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German Edition

Literature

Dichterleben

German BooksWhale Edition by Ludwig Tieck

Zwei zusammengehörige Erzählungen führen in die englische Theaterwelt und erkunden dichterische Berufung, Freundschaft, öffentliche Anerkennung und persönliche Verluste.

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Book introduction

Dichterleben

Ludwig Tiecks Dichterleben verbindet literarische Phantasie mit der Welt des elisabethanischen Theaters. Dichter, Schauspieler und ihre Gesprächspartner verhandeln Fragen der Kunst, des Ruhms und der Treue zu einer schöpferischen Aufgabe. Die beiden Teile betrachten zugleich die Verletzlichkeit persönlicher Beziehungen. Diese Ausgabe enthält den ersten und den zweiten Teil und bewahrt damit den Zusammenhang von künstlerischer Entwicklung und menschlicher Erfahrung.

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Ludwig Tieck starb 1853; das Werk erschien erstmals 1825. Verwendet wird der gemeinfreie deutsche Originaltext, ohne spätere Anmerkungen oder redaktionelle Zusätze.

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Preview chapterErster Teil — Abschnitt 1Read preview

»Ha! meine lieben täglichen Gäste!« rief der runde Wirt mit seiner tönenden Stimme; »seid mir gegrüßt, werte, geehrte Herren! der Platz ist schon für euch zubereitet.«

Zwei Männer waren in den geräumigen Saal getreten, dessen Kühlung ihnen bei der zunehmenden Hitze der Sommertage angenehm dünkte. Der Tisch stand am großen Fenster, welches um einige Schuhe in die Straße hinausgebaut war; das Morgenlicht glänzte durch die runden in Blei gefaßten Scheiben, und malte sich auf dem Boden, den man mit frischen grünen Binsen bestreut hatte. Der älteste von den Fremden war ein Mann von mittlerer Größe, mit schönen braunen Augen, einer fein gebogenen Nase und kräftigen, freundlichen Lippen. Der jüngere Mann war höher und schlanker, seine Augen glänzten feuriger, und seine Gebärden sowie sein Gang waren rasch und heftig. »Ist der fremde Mensch, der immer da hinten sitzt, noch nicht wieder erschienen?« fragte dieser mit hochfahrendem Ton.

»Seitdem nicht wieder«, antwortete der Wirt, »als Ihr ihn neulich etwas hart angelassen habt. Er wird sich wohl haben wegschüchtern lassen, denn er scheint eine stille Seele.«

»Das sollte mir leid tun«, sagte der heroische junge Mann, »sowohl um ihn, als um Euch. Ich spreche auch manchmal selbst gern mit dergleichen mittelmäßigen Gesellen, denn man lernt auch von diesen furchtsamen Geistern. Und ich muß keine Vogelscheuche für Eure Gäste werden. – Aber wer ist er denn eigentlich?«

»Darauf kann ich Euch nicht dienen« – sprach der Wirt mit unterdrückter Stimme, indem er sich furchtsam umsah, ob auch der Fremde, von dem die Rede war, nicht unbemerkt eintrete; »denn er läßt sich nicht ausfragen. Ich kann nur soviel melden, daß ich ihn schon so ein sechs oder sieben Jahre über die Straßen wandeln gesehn; und wenn ich mich nicht sehr irre, so ist er eine Zeitlang Schreiber und Gehülfe bei einem Sachwalter gewesen, und dieselbe Würde mag er auch wohl noch bekleiden.«

»Wie? neugierig! Freund Christoph?« sagte der ältere Mann der sich indessen schon behaglich niedergesetzt hatte; »es freut mich, daß doch auch eine weibliche Tugend Eure männliche heroische Kraft etwas mildert und mäßigt.«

»O Robert! trinklustiger Robert!« rief der jüngere, indem er sich zu ihm setzte; »dir währt es zu lange, den Wein im Becher rieseln zu hören. Dein Gemüt ist ganz auf die Flasche gerichtet, und die Nachrichten, die sie dir mitteilen kann, scheinen dir die einzig wichtigen. – Aber ist sonst nichts Neues vorgefallen?« so wandte er sich wieder an den Wirt, der das Zimmer schon verlassen wollte.

