm als bewundernder Schüler; doch der Zudrang der Menschen und die Wut der Besessenen, welche um den großen Exorzisten brüllten, wurde dem Knaben zuviel, er kehrte nach Palästina zurück, verteilte die Habe seiner gestorbenen Eltern unter die Armen und ging, fünfzehn Jahre alt (um 310), in eine Einöde unweit dem Strande, die durch Räuber unsicher gemacht wurde. Er war ein zartes Kind, anfällig gegen Witterung, seinen Leib hüllte er in einen Sack, außerdem hatte er einen Überwurf von Fellen und einen Bauernmantel; so hauste er zwischen Meer und Sumpf, seine Tageskost waren fünfzehn Datteln, die er nach Sonnenuntergang aß, keine Nacht schlief er der Räuber wegen an derselben Stelle. Er sah Gesichte, Gestalten in Kriegswagen, welche über ihn wegfahren wollten und vor ihm in die Erde verschwanden, hörte Geschrei und Gebrüll von Geistern und dämonischen Tieren. Da dem Unschuldigen doch lüsterne Bilder kamen, so entzog er sich noch von der dürftigen Kost, arbeitete mit dem Grabscheit und flocht Binsenkörbchen. Gegen Sonne und Regen baute er sich eine Zelle, so klein, daß gerade nur sein Leib hineinging, einem Sarge ähnlicher als einer Wohnung. Das Haar schor er einmal im Jahre, am Ostertag; sein Lebtag schlief er auf einem Binsenlager; den Sack, den er einmal umgetan hatte, wusch er nie, weil Sauberkeit im Büßerhemd überflüssig sei; auch das obere Kleid wechselte er nie, bis es ganz zerrissen war. Er betete, sang Psalmen und sprach sich die Worte der Heiligen Schrift vor. Mit seiner Kost wechselte er nach den Jahren: durch drei Jahre aß er ein kleines Maß Linsen, die er in kaltem Wasser gequollen hatte, wieder drei Jahre trockenes Brot und Salz, wieder drei Jahre nur wilde Kräuter und Wurzeln; als er später fühlte, daß sein Augenlicht abnahm und die Haut an seinem ganzen Körper schuppig wie Bimsstein wurde, setzte er etwas Öl zu seiner Gemüsekost. Einst kamen Räuber, die von ihm gehört hatten; ihnen sagte er: »Ich bin nackt«; als sie antworteten: »Du kannst doch getötet werden«, versetzte er ruhig: »Ich kann, ja ich kann, ich bin bereit zu sterben«. Der Ruf seiner Frömmigkeit drang durch das Land, die Leute zogen zu ihm und flehten in der Not um sein Gebet, denn sein Gebet wirkte Wunder, heilte Kranke und vertrieb den Teufel, sogar aus einem ungeheuren baktrischen Kamel, das viele Menschen umgebracht hatte und von mehr als dreißig Männern an dicken Stricken zu ihm geführt wurde, er ließ es losbinden, und das Kamel stürzte kraftlos zu seinen Füßen nieder. Auch andere Einsiedler gesellten sich zu ihm, es wurde eine fromme Genossenschaft in der Wüste; aus weiter Ferne suchten Besessene seine Wunderkraft, unter diesen auch ein vornehmer Deutscher aus Byzanz. Ihm aber wurde der Zudrang der Menschen lästig, er fiel in Schwermut, weinte und sehnte sich nach seiner früheren Einsamkeit, die Gesellschaft der Büßer erschien ihm wie ein Kerker. Durch flehentliches Bitten suchte ihn die ganze Gegend zurückzuhalten; endlich zog ein großer Haufe mit ihm aus, er aber wählte vierzig Mönche, welche den Tag über wandern konnten, ohne zu essen, und entließ das übrige Volk. Er besuchte die Heiligen in den Städten Asiens und die Einsiedler in der Wüste und auf den Bergen; überall entfernte er sich wieder, durch den Zulauf der Menschen erschreckt. Endlich setzte er sich zu Schiff, kam nur mit einem Knaben nach Sizilien und bezahlte die Reise mit seinem Evangelienbuch; auch dort ging er, bereits ein alter Mann, an eine wüste Stätte, sammelte alltäglich Holz und schaffte es auf dem Rücken des Knaben nach der nächsten Stadt, um dafür Speise zu erhalten. Unterdes suchte einer der treuesten Schüler den großen Heiligen durch alle Länder, endlich erfuhr er in Sizilien, daß ein alter Jude in der Einöde Holz sammle. Er eilte zu ihm, warf sich ihm zu Füßen und wurde endlich von ihm aufgenommen.

