
German Edition
Literature
Anatol
German BooksWhale Edition by Arthur Schnitzler
Schnitzlers sieben Einakter erkunden Anatols Liebesabenteuer, seine Selbsttäuschungen und die unsichere Grenze zwischen Zärtlichkeit, Eifersucht und gesellschaftlichem Spiel.
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Book introduction
Anatol
Anatol sucht in wechselnden Beziehungen nach Gewissheit und bleibt dabei in den eigenen Vorstellungen gefangen. Hypnose, Erinnerungsstücke, Abschiede und Hochzeitsvorbereitungen geben Anlass zu Gesprächen, in denen sich Begehren und Selbstinszenierung widersprechen. Arthur Schnitzlers Zyklus verbindet die Leichtigkeit des Wiener Dialogs mit genauer psychologischer Beobachtung. Enthalten sind die Einleitung und die sieben Einakter des 1893 erschienenen Bühnenzyklus.
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Deutscher Originaltext von Arthur Schnitzler, gestorben 1931. Grundlage ist die gemeinfreie Textüberlieferung bei Zeno.org; moderne Anmerkungen und Abbildungen werden nicht übernommen.
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Preview chapterEinleitungRead preview
Hohe Gitter, Taxushecken,
Wappen, nimmermehr vergoldet,
Sphinxe, durch das Dickicht schimmernd
... Knarrend öffnen sich die Tore. –
Mit verschlafenen Kaskaden
Und verschlafenen Tritonen,
Rokoko, verstaubt und lieblich
Seht ... das Wien des Canaletto,
Wien von Siebzehnhundertsechzig
... Grüne, braune, stille Teiche,
Glatt und marmorweiß umrandet,
In dem Spiegelbild der Nixen
Spielen Gold- und Silberfische ...
Auf dem glattgeschornen Rasen
Liegen zierlich gleiche Schatten
Schlanker Oleanderstämme;
Zweige wölben sich zur Kuppel,
Zweige neigen sich zur Nische
Für die steifen Liebespaare
Heroinen und Heroen ...
Drei Delphine gießen murmelnd
Fluten in ein Muschelbecken ...
Duftige Kastanienblüten
Gleiten, schwirren leuchtend nieder
Und ertrinken in dem Becken ...
... Hinter einer Taxusmauer
Tönen Geigen, Klarinetten ...
Und sie scheinen den graziösen
Amoretten zu entströmen,
Die rings auf der Rampe sitzen
Fiedelnd oder Blumen windend,
Selbst von Blumen bunt umgeben,
Die aus Marmorvasen strömen:
Goldlack und Jasmin und Flieder
... Auf der Rampe, zwischen ihnen
Sitzen auch kokette Frauen,
Violette Monsignori ...
Und im Gras, zu ihren Füßen,
Und auf Polstern, auf den Stufen:
Kavaliere und Abbati ...
Andre heben andre Frauen
Aus den parfümierten Sänften
... Durch die Zweige brechen Lichter,
Flimmernd auf den blonden Köpfchen;
Scheinen auf den bunten Polstern,
Gleiten über Kies und Rasen,
Gleiten über das Gerüste,
Das wir flüchtig aufgeschlagen.
Wein und Winde klettert aufwärts
Und umhüllt die lichten Balken.
Und dazwischen, farbenüppig
Flattert Teppich und Tapete,
Schäferszenen, keck gewoben,
Zierlich von Watteau entworfen ...
Eine Laube statt der Bühne,
Sommersonne statt der Lampen,
Also spielen wir Theater,
Spielen unsre eignen Stücke,
Frühgereift und zart und traurig,
Die Komödie unsrer Seele,
Unsres Fühlens Heut und Gestern,
Böser Dinge hübsche Formel,
Glatte Worte, bunte Bilder,
Halbes, heimliches Empfinden,
Agonien, Episoden ...
Manche hören zu, nicht alle ...
Manche träumen, manche lachen,
Manche essen Eis ... und manche
Sprechen sehr galante Dinge ...
... Nelken wiegen sich im Winde,
Hochgestielte, weiße Nelken,
Wie ein Schwarm von weißen Faltern ...
Und ein Bologneserhündchen
Bellt verwundert einen Pfau an ...
Preview chapterDie Frage an das SchicksalPreview
Anatol, Max, Cora.
Anatols Zimmer.
MAX. Wahrhaftig, Anatol, ich beneide dich ...
ANATOL lächelt.
MAX. Nun, ich muß dir sagen, ich war erstarrt. Ich habe ja doch bisher das Ganze für ein Märchen gehalten. Wie ich das nun aber sah, ... wie sie vor meinen Augen einschlief ... wie sie tanzte, als du ihr sagtest, sie sei eine Ballerine, und wie sie weinte, als du ihr sagtest, ihr Geliebter sei gestorben, und wie sie einen Verbrecher begnadigte, als du sie zur Königin machtest ...
ANATOL. Ja, ja.
MAX. Ich sehe, es steckt ein Zauberer in dir!
