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German Edition

Literature

Alte Nester

German BooksWhale Edition by Wilhelm Raabe

Raabes Lebensgeschichten verbinden Kindheitserinnerung, alte Freundschaften, Familienbindungen und die Veränderungen vertrauter Orte in zwei Büchern.

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Book introduction

Alte Nester

Aus der Rückschau auf Kindheit und Jugend entwickelt Wilhelm Raabe ein Geflecht von Lebensgeschichten, Freundschaften und Erinnerungsorten. Der Erzähler Fritz Langreuter begegnet Menschen und Bindungen, die sich über die Jahre verändern und dennoch fortwirken. Die deutsche Ausgabe umfasst beide Bücher mit ihren achtzehn beziehungsweise sechzehn Kapiteln und bewahrt den erzählerischen Zusammenhang.

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Wilhelm Raabe starb 1910. Diese Ausgabe verwendet den gemeinfreien deutschen Originaltext aus Project Gutenberg; spätere Herausgebertexte und gesonderte Anmerkungen sind nicht enthalten.

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Ein Freund von mir begleitete einmal Goethen auf einem Spaziergange. Unterwegs stießen sie auf einen armen Knaben, der am Wege saß, den Kopf in den Händen und die Arme auf die Kniee stützend. Junge, was machst du da? worauf wartest du? rief Goethes Begleiter. — Worauf sollte er warten, mein Freund? nahm Goethe das Wort. Er wartet auf menschliche Schicksale. —

O. L. B. Wolff.

Allgemeine Geschichte des Romans, von dessen Ursprung bis zur neuesten Zeit.

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Erstes Buch

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Eine Blume, die sich erschließt, macht keinen Lärm dabei; auch das, was man von der Aloe in dieser Beziehung behauptet, halte ich für eine Fabel. Auf leisen Sohlen wandeln die Schönheit, das wahre Glück und das echte Heldentum. Unbemerkt kommt alles, was Dauer haben wird in dieser wechselnden, lärmvollen Welt voll falschen Heldentums, falschen Glücks und unechter Schönheit; und es ist kein eitles, sich überhebendes Wort, was ich hier zu Anfang dieser Blätter hinsetze; denn es sind die Lebensgeschichten anderer Leute, die ich beschreiben will, nicht meine eigenen. Das Heldentum und die Schönheit der Rolle, die ich dabei abspiele, lassen sich wohl halten in der hohlen Hand. Aber eines ist auch wahr und darf gesagt werden: Glück, viel Glück habe ich wohl nicht gehabt, aber doch dann und wann mein Behagen, meine Belustigung und meine Ergötzlichkeiten; und das alles ist gleichfalls ganz natürlich und ziemlich unbemerkt gekommen und gegangen, — so daß es heute, in den gegenwärtigen stillen, nachdenklichen, überlegenden Stunden nichts Erstaunenswürdigeres für mich gibt als mein unleugbar vorhandenes Wohlgefallen nicht nur an der Welt, sondern auch immer noch an mir.

Mein erstes Aufblicken in dieser Welt fällt in die Zeit der Gründung des deutschen Zollvereins, also in den Anfang der vierziger Jahre dieses Säkulums. Wer eine Ahnung davon hatte, daß aus dieser anfangs etwas unbequemen und viel bestrittenen Institution einmal das einige Deutsche Reich aufwachsen könne, behielt dieselbe ruhig für sich, und eine kleine Ausnahme machte da vielleicht nur ein kleiner Mann im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten in Paris, Mr. Louis Adolphe Thiers genannt. Das deutsche Volk ließ sich murrend, wenn auch nach seiner Art gutwillig, die ersten Lebensbedürfnisse und vor allem das Salz durch den segensreichen politischen Schachzug verteuern.

Da war nun so ein Stätlein (auf die Landkarte bitte ich dabei nicht zu sehen), das diesem „preußischen Verein“ beigetreten war, aber seine Planetenstelle nicht verändern konnte, sondern liegen bleiben mußte, wo es lag: nämlich ganz und gar umgeben von einem anderen Staat, der nicht „beigetreten“ war, und das junge Reichsvolk von heute hat gottlob keine Idee davon, was das seinerzeit bedeutete, obgleich es eigentlich noch gar so lange nicht her ist. Zog der eine deutsche Bruder seinen Grenzkordon, so zog ihn der andere ebenfalls. Daß wir im ganzen das deutsche Volk und der erlauchte deutsche Bund dabei blieben, konnte den Zeitungsleser nur mäßig erquicken und ihn höchstens ganz kosmopolitisch in seiner Selbstachtung über dem Wasser erhalten.

