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German Edition

Literature

Der Schüdderump

German BooksWhale Edition by Wilhelm Raabe

Ein Roman Wilhelm Raabes über Familie, Dorfwelt, Erinnerung, Schuld, soziale Ordnung und poetischen Realismus.

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Book introduction

Der Schüdderump

Der Schüdderump zeigt Wilhelm Raabes dichte Erzählkunst zwischen Humor, Melancholie und sozialer Beobachtung. Der Roman verbindet Familiengeschichte, regionale Welt, moralische Konflikte, Außenseiterfiguren und die Eigenart des poetischen Realismus im 19. Jahrhundert.

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Wilhelm Raabe starb 1910, und Der Schüdderump erschien 1870. Diese Daten stützen die Gemeinfreiheit des deutschen Originaltexts dieser Ausgabe.

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Der Schüdderump

Wilhelm Raabe

Ergötztet ihr Nicht lieber euch am lächerlichen Tand Der Torheit? Oder an dem heitern Glück, Womit am Schluß des drolligen Romans Die Lieb ein leicht genecktes Paar belohnt? – Vielleicht! – Gottfr. Aug. Bürger

Erstes Kapitel Erstes Kapitel Ich eröffne dieses Buch recht passend mit einer kleinen Reiseerinnerung und durch dieselbe mit einer Erklärung und Rechtfertigung des Titels, um nicht späterhin, d.h. im Laufe der Erzählung, allzuoft über diesen Titel zu stolpern oder mit Vergleichen, Folgerungen und Nutzanwendungen an demselben hängenzubleiben. Einige Male wird das letztere freilich doch wohl geschehen.

Ich war mit dem Postwagen in einem hellen, lustigen norddeutschen Städtchen, dessen Namen ich deshalb verschweige, um nicht den Neid und die Eifersucht anderer Gemeinwesen zu erregen, angekommen, hatte zu Mittag gegessen und zwei bis drei Stunden zur vollkommen freien Verfügung, ehe der frische Schwager die frischen Gäule zur Weiterfahrt aus dem Stalle zog. In solchen Fällen widmet sich jeder, der nicht ein Geschäftsreisender ist, einer ganz behaglichen innerlichen Beschaulichkeit, die jedoch bald in eine sonderbare Ruhelosigkeit überzugehen pflegt. Man dehnt sich, man gähnt eine Weile auf der Bank unter der Laube vor dem Gasthofe, man erhebt sich, schlendert die nächste Gasse bis zur nächsten Ecke hinauf, guckt träumerisch auf die verstaubten toten Fliegen hinter dem Ladenfenster eines Krämers und kehrt zurück zu seinem Tische und seiner Bank vor der Tür, um von neuem einen muntern Kampf mit den lebendigen Fliegen des Ortes aufzunehmen. Die meisten Reisenden verfallen nunmehr in ein etwas stupides Hindämmern und ermuntern sich erst wieder, wenn die Pferde angeschirrt werden; ich dagegen, der von vielem Gebrauch macht, was andere Leute verachten, ich erkundige mich nach den nächstgelegenen Merkwürdigkeiten des Munizipiums; natürlich reservatis reservandis, d.h. unter Vorbehalt alles dessen, was der verständige Mann sich eben vorbehält, nämlich ob er die Kuriositäten besichtigen will oder nicht. Ich stellte eine ähnliche Erkundigung also auch diesmal an und kann gerade nicht sagen, daß es mich tief bekümmerte, als der Wirt, ein behaglicher Mann, sich hinter den Ohren kratzte und Merkwürdigkeiten, sei es der Natur oder der Kunst, in seiner Umgebung nicht vorzuführen wußte.