ANATOL. In uns allen.
MAX. Unheimlich.
ANATOL. Das kann ich nicht finden ... Nicht unheimlicher als das Leben selbst. Nicht unheimlicher als vieles, auf das man erst im Laufe der Jahrhunderte gekommen. Wie, glaubst du wohl, war unseren Voreltern zumute, als sie plötzlich hörten, die Erde drehe sich? Sie müssen alle schwindlig geworden sein!
MAX. Ja ... aber es bezog sich auf alle!
ANATOL. Und wenn man den Frühling neu entdeckte! ... Man würde auch an ihn nicht glauben! Trotz der grünen Bäume, trotz der blühenden Blumen und trotz der Liebe.
MAX. Du verirrst dich; all das ist Gefasel. Mit dem Magnetismus ...
ANATOL. Hypnotismus ...
MAX. Nein, mit dem ist's ein ander Ding. Nie und nimmer würde ich mich hypnotisieren lassen.
ANATOL. Kindisch! Was ist daran, wenn ich dich einschlafen heiße, und du legst dich ruhig hin.
MAX. Ja, und dann sagst du mir: »Sie sind ein Rauchfangkehrer«, und ich steige in den Kamin und werde rußig! ...
ANATOL. Nun, das sind ja Scherze ... Das Große an der Sache ist die wissenschaftliche Verwertung. – Aber ach, allzuweit sind wir ja doch nicht.
MAX. Wieso ...?
ANATOL. Nun, ich, der jenes Mädchen heute in hundert andere Welten versetzen konnte, wie bring' ich mich selbst in eine andere?
MAX. Ist das nicht möglich?
ANATOL. Ich hab' es schon versucht, um die Wahrheit zu sagen. Ich habe diesen Brillantring minutenlang angestarrt und habe mir selbst die Idee eingegeben: Anatol! schlafe ein! Wenn du aufwachst, wird der Gedanke an jenes Weib, das dich wahnsinnig macht, aus deinem Herzen geschwunden sein.
MAX. Nun, als du aufwachtest?
ANATOL. O, ich schlief gar nicht ein.
MAX. Jenes Weib ... jenes Weib? ... Also noch immer!
ANATOL. Ja, mein Freund! ... noch immer! Ich bin unglücklich, bin toll.
MAX. Noch immer also ... im Zweifel?
ANATOL. Nein ... nicht im Zweifel. Ich weiß, daß sie mich betrügt! Während sie an meinen Lippen hängt, während sie mir die Haare streichelt ... während wir selig sind ... weiß ich, daß sie mich betrügt.
MAX. Wahn!
ANATOL. Nein!
MAX. Und deine Beweise?
ANATOL. Ich ahne es ... ich fühle es ... darum weiß ich es!
MAX. Sonderbare Logik!
ANATOL. Immer sind diese Frauenzimmer uns untreu. Es ist ihnen ganz natürlich ... sie wissen es gar nicht ... So wie ich zwei oder drei Bücher zugleich lesen muß, müssen diese Weiber zwei oder drei Liebschaften haben.
MAX. Sie liebt dich doch?
ANATOL. Unendlich ... Aber das ist gleichgültig. Sie ist mir untreu.
MAX. Und mit wem?
ANATOL. Weiß ich's? Vielleicht mit einem Fürsten, der ihr auf der Straße nachgegangen, vielleicht mit einem Poeten aus einem Vorstadthause, der ihr vom Fenster aus zugelächelt hat, als sie in der Früh' vorbeiging!
MAX. Du bist ein Narr!
ANATOL. Und was für einen Grund hätte sie, mir nicht untreu zu sein? Sie ist wie jede, liebt das Leben, und denkt nicht nach. Wenn ich sie frage: Liebst du mich? – so sagt sie ja – und spricht die Wahrheit; und wenn ich sie frage, bist du mir treu? – so sagt sie wieder ja – und wieder spricht sie die Wahrheit, weil sie sich gar nicht an die andern erinnert – in dem Augenblick wenigstens. Und dann, hat dir je eine geantwortet: Mein lieber Freund, ich bin dir untreu? Woher soll man also die Gewißheit nehmen? Und wenn sie mir treu ist –
Preview chapterWeihnachtseinkäufePreview
Anatol, Gabriele.
Weihnachtsabend 6 Uhr. Leichter Schneefall. In den Straßen Wiens.
ANATOL. Gnädige Frau, gnädige Frau ...!
GABRIELE. Wie? ... Ah, Sie sind's!
ANATOL. Ja! ... Ich verfolge Sie! – Ich kann das nicht mit ansehen, wie Sie all diese Dinge schleppen! – Geben Sie mir doch Ihre Pakete!
GABRIELE. Nein, nein, ich danke! – Ich trage das schon selber!
ANATOL. Aber ich bitte Sie, gnädige Frau, machen Sie mir's doch nicht gar so schwer, wenn ich einmal galant sein will –
GABRIELE. Na – das eine da ...
