
German Edition
Literature
Der junge Tischlermeister
German BooksWhale Edition by Ludwig Tieck
Leonhards Weg verbindet handwerkliche Arbeit mit Kunstgesprächen, gesellschaftlichen Begegnungen und der Suche nach einer selbstbestimmten Lebensform zwischen verschiedenen Erwartungen.
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Book introduction
Der junge Tischlermeister
Ludwig Tieck begleitet den jungen Tischlermeister Leonhard durch Begegnungen, in denen Handwerk, Theater, Dichtung und gesellschaftlicher Rang aufeinandertreffen. Gespräche und Erzählungen öffnen den Blick auf unterschiedliche Vorstellungen von Bildung und Lebensgestaltung. Der deutsche Roman ist mit dem Vorwort und allen sieben Abschnitten enthalten; seine ausführlichen Dialoge verbinden Alltagsbeobachtung mit den ästhetischen Fragen der Romantik.
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Ludwig Tieck starb 1853; das Werk erschien erstmals 1836. Verwendet wird der deutsche Originaltext aus TextGrid; spätere redaktionelle Zusätze und Anmerkungen sind ausgeschlossen.
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Preview chapterVorwortRead preview
Es ist ein bekanntes Sprichwort: daß auch Bücher, größere wie kleinere, ihre Schicksale haben. So waren es nur unvermutete Hindernisse, Störungen und Zufälle, welche veranlaßten, daß gegenwärtige Novelle nicht schon vor vielen Jahren den Lesern mitgeteilt wurde. Der Plan zu dieser Erzählung ist geradezu einer meiner frühesten Entwürfe, denn er entstand schon im Frühjahr 1795. Der Wunsch, klare und bestimmte Ausschnitte unsers echten deutschen Lebens, seiner Verhältnisse und Aussichten wahrhaft zu zeichnen, regte sich lebhaft in mir. Cervantes' Novellen hatten mich schon damals begeistert. Manche andere Entwürfe wurden ausgeführt, und drängten diese Novelle, welche meine früheste war, und den Anlaß zu den spätern gab, zurück. Erst im Jahre 1811 begann ich die Ausarbeitung, die jetzt sich mehr ausdehnte und bunter ausfiel, als es im ersten Entwurfe lag. Rasch schritt ich vor, und damals, wenn das Werk geendigt worden, war mancher Gedanke über Zünfte, Bürgerlichkeit und dergleichen mehr an der Tagesordnung; vieles gewissermaßen neu und noch unbesprochen. Die Ruhe aber fand sich nicht, um die Aufgabe zu vollenden, doch wurde schon im Jahre 1819 das, was geschrieben war, der Presse übergeben, und ich hoffte, mit dem Sommer meinem befreundeten Verleger das ganze Werk dessen Druck er sogleich begann, übersenden zu können. Diese Erfüllung ist aber jetzt erst eingetreten, und so bietet sich nun die Erfindung, so früh begonnen, so oft verzögert und so spät vollendet, dem Wohlwollen des Lesers.
Ein ähnliches Schicksal traf »den Aufruhr in den Cevennen«. Er wäre jetzt statt dieses Werkes erschienen, wenn mich nicht diese Laune aus meiner Jugend zu lebhaft angeregt hätte, sie fortzusetzen und zu beschließen. Da zu jenem unterbrochenen Werke längst alles vorbereitet ist, so darf ich hoffen, auch dies dem Publikum nächstens übergeben zu können.
