BooksWhaleBooksWhale
Das Odfeld cover

German Edition

Literature

Das Odfeld

German BooksWhale Edition by Wilhelm Raabe

Im Siebenjährigen Krieg geraten Bewohner eines ehemaligen Klosters zwischen durchziehende Truppen, drohende Gewalt und die Sorge um ihr Überleben.

Preview
A sample from the prepared text
Formats
Online reader, EPUB, PDF
Access
Library claim

Book introduction

Das Odfeld

Wilhelm Raabe führt seine Figuren in die Landschaft um Amelungsborn, wo der Krieg die vermeintliche Abgeschiedenheit des früheren Klosters aufbricht. Im Mittelpunkt steht der Magister Buchius, dessen Gelehrsamkeit auf eine Welt unmittelbarer Gefahr trifft. Die Erzählung verbindet historische Ereignisse mit eigensinnigen Beobachtungen über Angst, Zufall und menschliches Verhalten. Ihre fünfundzwanzig Kapitel zeigen den Krieg aus der Nähe verletzlicher Einzelner.

BooksWhale edition

How this edition was prepared

This edition is based on a public domain text and has been prepared for digital reading by BooksWhale.

Public domain basis

Why this edition can be shared

Wilhelm Raabe starb 1910; das Werk erschien erstmals 1888. Verwendet wird der gemeinfreie deutsche Originaltext, ohne spätere Anmerkungen oder redaktionelle Zusätze.

Read preview

A sample from the prepared text

Preview selected from the prepared reader text.

Preview chapterMottoRead preview

So ist es also das Schicksal Deutschlands immer gewesen, daß seine Bewohner, durch das Gefühl ihrer Tapferkeit hingerissen, an allen Kriegen Teil nahmen; oder, daß es selbst der Schauplatz blutiger Auftritte war. Daß, wenn über die Grenzen am Oronoco Zwist entstand, er in Deutschland mußte ausgemacht, Kanada auf unserm Boden erobert werden.

(Holzmindisches Wochenblatt, 45. Stück,

den 10. Novbr 1787.)

Preview chapterErstes Kapitel.Preview

Dicht am Odfelde, in der angenehmsten Mitte des Tilithi- oder auch Wikanafeldistan-Gaus, liegt auf dem Auerberge über dem romantischen, vom lustigen Forstbach durchrauschten, heute freilich arg durch Steinbrecherfäuste verwüsteten Hooptal das uralte Kloster Amelungsborn. Will man die Geschichten, die ich hiervon erzählen kann, anhören, so ist es mir recht. Wenn nicht, muß ich mir das auch gefallen lassen und rede von den alten Sachen, wie schon recht häufig, zu mir selber allein. Ist nämlich unter Umständen auch ein Vergnügen, einerlei, ob am sonnigen Sonntagmorgen, im abendlichen Alltagszwielicht, im Sommer oder im Winter; – nur in der richtigen Stimmung muß man sich dann mit sich selber allein finden!

Ach ja, wenn man so das Ohr an ein Bündel vergilbter Papiere, an ein würdig Pergamen, an einen Folianten in Schweinsleder, ja oder auch an eines der Büchelchen in Duodez mit abgegriffenem Sammeteinband, Goldschnitt und Kupfern von Daniel Chodowiecki legt! Oft hört dann kein Kind, das eine Muschel an das Ohr hält, von Ferne her ein geheimnisvolleres, tiefgründigeres Tönen, Sausen und Brausen.

Man kann dann und wann sogar, über seiner Materie, seinem gelehrten Rüstzeug auf beiden Armen liegend, gründlich gelangweilt einschlafen und beim Wiedererwachen zu seiner Verwunderung bemerken, daß man doch etwas gelernt habe zum Weitergeben an andere. Auch in dieser Hinsicht beschert es der Herrgott den Seinen nicht selten im Traum; und es ist oft nicht das Schlechteste, was so den Lesern zufällt – und auch dem Geschichts- und Geschichten-Schreiber, falls er nur nachher eben bei seinem Niederschreiben die Augen offen und die Feder fest in der Hand behalten hat.

Schon Cajus Cornelius Tacitus soll die Gegend um den Ith gekannt haben, wenn auch nicht aus persönlicher Anschauung. Er soll von dem Odfelde – Campus Odini, und von dem Vogler – mons Fugleri reden. Dieses lassen wir auf sich beruhen; aber die Gegend ist allzu fett und fein, als daß sie nicht gleichfalls als Tummelplatz vieler menschlicher Begehrlichkeit und als Walstätte weltgeschichtlicher Katzbalgereien hergehalten haben sollte.

