
German Edition
Literature
Ein Doppelgänger
German BooksWhale Edition by Theodor Storm
Eine Begegnung führt zu der Geschichte eines ausgegrenzten Mannes, dessen Vergangenheit und väterliche Liebe das Urteil der Umwelt herausfordern.
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Book introduction
Ein Doppelgänger
Theodor Storm entfaltet die Lebensgeschichte eines Mannes, den Armut, Haft und gesellschaftliche Vorurteile verfolgen. Ein späterer Erzähler begegnet den Spuren dieses Lebens und der Erinnerung an eine schwierige Vater-Tochter-Beziehung. Die Novelle verbindet genaue Milieubeobachtung mit der Frage, wie ein Mensch auf seine Vergangenheit festgelegt wird. Hinter dem Bild des vermeintlichen Doppelgängers treten Erfahrungen von Ausgrenzung, Schuld und Zuneigung hervor.
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Theodor Storm starb 1888; das Werk erschien erstmals 1886. Verwendet wird der gemeinfreie deutsche Originaltext, ohne spätere Anmerkungen oder redaktionelle Zusätze.
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Preview chapterAbschnitt 1Read preview
Vor einigen Jahren im Hochsommer war es und alle Tage echtes Sonnenwetter; ich hatte mich in Jena, wie einst Dr. Martinus, in der alten Gastwirthschaft zum Bären einquartiert, hatte mit dem Wirth schon mehr als einmal über Land und Leute geredet und mich mit Namen, Stand und Wohnort, welcher derzeit zugleich mein Geburtsort war, in das Fremdenbuch eingeschrieben.
Am Tage nach meiner Ankunft war ich nach Besteigung des Fuchsthurms und nach manchem andern Auf- und Absteigen spät nachmittags in das geräumige, aber leere Gastzimmer zurückgekehrt und hatte mich sommermüde vor einer Flasche Ingelheimer hinter dem kühlen Ofen in einen tiefen Lehnstuhl gesetzt; eine Uhr pickte, die Fliegen summten am Fensterglas, und mir wurde die Gnade, davon in den Schlaf gewiegt zu werden, und zwar recht tief.
Das erste, was vom Außenleben wieder an mich herankam, war eine sonore milde Männerstimme, welche, wie zum Abschied, gute Lehren gebend, zu einem Andern zu reden schien. Ich öffnete ein wenig die Augen: am Tische, unfern von meinem Lehnstuhl, saß ein ältlicher Herr, den ich nach seiner Kleidung als einen Oberförster zu erkennen meinte; ihm gegenüber ein noch junger Mann, gleichfalls im grünen Rock, zu dem er redete; ein röthlicher Abendschein lag schon auf den Wänden.
„Und dessen gedenke auch noch“, hörte ich den Alten sagen, „Du bist ein Stück von einem Träumer, Fritz; Du hast sogar schon einmal ein Gedicht gemacht; laß Dir so was bei dem Alten nimmer beikommen! Und nun geh’ und grüß’ Deinen neuen Herrn von mir; zur Herbstjagd werd’ ich mich nach Dir erkundigen!“
Als dann der Junge sich entfernt hatte, rüttelte ich mich völlig auf; der Alte stand am Fenster und drückte die Stirn gegen eine Scheibe, wie um dem Fortgehenden noch einmal nachzuschauen. Ich trank den Rest meines Ingelheimers, und als der Oberförster sich in das Zimmer zurückwandte, begrüßten wir uns wie nach abgethanen Werken, und bald, da Niemand außer uns im Zimmer war, saßen wir plaudernd neben einander.
Es war ein stattlicher Mann von etwa fünfzig Jahren, mit kurz geschorenem, schon ergrautem Haupthaar; über dem Vollbart schauten ein paar freundliche Augen, und ein leichter Humor, der bald in seinen Worten spielte, zeugte von der Behaglichkeit seines inneren Menschen. Er hatte eine kurze Jagdpfeife angebrannt und erzählte mir von dem jungen Burschen, welchen er einige Jahre in seinem Hause gehabt und nun zur weiteren Ausbildung an einen älteren Freund und Amtsbruder empfohlen habe. Als ich ihn, seiner Vorhaltung an den Jungen gedenkend, frug, was für Leides ihm die Poeten denn gethan hätten, schüttelte er lachend den Kopf.
„Gar keines, lieber Herr“, sagte er, „im Gegentheil! Ich bin ein Landpastorensohn, und mein Vater war selber so ein Stück von einem Poeten; wenigstens wird ein Kirchenlied von ihm, das er einmal als fliegendes Blatt hatte drucken lassen, noch heutigen Tages nach ‚Befiehl du deine Wege‘ in meinem Heimathdorf gesungen; und ich selber – als junger Gelbschnabel wußte ich sogar den halben Uhland auswendig, zumal in jenem Sommer, – “ er strich sich plötzlich mit der Hand über sein leicht erröthend Antlitz und sagte dann, wie im Stillen seine vorgehabte Rede ändernd: „wo am Waldesrand das Geißblatt wie zuvor in keinem andern Jahre duftete! Aber ein Rehbock, ein ander Mal – und das war schwer verzeihlich – die seltene Jagdbeute, eine Trappe, sind mir darüber aus dem Schuß gekommen! – Nun, mit dem Jungen ist es nicht so schlimm; nur der Alte drüben wird schon fuchswild, wenn wir gelegentlich einmal anstimmen: ‚Es lebe was auf Erden stolziert in grüner Tracht‘; Sie kennen wohl das schöne Lied?“
Ich kannte zwar das Lied – hatte nicht auch Freiligrath seinen patriotischen Zorn an dem harmlosen Dinge ausgelassen? – Aber mir lag die plötzliche Erregung des alten Herrn im Sinne: „Hat das Geißblatt auch in späteren Jahren wieder so geduftet?“ frug ich leise.
