German Edition
Literature
Abu Telfan
German BooksWhale Edition by Wilhelm Raabe
Raabes Roman über Heimkehr, Fremdheit, deutsche Provinz, Kolonialfantasie und bürgerliche Enge.
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Book introduction
Abu Telfan
Abu Telfan folgt Leonhard Hagebucher nach seiner Rückkehr aus Afrika in die deutsche Heimat, wo Exotik, Erinnerung und Provinzrealität hart aufeinanderstoßen. Raabe erzählt mit Ironie und Melancholie von Entfremdung, bürgerlicher Ordnung, Abenteuerphantasie und dem schwierigen Heimkommen.
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Wilhelm Raabe starb 1910; Abu Telfan wurde 1867 veröffentlicht. Diese Daten stützen die Gemeinfreiheit der deutschsprachigen Originalfassung dieser Ausgabe.
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Abu Telfan
Wilhelm Raabe: Abu Telfan
von Wilhelm Raabe
Wilhelm Raabe
oder
Die Heimkehr vom Mondgebirge
Roman
Vorwort zur ersten Auflage
Indem ich dieses nicht in einem lustigen Sommer entstandene Buch in die Hände der Leser gebe und es ihrem guten Herzen anbefehle, drängt es mich, eine gute Gewohnheit scheuerer Zeiten und schämigerer Autoren wachzurufen und mich strengstens gegen alle Mißdeutungen zu verwahren. Ich bitte ganz gehorsamst, weder den Ort Abu Telfan noch das Tumurkieland auf der Karte von Afrika zu suchen; und was das Mondgebirge anbetrifft, so weiß ein jeder ebensogut als ich, daß die Entdecker durchaus noch nicht einig sind, ob sie dasselbe wirklich entdeckt haben. Einige wollen an der Stelle, wo ältere Geographen es notierten, einen großen Sumpf, andere eine ausgedehnte Salzwüste und wieder andere nur einen unbedeutenden Hügelzug gefunden haben, welches alles keineswegs hindert, daß ich für meinen Teil unbedingt an es glaube. –
Stuttgart, im November 1867
Der Verfasser
oder
Die Heimkehr vom Mondgebirge
Roman
Vorwort zur ersten Auflage
Indem ich dieses nicht in einem lustigen Sommer entstandene Buch in die Hände der Leser gebe und es ihrem guten Herzen anbefehle, drängt es mich, eine gute Gewohnheit scheuerer Zeiten und schämigerer Autoren wachzurufen und mich strengstens gegen alle Mißdeutungen zu verwahren. Ich bitte ganz gehorsamst, weder den Ort Abu Telfan noch das Tumurkieland auf der Karte von Afrika zu suchen; und was das Mondgebirge anbetrifft, so weiß ein jeder ebensogut als ich, daß die Entdecker durchaus noch nicht einig sind, ob sie dasselbe wirklich entdeckt haben. Einige wollen an der Stelle, wo ältere Geographen es notierten, einen großen Sumpf, andere eine ausgedehnte Salzwüste und wieder andere nur einen unbedeutenden Hügelzug gefunden haben, welches alles keineswegs hindert, daß ich für meinen Teil unbedingt an es glaube. –
Stuttgart, im November 1867
Der Verfasser
Wilhelm Raabe: Abu Telfan
von Wilhelm Raabe
Preview chapterErstes KapitelPreview
Wenn ihr wüsstet, was ich weiss, sprach Mahomet, so würdet ihr viel weinen und wenig lachen.