Römer haben sich ziemlich sicher hier auf Wodans Felde mit Cheruskern gezerrt und gezogen, Franken mit Sachsen und die Sachsen sich sehr untereinander. Die alte Köln-Berliner Landstraße läuft nicht umsonst über das Odfeld, vorbei an dem Quadhagen: Ost und Westen konnten also, wenn sie sich etwas mit dem Prügel in der Faust zu sagen hatten, wohl aneinander gelangen, und daß sie bis in die jüngste Zeit ausgiebigen Gebrauch von der Weggelegenheit machten, davon wird der Leser Erfahrung gewinnen, wenn er nur um ein kleines weiterblättert.

Wie hübsch ist es, wenn Brüder friedlich bei einander wohnen, und wie selten ist es! Und da es so selten ist, so hat es zu allen Zeiten Leute gegeben, die ihrer Nerven wegen den Verkehr und Umgang mit ihrer Nachbarschaft nach Tunlichkeit mieden oder ihn wohl ganz abbrachen und sich auf sich selber zurückzogen. Ein solcher Einsiedler hätte im Jahre Siebenzehnhunderteinundsechzig Magister Buchius im Kloster Amelungsborn wohl sein mögen, und ein solcher ist tausend Jahr früher der Gründer des Klosters unbedingt gewesen.

Das heißt, so unbedingt der Gründer kann der Mann Amelung, der vor undenklichen Zeiten im Tal unter dem Auerberge, oder diesmal genauer unterm Küchenbrink, den Born, der nachher seinen Namen trug, aufgrub, nicht genannt werden. Der Mann wollte nichts gründen, der Mann wollte sicherlich nichts weiter als endlich seine Ruhe vor der Brüder- und Schwesterschaft dieser Welt. Hoffentlich ist sie ihm zuteil geworden im Eichenschatten des Hooptals und ist der wilde Eber mit seinen Angehörigen auf der Eichelnsuche sein schlimmster Störenfried geblieben, bis, wie es im Märchen heißt, eines Morgens die frommen Rehe kamen und den lieben Freund und guten Greis aller Unlust durch seinesgleichen auf Erden enthoben fanden und so weiter.

»Und so weiter!« nämlich werden an dieser Stelle schon leider mehr als einer und eine sagen, denen es jetzt schon scheint, als ob der Historiograph wieder einmal imstande sei, ihnen die gewohnte Unlust zuzubereiten, und – hinter deren Rücken fahren wir fort in unserem Bericht.

Preview chapterZweites Kapitel.Preview

Die große Wald-Schule hatte wandern müssen, und der Klosteramtmann war geblieben und hatte, sich die Hände reibend, gemeint, nun sei endlich wohl für ihn die bessere, die ruhigere Zeit gekommen und – hatte sich sehr geirrt, wie man sich eben bei seinen Hoffnungen und Wünschen dann und wann im Leben zu irren pflegt. Der Mann hatte für sein Teil Ruhe und Behagen in der Welt zu wenig mit den übrigen Zeitumständen gerechnet. Im Jahre 1761 gab es trotz des Abzuges des Cötus keine Ruhe in und um Kloster Amelungsborn, weder für den Herrn Amtmann noch die anderen In- und Umsassen der Stiftung Siegfrieds von der Homburg.

Das Verhältnis zwischen der Schule und dem Amt war immer nicht das beste gewesen; aber im Verlaufe des achtzehnten Jahrhunderts hatte es sich derartig verschlechtert, daß es zuletzt gar nicht schlimmer mehr werden konnte. Zu verwundern war's gerade nicht. Sie saßen einander zu nahe und mit sich zu sehr widersprechenden Interessen auf dem Kasten. Ihre Anschauungen über Recht, Rechte, Berechtigungen, über Moral, Tugend, Sitte und Gewohnheit, ja, im pursten, krassesten, blassesten Sinne über Mein und Dein waren allzu verschieden. Sitte, Gewohnheit, Recht liefen zwischen beiden Mächten allgemach nur darauf hinaus, sich gegenseitig den größtmöglichen Verdruß und Tort, ja das gebrannteste Herzeleid anzutun.

