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German Edition

Philosophy

Abhandlung über den Ursprung der Sprache

German BooksWhale Edition by Johann Gottfried Herder

Ein gemeinfreier Klassiker über Sprache, Denken, Ursprung, Besonnenheit, Anthropologie und Aufklärung.

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Abhandlung über den Ursprung der Sprache

Abhandlung über den Ursprung der Sprache von Johann Gottfried Herder gehört zu den wichtigen deutschsprachigen Werken für Leserinnen und Leser mit Interesse an Sprache, Denken, Ursprung, Besonnenheit, Anthropologie und Aufklärung. Diese deutsche Ausgabe bietet den gemeinfreien Originaltext in einer klaren BooksWhale-Fassung für Online-Lektüre, EPUB und PDF.

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Abhandlung über den Ursprung der Sprache erschien erstmals 1772. Diese Ausgabe verwendet den gemeinfreien deutschen Originaltext; Veröffentlichungsjahr und Schutzfrist sprechen für die Gemeinfreiheit.

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Abhandlung über den Ursprung der Sprache

Johann Gottfried Herder

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[Motto]

Vocabula sunt notae rerum.

Cic.

1. Teil. Haben die Menschen, ihren Naturfähigkeiten überlassen

1. Abschnitt

Erster Abschnitt

Schon als Tier hat der Mensch Sprache. Alle heftigen, und die heftigsten unter den heftigen, die schmerzhaften Empfindungen seines Körpers, alle starke Leidenschaften seiner Seele äußern sich unmittelbar in Geschrei, in Töne, in wilde, unartikulierte Laute. Ein leidendes Tier sowohl als der Held Philoktet, wenn es der Schmerz anfället, wird wimmern! wird ächzen! und wäre es gleich verlassen, auf einer wüsten Insel, ohne Anblick, Spur und Hoffnung eines hülfreichen Nebengeschöpfes. Es ist, als ob's freier atmete, indem es dem brennenden, geängstigten Hauche Luft gibt: es ist, als ob's einen Teil seines Schmerzes verseufzte und aus dem leeren Luftraum wenigstens neue Kräfte zum Verschmerzen in sich zöge, indem es die tauben Winde mit Ächzen füllet. So wenig hat uns die Natur als abgesonderte Steinfelsen, als egoistische Monaden geschaffen! Selbst die feinsten Saiten des tierischen Gefühls (ich muß mich dieses Gleichnisses bedienen, weil ich für die Mechanik fühlender Körper kein besseres weiß!), selbst die Saiten, deren Klang und Anstrengung gar nicht von Willkür und langsamen Bedacht herrühret, ja deren Natur noch von aller forschenden Vernunft nicht hat erforscht werden können, selbst die sind in ihrem ganzen Spiele, auch ohne das Bewußtsein fremder Sympathie, zu einer Äußerung auf andre Geschöpfe gerichtet. Die geschlagne Saite tut ihre Naturpflicht: sie klingt! Sie ruft einer gleichfühlenden Echo; selbst wenn keine da ist, selbst wenn sie nicht hoffet und wartet, daß ihr eine antworte.

Sollte die Physiologie je so weit kommen, daß sie die Seelenlehre demonstrierte, woran ich aber sehr zweifle, so würde sie dieser Erscheinung manchen Lichtstrahl aus der Zergliederung des Nervenbaues zuführen; sie vielleicht aber auch in einzelne, zu kleine und stumpfe Bande verteilen. Lasset sie uns jetzt im Ganzen, als ein helles Naturgesetz annehmen: »Hier ist ein empfindsames Wesen, das keine seiner lebhaften Empfindungen in sich einschließen kann; das im ersten überraschenden Augenblick, selbst ohne Willkür und Absicht jede laut äußern muß.« Das war gleichsam der letzte, mütterliche Druck der bildenden Hand der Natur, daß sie allen das Gesetz auf die Welt mitgab: »Empfinde nicht für dich allein: sondern dein Gefühl töne!«, und da dieser letzte schaffende Druck auf alle von einer Gattung einartig war: so wurde dies Gesetz Segen: »deine Empfindung töne deinem Geschlecht einartig und werde also von allen, wie von einem , mitfühlend vernommen!« Nun rühre man es nicht an, dies schwache, empfindsame Wesen! so allein und einzeln und jedem feindlichen Sturme des Weltalls es ausgesetzt scheinet, so ist's nicht allein: es steht mit der ganzen Natur im Bunde! Zartbesaitet; aber die Natur hat in diese Saiten Töne verborgen, die, gereizt und ermuntert, wieder andre gleichzart gebaute Geschöpfe wecken und wie durch eine unsichtbare Kette einem entfernten Herzen Funken mitteilen können, für dies ungesehene Geschöpf zu fühlen. – Diese Seufzer, diese Töne sind Sprache: es gibt also eine Sprache der Empfindung, die unmittelbares Naturgesetz ist.

