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German Edition

Literature

Die letzte Reckenburgerin

German BooksWhale Edition by Louise von François

Die Vergangenheit einer Adelsfamilie wird durch Erinnerungen, Briefe und Lebensgeschichten sichtbar und stellt überlieferte Vorstellungen von Herkunft und Pflicht auf die Probe.

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Book introduction

Die letzte Reckenburgerin

Louise von François entfaltet die Geschichte des Geschlechts Reckenburg über mehrere Generationen und verbindet familiäre Überlieferung mit persönlicher Erinnerung. Vermögen, Stand, Liebe und historische Umbrüche beeinflussen die Entscheidungen ihrer Figuren. Die Rahmenhandlung und die ineinandergreifenden Berichte zeigen, wie ein Erbe weitergegeben wird und welche Verantwortung gegenüber früheren und späteren Generationen daraus entsteht.

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Louise von François starb 1893. Verwendet wird der deutsche Originaltext des 1871 erschienenen Werks aus TextGrid, ohne spätere Anmerkungen, Bilder oder Verlagsangaben.

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Die letzte Reckenburgerin

Louise von François

Preview chapterEinführungPreview

Es war etwa zwei Jahre nach der Schlacht von Waterloo, als in einem niederländischen Grenzstädtchen armen Eltern eine Tochter geboren wurde. Die kleine, fremde Stadt ist nicht der Schauplatz unserer Geschichte, und die kleinen, fremden Leute sind nicht deren Helden. Das alltägliche Ereignis aber sollte gleichsam den Angelpunkt bilden, um welchen dieselbe rückwärts und vorwärts sich bewegen wird. Denn wäre jenes Kindlein nicht geboren, oder wäre es nicht in der Fremde und in Dürftigkeit geboren worden, so würde die weite Welt von unserer wirklichen Heldin schwerlich etwas Näheres erfahren, und wir würden ihr nicht deren Geheimnisse zu offenbaren haben.

Der Vater des Kindes war noch jung, vielleicht kaum großjährig. Dazu ein Mann von auffälliger, sagen wir ritterlicher Kraft und Schöne der Gestalt, wenngleich das sturmvolle Leben des Feldlagers in den frühverwüsteten, narbigen Zügen zu lesen stand, und wenngleich der Verlust eines Armes ihn zum Krüppel machte. Er war als unbärtiger Forstlehrling der Schar des Braunschweig-Öls in Sachsen zugelaufen, hatte die heldenmütigen Fahrten und Taten dieses Korps unter britischer Fahne auf der Halbinsel wie später in den Niederlanden geteilt, bis er, bei la Haye sainte schwer verwundet und eines Gliedes beraubt, als Wachtmeister verabschiedet worden war. »Prinz Gustel« hatten die Kameraden der Legion den stattlichen, flotten Sachsen tituliert; er selber nannte sich bescheidentlich August Müller.

Die Mutter mochte leicht eine Mandel Jahre mehr zählen als ihr Gespons, und es liegt, zu unserer Befriedigung, uns nicht ob, über die vergangenen Tage der »schwarzen Lisette« gewissenhaft Buch zu führen. Genug, daß sie als Marketenderin, zuletzt bei der Legion, gedient, daß sie ihren August nach seiner Verwundung getreulich verpflegt hat, daß sie sein rechtmäßiges Weib geworden und jetzt emsig bemüht ist, den armseligen Haushalt durch langentwöhnte Handarbeit zu fristen.

Die späte Wiege schien eine unberechnete Gerätschaft in ihrem Mahlschatz gewesen zu sein. Jedenfalls hatte die Kampfesstunde, welche einem Menschen das Leben gibt, das wetterbraune, hartgliederige Weib schwerer mitgenommen als zwanzig Kampfesjahre, in welchen sie Tausende das ihre verenden sah. Die Finger zitterten und der Schweiß tropfte von ihrer Stirn, als sie jetzt, bei eintretender Dämmerung, die feinen Lederzwickelchen noch aneinanderpaßte, die sich, sobald der Morgen graute, in zierliche Handschuhe verwandeln sollten. Sie seufzte, wenn sie von Zeit zu Zeit einen schüchternen Blick auf das schwächliche Wesen fallen ließ, das seit drei Tagen, fast ohne zu erwachen, an ihrer Seite kaum merkbar atmete.

