BooksWhaleBooksWhale
Account
Der Findling cover

German Edition

Literature

Der Findling

German BooksWhale Edition by Heinrich von Kleist

Eine düstere Novelle über Adoption, Begehren, Betrug und die zerstörerische Kraft moralischer Verblendung.

Preview
A sample from the prepared text
Formats
Online reader, EPUB, PDF
Access
Library claim

Book introduction

Der Findling

Der Findling erzählt von einem aufgenommenen Kind, dessen Eintritt in eine Familie Zuneigung, Misstrauen, Besitzdenken und Begehren vergiftet. Kleist konstruiert daraus eine beklemmende Novelle, in der scheinbare Wohltat und verborgene Schuld unaufhaltsam in Gewalt umschlagen.

BooksWhale edition

How this edition was prepared

This edition is based on a public domain text and has been prepared for digital reading by BooksWhale.

Public domain basis

Why this edition can be shared

Heinrich von Kleist died in 1811, and Der Findling appeared in the early nineteenth century. These dates support the public-domain basis for the German source text used in this edition.

Read preview

A sample from the prepared text

Preview selected from the prepared reader text.

Preview chapterPart 1Read preview

Der Findling

Antonio Piachi, ein wohlhabender Güterhändler in Rom, war genötigt,

in seinen Handelsgeschäften zuweilen große Reisen zu machen. Er

pflegte dann gewöhnlich Elvire, seine junge Frau, unter dem Schutz

ihrer Verwandten, daselbst zurückzulassen. Eine dieser Reisen führte

ihn mit seinem Sohn Paolo, einem eilfjährigen Knaben, den ihm seine

erste Frau geboren hatte, nach Ragusa. Es traf sich, daß hier eben

eine pestartige Krankheit ausgebrochen war, welche die Stadt und

Gegend umher in großes Schrecken setzte. Piachi, dem die Nachricht

davon erst auf der Reise zu Ohren gekommen war, hielt in der Vorstadt

an, um sich nach der Natur derselben zu erkundigen. Doch da er hörte,

daß das Übel von Tage zu Tage bedenklicher werde, und daß man damit

umgehe, die Tore zu sperren; so überwand die Sorge für seinen Sohn

alle kaufmännischen Interessen: er nahm Pferde und reisete wieder ab.

Er bemerkte, da er im Freien war, einen Knaben neben seinem Wagen,

der, nach Art der Flehenden, die Hände zu ihm ausstreckte und in

großer Gemütsbewegung zu sein schien. Piachi ließ halten; und auf

die Frage: was er wolle? antwortete der Knabe in seiner Unschuld: er

sei angesteckt; die Häscher verfolgten ihn, um ihn ins Krankenhaus zu

bringen, wo sein Vater und seine Mutter schon gestorben wären; er

bitte um aller Heiligen willen, ihn mitzunehmen, und nicht in der

Stadt umkommen zu lassen. Dabei faßte er des Alten Hand, drückte und

küßte sie und weinte darauf nieder. Piachi wollte in der ersten

Regung des Entsetzens, den Jungen weit von sich schleudern; doch da

dieser, in eben diesem Augenblick, seine Farbe veränderte und

ohnmächtig auf den Boden niedersank, so regte sich des guten Alten

Mitleid: er stieg mit seinem Sohn aus, legte den Jungen in den Wagen,

und fuhr mit ihm fort, obschon er auf der Welt nicht wußte, was er

mit demselben anfangen sollte.

Er unterhandelte noch, in der ersten Station, mit den Wirtsleuten,

über die Art und Weise, wie er seiner wieder los werden könne: als er

schon auf Befehl der Polizei, welche davon Wind bekommen hatte,

arretiert und unter einer Bedeckung, er, sein Sohn und Nicolo, so

hieß der kranke Knabe, wieder nach Ragusa zurück transportiert ward.

Alle Vorstellungen von Seiten Piachis, über die Grausamkeit dieser

Maßregel, halfen zu nichts; in Ragusa angekommen, wurden nunmehr alle

drei, unter Aufsicht eines Häschers, nach dem Krankenhause abgeführt,

wo er zwar, Piachi, gesund blieb, und Nicolo, der Knabe, sich von dem

Übel wieder erholte: sein Sohn aber, der eilfjährige Paolo, von

demselben angesteckt ward, und in drei Tagen starb.

Die Tore wurden nun wieder geöffnet und Piachi, nachdem er seinen

Sohn begraben hatte, erhielt von der Polizei Erlaubnis, zu reisen.