Daß der Mensch sie ursprünglich mit den Tieren gemein habe, bezeugen jetzt freilich mehr gewisse Reste als volle Ausbrüche; allein auch diese Reste sind unwidersprechlich. Unsre künstliche Sprache mag die Sprache der Natur so verdränget, unsre bürgerliche Lebensart und gesellschaftliche Artigkeit mag die Flut und das Meer der Leidenschaften so gedämmet, ausgetrocknet und abgeleitet haben, als man will; der heftigste Augenblick der Empfindung, wo und wie selten er sich finde, nimmt noch immer sein Recht wieder und tönt in seiner mütterlichen Sprache unmittelbar durch Akzente. Der auffahrende Sturm einer Leidenschaft; der plötzliche Überfall von Freude oder Frohheit; Schmerz und Jammer, wenn sie tiefe Furchen in die Seele graben; ein übermannendes Gefühl von Rache, Verzweiflung, Wut, Schrecken, Grausen usw., alle kündigen sich an, und jede nach ihrer Art verschieden an. So viel Gattungen von Fühlbarkeit in unsrer Natur schlummern, so viel auch Tonarten – – Ich merke also an, daß je weniger die menschliche Natur mit einer Tierart verwandt; je ungleichartiger sie mit ihr am Nervenbaue ist: desto weniger ist ihre Natursprache uns verständlich. Wir verstehen, als Erdentiere, das Erdender besser als das Wassergeschöpf, und auf der Erde das Herdetier besser als das Waldgeschöpf; und unter den Herdetieren die am meisten, die uns am nächsten kommen. Nur daß freilich auch bei diesen Umgang und Gewohnheit mehr oder weniger tut. Es ist natürlich, daß der Araber, der mit seinem Pferde nur ein Stück ausmacht, es mehr versteht als der, der zum erstenmal ein Pferd beschreitet; fast so gut, als Hektor in der Iliade mit den seinigen sprechen konnte. Der Araber in der Wüste, der nichts Lebendiges um sich hat als sein Kamel und etwa den Flug umirrender Vögel, kann leichter jenes Natur verstehen und das Geschrei dieser zu verstehen glauben als wir in unsern Behausungen. Der Sohn des Waldes, der Jäger, versteht die Stimme des Hirsches, und der Lappländer seines Rentiers – – doch alles das folgt oder ist Ausnahme. Eigentlich ist diese Sprache der Natur eine Völkersprache für jede Gattung unter sich, und so hat auch der Mensch die seinige –

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Condillac

, weiß man, gab durch seine hohle Erklärung von Entstehung der Sprache Gelegenheit, daß Rousseau 5 in unserm Jahrhundert die Frage nach seiner Art in Schwung brachte, das ist, bezweifelte. Gegen Condillacs Erklärung Zweifel zu finden, war eben kein Rousseau nötig; nur aber deswegen sogleich alle menschliche Möglichkeit der Spracherfindung zu leugnen – dazu gehörte freilich etwas Rousseauscher Schwung oder Sprung, wie man's nennen will. Weil Condillac die Sache schlecht erklärt hatte; ob sie also auch gar nicht erklärt werden könne? Weil aus Schällen der Empfindung nimmermehr eine menschliche Sprache wird, folgt daraus, daß sie nirgend anderswoher hat werden können?

Daß es nur würklich dieser verdeckte Trugschluß sei, der Rousseau verführet, zeigt offenbar sein eigner Plan 6 : »wie, wenn doch allenfalls Sprache hätte menschlich entstehen sollen, wie sie hätte entstehen müssen?« Er fängt, wie sein Vorgänger, mit dem Geschrei der Natur an, aus dem die menschliche Sprache werde. Ich sehe nie, wie sie daraus geworden wäre, und wundre mich, daß der Scharfsinn eines Rousseau sie einen Augenblick daraus habe können werden lassen?