»Ein reicher Squire aus Yorkshire ist gestern abend angekommen, mit Pferden und Leuten«, antwortete der Wirt, »und hat meine besten Zimmer da droben gemietet. Übrigens ein vernünftiger Mann, der mit allen Dingen zufrieden ist. Er sagt, er sei schon vor vier Jahren hier in London gewesen, damals, als wir mit der unüberwindlichen spanischen Armada zu tun hatten; er will sogar hier gewohnt haben, aber ich kann mich seiner nicht erinnern. Ein Patriot ist er, wie es nur einen geben kann; denn von unserer Königin Elisabeth spricht er nur mit Verbeugungen und der Hand auf dem Herzen.«

»Das muß ein echter Engländer sein«, sagte Robert, als der Wirt hinausgegangen war. »Aber trinkt doch, Christoph, Ihr scheint mir heut nicht so heiter, als gewöhnlich.«

»Ich bin es auch nicht«, sagte jener, »indem er den vollen Becher nachdenkend erhob. Ist es dir wohl schon vorgekommen, daß du das Ende eines Gedichtes nicht finden konntest, welches du mit Begeisterung angefangen hattest?«

»Nein«, sagte Robert, »denn ich kann gar nicht schreiben, wenn es mir nicht leicht wird, und von allen Dingen ist mir der Schluß am leichtesten, ich fange gewissermaßen mit ihm an, denn er ist fast das erste, worüber ich mit mir selber einig werden muß, und so strebt denn nachher alles von selbst diesem Ziele zu.«

Preview chapterAbschnitt 2Preview

»Diese ersten drei Bücher, die nur noch erschienen sind«, sagte der Squire, »sind plötzlich so wundersam da, wie zuweilen der Frühling mit allem Laube und seinen Blüten. Das Wunder erstaunt, entzückt und betäubt gewissermaßen; ob Sommer und Herbst schöner, oder in anderer Art herrlich sein könnten, fällt uns fürs erste nicht ein. Das scheint mir ausgemacht, ein neuer Ton, ein neues Streben, eine so noch nie vernommene Sprache und Versart erklingt bezaubernd; ja selbst jene Dämmerung und süße Ermattung, von welcher Ihr eben spracht, scheint mir diesem Werke und seinen dunkeln Schatten und tiefen, harmonischen Farben unentbehrlich.«

»Zwölf solcher Bücher«, sagte Marlowe, »und jedes Buch von zwölf Gesängen soll das Ganze enthalten, wenn es vollendet ist. Wer wird es lesen können? Werden nicht eine Menge leerer Lückenbüßer, viele allegorische nüchterne Schilderungen und Reden sich einfinden müssen, um nur das weitläufige Gebäude, welches hier einen Flügel, dort eine Kolonnade der Symmetrie wegen alsdann notwendig macht, völlig auszubauen? Schon jetzt ist dergleichen prosaische Notdurft, die aus der Poesie nicht entspringt, nicht zu verkennen. Aber Ihr habt recht, diese Gesänge berauschen, wie ein neuer Wein, die ganze Nation. Wenn ich über diesen Punkt etwas verschieden denke, so geht es mir mit der gepriesenen Arkadia unsers Philipp Sidney nicht anders. Meiner Ungeduld sind dergleichen Bücher zu lang; am wenigsten kann sie der oft lesen, der selbst etwas hervorbringen will. Von der Feenkönigin wollen viele jetzt behaupten, sie werde die Grundlage unserer wahren Nationalpoesie für die Zukunft ausmachen; und ich schmeichelte mir oft, daß ich und meine Freunde diese auf unsere Weise befestigen würden: denn wie jene, wenn auch poetischen, doch sonderbaren Gesänge jemals vom Volke ganz sollen verstanden und mit Wohlgefallen genossen werden, bin ich nicht fähig einzusehen. Seit unserm Chaucer, denk ich, ist nichts gedichtet worden, was eben dem ganzen Volke gehöre, und von dem herrlichen Alten sind es doch auch eigentlich nur die Canterbury-Erzählungen, die ich hier meine, und unter diesen wieder die witzigen und komischen, samt der unvergleichlichen Schilderung der Personen, die jedem Engländer für alle Zeiten als Muster gelten sollten. Das ist die hellste Lustigkeit und der klarste Verstand, die mir in allem, was ich nur gelesen habe, jemals vorgekommen sind.«