Wenn die jüngere ungestüme Welt mich jetzt so oft aufruft und schilt, ich soll lernen, erfahren, mitgehen, verstehen und fassen, und ich werfe einmal Blicke in diese Produkte meiner neuesten und frischesten Zeitgenossen, so kann ich mich des Lächelns nicht erwehren, weil so viele großen Entdeckungen und Wahrheiten schon längst in meinen Schriften, zum Teil den frühesten, stehen. Ich darf mir wohl das Zeugnis geben, daß ich immerdar forsche und mehr lerne, je älter ich werde; aber – wie Goethe auch schon einmal das veraltete Sprichwort auf sich anwendet – man soll oft erfahren und über das erstaunen, als über wichtige Entdeckung, was man schon längst an den Schuhsohlen abgelaufen hat. – Oberflächliche Allseitigkeit war mir immer verhaßt. Nur in seinem wahren Beruf kann der Mensch stark sein, irgendwo muß er ganz zu Hause sein und fest stehen; ich aber glaube nicht, daß ich mir willkührlich meine Kreise zu enge gezogen habe.
Es ist wohl nicht unbillig, von Rezensierenden, die mich tiefsinnig tadeln wollen, zu erwarten, daß sie meine Schriften gelesen haben. Da ich die Form der Novelle auch dazu geeignet halte, manches in konventioneller oder echter Sitte und Moral Hergebrachte überschreiten zu dürfen (wodurch sie auch vom Roman und dem Drama sich bestimmt unterscheidet), so mache ich in dieser Beziehung nur auf jene Andeutung aufmerksam, welche die Vorrede zum eilften Bande meiner gesammelten Schriften beschließt.
Dresden, im April-Monat.
Preview chapterErster AbschnittPreview
Leonhard, der junge Tischlermeister, lehnte sich aus dem Fenster, schaute in den alten Nußbaum hinauf und übersahe dann seinen Hof. Der Dunst von den Brettern, welche zum Trocknen aufgestapelt waren, das Zwitschern der Schwalben, die auf und ab, von und zu ihren Nestern flogen, ein ferner Gesang aus einem Dachstübchen der nächsten Straße herüber, der rote Schimmer der untergehenden Sonne, der im Wipfel des Baumes sich bewegte, dessen Geräusch mit dem Abendliede einzustimmen schien: alles bewegte des jungen Mannes Herz auf eine seltsame Weise, und er fühlte sich beklemmt, als die Schatten sich überall verbreiteten, so daß er im Nachsinnen seine junge Frau nicht bemerkte, die neben ihn getreten war, und ihn jetzt mit einem sanften Schlage aus seiner Träumerei erweckte. »Wo warst du mit deinen Gedanken?« fragte sie ihn freundlich. Er küßte sie herzlich und sagte: »Ich weiß es selbst nicht, liebe Friederike, ich dachte wohl eigentlich nichts, und jetzt erst, da du mich zur Besinnung gebracht hast, ist es mir möglich, von meinen Empfindungen etwas zu wissen. Du erinnerst dich, mit welcher Sehnsucht wir im vorigen Winter das Frühjahr erwarteten, mit ihm die neue Einrichtung, den Ankauf der Hölzer, den Aufhau der Schuppen, die Erweiterung meines Gewerbes, und alles ist nun da, besser, reicher, wohlhabender, wie ich es nur wünschen konnte, und indem ich nun jetzt so über meinen Besitzstand hinblickte, in der Ferne die Gesellen arbeiten hörte, und mir aus allen diesen Brettern gleichsam schon alle die Mobilien entgegentraten, die daraus gefertigt werden können, und mir war, als hörte ich das Geld klingen, das mir dafür gezahlt würde, um wieder Bretter einzukaufen, und so immer fort – wurde mir so bänglich zu Sinne, daß ich aus Wehmut auf das Zwitschern der Schwalben hörte, und fast weinen mußte, als das Abendlied der alten Wollspinnerin von drüben herübertönte. So ist es; aber was es ist, kann ich selbst nicht sagen.«