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Aus dem Volke

Um 1100

Sinnigkeit des deutschen Gemütes. Liebe zu den Tieren. – Höflichkeit. – Traditionelle Ordnung und Mangel an geschriebenem Gesetz. – Der Deutsche im Staate. – Aussehen der Landschaft um 1100. – Alte und neue Städte. – Die Stadtbürger. – Schnelles Wachstum der Städte. – Bericht des Marquard, Abt des Klosters Fulda von 1150 bis 1165, über seine Bauten und seinen Kampf mit habgierigen Laien

Es erfreut, die bunten Striche zu betrachten, durch welche der fleißige Mönch in der Sachsen- und Frankenzeit die Anfangsbuchstaben seiner Kapitel umrankt. Denn man sieht, wie groß sein Behagen war, als er die Linien schwang und die Zwischenräume mit bunter Farbe und sauberen kleinen Mustern ausfüllte. Dasselbe Behagen erwies der Deutsche bei jeder rühmlichen Arbeit, wenn er grüßte und sprach, wenn er festsetzte, was Recht sein sollte, wenn er träumte und dichtete. Für schwere Kämpfe, die das Volk um sein Leben zu bestehen hatte, und für große Wandlungen, die unter bitteren Schmerzen ihm zuteil wurden, war ihm von der Macht, die seines Schicksals waltete, überreich eine Gabe zugeteilt worden, was ihn umgab, beschäftigte, bewegte, nach dem Bedürfnis seines Herzens einzubilden und umzuformen. Bei allem, was der Deutsche wahrnahm, fragte er, was es bedeute, hinter jeder Erscheinung fand er ein geistiges Leben, alles, was sich lebend regte, suchte er sich vertraulich zu machen, indem er ihm etwas von dem eigenen Gemüt andichtete. Es ist wahr, jedes junge Volk übt diese Poesie, durch welche es sich die reale Wirklichkeit verständlich macht und die ungeheure Arbeit der Naturgewalten in das menschlich Erträgliche umformt; es ist wahr, kein Volk kann das Leben ertragen, wenn es diese Kunst nicht zu üben versteht, denn Glaube und Sitte, alles Selbstgefühl des Wissens und Könnens beruhen im letzten Grunde nur darauf. Aber kein Geschlecht der Menschen, von dem uns Kenntnis geblieben ist, hat diese Poesie des Deutens und Umbildens so warmherzig, so emsig und dabei so kindlich geübt als die Deutschen. Wenn die Sonne warm schien, war sie unseren Ahnen froh, das Brot hieß das liebe Brot, und es tat ihnen weh, wenn ein Stückchen davon in den Schmutz fiel; sogar beim Apfelbrechen ließen sie einen Apfel am Baum zurück, damit der Baum die Ernte nicht übelnehme. Wenn der Landmann die Blumen betrachtete, welche durch die Mönche auch in seinen Garten gesetzt waren, so empfand er in ihnen ein geheimnisvolles Leben, welches er mit dem des Weibes verglich, und er begrüßte sie bewundernd »Frau Rose« und »Frau Lilie«. Vollends wo ihm leicht wurde, ein menschenähnliches Leben anzunehmen, behandelt er dies fremde Dasein achtungsvoll; auch der Ameise weigerte er nicht den Ehrentitel Frau, und wenn er von einem Wettlauf zwischen zwei Tieren erzählte, so nannten die Fremden einander »Herr Krebs« und »Herr Fuchs«. Er hatte die Tiere herzlich lieb, schon in der Heidenzeit gab man den gestorbenen Helden auf den Scheiterhaufen mit, was ihnen auf Erden am vertrautesten gewesen war, Roß, Hund, Habicht; wenn in der Römerzeit ein Rheinländer, der gute Rosse zog, sein Besitztum unter die Kinder teilte, vermachte er seine Zuchtpferde nicht den Hauserben, sondern dem kriegstüchtigsten Sohn. Als der Angle Caedmon seinem Volke die Geschichten der Bibel poetisch bearbeitete, ließ er von der Sündflut den Herrn sagen, Noah solle seine Tiere in der Arche hübsch reichlich füttern, bis er, der Herr, wieder selbst für sie sorgen könne. Vor anderen wert waren dem Volk die Vögel, zur Winterzeit wurden ihnen Halme aufs Feld gelegt oder bei der Ernte eine Garbe für sie zurückgelassen. Als die verwitwete