An einem zehnten Mai zu Anfange des siebenten Jahrzehnts dieses, wie wir alle wissen, so hochbegnadeten, erleuchteten, liebenswürdigen neunzehnten Jahrhunderts setzte der von Alexandria kommende Lloyddampfer ein Individuum auf dem Molo von Triest ab, welches sich durch manche Sonderlichkeit im bunten Gewimmel der übrigen Passagiere auszeichnete und selbst den an mancherlei Erscheinungen der Menschen und Völker gewöhnten Tergestinern als etwas Neues sich darstellte. Ein verwilderteres und, trotz der halbeuropäischen Kleidung, aschanti-, kaffern- oder mandingohafteres Subjekt hatte seit langer Zeit nicht vor dem Zollhause auf seinem Koffer gesessen und verblüfft umhergestarrt. Der Mann hätte sich in das Fremdenbuch oder vielmehr auf den Fremdenzettel des Schwarzen Adlers dreist als »particolarissimo« einzeichnen dürfen; er tat es aber nicht, sondern schrieb einfach seinen Namen: Leonhard Hagebucher, hinein und fügte, den Polizeivorschriften gemäß, hinzu: »Kriegsgefangener – kommt aus Abu Telfan im Land Tumurkie, Königreich Dar-Fur – geht nach Leipzig im Königreich Sachsen.« Natürlich ließ sich eine Viertelstunde später ein kaiserlich-königlicher Beamter bei ihm melden, um sich verwundert einige weitere Auskunft zu erbitten, verließ ihn jedoch wieder eine Viertelstunde darauf noch etwas verwunderter mit der altklassischen Bemerkung: »Aus Afrika doch immer etwas Neues.«
Um seine Rechnung im Schwarzen Adler bezahlen und seine weiteren Reisekosten decken zu können, verkaufte der Fremdling einen Elefantenzahn an einen Händler in der Poststraße und fuhr auf der Eisenbahn, ohne unterwegs die Adelsberger Grotten zu besichtigen, nach Wien, wo er wohl Gelegenheit gefunden hätte, einigen mitgebrachten Goldstaub gegen ein gutes Agio in Papier zu verwandeln, es jedoch in Anbetracht, daß der Triestiner Elfenbeinhändler ebenfalls bereits in Papier gezahlt hatte, unterließ. Natürlich erschien auch in Wien, außer dem bekannten, für sein Kloster sammelnden Barmherzigen Bruder, ein Polizeibeamter auf seiner Stube, ersuchte ihn ebenfalls sehr höflich, ihm einen genauern Einblick in seine Personalakten zu gestatten, und verließ ihn gleichfalls verwundert und befriedigt. Sobald sich die Tür hinter dem Beamten geschlossen hatte, legte sich der Reisende wieder ins Bett, und da er in demselben bis zu seiner Abfahrt nach Prag verblieb, so konnte er selbstverständlich weder den Sankt-Stephans-Turm besteigen noch den Prater besuchen. In Prag kam er am Abend an, und da er am andern Morgen in der Frühe nach Dresden abreiste, so kam der kaiserlich-königliche Beamte tschechischer Nationalität, welcher es gleich den Kollegen zu Triest und Wien für seine Pflicht hielt, sich spezieller nach ihm zu erkundigen, zu spät und gab nur dem Wirt zu den Drei Karpfen den Rat, künftig in solchen absonderlichen und verdächtigen Fällen den Gast den ersten Zug versäumen zu machen. Die Prager Glocken vernahm der Kriegsgefangene aus dem Lande Tumurkie noch vom Eilzuge aus, um dann sogleich wieder sänftiglich zu entschlummern.
Er schlief, bis ihn die königlich-sächsischen Mautbeamten zu Bodenbach weckten, und durch den Kampf um seine Habseligkeiten ermuntert, blieb er wach bis Dresden, wo er im Schatten der Drei Palmzweige auf dem Palaisplatz in der Neustadt von neuem einschlief.
Es ist nicht zu verlangen, daß die Polizei sich überall persönlich bemühe; in Dresden kam sie nicht zu dem Reisenden aufs Zimmer, sondern zitierte, weniger verbindlich als in den kaiserlich-königlichen Staaten, ihn zu sich aufs Büro, was dem Leser der Abwechslung wegen nicht unlieb sein kann, dagegen aber dem geheimnisvollen Fremdling ganz und gar nicht gelegen war. Da er mußte, so ging er, wie jeder gute Deutsche es tut, kam schlaftrunken zurück und fuhr, ohne sich nach der Sixtinischen Madonna und der Brühlschen Terrasse umzusehen, nach Leipzig ab und ruhte sanft auf dem süßen Bewußtsein, auch die Dresdener Sicherheitsbehörde über seine Persönlichkeit nicht in Unruhe und Zweifel gelassen zu haben.
