German Edition
Literature
Die Verlobung in St. Domingo
German BooksWhale Edition by Heinrich von Kleist
Kleists Novelle verdichtet koloniale Gewalt, Misstrauen, Liebe und tödliche Verkennung auf engstem Raum.
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Die Verlobung in St. Domingo
Die Verlobung in St. Domingo spielt während der Aufstände auf Saint-Domingue und führt Vertrauen, Täuschung, Rassismus und leidenschaftliche Bindung in eine Katastrophe. Kleist lässt politische Gewalt und private Wahrnehmung so ineinandergreifen, dass jeder Entschluss gefährlich wird.
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Heinrich von Kleist died in 1811, and Die Verlobung in St. Domingo was first published in 1811. These dates support the public-domain basis for the German source text used in this edition.
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Die Verlobung in St. Domingo
Zu Port au Prince, auf dem französischen Anteil der Insel St. Domingo,
lebte, zu Anfange dieses Jahrhunderts, als die Schwarzen die Weißen
ermordeten, auf der Pflanzung des Herrn Guillaume von Villeneuve, ein
fürchterlicher alter Neger, namens Congo Hoango. Dieser von der
Goldküste von Afrika herstammende Mensch, der in seiner Jugend von
treuer und rechtschaffener Gemütsart schien, war von seinem Herrn,
weil er ihm einst auf einer Überfahrt nach Cuba das Leben gerettet
hatte, mit unendlichen Wohltaten überhäuft worden. Nicht nur, daß
Herr Guillaume ihm auf der Stelle seine Freiheit schenkte, und ihm,
bei seiner Rückkehr nach St. Domingo, Haus und Hof anwies; er machte
ihn sogar, einige Jahre darauf, gegen die Gewohnheit des Landes, zum
Aufseher seiner beträchtlichen Besitzung, und legte ihm, weil er
nicht wieder heiraten wollte, an Weibes Statt eine alte Mulattin,
namens Babekan, aus seinerPflanzung bei, mit welcher er durch seine
erste verstorbene Frau weitläuftig verwandt war. Ja, als der Neger
sein sechzigstes Jahr erreicht hatte, setzte er ihn mit einem
ansehnlichen Gehalt in den Ruhestand und krönte seine Wohltaten noch
damit, daß er ihm in seinem Vermächtnis sogar ein Legat auswarf; und
doch konnten alle diese Beweise von Dankbarkeit Herrn Villeneuve vor
der Wut dieses grimmigen Menschen nicht schützen. Congo Hoango war,
bei dem allgemeinen Taumel der Rache, der auf die unbesonnenen
Schritte des Nationalkonvents in diesen Pflanzungen aufloderte, einer
der ersten, der die Büchse ergriff, und, eingedenk der Tyrannei, die
ihn seinem Vaterlande entrissen hatte, seinem Herrn die Kugel durch
den Kopf jagte. Er steckte das Haus, worein die Gemahlin desselben
mit ihren drei Kindern und den übrigen Weißen der Niederlassung sich
geflüchtet hatte, in Brand, verwüstete die ganze Pflanzung, worauf
die Erben, die in Port au Prince wohnten, hätten Anspruch machen
können, und zog, als sämtliche zur Besitzung gehörige Etablissements
der Erde gleich gemacht waren, mit den Negern, die er versammelt und
bewaffnet hatte, in der Nachbarschaft umher, um seinen Mitbrüdern in
dem Kampfe gegen die Weißen beizustehen. Bald lauerte er den
Reisenden auf, die in bewaffneten Haufen das Land durchkreuzten; bald
fiel er am hellen Tage die in ihren Niederlassungen verschanzten
Pflanzer selbst an, und ließ alles, was er darin vorfand, über die
Klinge springen. Ja, er forderte, in seiner unmenschlichen Rachsucht,
sogar die alte Babekan mit ihrer Tochter, einer jungen
fünfzehnjährigen Mestize, namens Toni, auf, an diesem grimmigen
Kriege, bei dem er sich ganz verjüngte, Anteil zu nehmen; und weil
das Hauptgebäude der Pflanzung, das er jetzt bewohnte, einsam an der
Landstraße lag und sich häufig, während seiner Abwesenheit, weiße
oder kreolische Flüchtlinge einfanden, welche darin Nahrung oder ein
Unterkommen suchten, so unterrichtete er die Weiber, diese weißen
Hunde, wie er sie nannte, mit Unterstützungen und Gefälligkeiten bis
zu seiner Wiederkehr hinzuhalten. Babekan, welche in Folge einer
grausamen Strafe, die sie in ihrer Jugend erhalten hatte, an der
Schwindsucht litt, pflegte in solchen Fällen die junge Toni, die,
wegen ihrer ins Gelbliche gehenden Gesichtsfarbe, zu dieser
gräßlichen List besonders brauchbar war, mit ihren besten Kleidern
auszunutzen; sie ermunterte dieselbe, den Fremden keine Liebkosung zu
versagen, bis auf die letzte, die ihr bei Todesstrafe verboten war:
und wenn Congo Hoango mit seinem Negertrupp von den Streifereien, die
er in der Gegend gemacht hatte, wiederkehrte, war unmittelbarer Tod
das Los der Armen, die sich durch diese Künste hatten täuschen lassen.