»Nichts ist es«, sagte Friederike lachend, »als daß du ein wunderlicher Kauz bist und bleibst. Aber darum lieb ich dich nur um so mehr, daß du nicht bist wie alle Menschen. In der Kindheit konnte mich wohl auch solche Furcht anwandeln, mitten unter meinen Befreundeten eine unaussprechliche Bangigkeit. So hatte mein Oheim sein Haus fertig gebaut, und das Hintergebäude war beinah auch schon vollendet. Wir Kinder hatten vor dem Oheim den allergrößten Respekt, die Bauanstalt kam uns sehr ehrwürdig vor, alles, was wir sahen, sprach davon, wie von etwas höchst Wichtigem, und alle die Maurer, Tischler, Zimmerleute und Anstreicher schienen mir mit ihrem Klappern, Tünchen und Hämmern das Erhabenste, was man in dieser Welt erleben könne. Einen Feierabend spielten wir zwischen den Spänen im Nebengebäude, wir entdeckten da tausend kindische Schätze, und indem ich durch eine Tür krieche, die mit Gerüsten verbaut war, um aus einem anderen Zimmer Klötzchen, Stücke Blech und Hobelspäne in meiner Schürze zu sammeln, überfiel mich in der dämmernden Einsamkeit, unter den stummen Geräten und Gestellen die sonderbarste Angst, eine Furcht vor etwas Unbekanntem, und dabei ein fast lächerliches Gefühl, als wenn der reiche Oheim und sein Bau, und alle seine Arbeiten und Anstalten etwas durchaus Albernes, Läppisches und Unnützes seien, so daß ich mich mit schreiendem Gesang zu meinen Gespielen zurückarbeitete, und mir den ganzen Abend, auch bei den Lichtern, war, als könne ich die vorige Welt nicht wiederfinden. Eine alte Magd, der ich beim Schlafengehen meine Empfindungen mitteilen wollte, meinte, ich würde wohl den Baugeist gesehen oder gehört haben. Der Abend ist mir nachher noch oft eingefallen, und freilich muß ich manchmal lachen, wenn ich den übertriebenen Ernst so vieler Menschen sehe und ihre ängstliche Geschäftigkeit, und daß alles doch wieder vergeht, und wenn man über dies dunkle Wesen ängstlich werden möchte, so nenne ich es immer mit meiner alten Magd den Baugeist, und bin beruhigt. Es ist doch immer so lustig und schön, wenn die Menschen brav arbeiten.«
Preview chapterZweiter AbschnittPreview
Ein heller Sommerglanz war an dem Morgen verbreitet, an welchem Elsheim und Leonhard, die Stadt verlassend, über das grünende Gefilde fuhren. Beide waren eine Zeitlang stumm, wie es gewöhnlich beim Anfang einer Reise zu sein pflegt; nach einiger Zeit sagte der Baron: »Dein alter Magister, mein Freund, hat mich gestern innig gerührt, und ich habe viel an ihn denken müssen; es scheint mir in ihm ein schönes Gemüt zugrunde gegangen zu ein, wie in so manchen Menschen, wenn sie ihren Beruf verfehlen; ich fing damit an, über ihn zu lachen, und endigte, ihn zu lieben und innerlich zu beweinen. Wie bist du an ihn gekommen?«
»Ich hörte von ihm reden«, antwortete Leonhard, »und suchte ihn auf, wo ich ihn in einer Gesellschaft von Bürgern traf, die sich über ihn lustig machten. Von meinem wackern Vater habe ich das Mitleid geerbt, das er vorzüglich mit verarmten Gelehrten und Künstlern hatte, und deshalb zog ich ihn in mein Haus, so daß er nun sorgenfreier und anständiger leben kann.«