Schon lehnte ich mich mit einem unwillkürlichen Seufzer der Befriedigung zurück in den Lindenschatten, als ein kleines schwarzes Männlein, welches auf der Bank an der andern Seite der Tür saß, eine kleine, kurze schwarze Pfeife rauchte und deshalb von den Fliegen mit hohem Widerwillen vermieden wurde, mich melancholisch ansah und leise und scheu sagte: »Wir haben noch einen Schüdderump. Wenn der Herr den sehen will, so ist er willkommen dazu; und die Zeit langt auch, und ich will, mit Respekt zu sagen, den Herrn hinführen.« »Ein Schüdderump? Was ist ein Schüdderump?« fragte ich, von dem Wort ungemein angezogen. »Gehe der Herr nur mit mir«, sprach der Melancholische noch schwermütiger als zuvor. »Es kostet nichts, als was dem Herrn zu geben beliebt. Ich bin der Totengräber der Stadt, und da des Herrn Forstschreibers Grab fertig und parat steht und der Herr Forstschreiber erst um vier Uhr bei mir arrivieren wird, so langt, wie gesagt, die Zeit für den Postwagen und item für des Herrn Forstschreibers Leichenkondukt.«

Ich rückte auf der Bank. Dieser kleine Schwarze, der diese beiden Fahr- und Reisegelegenheiten so gleichgültig und mit so trübsinniger Verständigkeit zusammenbrachte, wurde mir ganz unbehaglich; allein der Grundstoff unseres Gespräches gewann dadurch an Interesse. In welcher Verbindung stand der Schüdderump mit dem Herrn Forstschreiber? Stand der Herr Forstschreiber in irgendeiner Verbindung mit dem Schüdderump? Ich brachte eine ganze Reihe ähnlicher Fragen dadurch zum Abschluß, daß ich aufsprang, den Hut ergriff und meine Meinung dahin aussprach: ich sei fertig und parat für den Schüdderump.

Preview chapterPart 2Preview

Auf den Junker Hilmar folgte der Junker Asche, der noch ziemlich weit in den Dreißigjährigen Krieg hineinreichte und welchem es hundeelend darin ging. Auf diesen folgte Jobst und auf diesen wiederum ein Asche, der unter den Brandenburgern vor Turin das Leben verlor, allein glücklicherweise vorher einen Sohn erzeugt hatte, welcher den Alten Fritz noch als blutjungen Burschen zu Küstrin aus dem Fenster gucken sah und von dessen sechs Söhnen fünf im Siebenjährigen Kriege fielen. Der Überlebende tat das Seinige, den Verlust auszugleichen; doch auf dem Lauenhofe regierten nur noch zwei Herren von Lauen bis zu Hennig, der bei Beginn dieser Geschichte Stammhalter des Geschlechtes ist und gewissermaßen eine Rolle darin spielt, zuerst freilich nur eine Rolle unter der Vormundschaft seiner Frau Mutter, die sich selber einführen mag, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet. Die gnädige Frau ist resolut genug dazu, und wir haben andere Leute, welche einer teilnahmsvollen Einführung eher bedürftig sind als jene.

Da ist zuerst und vor allen Dingen mit dem größten Respekt Herr Karl Eustachius von Glaubigern, ein westfälischer Edelmann und armer Vetter, der nach Abschluß des zweiten Pariser Friedens aus dem Kriege verwundet, mit Rheumatismen behaftet und sehr kahl in Beutel und Hoffnungen auf dem Lauenhofe einrückte und – nebst dem Kinde der schönen Marie – den höchsten Anspruch auf Achtung in dieser Historie hat. Er ist langen Wuchses, hält sich ungemein reinlich und nimmt sowenig als möglich Dienstleistungen an. Er geht und spricht langsam, sammelt Wappen, weiß darüber zu reden und zu schreiben und ist der einzige, welchen die gnädige Frau nach dem Tode ihres Gemahls dann und wann um Rat angeht und welcher diesen Rat auch wirklich zu geben weiß. Die Nachbarschaft gibt ihm den Ehrentitel des Ritters, und das Fräulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin nennt ihn den Chevalier; er aber verdient die Bezeichnung, und zwar nicht allein deshalb, weil er in einem Kürassierregimente gegen die Franzosen zu Felde zog.

