
German Edition
Psychology
Anton Reiser
German BooksWhale Edition by Karl Philipp Moritz
Ein psychologischer Roman über Kindheit, Bildung, Scham, Theatersehnsucht, Armut und Selbstbeobachtung.
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Anton Reiser
Anton Reiser gilt als früher psychologischer Roman deutscher Sprache. Karl Philipp Moritz beschreibt Erziehung, soziale Verletzung, religiösen Druck, Theaterträume und die Entstehung eines empfindsamen Selbst mit ungewöhnlicher Genauigkeit.
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Karl Philipp Moritz died in 1793, and Anton Reiser was first published in 1785. These dates support the public-domain basis for this German original edition.
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Anton Reiser
Karl Philipp Moritz
Teil 1
Erster Teil.
Berlin, 1785. bei Friedrich Maurer.
Dieser psychologische Roman könnte auch allenfalls eine Biographie genannt werden, weil die Beobachtungen größtenteils aus dem wirklichen Leben genommen sind. --
Wer den Lauf der menschlichen Dinge kennt, und weiß, wie dasjenige oft im Fortgange des Lebens sehr wichtig werden kann, was anfänglich klein und unbedeutend schien, der wird sich an die anscheineude Geringfügigkeit mancher Umstände, die hier erzählt werden, nicht stoßen.
Auch wird man in einem Buche, wel Ges * 2 Ges vorzüglich die innere Geschichte des Menschen schildern soll, keine große Mannigfaltigkeit der Charaktere erwarten:
denn es soll die vorstellende Kraft nicht verteilen, sondern sie zusammendrängen, und den Blick der Seele in sich selber schärfen.
-- Freilich ist dies nun keine so leichte Sache, daß gerade jeder Versuch darin glücken muß --
aber wenigstens wird doch vorzüglich in pädagogischer Rücksicht, das Bestreben nie ganz unnütz sein, die Aufmerksamkeit des Menschen mehr auf den Menschen selbst zu heften, und ihm sein individuelles Dasein wichtiger zu machen.
Endlich In P., einem Orte, der wegen seines Gesundbrunnens berühmt ist, lebte noch im Jahr 1756 ein Edelmann auf seinem Gute, der das Haupt einer Sekte in Deutschland war, die unter dem Namen der Quietisten oder Separatisten bekannt ist, und deren Lehren vorzüglich in den Schriften der Mad. Geoion, einer bekannten Schwärmerin, enthalten sind, die zu Fenelons Zeiten, mit dem sie auch Umgang hatte, in Frankreich lebte.
Der Hr. v. F., so hieß dieser Edelmann, wohnte hier von allen übrigen Einwohnern des Orts, und ihrer Religion, Sitten, und Gebräuchen, eben so abgesondert, wie sein Haus von den ihrigen durch eine hohe Mauer geschieden war, die es von allen Seiten umgab.
Dies Haus nun machte für sich eine kleine Republik aus, worin gewiß eine ganz andere Verfassung, als rund umher im ganzen Lande herrschte.
Das ganze Hauswesen bis auf den geringsten Dienstboten bestand aus lauter solchen Personen, deren Bestreben nur dahin ging, A oder zu gehen schien, in ihr Nichts ( wie es die Mad. Geoion nennt ) wieder einzugehen, alle Leidenschaften zu ertöten, und alle Eigenheit auszurotten.
Alle diese Personen mußten sich täglich einmal in einem großen Zimmer des Hauses zu einer Art von Gottesdienst versammeln, den der Herr v. F. selbst eingerichtet hatte, und welcher darin bestand, daß sie sich alle um einen Tisch setzten, und mit zugeschloßenen Augen, den Kopf auf den Tisch gelegt, eine halbe Stunde warteten, ob sie etwa die Stimme Gottes oder das innere Wort, in sich vernehmen würden.
Wer dann etwas vernahm, der machte es den übrigen bekannt.
Der Herr v. F. bestimmte auch die Lektüre seiner Leute, und wer von den Knechten oder Mägden eine müßige Viertelstunde hatte, den sah man nicht anders, als mit einer von der Mad. Geoion Schriften, vom inneren Gebet, oder dergleichen, in der Hand, in einer nachdenkenden Stellung sitzen und lesen.
Alles, bis auf die kleinsten häuslichen Beschäftigungen, hatte in diesem Hause ein ernstes, strenges, und feierliches Ansehen.
In allen Mienen glaubte man Ertötung und Verleugnung, und in allen Handlungen Ausgehen aus sich selbst und Eingehen ins Nichts zu lesen.
Der Herr v. F. hatte sich nach dem Tode seiner ersten Gemahlin nicht wieder verheiratet, sondern lebte mit seiner Schwester, der Fr. v. P., in dieser Eingezogenheit, um sich dem großen Geschäfte, die Lehren der Mad. Geoion auszubreiten, ganz und ungestört widmen zu können.
