
German Edition
Politics
Die letzten Tage der Menschheit
German BooksWhale Edition by Karl Kraus
Ein monumentales Antikriegsdrama über Presse, Propaganda, Sprache, Militarismus und den Ersten Weltkrieg.
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Book introduction
Die letzten Tage der Menschheit
Die letzten Tage der Menschheit ist Karl Kraus’ gewaltige satirische Abrechnung mit Krieg, Medien, Phrase und politischer Blindheit. Diese deutsche Ausgabe eignet sich für Leser von Antikriegsliteratur, politischer Satire und moderner Dramatik.
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Karl Kraus died in 1936, and Die letzten Tage der Menschheit was first published in 1922. These dates support the public-domain basis for this German original edition.
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Die letzten Tage der Menschheit
Karl Kraus
Karl
Kraus
Verlag Volk und Welt
Bogensignaturen: keine Angabe; Druckfehler: ignoriert; fremdsprachliches
Material: keine Angabe; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe;
Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): keine Angabe; i/j in
Fraktur: keine Angabe; I/J in Fraktur: keine Angabe; Kolumnentitel: keine
Angabe; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): als s transkribiert;
Normalisierungen: stillschweigend; rundes r (\ꝛ): als r/et transkribiert; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: keine Angabe; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: als ä/ö/ü transkribiert;
Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: keine Angabe;
Zeilenumbrüche markiert: nein;
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1860-1879
Original prose
Karl Kraus
Die letzten Tage der Menschheit
Vorwort
Die Aufführung des Dramas, dessen Umfang nach irdischem Zeitmaß etwa zehn Abende umfassen würde, ist einem Marstheater zugedacht. Theatergänger dieser Welt vermöchten ihm nicht standzuhalten. Denn es ist Blut von ihrem Blute und der Inhalt ist von dem Inhalt der unwirklichen, undenkbaren, keinem wachen Sinn erreichbaren, keiner Erinnerung zugänglichen und nur in blutigem Traum verwahrten Jahre, da Operettenfiguren die Tragödie der Menschheit spielten. Die Handlung, in hundert Szenen und Höllen führend, ist unmöglich, zerklüftet, heldenlos wie jene. Der Humor ist nur der Selbstvorwurf eines, der nicht wahnsinnig wurde bei dem Gedanken, mit heilem Hirn die Zeugenschaft dieser Zeitdinge bestanden zu haben. Außer ihm, der die Schmach solchen Anteils einer Nachwelt preisgibt, hat kein anderer ein Recht auf diesen Humor. Die Mitwelt, die geduldet hat, daß die Dinge geschehen, die hier aufgeschrieben sind, stelle das Recht, zu lachen, hinter die Pflicht, zu weinen. Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen; ich habe gemalt, was sie nur taten. Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate. Sätze, deren Wahnwitz unverlierbar dem Ohr eingeschrieben ist, wachsen zur Lebensmusik. Das Dokument ist Figur; Berichte erstehen als Gestalten, Gestalten verenden als Leitartikel; das Feuilleton bekam einen Mund, der es monologisch von sich gibt; Phrasen stehen auf zwei Beinen – Menschen behielten nur eines. Tonfälle rasen und rasseln durch die Zeit und schwellen zum Choral der unheiligen Handlung. Leute, die unter der Menschheit gelebt und sie überlebt haben, sind als Täter und Sprecher einer Gegenwart, die nicht Fleisch, doch Blut, nicht Blut, doch Tinte hat, zu Schatten und Marionetten abgezogen und auf die Formel ihrer tätigen Wesenlosigkeit gebracht. Larven und Lemuren, Masken des tragischen Karnevals, haben lebende Namen, weil dies so sein muß und weil eben in dieser vom Zufall bedingten Zeitlichkeit nichts zufällig ist. Das gibt keinem das Recht, es für eine lokale Angelegenheit zu halten. Auch Vorgänge an der Sirk-Ecke sind von einem kosmischen Punkt regiert. Wer schwache Nerven hat, wenn auch genug starke, die Zeit zu ertragen, entferne sich von dem Spiel. Es