Zwischen Dresden und Leipzig liegt Riesa an der Bahn. Da trinkt man ein sehr gutes Eierbier. In der Nähe von Leipzig soll der Fürst Schwarzenberg den Kaiser Napoleon geschlagen haben, was jedenfalls eine große Merkwürdigkeit wäre, wenn es sich beweisen ließe. Wir wollen aber die Sache in der Dunkelheit beruhen lassen, in welcher sie uns von unsern Vätern überliefert wurde – die alten Herren wußten nicht genauer als wir, wer eigentlich bei Leipzig den Kaiser Napoleon geschlagen habe.
Preview chapterZweites KapitelPreview
Und die Erde drehte wieder einmal ihre Ostseite der Sonne zu; die letztere ging dem, was die Menschen die Alte Welt nennen, auf, und wurde es denn auf diesem nicht mehr ganz ungewöhnlichen Wege gottlob auch in Europa von neuem Tag. Mit der östlichen Halbkugel aber drehte sich das Städtchen Nippenburg, welches jedenfalls recht anerkennenswert war; denn wie jedes deutsche Gemeinwesen hielt es etwas auf seine Selbständigkeit und wußte sich sonst mit Hartnäckigkeit auf seiner Stelle, im alten Recht und Unrecht, zu behaupten.
Der Nonnenberg sank nach dem Orient hinüber, die Sonne blickte von seinem abgeplatteten Gipfel in den germanischen Frühling, und jeder Vogel, welcher schon stundenlang vom Lichte gesungen hatte, konnte sich nunmehr beruhigter an sein munteres Tagewerk begeben. Daß auch die Menschheit sich sofort an ihr Tagewerk begab, braucht in Ansehung der unendlichen Lust an der Tätigkeit, welche in ihr steckt, nicht erst gesagt zu werden; aber wichtig ist es, zu wissen, daß auch das Dorf Bumsdorf, zweiundeinenhalben Büchsenschuß westlich von der Stadt Nippenburg gelegen, sich von der allgemeinen Bewegung nicht ausschloß. Es war ebenfalls ein Vogelnest im Grün, dieses Dorf Bumsdorf, aber weniger voll zwitschernder Melodien als voll Gebrumm und Gegrunz, Geschnarr und Geknarr, Gequiek und Gequak, Gefluch und Gepfeif, Gezeter und Gejodel, und die Sonne beschien heiter die Kirche, das Pfarrhaus, den Gutshof, das Wirtshaus und den Mühlenteich, die Wohnungen der Vollspänner, Halbspänner, Brinksitzer, Kotsassen, Häuslinge und Anbauer und das Haus des pensionierten Steuerinspektors Hagebucher, eines Mannes, der seiner wohlverdienten Ruhe in ländlich sittlicher Abgeschiedenheit, jedoch nicht gar zu entfernt von den Annehmlichkeiten des städtischen Lebens, genoß. Der Storch klapperte auf dem Dache des Steuerinspektors, die Schwalbe bewohnte ungestört ihr Nest an seinen Mauern; den frommen Tauben war alle Gelegenheit zu einer wünschenswerten Vermehrung geboten; über der Pforte stand der biblische Spruch: Gesegnet sei dein Eingang und Ausgang – und hinter der Tür stand der dicke Knüppel für unverschämte Bettelleute, Handwerksgesellen und fremde Hunde;
denn das Haus des Steuerinspektors war dicht an der Landstraße gelegen, und seine Küchenfenster waren nur durch einen Graben von derselben getrennt. Die Front des Hauses bildete mit der Nippenburger Landstraße einen rechten Winkel, und auf drei Seiten war es von einem nicht allzu großen, aber wohlgepflegten Garten mit Gemüsefeldern, Blumenbeeten, Grasplätzen, Obstbäumen und drei Lauben umgeben. Lebendige Hecken und stellenweise ein hölzernes Gitter zogen die Grenzen gegen die übrige Welt.