»Ihr habt«, fing der Edelmann wieder an, »schon genug getan, auch Eure Freunde stehen Euch darin bei, und Eure Schüler und Nachkommen werden hoffentlich darin fortfahren, das Ferne, Unbestimmte, Vergeistigte zu vermeiden. Wie erfreulich, daß Ihr in Eurem Eduard dem Zweiten unsere vaterländische Geschichte, die reich an großen und tragischen Begebenheiten ist, so edel habt auftreten lassen! Herr Greene hat einige märchenhafte Sagen trefflich bearbeitet, so leicht und behaglich, daß man mehr dergleichen wünscht. Auch Euer Freund Georg Peele wandelt auf demselben Wege, und man hat mir erzählen wollen, daß einige Unbekannte noch mehr vaterländische Gegenstände schon mit dem größten Beifall dem Theater gegeben haben.«

»O ja!« rief Greene spöttisch: »es wird bald dahin kommen, daß der Schüler der Chroniken entbehren und die englische Geschichte lustiger vom Theater lernen kann. O die Bühne, die liebe vortreffliche Anstalt! könnten wir armen Autoren nur wenigstens von dieser erlöst werden!«

»Warum?« fragte der Squire.

»Wir«, fuhr der sonst freundliche Mann zornig fort, »sind fast die ersten gewesen, die den Komödianten und ihren einfältigen Vorstehern etwas Vernünftiges gegeben und in den Mund gelegt haben; aber das haben sie nun, nachdem das Volk zugelaufen ist und Lust am Theater bekommen hat, längst vergessen. Nun glauben sie unser nicht mehr zu bedürfen, und Werke von Stümpern, von unbekannten Pfuschern, sind ihnen ebenso lieb, ja noch lieber, und die armseligen Versuche, die oft nur so wie gedankenlos hingeschrieben sind, erhalten nicht weniger Beifall, als die Gedichte, die uns Zeit und Nachtwachen gekostet haben. Wir haben die Theaterunternehmer erst zu dem gemacht, was sie sind, und sie auch zugleich verdorben. – Und was ist es auch am Ende um das beste Theaterstück? Mein und meines Freundes wahrer Ruhm kann doch nur auf unsern andern Werken beruhen: denn es zeigt sich immer deutlicher, daß fast jeder Mensch ein unterhaltendes Schauspiel schreiben kann, besonders wenn es die Komödianten gut spielen; und es ist nicht zu leugnen, daß diese mit jedem Tage besser werden und in ihrer sogenannten Kunst etwas viel Höheres leisten, als man vor zehn Jahren für möglich halten konnte.«

Preview chapterAbschnitt 3Preview

»Warum haltet Ihr inne?« fragte der Squire; »ich errate schon Euer neues Unglück.«

»Nein, Sir, gewiß nicht«, erwiderte Greene, indem sich ihm die Augen wieder von Tränen feuchteten. »Da fiel uns eine Erbschaft in London und mit ihr ein Prozeß zu. Die Sache schien für uns bedeutend, wenn auch die Summe selbst nicht groß war. Es sollte jemand nach London gesendet werden, um das Geld zu heben und den Prozeß einzuleiten; ich weigerte mich, denn es war mir, als sähe ich meinen bösen Engel schon in der Ferne stehen, der meiner wartete. Endlich! durch das liebreiche Bitten meiner Gattin ließ ich mich bewegen – und seitdem – es sind jetzt zwei Jahr – sitze ich hier, habe mir nach und nach einen Teil ihrer Aussteuer unter diesem und jenem Vorwande senden lassen, habe ihre Erbschaft verschwendet, sowie die Summe, die ich durch den Prozeß gewann, bin nun aller Welt schuldig, von Reue zerrissen, und habe ihr, der Frau, seit zehn Monaten kein Wort geschrieben, um sie in den Armen einer nichtswürdigen Buhlerin zu – vergessen? Nein! aber sie und mich zu entwürdigen und meine Seele für die Hölle zu reifen.« –