ist nicht zu erwarten, daß eine Gegenwart, in der es sein konnte, das wortgewordene Grauen für etwas anderes nehme als für einen Spaß, zumal dort, wo es ihr aus der anheimelnden Niederung der grausigsten Dialekte wiedertönt, und das eben Erlebte, Überlebte für etwas anderes als Erfindung. Für eine, deren Stoff sie verpönt. Denn über alle Schmach des Krieges geht die der Menschen, von ihm nichts mehr wissen zu wollen, indem sie zwar ertragen, daß er ist, aber nicht, daß er war. Die ihn überlebt haben, ihnen hat er sich überlebt, und gehen zwar die Masken durch den Aschermittwoch, so wollen sie doch nicht aneinander erinnert sein. Wie tief begreiflich die Ernüchterung einer Epoche, die, niemals ein Erlebnisses und keiner Vorstellung des Erlebten fähig, selbst von ihrem Zusammenbruch nicht zu erschüttern ist, von der Sühne so wenig spürt wie von der Tat, aber doch Selbstbewahrung genug hat, sich vor dem Phonographen ihrer heroischen Melodien die Ohren zuzuhalten, und genug Selbstaufopferung, um sie gegebenenfalls wieder anzustimmen. Denn daß Krieg sein wird, erscheint denen am wenigsten unfaßbar, welchen die Parole »Jetzt ist Krieg« jede Ehrlosigkeit ermöglicht und gedeckt hat, aber die Mahnung »Jetzt war Krieg!« die wohlverdiente Ruhe der Überlebenden stört. Sie haben den Weltmarkt – das Ziel, zu dem sie geboren wurden – in der Ritterrüstung zu erobern gewähnt; sie müssen mit dem schlechteren Geschäft vorlieb nehmen, sie auf dem Trödelmarkt zu verkaufen. In solcher Stimmung rede ihnen einer vom Krieg! Und es mag zu befürchten sein, daß noch eine Zukunft, die den Lenden einer so wüsten Gegenwart entsprossen ist, trotz größerer Distanz der größeren Kraft des Begreifens entbehre. Dennoch muß ein so restloses Schuldbekenntnis, dieser Menschheit anzugehören, irgendwo willkommen und irgendeinmal von Nutzen sein. Und »weil noch die Gemüter der Menschen wild sind«, sei, zum Hochgericht auf Trümmern, Horatios Botschaft an den Erneuerer bestellt:
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bei der betreffenden Verschleißstelle abzumelden. Der Verschleißer rayonierter Lebensmittel hat eine Liste zu führen, in welcher Name, Wohnort, Tag der Abreise und Zahl der Begleitpersonen der sich Abmeldenden sowie die Menge der in Abfall kommenden Lebensmittel einzutragen sind; diese Liste ist derjenigen Stelle, von der die Zuweisung rayonierter Lebensmittel erfolgt, am Ende jeder Woche vorzulegen. In dem Heilbad, dem Kurort oder der Sommerfrische haben sich die Personen unter Vorweisung des
Lebensmittelkartenabmeldescheines
(Die Partei verschwindet)
bei der Brotkartenausgabestelle sowohl nach dem Eintreffen als auch vor dem Verlassen dieser Orte zu melden. Die Ausfolgung von Lebensmittelkarten darf im Orte des Sommeraufenthalts sowie nach der Rückkehr im ständigen Wohnort nur auf Grund des mit den entsprechenden Amtsvermerken versehenen
Lebensmittelkartenabmeldescheines erfolgen. Die politischen Bezirksbehörden sind ermächtigt worden, den Einkauf von Lebensmitteln durch die Fremden zu rayonieren und außerdem die Verabfolgung von Speisen in den Speisewirtschaften der Heilbäder, Kurorte und Sommerfrischen zu regeln. Gastwirtschaften haben auf die Mehrzuweisung von Lebensmitteln für die Verpflegung von Heilbäder- und Kurortebesuchern sowie Sommerfrischlern im Allgemeinen nur dann Anspruch, wenn sie den erhöhten Bedarf durch Abgabe der von den Kostteilnehmern eingezogenen Kartenabschnitte nachweisen. Für Ausflügler, die nur auf kurze Zeit Heilbäder, Kurorte und Sommerfrischen besuchen, können besondere Verpflegsvorsorgen nicht getroffen werden. Weiters sind die politischen Bezirksbehörden ermächtigt worden, den Besuchern von Heilbädern, Kurorten und Sommerfrischen zur Verhinderung des Hamsterns von Lebensmitteln den unmittelbaren Einkauf gewisser Lebensmittel beim Produzenten zu verbieten.« – Na alstern, jetzt wissen S' es, jetzt können S' –
(er blickt auf)
Wo is denn der hin verschwunden?