Das Licht aus dem Fenster des Wohnzimmers im untern Stockwerk der Vorderseite und das Herdfeuer aus den Küchenfenstern der rechten Nebenseite warfen im Sommer wie im Winter einen gleichbehaglichen Schein in die Abenddämmerung oder die schwarze Nacht. Der Dampf des Schornsteins war so appetitlich wie irgendein Opferrauch, der je zu der unsterblichen Nase Jehovas, Jupiters oder des Gottes der spanischen Inquisition emporstieg, von welchen letztern kirchlich-kulinarischen Darbietungen sich, beiläufig gesagt, die schöne Redensart herschreibt, daß jemand den Braten rieche. Tausende und aber Tausende von müden Wanderern, die auf der Landstraße an dem Hause des Steuerinspektors vorübergezogen waren, hatten den Mann beneidet, während der Winterabend düsterer herabsank und die Schneewolken tiefer sich zur Erde senkten; wir aber beneiden ihn an diesem Frühlingsmorgen, welcher auf die Heimkehr seines Sohnes Leonhard folgte.
Hund und Katze sonnten sich auf der Steinbank vor dem Hause des Steuerinspektors, und der Steuerinspektor selbst rauchte nachdenklich seine Morgenpfeife auf dem mit feinem Sand bestreuten Platze zwischen seiner Tür und seinen Rosenstöcken. Die Steuerinspektorin hielt die Hand über die Augen, um nicht von der Sonne geblendet zu werden, und sah nach den Fenstern des obern Stockwerks hinauf. Fräulein Lina Hagebucher aber saß im Innern des Hauses auf der Treppe, hielt die Hände im Schoße gefaltet, still wie ein Mäuschen, und bewegte in ihrem Herzchen alle Wunder, die sich seit gestern abend an ihr und dem Hause ihrer Eltern erfüllt hatten. Es ist keine Kleinigkeit, wenn ein Bruder, den man im Dienste des Vizekönigs von Ägypten gegen die Nubier gefallen glaubt, von dem man aus frühesten Kindheitsjahren her nur noch eine sehr dunkle Erinnerung hat und der allmählich in der Phantasie zu einem sehr romantischen, märchenhaften Wesen geworden ist, plötzlich auf der Landstraße von Nippenburg heranwandelt und, schlimmer von Aussehen als ein Zigeuner, über die Hecke in die Geißblattlaube guckt, nach dem Papa und der Mama fragt und dann entsetzlich nervös wird, unter lautem Schluchzen sein Inkognito fallenläßt und Lina beim Halse nimmt und sie abküßt, wie es ihr noch nie passierte.
Table of contents
Inside this edition
- 01Full text
- 02Erstes Kapitel
- 03Zweites Kapitel
- 04Drittes Kapitel
- 05Viertes Kapitel
- 06Fünftes Kapitel
- 07Kapitel 7
- 08Sechstes Kapitel
- 09Siebentes Kapitel
- 10Achtes Kapitel
- 11Neuntes Kapitel
- 12Zehntes Kapitel
- 13Elftes Kapitel
- 14Zwölftes Kapitel
- 15Kapitel 15
- 16Dreizehntes Kapitel
- 17Vierzehntes Kapitel
- 18Fünfzehntes Kapitel
- 19Sechzehntes Kapitel
- 20Siebzehntes Kapitel
- 21Achtzehntes Kapitel
- 22Neunzehntes Kapitel
- 23Zwanzigstes Kapitel
- 24Einundzwanzigstes Kapitel
- 25Zweiundzwanzigstes Kapitel
- 26Dreiundzwanzigstes Kapitel
- 27Vierundzwanzigstes Kapitel
- 28Fünfundzwanzigstes Kapitel
- 29Sechsundzwanzigstes Kapitel
- 30Siebenundzwanzigstes Kapitel
- 31Achtundzwanzigstes Kapitel
- 32Neunundzwanzigstes Kapitel
- 33Dreißigstes Kapitel
- 34Einunddreißigstes Kapitel
- 35Zweiunddreißigstes Kapitel
- 36Dreiunddreißigstes Kapitel
- 37Vierunddreißigstes Kapitel
- 38Fünfunddreißigstes Kapitel
- 39Sechsunddreißigstes Kapitel
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