Das Fräulein Adelaide Klotilde Paula de Saint-Trouin kam einige Jahre früher als er auf dem Lauenhofe an, ist auch einige Jahre älter als er und würde ohne die abscheuliche französische Revolution von 1789 nicht unter den Barbaren des Herzynischen Waldes leben. Sie ist die Tochter des Grafen von Pardiac, der im Anfang dieses neunzehnten Jahrhunderts einer der tüchtigeren Zeichenlehrer zu Berlin war, aber doch in großer Armut starb und seine Tochter dem Großvater des Junker Hennig vermachte. Das Hofgesinde bezeichnet sie kurz als »Frölen« oder höchstens »Frölen Trine«; aber sie selbst nennt und schreibt sich: Très noble et très puissante Dame Comtesse de Pardiac, Dame Haute-Justicière du Comté de Valcroissant, née Chevalière de Malte par privilège accordé par le Pape Honorius III à la très illustre famille de Jehan de Brienne, premier Prince de Tyr et ensuite Empereur de Constantinople. Zu deutsch: Sehr edle und mächtige Frau Gräfin von Pardiac, Frau und Gerichtsherrin der Grafschaft Valcroissant, geborene Ritterin von Malta zufolge des Privilegs des Papstes Honorius des Dritten, verliehen der sehr glorreichen Familie Johanns von Brienne, ersten Fürsten zu Tyrus und späterhin Kaisers von Konstantinopel.

Die Last aller dieser Titel und Würden, welche alle, bis auf die Malteserritterschaft und den Papst Honorius, dem Chevalier ungemein »plausibel« erschienen, hat nicht in der vorteilhaftesten Weise auf den Charakter des Fräuleins eingewirkt. Es fühlt sich selbstverständlich leicht in seiner Würde gekränkt und ist etwas zänkischer Natur. Der Chevalier hat am meisten unter den Launen der Chevalière zu leiden, denn die Gutsfrau hat selten Zeit, darauf zu achten, und weist noch dazu alle Zumutungen mit ihrem Lieblingsworte ab: »Herze, das ist alles dummes Zeug, und darauf kann ich mich nicht einlassen. Wissen Sie was? Gehen Sie damit zu dem Ritter.«

Preview chapterPart 3Preview

Sie gingen auf den Haufen zu, welcher sich vor der Tür des Schulzen angesammelt hatte, und selbstverständlich machten die Leute ihnen gern Platz. Auf der Vortreppe des Hauses stand der Landreiter, der das Fuhrwerk geleitet hatte, mit einer braunroten Feldwebelbrieftasche in der Hand, und neben ihm stand Klodenberg, der Ortsvorsteher, und sah aus – sah aus wie ein Bauer, der Ja zu einer Sache sagen muß, ohne vorher einen jahrelangen Prozeß darum führen zu dürfen. »Das hilft Euch nun weiter nichts, Klodenberg; also nehmt Vernunft an«, sprach der Reiter. »Raus mit der Bescheinigung für richtige Ablieferung, und nachher wünsche ich recht viel Pläsier und die wenigsten Unkosten mit der Bagage. Ziert Euch nicht, Vadder, und macht's kurz und propre. 's ist ein durstiger Dienst, und ich hab so kaum Zeit für eine Pfeif Tobak im Krug. Aufgesessen! Marsch!« »Das sagen Sie wohl, Wachtmeister; auf der Zierlichkeit kommt's mich freilich nicht an, und ein Präsedenzfall ist's auch nicht, denn es ist schon zu oft dagewesen; aber eine Schande ist's und bleibt's mit und ohne die Kosten«, brummte der Schulze der wohl wußte, daß die halbe Gemeinde und der ganze Gemeinderat ihn auf eine derartige Gemütsäußerung ansehe. »So ist es. Klodenberg; und in den Schein könnt Ihr's auch setzen, daß es so ist!« brummte der Kreis nach.