Nun weiß jedermann, daß im Jahr 1803, als der General Dessalines mit
30000 Negern gegen Port au Prince vorrückte, alles, was die weiße
Farbe trug, sich in diesen Platz warf, um ihn zu verteidigen. Denn
er war der letzte Stützpunkt der französischen Macht auf dieser Insel,
und wenn er fiel, waren alle Weißen, die sich darauf befanden,
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des morgenden Tages hin, und ladet die Eurigen in einem Schreiben ein,
sich zu mir in die Niederlassung zu verfügen; der Knabe, den Ihr im
Hofe gesehen, mag ihnen das Schreiben mit einigem Mundvorrat
überbringen, die Nacht über zu ihrer Sicherheit in den Bergen
verweilen, und dem Trosse beim Anbruch des nächstfolgenden Tages,
wenn die Einladung angenommen wird, auf seinem Wege hierher zum
Führer dienen." Inzwischen war Toni mit einem Mahl, das sie in der
Küche bereitet hatte, wiedergekehrt, und fragte die Alte mit einem
Blick auf den Fremden, schäkernd, indem sie den Tisch deckte: "Nun,
Mutter, sagt an! Hat sich der Herr von dem Schreck, der ihn vor der
Tür ergriff, erholt? Hat er sich überzeugt, daß weder Gift noch
Dolch auf ihn warten, und daß der Neger Hoango nicht zu Hause ist?"
Die Mutter sagte mit einem Seufzer: "mein Kind, der Gebrannte scheut,
nach dem Sprichwort, das Feuer. Der Herr würde töricht gehandelt
haben, wenn er sich früher in das Haus hineingewagt hätte, als bis er
sich von dem Volksstamm, zu welchem seine Bewohner gehören, überzeugt
hatten" Das Mädchen stellte sich vor die Mutter, und erzählte ihr:
wie sie die Laterne so gehalten, daß ihr der volle Strahl davon ins
Gesicht gefallen wäre. Aber seine Einbildung, sprach sie, war ganz
von Mohren und Negern erfüllt; und wenn ihm eine Dame von Paris oder
Marseille die Türe geöffnet hätte, er würde sie für eine Negerin
gehalten haben. Der Fremde, indem er den Arm sanft um ihren Leib
schlug, sagte verlegen: daß der Hut, den sie aufgehabt, ihn
verhindert hätte, ihr ins Gesicht zu schaun. Hätte ich dir, fuhr er
fort, indem er sie lebhaft an seine Brust drückte, ins Auge sehen
können, so wie ich es jetzt kann: so hätte ich, auch wenn alles
Übrige an dir schwarz gewesen wäre, aus einem vergifteten Becher mit
dir trinken wollen. Die Mutter nötigte ihn, der bei diesen Worten
rot geworden war, sich zu setzen, worauf Toni sich neben ihm an der
Tafel niederließ, und mit aufgestützten Armen, während der Fremde aß,
in sein Antlitz sah. Der Fremde fragte sie: wie alt sie wäret und
wie ihre Vaterstadt hieße? Worauf die Mutter das Wort nahm und ihm
sagte: "daß Toni vor fünfzehn Jahren auf einer Reise, welche sie mit
der Frau des Herrn Villeneuve, ihres vormaligen Prinzipals, nach
Europa gemacht hätte, in Paris von ihr empfangen und geboren worden
wäre". Sie setzte hinzu, daß der Neger Komar, den sie nachher
geheiratet, sie zwar an Kindes Statt angenommen hätte, daß ihr Vater
aber eigentlich ein reicher Marseiller Kaufmann, namens Bertrand wäre,
von dem sie auch Toni Bertrand hieße.--Toni fragte ihn: ob er einen
solchen Herrn in Frankreich kenne? Der Fremde erwiderte: nein! Das
Land wäre groß, und während des kurzen Aufenthalts, den er bei seiner
Einschiffung nach Westindien darin genommen, sei ihm keine Person
dieses Namens vorgekommen. Die Alte versetzte daß Herr Bertrand auch
nach ziemlich sicheren Nachrichten, die sie eingezogen, nicht mehr in
Frankreich befindlich sei. Sein ehrgeiziges und aufstrebendes Gemüt,
sprach sie, gefiel sich in dem Kreis bürgerlicher Tätigkeit nicht; er
mischte sich beim Ausbruch der Revolution in die öffentlichen
Geschäfte, und ging im Jahr 1795 mit einer französischen
Gesandtschaft an den türkischen Hof, von wo er, meines Wissens, bis
diesen Augenblick noch nicht zurückgekehrt ist. Der Fremde sagte
lächelnd zu Toni, indem er ihre Hand faßte: daß sie ja in diesem
Falle ein vornehmes und reiches Mädchen wäre. Er munterte sie auf,
diese Vorteile geltend zu machen, und meinte, daß sie Hoffnung hätte,
noch einmal an der Hand ihres Vaters in glänzendere Verhältnisse, als