ANATOL. Aber das ist ja gar nichts ... Geben Sie nur ... So ... das ... und das ...
GABRIELE. Genug, genug – Sie sind zu liebenswürdig!
ANATOL. Wenn man's nur einmal sein darf – das tut ja so wohl!
GABRIELE. Das beweisen Sie aber nur auf der Straße und – wenn's schneit.
ANATOL. ... Und wenn es spät abends – und wenn es zufällig Weihnachten ist – wie?
GABRIELE. Es ist ja das reine Wunder, daß man Sie einmal zu Gesicht bekommt!
ANATOL. Ja, ja ... Sie meinen, daß ich heuer noch nicht einmal meinen Besuch bei Ihnen gemacht habe –
GABRIELE. Ja, so etwas Ähnliches meine ich!
ANATOL. Gnädige Frau – ich mache heuer gar keine Besuche – gar keine! Und – wie geht's denn dem Herrn Gemahl? – Und was machen die lieben Kleinen? –
GABRIELE. Diese Frage können Sie sich schenken! – Ich weiß ja, daß Sie das alles sehr wenig interessiert!
ANATOL. Es ist unheimlich, wenn man auf so eine Menschenkennerin trifft!
GABRIELE. Sie – kenne ich!
ANATOL. Nicht so gut, als ich es wünschte!
GABRIELE. Lassen Sie Ihre Bemerkungen! Ja –?
ANATOL. Gnädige Frau – das kann ich nicht!
GABRIELE. Geben Sie mir meine Päckchen wieder!
ANATOL. Nicht bös' sein – nicht bös' sein!! – Ich bin schon wieder brav ...
Sie gehen schweigend nebeneinander her.
GABRIELE. Irgend etwas dürfen Sie schon reden!
ANATOL. Irgend etwas – ja – aber Ihre Zensur ist so strenge ...
GABRIELE. Erzählen Sie mir doch was. Wir haben uns ja schon so lange nicht gesehen ... Was machen Sie denn eigentlich? –
ANATOL. Ich mache nichts, wie gewöhnlich!
GABRIELE. Nichts?
ANATOL. Gar nichts!
GABRIELE. Es ist wirklich schad' um Sie!
ANATOL. Na ... Ihnen ist das sehr gleichgültig!
GABRIELE. Wie können Sie das behaupten? –
ANATOL. Warum verbummle ich mein Leben? – Wer ist schuld? – Wer?!
GABRIELE. Geben Sie mir die Pakete! –
ANATOL. Ich habe ja niemandem die Schuld gegeben ... Ich fragte nur so ins Blaue ...
GABRIELE. Sie gehen wohl immerfort spazieren?
ANATOL. Spazieren! Da legen Sie so einen verächtlichen Ton hinein! Als wenn es was Schöneres gäbe! – Es liegt so was herrlich Planloses in dem Wort! – Heut paßt es übrigens gar nicht auf mich – heut bin ich beschäftigt, gnädige Frau – genau so wie Sie! –
GABRIELE. Wieso?!
ANATOL. Ich mache auch Weihnachtseinkäufe! –
GABRIELE. Sie!?
ANATOL. Ich finde nur nichts Rechtes! – Dabei stehe ich seit Wochen jeden Abend vor allen Auslagefenstern in allen Straßen! – Aber die Kaufleute haben keinen Geschmack und keinen Erfindungsgeist.
GABRIELE. Den muß eben der Käufer haben! Wenn man so wenig zu tun hat wie Sie, denkt man nach, erfindet selbst – und bestellt seine Geschenke schon im Herbst. –
ANATOL. Ach, dazu bin ich nicht der Mensch! – Weiß man denn überhaupt im Herbst, wem man zu Weihnachten etwas schenken wird? – Und jetzt ist's wieder zwei Stunden vor Christbaum – und ich habe noch keine Ahnung, keine Ahnung –!
GABRIELE. Soll ich Ihnen helfen?
ANATOL. Gnädige Frau ... Sie sind ein Engel – aber nehmen Sie mir die Päckchen nicht weg ...
GABRIELE. Nein, nein ...
ANATOL. Also Engel! darf man sagen. – das ist schön – Engel! –
GABRIELE. Wollen Sie gefälligst schweigen?
ANATOL. Ich bin schon wieder ganz ruhig!
GABRIELE. Also – geben Sie mir irgend einen Anhaltspunkt ... Für wen soll Ihr Geschenk gehören?
ANATOL. ... Das ist ... eigentlich schwer zu sagen ...
GABRIELE. Für eine Dame natürlich?!
ANATOL. Na, ja – daß Sie eine Menschenkennerin sind, hab' ich Ihnen heut schon einmal gesagt!
GABRIELE. Aber was ... für eine Dame? – Eine wirkliche Dame?!
Table of contents
Inside this edition
- 01Einleitung
- 02Die Frage an das Schicksal
- 03Weihnachtseinkäufe
- 04Episode
- 05Denksteine
- 06Abschiedssouper
- 07Agonie
- 08Anatols Hochzeitsmorgen
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