Ein Verwalter, Namens H., und eine Haushälterin mit ihrer Tochter, machten gleichsam den mittleren Stand des Hauses aus, und dann folgte das niedrige Gesinde.
-- Diese Leute schlossen sich wirklich fest aneinander, und alles hatte eine unbegrenzte Ehrfurcht gegen den Hrn. v. F., der wirklich einen unsträflichen Lebenswandel führte, obgleich die Einwohner des Orts sich mit den ärgerlichsten Geschichten von ihm trugen.
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Antons Mutter saß und weinte, und sein Vater gab ihm zwei Pfennige.
Dies waren die ersten Äußerungen des Mitleids gegen ihn, deren er sich von seinen Eltern erinnert, und die wegen der Seltenheit einen desto stärkeren Eindruck auf ihn machten.
An dem Tage vor der beschloßenen Amputation kam ein mitleidiger Schuster zu Antons Mutter, und brachte ihr eine Salbe, durch deren Gebrauch sich die Geschwulst und Entzün B dung im Fuße, während wenigen Stunden legte.
Zum Fußabnehmen kam es nun nicht, aber der Schaden dauerte demungeachtet vier Jahre lang, ehe er geheilt werden konnte, in welcher Zeit unser Anton wiederum unter oft unsäglichen Schmerzen alle Freuden der Kindheit entbehren mußte.
Bei diesen Schaden konnte er zuweilen ein ganzes Vierteljahr nicht aus dem Hause gehen, nachdem er eine Weile zuheilte, und immer wieder aufbrach.
Oft mußte er ganze Nächte hindurch wimmern und klagen, und die abscheulichsten Schmerzen fast alle Tage beim Verbinden erdulden.
Dies entfernte ihn natürlicher Weise noch mehr aus der Welt und von dem Umgange mit seines Gleichen, und fesselte ihn immer mehr an das Lesen und an die Bücher.
Am häufigsten las er, wenn er seinen jüngern Bruder wiegte, und wann es ihm damals an einem Buche fehlte, so war es, als wenn es ihm jetzt an einem Freunde fehlt:
denn das Buch mußte ihm Freund, und Tröster, und alles sein.
Im neunten Jahre las er alles, was Geschichte in der Bibel ist, vom Anfange bis zu Ende durch; und wenn einer von den Hauptpersonen, als Moses, Samuel, oder David, gestorben war, so konnte er sich Tage lang darüber betrüben, und es war ihm dabei zu Mute, als sei ihm ein Freund abgestorben, so lieb wurden ihm immer die Personen, die viel in der Welt getan, und sich einen Namen gemacht hatten.
So war Joab sein Held, und es schmerzte ihn, so oft er schlecht von ihm denken mußte.
Insbesondere haben ihn oft die Züge der Großmut in Davids Geschichte, wenn er seines ärgsten Feindes schonte, da er ihn doch in seiner Gewalt hatte, bis zu Tränen gerührt.
Nun fiel ihm das Leben der Altväter in die Hände, welches sein Vater sehr hochschätzte, und diese Altväter bei jeder Gelegenheit als Autoritäten anführte.
So fingen sich gemeiniglich seine moralischen Reden an: die Madam Geoion spricht, oder der heilige Makarius oder Antonius sagt u. s. w. B 2 Die Altväter, so abgeschmackt und abenteuerlich oft ihre Geschichte sein mochte, waren für Anton die würdigsten Muster zur Nachahmung, und er kannte eine Zeitlang keinen höheren Wunsch, als seinem großen Namensgenossen, dem heiligen Antonius, ähnlich zu werden, und wie dieser Vater und Mutter zu verlassen und in eine Wüste zu fliehen, die er nicht weit vom Tore zu finden hoffte, und wohin er einmal wirklich eine Reise antrat, indem er sich über hundert Schritte weit von der Wohnung seiner Eltern entfernte, und vielleicht noch weiter gegangen wäre, wenn die Schmerzen an seinem Fuße ihn nicht genötigt hätten, wieder zurück zu kehren.
Auch fing er wirklich zuweilen an, sich mit Nadeln zu pricken, und sonst zu peinigen, um dadurch den heiligen Altvätern einigermaßen ähnlich zu werden, da es ihm doch ohnedem an Schmerzen nicht fehlte.
Während dieser Lektüre wurde ihm ein kleines Buch geschenkt, dessen eigentlichen Titel er sich nicht erinnert, das aber von einer frühen Gottesfurcht handelte, und Anweisung gab, wie man schon vom sechsten bis zum vierzehnten Jahre in der Frömmigkeit wachsen könne.