»Lieber die Franzosen solange es ihnen beliebt im Lande, als diese gelehrte Kumpanei von Schlingeln, Lümmeln, Flegeln und Spitzbuben einen Tag auf dem Buckel!« hatte der Klosteramtmann schon seit Jahren geseufzt und geflucht. Ach, leider, ohne zu ahnen, wie bald und wie sehr ihn das Schicksal beim Wort nehmen werde!

Nun hatte er von der ganzen Schule nur noch den Magister Buchius im Hause; aber volle Gelegenheit, es auszuprobieren, ob es sich mit dem Herzog von Soubise, dem Marschall von Broglio, dem Marquis von Belsunce und dem Vicomte von Poyanne behaglicher Kirschen essen lasse als mit den gelehrten und ungelehrten, den jungen und alten Erbnehmern der Cistercienser von Amelungsborn.

Wir reden mit ihm wohl noch einmal darüber oder hören seine Meinung aus der Vergangenheit. Für's erste haben wir es vor allen Dingen mit dem Magister Noah Buchius zu tun, den die Klosterschule bei ihrer Auswanderung allein zurückgelassen hatte auf dem Auerberge, wie man beim Auszug, halb des Spaßes wegen, einen alten, zerrissenen Rock am Nagel, einen alten, bodenlosen Korb im Winkel, ein altes, vermorschtes Faß im Keller zurückläßt, und das alles dem von seinen Nachfolgern schenkt, der es haben will oder es mit in den Kauf nehmen muß. Der Amtmann hatte den letzten Magister von Amelungsborn mit in den Kauf zu nehmen, nur auf allerhöchsten Spezialbefehl von Braunschweig aus, auf Gutachten herzoglichen Consistorii zu Wolfenbüttel. Wir aber heute, wir würden wohl nicht nach dem Herrn Amtmann in die Tage der Vergangenheit zurück gehorcht haben, wenn dem nicht so der Fall gewesen wäre. Wir haben dann und wann eine Vorliebe für das, was Abziehende als gänzlich unbrauchbar und im Handel der Erde nimmer mehr verwendbar hinter sich zurückzulassen pflegen. Wir nehmen manchmal das auch etwas ernster, was die Menschheit in ihrer Tagesaufregung nur für einen guten Spaß hält. O, wir können sehr ernsthaft sein bei Dingen, die den Leuten höchst komisch vorkommen.

Ach Gott, ach Gott, sich in einer Welt zu finden, in der man sich gar nicht zurechtzufinden weiß! Dies Los war dem armen letzten Magister von Kloster Amelungsborn im vollsten Maße zuteil geworden. Als Sohn des Pastors von Bevern war er geboren worden, in Helmstedt hatte er Theologie studiert, aber sich auf der Kanzel nimmer auf das besinnen können, was er der christlichen Gemeinde aus bestem Herzen sagen wollte. Auf drei oder vier adeligen Gütern zwischen der Weser und der Leine hatte er das bittere Brot des Präceptorentums des achtzehnten Jahrhunderts gegessen und zuletzt – vor Jahren, Jahren, Jahren – sehr verhungert an die Pforte geklopft, durch die sein Ahnherr vordem in Würden ein- und ausgegangen war.

Table of contents

Inside this edition

  1. 01Motto
  2. 02Erstes Kapitel.
  3. 03Zweites Kapitel.
  4. 04Drittes Kapitel.
  5. 05Viertes Kapitel.
  6. 06Fünftes Kapitel.
  7. 07Sechstes Kapitel.
  8. 08Siebentes Kapitel.
  9. 09Achtes Kapitel.
  10. 10Neuntes Kapitel.
  11. 11Zehntes Kapitel.
  12. 12Elftes Kapitel.
  13. 13Zwölftes Kapitel.
  14. 14Dreizehntes Kapitel.
  15. 15Vierzehntes Kapitel.
  16. 16Fünfzehntes Kapitel.
  17. 17Sechzehntes Kapitel.
  18. 18Siebenzehntes Kapitel.
  19. 19Achtzehntes Kapitel.
  20. 20Neunzehntes Kapitel.
  21. 21Zwanzigstes Kapitel.
  22. 22Einundzwanzigstes Kapitel.
  23. 23Zweiundzwanzigstes Kapitel.
  24. 24Dreiundzwanzigstes Kapitel.
  25. 25Vierundzwanzigstes Kapitel.
  26. 26Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Language availability

Other languages

Additional language editions are not published yet. This section will link to other BooksWhale editions when they become available.

Request another language

Das Odfeld

Membership $9.99 / year · claim access

PreviewJoin