(Er sucht auf dem Boden.)
Sie Herr, warten S' auf den Lebensmittelkartenabmeldeschein!
(Kopfschüttelnd)
Mirkwirdiger Mensch das. Was sich die Leut herausnehmen!
(Er sucht weiter. Dann erhebt er sich.)
Der hats net erwarten können. Am End is er gar schon am Land!
(Verwandlung.)
18. Szene
Wohnung der Familie Durchhalter.
Die Mutter
: Ziagts z'haus die Sandalen aus, man hört sein eigenes Wort nicht!
Ein Kind
: Mutter, gibt's heut wieder nix z' essen?
Die Mutter
: Du frecher Bub, ich werd dir lehren –
(sie will auf ihn losgehen. Es läutet.)
Das is der Vater! Er hat sich angstellt um Wrucken, hoffentlich –
(Man hört das Klappern von Sandalen. Der Vater, in Papieranzug, erscheint in der Tür.)
Die Kinder
: Vater, Brot!
Der Vater
: Kinder, Rußland verhungert!
(Verwandlung.)
19. Szene
Der Abonnent und der Patriot im Gespräch.
Der Abonnent
: No jetzt wern wir doch schon bald Getreide aus der Ukraine haben.
März 1918 der Friede von Brest-Litowsk zwischen Sowjetrußland und den Mittelmächten
Der Patriot
: Der Czernin
Czernin – Ottokar Graf Czernin von und zu Chudenitz, 1916 bis 1918 österr.-ungar. Außenminister, † 1932 hat eine
Gewure
! Jetzt ham wir den Brotfrieden! Und jetzt solln sie probiern, uns auszuhungern.
(Verwandlung.)
20. Szene
Sofia. Ein Bankett deutscher und bulgarischer Schriftleiter.
Der deutsche Gesandte Graf Oberndorff
(erhebt sich)
: Meine verehrten Gäste! Ich freue mich jedesmal, wenn mir vergönnt ist, hier im Hause, über dem das schwarz-weiß-rote Banner weht, deutsche und bulgarische Freunde zu gemütlichem Gedankenaustausch zu vereinen. Heute aber freue ich mich ganz besonders. Denn Sie, meine verehrten Herren von der deutschen und bulgarischen Presse, darf ich als – Kollegen willkommen heißen.
Rufe
: Bravo! Prösterchen, Herr Kollege!
Der deutsche Gesandte
: Ja, mögen wir auch ein oder das andere Mal etwas an einander auszusetzen haben, wie das zwischen Zunftgenossen vorkommen kann, Diplomatie und Presse gehören eng zusammen.
Rufe
: Bravo! Bravo!
Der deutsche Gesandte
: Kein guter Journalist ohne diplomatisches Empfinden und kein brauchbarer Diplomat, der nicht mit einem vollen Tropfen Druckerschwärze für seinen Beruf gesalbt wäre.
Rufe
: Famos!
Der deutsche Gesandte
: Ich sage Beruf, das Wort ist zu gering. Es ist eine Kunst, eine hohe Kunst, die wir ausüben, und das Instrument, auf dem wir spielen, ist das edelste, das sich denken läßt, es ist die Seele der Völker!
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- 01Full text
- 02L
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