Königin Mathilde, die Mutter Kaiser Ottos I., auf ihrem Witwensitz durch gute Werke die Gunst des Himmels für ihren toten Gemahl suchte und die Armen speiste und kleidete, da ließ sie dem Gatten zu Ehren auch die Vögel im Felde füttern. Den höchsten Beifall hatte aber damals von heimischen Vögeln keineswegs die Nachtigall oder unser Bauernliebling, der Fink, sondern der Star, weil er so klug war, daß er Menschenworte sprechen lernte. Er war Günstling in den Häusern, und wenn er gut sprach, eine wertvolle Gabe, die auch ein König aus dargebotenem Kriegsgut wählte, um sie seiner Tochter zu schenken. Andere Vögel, der Storch, der Kuckuck, der Specht hatten großes Ansehen, weil sie im alten Glauben den Göttern heilig gewesen waren; die Taube wurde als christlicher Vogel von Klöstern und später von Stadtgemeinden uneigennützig erhalten, und dem Raben vermochte selbst die Abneigung des Christentums sein Ansehen nicht zu rauben, obgleich er einst der Bote Wodans gewesen war. Wenn einem kleinen armen Spielmann jener Zeit in seinen Versen kein anderer Ausdruck warmer Empfindung gelingt, weiß er wenigstens die Neigung zu einem vertrauten Tier treuherzig darzustellen. Der Held sendet in märchenhafter Legende einen Raben als Boten an die Geliebte, er vergoldet ihm den Schnabel, setzt ihm ein goldenes Krönchen auf, streichelt ihm sein Gefieder und drückt ihn an sein Herz. Ja, der Vogel wird dem Dichter unter der Hand die Hauptperson, er nimmt ganz das Wesen eines treuen Spielmanns an, der um gute Behandlung dient. Er hat seinem Herrn die Liebe einer heidnischen Prinzessin gewonnen, der Held setzt sich mit seinen Mannen zu Schiff, sie abzuholen und vergißt seinen Raben. Nach dem Aufbruch rief er: »Hat keiner von euch den Raben, ihr Herren?« – »Nein«, sprachen alle. Da sagte er: »Säumt euch nicht, zieht euer vier oder achte zurück und bringt ihn mir eilig her.« Die Herren fuhren zurück, da fanden sie den Raben einhergehen wie einen armen Mann, der schnöde behandelt worden. Sie sagten zu ihm: »Du sollst mit uns ins ferne Land.« Der Rabe antwortete gekränkt: »Ich will daheim bleiben. Mein Herr hat mich vergessen; mit den Säuen mußte ich essen, sie haben mir mein Gefieder zerstoßen, ich bin nackt und ruppig. Will mich mein Herr haben, so soll er selber nach mir kommen.« Und es half nichts, der Held mußte selbst seinen Vogel erbitten. Diese achtungsvolle Laune, mit welcher der Deutsche das Tierleben betrachtete, machte ihm auch wilde Tiere wert, zumal wenn sie ein wenig gezähmt waren; der Tanzbär erfreute im Mittelalter große Könige und Würdenträger der Kirche. Auf die Abrichtung wurde viel Mühe gewandt. Meister Braun hatte die Kunst gelernt, mit Spielweibern zusammen zu tanzen, und es steht zu besorgen, daß diese Tänze den Forderungen geistlicher Kritik nicht entsprachen, denn die Kirche zürnte ihnen und verbot ihren Angehörigen das Zusehen. Auch den wilden Tieren des deutschen Landes erfand das Volk Charakter und Schicksal, auch von ihnen wußte der Sänger zu erzählen. Wahrscheinlich hatte der Germane schon von seiner ältesten Wanderung aus Asien Tiersagen mitgebracht, während aber bei den Griechen die Anekdoten, in welchen Tiere mit menschlicher Sprache reden und ihrer Natur gemäß handeln, nur benutzt wurden, um eine gute Lehre daran zu knüpfen, stellte der Deutsche das Waldleben seiner geheimnisvollen Nachbarn durch behagliche Geschichten dar, in denen Bär, Wolf, Fuchs, Kater und andere wohlbekannte Charaktere gesellt werden, diese Sagen waren den Mönchen so reizvoll, daß sie dieselben in größere lateinische Gedichte umformten, deren Inhalt seit dem zwölften Jahrhundert zu umfangreichen deutschen Dichtungen erweitert wurde.