in denen sie jetzt lebte, eingeführt zu werden! "Schwerlich",
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ein Tuch drückte: so übernahm sie, von manchen Seiten geweckt, ein
menschliches Gefühl; sie folgte ihm mit einer plötzlichen Bewegung,
fiel ihm um den Hals, und mischte ihre Tränen mit den seinigen. Was
weiter erfolgte, brauchen wir nicht zu melden, weil es jeder, der an
diese Stelle kommt, von selbst liest. Der Fremde, als er sich wieder
gesammlet hatte, wußte nicht, wohin ihn die Tat, die er begangen,
führen würde; inzwischen sah er so viel ein, daß er gerettet, und in
dem Hause, in welchem er sich befand, für ihn nichts von dem Mädchen
zu befürchten war. Er versuchte, da er sie mit verschränkten Armen
auf dem Bett weinen sah, alles nur Mögliche, um sie zu beruhigen. Er
nahm sich das kleine goldene Kreuz, ein Geschenk der treuen Mariane,
seiner abgeschiedenen Braut, von der Brust; und, indem er sich unter
unendlichen Liebkosungen über sie neigte, hing er es ihr als ein
Brautgeschenk, wie er es nannte, um den Hals. Er setzte sich, da sie
in Tränen zerfloß und auf seine Worte nicht hörte, auf den Rand des
Bettes nieder, und sagte ihr, indem er ihre Hand bald streichelte,
bald küßte: daß er bei ihrer Mutter am Morgen des nächsten Tages um
sie anhalten wolle. Er beschrieb ihr, welch ein kleines Eigentum,
frei und unabhängig, er an den Ufern der Aar besitze; eine Wohnung,
bequem und geräumig genug, sie und auch ihre Mutter, wenn ihr Alter
die Reise zulasse, darin aufzunehmen; Felder, Gärten, Wiesen und
Weinberge; und einen alten ehrwürdigen Vater, der sie dankbar und
liebreich daselbst, weil sie seinen Sohn gerettet, empfangen würde.
Er schloß sie, da ihre Tränen in umendlichen Ergießungen auf das
Bettkissen niederflossen, in seine Arme, und fragte sie, von Rührung
selber ergriffen: was er ihr zu Leide getan und ob sie ihm nicht
vergeben könne? Er schwor ihr, daß die Liebe für sie nie aus seinem
Herzen weichen würde, und daß nur, im Taumel wunderbar verwirrter
Sinne, eine Mischung von Begierde und Angst, die sie ihm eingeflößt,
ihn zu einer solchen Tat habe verführen können. Er erinnerte sie
zuletzt, daß die Morgensterne funkelten, und daß, wenn sie länger im
Bette verweilte, die Mutter kommen und sie darin überraschen würde;
er forderte sie, ihrer Gesundheit wegen, auf, sich zu erheben und
noch einige Stunden auf ihrem eignen Lager auszuruhen; er fragte sie,
durch ihren Zustand in die entsetzlichsten Besorgnisse gestürzt, ob
er sie vielleicht in seinen Armen aufheben und in ihre Kammer tragen
solle; doch da sie auf alles, was er vorbrachte, nicht antwortete,
und, ihr Haupt stilljammernd, ohne sich zu rühren, in ihre Arme
gedrückt, auf den verwirrten Kissen des Bettes dalag: so blieb ihm
zuletzt, hell wie der Tag schon durch beide Fenster schimmerte,
nichts übrig, als sie, ohne weitere Rücksprache, aufzuheben; er trug
sie, die wie eine Leblose von seiner Schulter niederhing, die Treppe
hinauf in ihre Kammer, und nachdem er sie auf ihr Bette niedergelegt,
und ihr unter tausend Liebkosungen noch einmal alles, was er ihr
schon gesagt, wiederholt hatte, nannte er sie noch einmal seine liebe
Braut, drückte einen Kuß auf ihre Wangen, und eilte in sein Zimmer
zurück. Sobald der Tag völlig angebrochen war, begab sich die alte
Babekan zu ihrer Tochter hinauf, und eröffnete ihr, indem sie sich an
ihr Bett niedersetzte, welch einen Plan sie mit dem Fremden sowohl,
als seiner Reisegesellschaft vorhabe. Sie meinte, daß, da der Neger
Congo Hoango erst in zwei Tagen wiederkehre, alles darauf ankäme, den
Fremden während dieser Zeit in dem Hause hinzuhalten, ohne die
Familie seiner Angehörigen, deren Gegenwart, ihrer Menge wegen,
gefährlich werden könnte, darin zuzulassen. Zu diesem Zweck, sprach
sie, habe sie erdacht, dem Fremden vorzuspiegeln, daß, einer soeben
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- 04Part 4
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