Er bestieg eben, sehr von Schmerz bewegt, den Wagen und nahm, bei dem

Anblick des Platzes, der neben ihm leer blieb, sein Schnupftuch

heraus, um seine Tränen fließen zu lassen: als Nicolo, mit der Mütze

in der Hand, an seinen Wagen trat und ihm eine glückliche Reise

wünschte. Piachi beugte sich aus dem Schlage heraus und fragte ihn,

mit einer von heftigem Schluchzen unterbrochenen Stimme: ob er mit

ihm reisen wollte? Der Junge, sobald er den Alten nur verstanden

hatte, nickte und sprach: o ja! sehr gern; und da die Vorsteher des

Krankenhauses, auf die Frage des Güterhändlers: ob es dem Jungen wohl

erlaubt wäre, einzusteigen? lächelten und versicherten: daß er Gottes

Sohn wäre und niemand ihn vermissen würde; so hob ihn Piachi, in

einer großen Bewegung, in den Wagen, und nahm ihn, an seines Sohnes

Statt, mit sich nach Rom.

Auf der Straße, vor den Toren der Stadt, sah sich der Landmäkler den

Jungen erst recht an. Er war von einer besonderen, etwas starren

Preview chapterPart 2Preview

sollte, dessen Blumen zu brechen er eben so schmählich von ihr

gestraft worden war. Er glühte vor Begierde, ihr, falls dies der

Fall sein sollte, bei dem Alten denselben Dienst zu erweisen, als sie

ihm, und bedurfte und suchte nichts, als die Gelegenheit, diesen

Vorsatz ins Werk zu richten.

Einst ging er, zu einer Zeit, da gerade Piachi außer dem Hause war,

an Elvirens Zimmer vorbei, und hörte, zu seinem Befremden, daß man

darin sprach. Von raschen, heimtückischen Hoffnungen durchzuckt,

beugte er sich mit Augen und Ohren gegen das Schloß nieder,

und--Himmel! was erblickte er? Da lag sie, in der Stellung der

Verzückung, zu jemandes Füßen, und ob er gleich die Person nicht

erkennen konnte, so vernahm er doch ganz deutlich, recht mit dem

Akzent der Liebe ausgesprochen, das geflüsterte Wort: Colino. Er

legte sich mit klopfendem Herzen in das Fenster des Korridors, von wo

aus er, ohne seine Absicht zu verraten, den Eingang des Zimmers

beobachten konnte; und schon glaubte er, bei einem Geräusch, das sich

ganz leise am Riegel erhob, den unschätzbaren Augenblick, da er die

Scheinheilige entlarven könne, gekommen: als, statt des Unbekannten

den er erwartete, Elvire selbst, ohne irgend eine Begleitung, mit

einem ganz gleichgültigen und ruhigen Blick, den sie aus der Ferne

auf ihn warf, aus dem Zimmer hervortrat. Sie hatte ein Stück

selbstgewebter Leinwand unter dem Arm; und nachdem sie das Gemach,

mit einem Schlüssel, den sie sich von der Hüfte nahm, verschlossen

hatte, stieg sie ganz ruhig, die Hand ans Geländer gelehnt, die

Treppe hinab. Diese Verstellung, diese scheinbare Gleichgültigkeit,

schien ihm der Gipfel der Frechheit und Arglist, und kaum war sie ihm

aus dem Gesicht, als er schon lief, einen Hauptschlüssel

herbeizuholen, und nachdem er die Umringung, mit scheuen Blicken, ein

wenig geprüft hatte, heimlich die Tür des Gemachs öffnete. Aber wie

erstaunte er, als er alles leer fand, und in allen vier Winkeln, die

er durchspähte, nichts, das einem Menschen auch nur ähnlich war,

entdeckte: außer dem Bild eines jungen Ritters in Lebensgröße, das in

einer Nische der Wand, hinter einem rotseidenen Vorhang, von einem

besondern Lichte bestrahlt, aufgestellt war. Nicolo erschrak, er

wußte selbst nicht warum: und eine Menge Gedanken fuhren ihm, den

großen Augen des Bildes, das ihn starr ansah, gegenüber, durch die

Brust: doch ehe er sie noch gesammelt und geordnet hatte, ergriff ihn

schon Furcht, von Elviren entdeckt und gestraft zu werden; er schloß,

in nicht geringer Verwirrung, die Tür wieder zu, und entfernte sich.

Je mehr er über diesen sonderbaren Vorfall nachdachte, je wichtiger

ward ihm das Bild, das er entdeckt hatte, und je peinlicher und

brennender war die Neugierde in ihm, zu wissen, wer damit gemeint sei.