Noch weit unbehaglicher indessen schien dem jungen Invaliden dieser häusliche Zustand vorzukommen. Er schritt in der halbdunklen, niedrigen Kammer auf und ab gleich einem eingefangenen Hirsch, der sich das Geweih abzustoßen fürchtet, riß dann, schwer atmend, das Fensterschößchen auf und schlug es unwirsch wieder zu, als er die Frau ängstlich das Kind gegen den Luftzug bedecken sah. Endlich aber rannte er, ein Donnerwetter brummend, aus der Tür, durch welche wir ihn nach einer Weile, eine Weinflasche in der Hand und in gemütlicherer Laune, zurückkehren sehen.

»Leg das Zeug beiseite und tu einen Zug, Lisette!« rief er der Wöchnerin entgegen. »Du bists gewöhnt, und es tut dir not, armes Weib.«

Frau Lisette schüttelte bedenklich den Kopf, seufzte und fragte mit tiefer, zurzeit merkbar angegriffener Stimme: »Und die Zahlung, August? Wieder geknöchelt gestern nacht? Wieder gekärtelt? Mann, Mann!«

»Ei! seit wann hältst du denn Knöcheln und Kärteln für eine Sünde, altes Haus!« entgegnete lachend der Invalide. »Trink und schneide kein Gesicht! Kann ich Holz hacken mit meinem Stumpf? Soll ich die Orgel umhängen und vor den Türen dudeln, he? Schmählich genug, daß eine, die so tapfer dem Kalbsfell gefolgt ist, elende Ziegenfellchen zusammenstoppeln muß. Aber laß das Gestöhn! Greinen, wenn man unterm Kanonendonner gelacht! Einen Schluck und herzhaft dreingeschaut wie sonst. Es kann ja nicht ewig Frieden bleiben. Wie lange wirds dauern, ist der Napoleon retour, und dann – –«

Preview chapterMein Geheimnis — Erstes Kapitel: Die Rose und ihr BlattPreview

Die Reichtümer der Reckenburg lagen meiner Wiege so fern wie die Goldminen von Peru, und die letzten der »weißen« freiherrlichen Linie waren nicht die begehrlichen Abenteurer, die um schnöden Mammons willen sich in das Bereich der »schwarzen« Häuptlingin ihres Stammes gewagt haben würden. Sie hatten seit Generationen eine Zuflucht gefunden, welche die adelige Armut ehrenvoll deckte, und sich unter der Fahne wohl und zufrieden gefühlt. – Keiner jedoch wohler und zufriedener als der Allerletzte in ihrer Reihe, der schon als Leutnant ein Bäschen gefreit hatte, auch von den »Weißen«, arm und ahnenrein wie er selbst.

Eberhard und Adelheid von Reckenburg waren geschwisterlich nebeneinander aufgewachsen, und ich zweifle, daß in irgendeinem Stadium ihrer Bekanntschaft das große Wort Liebe zwischen ihnen gewechselt worden sei. Große Worte sowenig wie kleine Zärtlichkeiten waren Reckenburgscher Habitus; aus welcher Bemerkung indessen keineswegs gefolgert werden soll, daß die Leute nicht tief im Herzensgrunde einander angehangen hätten. Ich wüßte im Gegenteil mir kaum einen glücklicheren Ehebund vorzustellen als den, in welchem Eberhard und Adelheid sich länger als dreißig Jahre in einmütigem Pulsschlag ergänzten und trugen. Er: groß, rot, robust; wie er sich selber nannte: »ein Ursachse«, den ein neckischer Kobold unter die leichte Reiterei gewürfelt hatte. Sie: klein, fein, blaß und behende. Er: gutmütig, sorglos, gelassen, bereit, die Dinge, sobald sie ihm zu ernsthast wurden, mit einem Scherzwort abzufertigen. Sie: bedachtsam, klug, praktisch und darum, zu allseitiger Befriedigung, der Souffleur und heimliche Maschinist der häuslichen Bühne. Beide: Ehren-und Edelleute vom Scheitel zur Zeh. Daß Heldin und Schreiberin dieser Geschichte, das einzige Kind des glücklichen Paares, körperlich nach der Struktur des Vaters, geistig mehr nach der Mutter geschlagen ist, wird aus ihrem Lebensbaue zu ersehen sein.