Nach einigem Hin- und Herreden wurde beschlossen, daß der bedrängte Greene von der geschenkten Summe seine Schulden bezahlen und seine Gattin nach London kommen lassen sollte, damit man gemeinschaftlich mit ihr einen Plan für das künftige Leben des Dichters entwerfen könne. Man trennte sich jetzt mit der bestimmten Abrede, sich recht bald wieder zu versammeln; Greene begleitete seinen Wohltäter, der in der Gegend des Towers einen Vetter aufsuchen wollte, mit dem er ein Geschäft abzumachen hatte, und Marlowe ging mit dem Pagen, um dem freundlichen Edelmann eine ruhige Wohnung in Southwark zu mieten.

Marlowe hatte viele Not, den jungen Menschen durch das Gedränge des Volkes zu bringen: denn da ihm alles neu war, so blieb er, ohne es zu wissen, stehen, um es genau in Augenschein zu nehmen. Bald zogen ihn die geschmückten Reiter mit ihren Dienern an, bald die Kutschen, die er noch niemals gesehen hatte, dann die Soldaten oder die Schilder der Häuser, die mit den mannigfaltigsten Gemälden von beiden Seiten in die Straße hineinhingen. »Wie heißest du, mein Sohn?« fragte Marlowe. – »Ingeram.« – »Warst du noch nie in der Stadt?« – »Auch noch nicht einmal in einer kleinen.« – »Bliebest du gerne hier in London?« – »Hier muß es sich freilich wie im Himmel wohnen, aber mein Herr reiset bald wieder zurück und dann muß ich auch mit ihm nach Hause. Sagt doch, was ist das für eine lange Straße hier?« – »Das ist die berühmte Londoner Brücke.« – »Brücke? Seh ich doch kein Wasser!« – »Sie ist von beiden Seiten mit Häusern und Kaufmannsgewölben überbaut.« – »Und wo ist das Wasser geblieben?« – »Wo es immer war: aus allen diesen Häusern sieht man auf den Fluß hinab.« – »Schaut! wieder Soldaten! Was die Männer wild und trotzig dreinblicken! Sagt mir doch, mein vornehmer Herr, sehen denn wie diese Leute alle die Könige aus, der in Frankreich und Schottland?« – »Warum?« – »Weil mein Squire meinte, Ihr hättet eine königliche Miene.« – »Du findest mich also auch mehr soldatisch? Und wie muß denn, nach deiner Meinung, ein König aussehen?« – »So recht nachdenklich, so sanft und milde, als könnte jedermann, auch der Reichste, eine Gnade von ihm erhalten; nicht lachend, aber doch so freundlich, daß jeder ein Zutrauen zu ihm faßt, und auch der Vornehmste sich freut, wenn er ihn anlächelt. So habe ich mir aus dem Amadis, oder dem Bewis, die Könige immer gedacht, wenn sie nicht etwa Tyrannen vorstellten.« – »Und das alles, was du beschrieben hast, sahst du in jenem unansehnlichen Schreiber?« – »Ich zitterte vor ihm, denn ich dachte erst, das müßte der alleroberste Mann in ganz England nach der Königin sein. Mein Herr sprach von Poeten, und ich wußte noch nicht, daß das einen Dichter bedeutet. Ist ein Schreiber aber nicht wenigstens auch ein Poet?« –

Table of contents

Inside this edition

  1. 01Erster Teil — Abschnitt 1
  2. 02Abschnitt 2
  3. 03Abschnitt 3
  4. 04Abschnitt 4
  5. 05Abschnitt 5
  6. 06Abschnitt 6
  7. 07Abschnitt 7
  8. 08Abschnitt 8
  9. 09Zweiter Teil — Abschnitt 1
  10. 10Abschnitt 2
  11. 11Abschnitt 3
  12. 12Abschnitt 4
  13. 13Abschnitt 5
  14. 14Abschnitt 6
  15. 15Abschnitt 7
  16. 16Abschnitt 8

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