Die Hauptsache für mich, auch heute noch, ist, daß das, was damals von zivilversorgungsberechtigten Militärpersonen vorhanden war, fest darauf rechnen durfte, „unter die Steuer gesteckt zu werden“, und daß mein braver, seliger Vater mit dem Titel Herr Kontrolleur natürlich gleichfalls hineinfiel, und meine Mutter ebenso selbstverständlich mit ihm. Meine erste deutliche Lebenserinnerung aber ist, daß ich von einem Wagen gehoben und in ein Haus getragen wurde, das mir aus einem einzigen großmächtigen, kindlich ungeheuerlichen schwarzen Scheunenflur, einer Rauchwolke unter der Decke und zwei Reihen Kuhkrippen, nebst den dazugehörigen heraäugigen, hauptschüttelnden, kettenrasselnden gekrönten Herrschaften zu bestehen schien.

Dem war jedoch nicht ganz so. Es fanden sich in dem unteren Raume dieses Hauses noch zwei oder drei Gemächer, die den zu dem Feuerherde und den Haustieren gehörigen Menschen zu allerlei Gebrauche dienten; und eine leiterartige steile Stiege führte sogar in ein oberes Stockwerk, wenigstens in der Front des Gebäudes, empor, — in unsere Wohnung, die einzige, die meinen Eltern bei ihrer Versetzung in dieses Gebirgsstädtchen offen gestanden hatte. Dicht an unsere Wohnung stieß der Heuboden, und wir hatten deshalb mit Feuer und Licht sehr vorsichtig umzugehen, was wir denn auch taten, und vorzüglich ich, dem alles unnötige Spiel damit mehrfach in schlagender Weise verleidet wurde.

Mein Vater, der reitende Steuerkontrolleur Hermann Langreuter, trug einen Säbel und eine Uniform, die mir heute in der Erinnerung den Eindruck von Grünblau und Blau und vielen gelben Metallknöpfen mit dem Landeswappen macht. Was den Anzug meiner Mutter betrifft, so halte ich es hell in dem Gedächtnis fest, daß sie stets in hellen Kleidern ging, — bis zu dem Ereignis, das sie für immer in Schwarz und Grau warf.

Table of contents

Inside this edition

  1. 01Motto
  2. 02Erstes Buch
  3. 03Erstes Kapitel.
  4. 04Zweites Kapitel.
  5. 05Drittes Kapitel.
  6. 06Viertes Kapitel.
  7. 07Fünftes Kapitel.
  8. 08Sechstes Kapitel.
  9. 09Siebentes Kapitel.
  10. 10Achtes Kapitel.
  11. 11Neuntes Kapitel.
  12. 12Zehntes Kapitel.
  13. 13Elftes Kapitel.
  14. 14Zwölftes Kapitel.
  15. 15Dreizehntes Kapitel.
  16. 16Vierzehntes Kapitel.
  17. 17Fünfzehntes Kapitel.
  18. 18Sechzehntes Kapitel.
  19. 19Siebenzehntes Kapitel.
  20. 20Achtzehntes Kapitel.
  21. 21Zweites Buch
  22. 22Erstes Kapitel.
  23. 23Zweites Kapitel.
  24. 24Drittes Kapitel.
  25. 25Viertes Kapitel.
  26. 26Fünftes Kapitel.
  27. 27Sechstes Kapitel.
  28. 28Siebentes Kapitel.
  29. 29Achtes Kapitel.
  30. 30Neuntes Kapitel.
  31. 31Zehntes Kapitel.
  32. 32Elftes Kapitel.
  33. 33Zwölftes Kapitel.
  34. 34Dreizehntes Kapitel.
  35. 35Vierzehntes Kapitel.
  36. 36Fünfzehntes Kapitel.
  37. 37Sechzehntes Kapitel.

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