Ich erhielt den Namen Eberhardine, wie einst der Vater schon den seinigen erhalten hatte, zu Ehren des gräflichen Familienoberhauptes. Beide Generationenper procura und ohne daß Verleiher und Empfänger sich jemals mit Augen gesehen hätten. Da der hohen Patin hinwiederum aber ihr Name durch die kurfürstliche Eberhardine eingebunden worden war, durch jene Hohenzollerin, welche ihrem starken August und der polnischen Königskrone zum Trotz ihre Tugend und protestantische Treue zu behaupten wußte, so bin ich der unmaßgeblichen Meinung, daß eine Ader dieser ausländischen Zähigkeit, per procura des Taufregisters, sich auf die sächsische Patenfolge in weiblicher Linie vererbt haben mag. Das königlich-kurfürstliche Namenserbe hingegen wurde für einen Leutnantshaushalt zu großartig befunden. Der Papa strich die »ungeschlachte Bestie« am Anfang, und auch die Tochter hat sich, ex officio, späterhin gern mit der Hardine begnügt, wenngleich sie der Sanktion des Kalenders entbehrte.

Das junge Ehepaar hatte seinen Haushalt gegründet – notabene: in der Teuerungsnot der siebenziger Jahre – mit einer Monatsgage von zwölf Talern und einem Lehnstamm ungefähr des nämlichen Betrages. So weit jedoch meine eigenen Erinnerungen reichen, führte der Vater die Schwadron, ein Posten, der für manchen seinesgleichen die Revenuen eines Rittergutes abwarf und von just nicht Ehrsüchtigen den Majorsepauletten vorgezogen ward. Da der Rittmeister von Reckenburg aber ein Mann war, der nicht mit Zopfbändern zu knausern verstand und jeden Hufbeschlag für eine Gewissenssache hielt, so hütete sich seine »Hausehre«, das wirtschaftliche Budget nach Maßstab der Charge zu erhöhen. Bei aller Verwaltungsweisheit brachte sie sich indessen wenig auf einen grünen Zweig, wenn schon ein ruinierendes Zelt- und Wandervogelleben das des Soldaten in jenen kurfürstlichen Zeiten nicht genannt werden kann.

Der Vater stand während seines langen Fahnendienstes bei dem nämlichen Regiment und mit demselben in der nämlichen Garnison. Wir hatten in unserem Landstädtchen heimatlich Wurzel geschlagen und achteten es als Gewinn für die häusliche Gemächlichkeit, daß ein Nebenzweig des Kurhauses, der bisher im Orte residiert hatte, seit kurzem erloschen war, obligatorische Standespflichten nach obenhin unseren Tageslauf sonach nicht regulierten.

Table of contents

Inside this edition

  1. 01Full text
  2. 02Einführung
  3. 03Mein Geheimnis — Erstes Kapitel: Die Rose und ihr Blatt
  4. 042. Kapitel. Mosjö Per-sé
  5. 053. Kapitel. Die schwarze Reckenburgerin
  6. 064. Kapitel. Der Erbprinz
  7. 075. Kapitel. Der Kehraus
  8. 086. Kapitel. Die Brautlaube
  9. 097. Kapitel. Der Tag von Valmy
  10. 108. Kapitel. Muhme Justines Pflegling
  11. 119. Kapitel. Die Hochzeit
  12. 1210. Kapitel. 1806
  13. 1311. Kapitel. Die neue Herrschaft
  14. 1412. Kapitel. Mutter und Sohn
  15. 15Einschaltung des Herausgebers
  16. 1613. Kapitel. Der Jungbrunnen

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