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Aus den Kreuzzügen

Verbindungen mit dem Morgenlande. – Die Pilgerfahrten. – Beweglichkeit der Völker. – Verbreitung der Neuigkeiten. – Wirkung der Rede. – Die Gerüchte vom ersten Kreuzzug. – Wachsende Aufregung im Volke. – Volksmäßige Auffassung der Kreuzfahrten. – Vorzeichen und Wunder. – Heidnische Erinnerungen. – Der Sturm im Volke, die Judenhetzen. – Das erste Kreuzheer. Leiden, Begeisterung, Demokratie in den Heeren. – Rückwirkung auf Deutschland. – Deutsche Bedenken gegen die Kreuzfahrten. – Zunahme freier Kritik und weltlichen Sinnes. – Gerhoh von Reichersberg. – Schilderung des Kreuzzuges von 1147 nach den Würzburger Annalen von Gerhoh. – Neue Demokratie der Geistlichen und ritterlichen Laien. – Einfluß derselben auf die Kirche des Mittelalters

Dem westlichen Europa war das Morgenland seit der Völkerwanderung nicht fremd geworden. Noch immer waren Byzanz, die Inseln und Kleinasien die ersten Stationen des Welthandels, den teuersten Schmuck, die kostbarsten Genüsse holte dort der Pisaner und Genuese; die heiligsten Reliquien stammten aus Palästina oder sollten dort verborgen sein, alljährlich knieten Pilgerscharen aus dem Abendland auf dem Ölberg und Golgatha, viele Legenden und weltliche Sagen, märchenhafte Berichte von Pracht und Reichtum Konstantinopels und der asiatischen Küstenländer wurden durch den fahrenden Spielmann umhergetragen. Das griechische Kaiserreich war dem Abendlande verhältnismäßig weit enger verbunden als jetzt das türkische Reich den Völkern des westlichen Europas; noch immer kämpften die Ansprüche Ostroms in Italien gegen deutsche Kaiser und Heere, und griechische Prinzessinnen hatten in den deutschen Kaiserfamilien mehr als einmal verhängnisvolle Bedeutung gewonnen. War das Kaisertum von Byzanz auch in seiner Herrschaft unablässig eingeengt worden durch Ungarn, Bulgaren, Slawen, Araber und durch asiatische Völker des Altaistammes, die Achtung vor der alten Größe war dem Abendländer doch geblieben. Wer von seinem Sitz im deutschen Dorfe oder aus den Holzhäusern einer ummauerten Stadt nach Konstantinopel kam, der staunte vor riesigen Gewölbbogen und steinernen Palästen, vor den ungeheuren Märkten und der Menge von Waren und Gold, wie vor der Zahl des Volkes in der Rennbahn; er sah die orientalischen Gewänder, den bunten Schmuck der Beamten, er fügte sich vielleicht ehrfurchtsvoll dem Zeremoniell des vornehmen Hofes und fand unter den germanischen Söldnerscharen der »gebannten Wölfe«, der Waräger, vielleicht deutsche Bekannte, welche dort das Glück eines Landsknechts gefunden hatten, eine schwere Goldkette, heißen Wein, Rauferei mit vielen Völkern und gefällige Frauen.