Lang und dünn hob sich jetzt das maltesische Fräulein auf den Zehen und guckte mit der Lorgnette unter die Leinwanddecke des Wagens; über die Schulter des Fräuleins sah der Chevalier, und der junge Hennig wurde von einem Knecht des Gutes in die Höhe gehoben, damit er ebenfalls von dem Wunder und Vergnügen zu genießen bekomme. »Ei mein Himmel, sie ist's«, murmelte das Fräulein giftig und erbarmungslos; der Chevalier nahm eine Prise und zog die Achseln in die Höhe und schüttelte den Kopf mit einem bedenklichen: »Hm, hm!« Der junge Hennig aber sperrte den Mund weit auf und griff mit beiden Händen seinem Träger in das Halstuch.

Das Schauspiel konnte nicht erfreulich genannt werden, und die Bemerkungen Klodenbergs waren, von einem gewissen Standpunkt aus, gar so unbegründet nicht. Ein Weib lag, in sich zusammengezogen, unter dem Tuch auf einem Bündel Stroh und vergrub das Gesicht in dieses Stroh, als könne es nichts mehr von der Welt brauchen und wolle nichts mehr von ihr sehen. Und von der Brust oder aus den Armen des Weibes war ein Kind, ein kleines Mädchen, gegen das Fußende des Wagens hinabgerutscht, hatte sich an dem Wagenrand emporgehoben, klammerte sich mit beiden Kinderpfötchen krampfhaft da fest und sah mit großen, schwarzen und merkwürdig ruhigen Augen unter dem Verdeck hervor auf die höhnische erboste Menge, als könne es nie genug von dieser Welt bekommen, von der die Mutter genug, übergenug, viel zuviel bekommen zu haben schien. »Wer ist das? Ist das wirklich Marie Häußler?« wendete sich der Chevalier an die Autoritäten des Ortes, welchen natürlich das böse Weib des Dorfes das Wort abschnitt, ehe sie den Mund zum Antworten öffneten, indem es kreischte: »Die Marie, die schöne Marie ist's, wirklich und wahrhaftig, obgleich man 's ihr nicht mehr ansieht, Herr von Glaubigern. Marie Häußler mit ihrem Balg ist's, und nun ist's gekommen, wie wir's lange verhofft und wie das gnädge Frölen es lange vorausgesagt haben, und sie kommt in der Kutschen und mit zweien Bedienten ins Dorf zurück, wie sie es selbst vorausgesagt hat, Herr von Glaubigern, und hier sind wir alle miteinander, um sie nach Gebühr mit Vivat und Musik wie 'n neuen Pastor zu empfangen.«

Das Volk von Krodebeck pfiff und schrie selbstverständlich nach diesen anregenden Worten, aber der Wachtmeister rief wütend von der Treppe herab: »Haltet das Maul, ihr Rüpel und Lümmel, und der Hexe da schlage ich auf das Maul, wenn sie es nicht halten kann! Noch steht die Fracht und Fuhre unter meinem Kommando, und da duld ich keine Anzüglichkeiten. Wann ich die Quittung hab, mögt ihr Bauern sagen und tun, was ihr wollt; mich geht's weiter nichts an.«

Table of contents

Inside this edition

  1. 01Part 1
  2. 02Part 2
  3. 03Part 3
  4. 04Part 4
  5. 05Part 5
  6. 06Part 6
  7. 07Part 7
  8. 08Part 8
  9. 09Part 9
  10. 10Part 10
  11. 11Part 11
  12. 12Part 12
  13. 13Part 13
  14. 14Part 14
  15. 15Part 15
  16. 16Part 16
  17. 17Part 17
  18. 18Part 18
  19. 19Part 19
  20. 20Part 20
  21. 21Part 21
  22. 22Part 22
  23. 23Part 23
  24. 24Part 24
  25. 25Part 25
  26. 26Part 26
  27. 27Part 27
  28. 28Part 28
  29. 29Part 29
  30. 30Part 30
  31. 31Part 31
  32. 32Part 32
  33. 33Part 33
  34. 34Part 34
  35. 35Part 35
  36. 36Part 36
  37. 37Part 37
  38. 38Part 38
  39. 39Part 39
  40. 40Part 40
  41. 41Part 41

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