»Fühlst du denn auch wohl«, fuhr der Baron fort, »welchen köstlichen Schatz du an deiner Frau besitzest? Wahrlich, gestern habe ich sie näher kennen und wahrhaft lieben und verehren gelernt. Ein Weib, das ihren Widerwillen und Verdruß, den sie doch über deine Reise notwendig empfindet, nicht nur zähmen kann, sondern diese Freundlichkeit, Sanftmut und Liebe so ungezwungen darstellt, ist eine der größten Seltenheiten. Denn selbst die liebenswürdigsten dieses Geschlechts können unangenehm werden, wenn sie über verletzte und unerkannte Liebe schmollen sie scheinen oft der Meinung zu sein, daß sie ihr Herz, in lauter Verdrüßlichkeit und epigrammatischen Grimm gekleidet, dann nicht genug zur Schau tragen können.«
»Mir ist es sonderbar mit ihr ergangen«, erwiderte Leonhard. »Ich stand auf der Grenze zwischen Knaben und Jüngling, als ich sie kennenlernte. Der erwachende Sinn für Schönheit und Reiz ist in diesen Jahren gewöhnlich ungebildet, aber von desto größerer Schärfe, und so erschien mir ihr Angesicht, ihre Farbe, ihre einfache Kleidung, die blauen oder roten seidenen Bänder, die ihren Gürtel umflatterten, alles wie vom hellesten Glanze verklärt. Sie schien mich bald auszuzeichnen, und da sie Vermögen besaß, sah mein Vater dies Verhältnis nicht ungern; ihr Oheim begünstigte mich ebenfalls. Von diesem Augenblick an vermied ich sie, aus übergroßer kindischer Delikatesse, mit einem gewissen störrigen Eigensinn gemischt, denn es verdroß mich, daß die Alten unsere frohe Heiterkeit und jene reizende jugendliche Neigung, die kaum an morgen denken will, schon für unser bürgerliches Fortkommen berechnen und nützen wollten. Oft war ich recht sehnsüchtig verliebt, oft mit ihr entzweit, die über mich lachte, oft versöhnten wir uns. In der Entfernung war mein Herz in manchen Stunden wie krank aus Liebe, dann konnte ich sie wieder auf Wochen vergessen; ein andermal überredete ich mich, daß wir niemals füreinander gepaßt hätten. Als ich zurückkam, fand ich sie mit freudiger Überraschung noch unverheiratet; unser früheres Verhältnis knüpfte sich wieder an, als wenn es nie wäre zerrissen gewesen, und so wurden wir verbunden und glücklich, ohne daß wir eigentlich eine Leidenschaft füreinander gefühlt hatten.«
»Vielleicht«, sagte der Freund, »sind diese Ehen auf die Dauer die glücklichsten, weil beide Teilnehmer keine unmöglichen Erwartungen mitbringen; und darum möchte ich fast den Entschluß fassen, gar nicht zu heiraten, denn die Sehnsucht, die Anbetung, die Leidenschaft der Liebe ist es doch nur, das fühle ich innig, was ich am heißesten wünschen und was mich allein glücklich machen könnte.«
Beide Freunde sahen sich stumm an, und es entstand wieder eine Pause im Gespräch. Ihr Blick haftete auf den Wäldern und schön geschwungenen Hügeln, die sie umgaben, sie folgten dem Flusse, der abwechsend durch die Lücken des Waldes mit seinen Krümmungen erglänzte. Das heitere Lied der Lerche und der Gesang der Nachtigall aus der Ferne stimmten das Gemüt zu sanfter Fröhlichkeit. Nach einiger Zeit sagte Elsheim: »Ich habe mich immer verwundert, mein Freund, daß du dir bei deinen offnen Sinnen und vielfältigen Kenntnissen, bei deiner Lust an allem Gebildeten nicht lieber den Stand eines Künstlers erwählt hast, da es dir doch gewiß nicht hätte fehlen können, dich auszuzeichnen. Ist denn dein Beruf nicht vielleicht auch ein verfehlter?«
Table of contents
Inside this edition
- 01Vorwort
- 02Erster Abschnitt
- 03Zweiter Abschnitt
- 04Dritter Abschnitt
- 05Vierter Abschnitt
- 06Fünfter Abschnitt
- 07Sechster Abschnitt
- 08Siebenter Abschnitt
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