Die Abhandlungen in diesem Büchelchen hießen also: für Kinder von sechs Jahren, für Kinder von sieben Jahren u. s. w. Anton las also den Abschnitt für Kinder von neun Jahren, und fand, daß es noch Zeit sei, ein frommer Mensch zu werden, daß er aber schon drei Jahre versäumt habe.
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Dies machte einen so starken Eindruck auf sein Gemüt, daß er noch lange nachher eine gewisse Ehrfurcht gegen die heidnischen Gottheiten behalten hat.
Von dem Hause, wo Antons Vater logierte, bis nach dem Gesundbrunnen und der Allee dabei, war ein ziemlich weiter Weg.
Anton schleppte sich demungeachtet mit seinem schmerzenden Fuße, das Buch unterm Arm, hinaus, und setzte sich auf eine Bank in der Allee, wo er im Lesen nach und nach seinen Schmerz vergaß, und bald nicht nur auf der Bank in P. sondern auf irgend einer Insel mit hohen Schlössern und Türmen, oder mitten im wilden Kriegsgetümmel sich befand.
Mit einer Art von wehmütiger Freude laß er nun, wenn Helden fielen, es schmerzte ihn zwar, aber doch dünkte ihm, sie mußten fallen.
Dies mochte auch wohl einen großen Einfluß auf seine kindischen Spiele haben.
Ein Fleck voll hochgewachsener Nesseln oder Disteln waren ihm so viele feindliche Köpfe, unter denen er manchmal grausam wütete, und sie mit seinem Stabe einen nach dem anderen herunter hieb.
Wenn er auf der Wiese ging, so machte er eine Scheidung, und ließ in seinen Gedanken zwei Heere gelber oder weißer Blumen gegeneinander anrücken.
Den größten unter ihnen gab er Namen von seinen Helden, und eine benannte er auch wohl von sich selber.
Dann stellte er eine Art von blinden Fatum vor, und mit zugemachten Augen hieb er mit seinem Stabe, wohin er traf.
Wenn er dann seine Augen wieder eröffnete, so sah er die schreckliche Zerstörung, hier lag ein Held und dort einer auf den Boden hingestreckt, und oft erblickte er mit einer sonderbaren weh C 2 mutigen und doch angenehmen Empfindung sich selbst unter den Gefallenen.
Er betrauerte dann eine Weile seine Helden, und verließ das fürchterliche Schlachtfeld.
Zu Hause, nicht weit von der Wohnung seiner Eltern, war ein Kirchhof, auf welchem er eine ganze Generation von Blumen und Pflanzen mit eisernem Zepter beherrschte, und keinen Tag hingehen ließ, wo er nicht mit ihnen eine Art von Musterung hielt.
Als er von P. wieder nach Hause gereist war, schnitzte er sich alle Helden aus dem Telemach von Papier, bemalte sie nach den Kupferstichen mit Helm und Panzer, und ließ sie einige Tage lang in Schlachtordnung stehen, bis er endlich ihr Schicksal entschied, und mit grausamen Messerhieben unter ihnen wütete, diesem den Helm, jenem den Schädel zerspaltete, und rund um sich her nichts als Tod und Verderben sah.
So liefen alle seine Spiele auch mit Kirsch- und Pflaumkernen auf Verderben und Zerstörung hinaus.
Auch über diese mußte ein blindes Schicksal walten, indem er zwei verschiedene Arten als Heere gegeneinander anrücken, und nun mit zugemachten Augen den eisernen Hammer auf sie herabfallen ließ, und wem es traf, den traf.
Wenn er Fliegen mit der Klappe tot schlug, so tat er dieses mit einer Art von Feierlichkeit, indem er einer jeden mit einem Stücke Messing, das er in der Hand hatte, vorher die Totenglocke läutete.
Das allergrößte Vergnügen machte es ihm, wenn er eine aus kleinen papiernen Häusern erbaute Stadt verbrennen, und dann nachher mit feierlichem Ernst und Wehmut den zurückgebliebenen Aschenhaufen betrachten konnte.
Ja als in der Stadt, wo seine Eltern wohnten, einmal wirklich in der Nacht ein Haus abbrannte, so empfand er bei allem Schreck eine Art von geheimen Wünsche, daß das Feuer nicht sobald gelöscht werden möchte.
Dieser Wunsch hatte nichts weniger als Schadenfreude zum Grunde, sondern entstand aus einer dunklen Ahnung von großen Veränderungen, Auswanderungen und Revolutionen, wo alle Dinge eine ganz andere Gestalt bekom C 3 men, und die bisherige Einförmigkeit aufhören würde.
Selbst der Gedanke an seine eigene Zerstörung war ihm nicht nur angenehm, sondern verursachte ihm sogar eine Art von wollüstiger Empfindung, wenn er oft des Abends, ehe er einschlief, sich die Auflösung und das Auseinanderfallen seines Körpers lebhaft dachte.
Table of contents
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