Maupertuis'

kleine Schrift ist mir nicht bei Händen; wenn ich aber dem Auszuge eines Mannes 7 trauen darf, dessen nicht kleinstes Verdienst Treue und Genauigkeit war, so hat auch er den Ursprung der Sprache nicht gnug von diesen tierischen Lauten abgesondert und gehet also mit den Vorigen auf einer Straße.

Diodor

endlich und Vitruv , die zudem den Menschenursprung der Sprache mehr geglaubt als hergeleitet, haben die Sache am offenbarsten verdorben, da sie die Menschen, erst Zeitenlang, als Tiere, mit Geschrei in Wäldern schweifen und sich nachher, weiß Gott, woher? und weiß Gott, wozu? Sprache erfinden lassen – –

Da nun die meisten Verfechter der menschlichen Sprachwerdung aus einem so unsichern Ort stritten, den andre, z. E. Süßmilch, mit so vielem Grunde bekämpften: so hat die Akademie diese Frage, die also noch ganz unbeantwortet ist und über die sich selbst einige ihrer gewesnen Mitglieder geteilt, einmal außer Streit wollen gesetzt sehen.

Und da dies große Thema so viel Aussichten in die Psychologie und Naturordnung des menschlichen Geschlechts, in die Philosophie der Sprachen und aller Kenntnisse, die mit. Sprache erfunden werden, verspricht – wer wollte sich nicht daran versuchen?

Und da die Menschen für uns die einzigen Sprachgeschöpfe sind, die wir kennen, und sich eben durch Sprache von allen Tieren unterscheiden: wo finge der Weg der Untersuchung sichrer an als bei Erfahrungen über den Unterschied der Tiere und Menschen? – Condillac und Rousseau mußten über den Sprachursprung irren, weil sie sich über diesen Unterschied so bekannt und verschieden irrten: da jener 8 die Tiere zu Menschen und dieser 9 die Menschen zu Tieren machte. Ich muß also etwas weit ausholen.

Daß der Mensch den Tieren an Stärke und Sicherheit des Instinkts weit nachstehe, ja daß er das, was wir bei so vielen Tiergattungen angeborne Kunstfähigkeiten und Kunsttriebe nennen, gar nicht habe, ist gesichert; nur so wie die Erklärung dieser Kunsttriebe bisher den meisten und noch zuletzt einem gründlichen Philosophen 10 Deutschlands mißglücket ist, so hat auch die wahre Ursach von der Entbehrung dieser Kunsttriebe in der menschlichen Natur noch nicht ins Licht gesetzt werden können. Mich dünkt, man hat einen Hauptgesichtspunkt verfehlt, aus dem man, wo nicht vollständige Erklärungen, so wenigstens Bemerkungen in der Natur der Tiere machen kann, die, wie ich für einen andern Ort hoffe, die menschliche Seelenlehre sehr aufklären können. Die ser Gesichtspunkt ist die Sphäre der Tiere .

Jedes Tier hat seinen Kreis, in den es von der Geburt an gehört, gleich eintritt, in dem es lebenslang bleibet, und stirbt: nun ist es aber sonderbar, daß je schärfer die Sinne der Tiere und je wunderbarer ihre Kunstwerke sind, desto kleiner ist ihr Kreis: desto einartiger ist ihr Kunstwerk. Ich habe diesem Verhältnisse nachgespüret, und ich finde überall eine wunderbar beobachtete umgekehrte Proportion zwischen der mindern Extension ihrer Bewegungen, Elemente, Nahrung, Erhaltung, Paarung, Erziehung, Gesellschaft und ihren Trieben und Künsten. Die Biene in ihrem Korbe bauet mit der Weisheit, die Egeria ihrem Numa nicht lehren konnte; aber außer diesen Zellen und außer ihrem Bestimmungsgeschäft in diesen Zellen ist sie auch nichts. Die Spinne webet mit der Kunst der Minerve; aber alle ihre Kunst ist auch in diesen engen Spinnraum verwebet; das ist ihre Welt! Wie wundersam ist das Insekt, und wie enge der Kreis seiner Würkung!

Table of contents

Inside this edition

  1. 01Full text
  2. 02Teil 1
  3. 03Teil 2
  4. 04Teil 3
  5. 05Teil 4
  6. 06Teil 5
  7. 07Teil 6
  8. 08Teil 7
  9. 09Teil 8
  10. 10Teil 9
  11. 11Teil 10
  12. 12Teil 11
  13. 13Teil 12

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