Denn noch immer seit der Wanderzeit stützten sich die Kaiser von Byzanz zumeist auf geworbene Söldner aus deutschem Stamm. Die den Namen Waräger führten, waren ursprünglich Normannen und Dänen gewesen, sie hatten sich aber aus zugelaufenen Söldnern der verschiedensten Germanenvölker ergänzt. Neben ihnen dienten Franken, Angelsachsen, italienische Normannen in der Regel unter eigenen Häuptlingen, wie zur Zeit des Theodosius und Justinian; und wie damals wurden fremde Heerhaufen aus allerlei Volk des Orients neben die Germanen gestellt und jeder Abteilung ihre Kampfweise und Nationalität sorglich geschont, um die eine durch die andere zu bändigen.

Neben dem fahrenden Kriegsmann zog nach dem Osten, wer irdische Weisheit und seine Kunst suchte. Noch lag das Abendrot hellenischer Bildung auf Griechenland, den Ländern zwischen Mittelmeer und Euphrat und am Delta des Nil. In den Werkstätten der Goldschmiede und Erzarbeiter von Antiochien lernten auch Abendländer zierliche Arbeit verfertigen, Baukünstler aus Alexandrien wurden nach Italien verschrieben, und die gelehrten Schulen von Athen galten bis in das dreizehnte Jahrhundert für Bewahrer vieles geheimen Wissens, welches den Lateinern unbekannt war, und wurden von lernbegierigen Franken, Angelsachsen und Normannen besucht. Nicht nur aus den römischen Städten Italiens und Frankreichs, auch aus alten Kolonien der Hellenen kam in die neuen Werkstuben der deutschen Stadtbürger Erfindung des Handwerks, der bildenden Kunst und Wissenschaft.

Doch den lebhaftesten Verkehr mit dem Morgenland vermittelte der Glaube. Die Landschaft, wo der himmlische König der Christen gelehrt und gelitten hatte, hieß den Abendländern das »Heilige Land«, wer dorthin fuhr mit seinen Sünden in bitterer Herzensangst, der hatte sichere Hoffnung, Vergebung zu finden und ein begünstigter Mann im Reich des himmlischen Königs zu werden. Seit der Völkerwanderung sammelten sich die Pilger alljährlich an den italienischen Küsten, nachdem sie zu Rom die Gräber der Apostel besucht hatten, und fuhren auf den Galeeren von Pisa und Genua nach Konstantinopel, von da zu dem Lande der Verheißung. Dort suchten sie die großen Erinnerungen und wurden von den Christen, Juden und Mohammedanern des Landes geradeso ausgebeutet wie noch jetzt die Wallfahrer. Sie beteten an dem Stein, auf welchem Christus gesessen, und tranken aus der Quelle, deren Wasser einst seine Lippe berührte, ihr höchstes Glück war während der Osterzeit in Jerusalem zu knien, auf den Bergen seines Leidens und an der Stätte, wo sein Leib bestattet worden war. Hatten sie betend und büßend sich ihrer Gelübde entledigt, dann tauchten sie, der Vergebung ihrer Sünden froh, den Leib in die Wasser des Jordans und pflückten Palmenzweige aus dem Garten Abrahams bei Jericho. Diese Pilgerfahrten des Abendlandes wurden allerdings zuweilen gestört. Längst war Jerusalem in den Händen der Ungläubigen, und Raubflotten mohammedanischer Fürsten machten das Mittelmeer unsicher. Aber es scheint, daß die Pilgerzüge von dem Reiche der ägyptischen Kalifen im ganzen begünstigt wurden wie von den Griechen.

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  4. 04IV
  5. 05V
  6. 06VI
  7. 07VII
  8. 08VIII
  9. 09IX
  10. 10X
  11. 11XI
  12. 12XII
  13. 13XIII
  14. 14XIV
  15. 15XV
  16. 16I
  17. 17XVI
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  19. 19XVIII
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  21. 21XX
  22. 22XXI
  23. 23XXII
  24. 24XXIII
  25. 25XXIV
  26. 26XXV
  27. 27XXVI
  28. 28XXVII
  29. 29XXVIII
  30. 30XXIX
  31. 31XXX
  32. 32XXXI

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