Denn er hatte sie, im ganzen Umriß ihrer Stellung auf Knieen liegen

gesehen, und es war nur zu gewiß, daß derjenige, vor dem dies

geschehen war, die Gestalt des jungen Ritters auf der Leinwand war.

In der Unruhe des Gemüts, die sich seiner bemeisterte, ging er zu

Xaviera Tartini, und erzählte ihr die wunderbare Begebenheit, die er

erlebt hatte. Diese, die in dem Interesse, Elviren zu stürzen, mit

ihm zusammentraf, indem alle Schwierigkeiten, die sie in ihrem Umgang

fanden, von ihr herrührten, äußerte den Wunsch, das Bild, das in dem

Zimmer derselben aufgestellt war, einmal zu sehen. Denn einer

ausgebreiteten Bekanntschaft unter den Edelleuten Italiens konnte sie

sich rühmen, und falls derjenige, der hier in Rede stand, nur irgend

einmal in Rom gewesen und von einiger Bedeutung war, so durfte sie

hoffen, ihn zu kennen. Es fügte sich auch bald, daß die beiden

Eheleute Piachi, da sie einen Verwandten besuchen wollten, an einem

Sonntag auf das Land reiseten, und kaum wußte Nicolo auf diese Weise

das Feld rein, als er schon zu Xavieren eilte, und diese mit einer

Preview chapterPart 3Preview

Dekret in den Mund stopfte. Dies abgemacht, stand er, indem er alle

seine Waffen abgab, auf; ward ins Gefängnis gesetzt, verhört und

verurteilt, mit dem Strange vom Leben zum Tode gebracht zu werden.

In dem Kirchenstaat herrscht ein Gesetz, nach welchem kein Verbrecher

zum Tode geführt werden kann, bevor er die Absolution empfangen.

Piachi, als ihm der Stab gebrochen war, verweigerte sich hartnäckig

der Absolution. Nachdem man vergebens alles, was die Religion an die

Hand gab, versucht hatte, ihm die Strafwürdigkeit seiner Handlung

fühlbar zu machen, hoffte man, ihn durch den Anblick des Todes, der

seiner wartete, in das Gefühl der Reue hineinzuschrecken, und führte

ihn nach dem Galgen hinaus. Hier stand ein Priester und schilderte

ihm, mit der Lunge der letzten Posaune, alle Schrecknisse der Hölle,

in die seine Seele hinabzufahren im Begriff war; dort ein anderer,

den Leib des Herrn, das heilige Entsühnungsmittel in der Hand, und

pries ihm die Wohnungen des ewigen Friedens.--"Willst du der Wohltat

der Erlösung teilhaftig werden?" fragten ihn beide. "Willst du das

Abendmahl empfangen?"--Nein, antwortete Piachi.--"Warum nicht?"--Ich

will nicht selig sein. Ich will in den untersten Grund der Hölle

hinabfahren. Ich will den Nicolo, der nicht im Himmel sein wird,

wiederfinden, und meine Rache, die ich hier nur unvollständig

befriedigen konnte, wieder aufnehmen!--Und damit bestieg er die

Leiter und forderte den Nachrichter auf, sein Amt zu tun. Kurz, man

sah sich genötigt, mit der Hinrichtung einzuhalten, und den

Unglücklichen, den das Gesetz in Schutz nahm, wieder in das Gefängnis

zurückzuführen. Drei hinter einander folgende Tage machte man

dieselben Versuche und immer mit demselben Erfolg. Als er am dritten

Tage wieder, ohne an den Galgen geknüpft zu werden, die Leiter

herabsteigen mußte: hob er, mit einer grimmigen Gebärde, die Hände

empor, das unmenschliche Gesetz verfluchend, das ihn nicht zur Hölle

fahren lassen wolle. Er rief die ganze Schar der Teufel herbei, ihn

zu holen, verschwor sich, sein einziger Wunsch sei, gerichtet und

verdammt zu werden, und versicherte, er würde noch dem ersten, besten

Priester an den Hals kommen, um des Nicolo in der Hölle wieder

habhaft zu werden!--Als man dem Papst dies meldete, befahl er, ihn

ohne Absolution hinzurichten; kein Priester begleitete ihn, man

knüpfte ihn, ganz in der Stille, auf dem Platz del popolo auf.

Table of contents

Inside this edition

  1. 01Part 1
  2. 02Part 2
  3. 03Part 3

Language availability

Other languages

Additional language editions are not published yet. This section will link to other BooksWhale editions when they become available.

Request another language

Der Findling

Membership $9.99 / year · claim access

PreviewJoin