Preview chapterAbschnitt 2Preview
Sie nickte. „Sprechen Sie nur!“ sagte sie.
„Ich glaube nicht zu irren“, begann ich, „Sie schienen überrascht, als ich heute morgen meinen Namen nannte. Hatten Sie ihn früher schon gehört? Mein Vater war, wenigstens im Lande, ein bekannter Mann.“
Sie nickte wieder ein paar Mal: „Ja, ich erinnere mich Ihres Namens aus meiner Kinderzeit.“
Als ich dann aber meine Vaterstadt ihr nannte, wurden ihre Augen plötzlich starr und blieben unbeweglich auf den meinen ruhen; nur ein paar vorquellende Thränen verdunkelten jetzt beide.
Ich erschrak fast. „Es war nicht mein Gedanke, Ihnen weh zu thun“, sagte ich; „aber der Wirth zum Bären, der meine Heimath aus dem Fremdenbuch erfahren hatte, behauptete, wir beide seien Stadtkinder mit einander!“
Sie that einen tiefen Athemzug. „Wenn Sie daher stammen“, sagte sie, „so sind wir es.“
„Und doch“, fuhr ich etwas zögernd fort; „ich glaube alle damaligen Familien unserer Stadt zu kennen und wüßte nicht, in welche ich Sie hineinbringen sollte.“
„Die meine werden Sie nicht gekannt haben;“ erwiderte die Frau.
„Das wäre seltsam! Wann haben Sie denn die Stadt verlassen?“
„Das mag fast dreißig Jahre her sein.“
„O, damals war ich noch in unsrer Heimath, bevor wir, so viele, in die Fremde mußten.“
Sie schüttelte den Kopf. „Die Ursache liegt wo anders: meine Wiege“ – sie zögerte ein wenig und sagte dann: „Ich hatte wohl nicht einmal eine; aber die Kathe, in der ich geboren wurde, war nur die Miethwohnung eines armen Arbeiters, und ich war seine Tochter.“
Sie blickte mit ihren klaren Augen zu mir auf. „Mein Vater hieß John Hansen“; sagte sie.
Ich suchte mich zurecht zu finden; aber es gelang mir nicht; der Name Hansen war bei uns wie Sand am Meer. „Ich kannte manchen Arbeiter“, erwiderte ich; „unter dem Dache des einen war ich als Knabe sogar ein wöchentlicher Gast, und für manches, was ich noch zu meinem Besten rechne, fühle ich mich ihm und seiner braven Frau verpflichtet. Aber Sie mögen Recht haben, der Name Ihres Vaters ist mir unbekannt.“
Sie schien aufmerksam zuzuhören, und mir war es, als würden ihre kindlichen Augen wieder feucht.
„Sie hätten ihn kennen müssen“, rief sie, „Sie würden die, welche die kleinen Leute genannt werden, noch tiefer in Ihr Herz geschlossen haben! Als meine Mutter, da ich kaum drei Jahre alt war, starb, da hatte ich nur ihn; aber schon in meinem achten Jahre ist er plötzlich mir entrissen worden.“
Wir gingen eine Zeit lang, ohne ein Wort zu wechseln, und ließen die Spitzen der Tannenzweige, die in den Weg hingen, durch unsre Finger gleiten; dann hob sie den Kopf, als ob sie sprechen wolle, und sagte zögernd: „Ich möchte nun auch Ihnen, meinem Landsmann, etwas Weiteres vertrauen; es ist seltsam, aber es kommt mir immer wieder: mir ist oftmals, als hätte ich vorher, bei Lebzeiten meiner Mutter, einen anderen Vater gehabt –, den ich fürchtete, vor dem ich mich verkroch, der mich anschrie und mich und meine Mutter schlug ... und das ist doch unmöglich! Ich habe später selbst das Kirchenbuch aufschlagen lassen; meine Mutter hat nur diesen einen Mann gehabt. Wir haben zusammen Noth gelitten, gefroren und gehungert; aber an Liebe war niemals Mangel. Eines Winterabends entsinne ich mich noch deutlich; es war an einem Sonntag, und ich mochte etwa sechs Jahr alt sein. Wir hatten leidlich zu Mittag gegessen; doch zum Abend wollte es nicht mehr reichen; mich hungerte noch recht, und der Ofen war fast kalt geworden. Da sah mein Vater mich mit seinen schönen dunkeln Augen an, und ich streckte meine Aermchen ihm entgegen; und bald lag ich, in ein altes Tuch gewickelt an der warmen Brust des mächtigen Mannes. Wir gingen durch die dunklen Straßen, immer in eine neue; aber über uns waren alle Sterne angezündet, und meine Augen gingen von dem einen zu dem andern. „Wer wohnt da oben?“ frug ich endlich, und mein Vater antwortete: „Der liebe Gott, der wird Dich nicht vergessen!“ Ich sah wieder in die Sterne, und alle blinkten so still und freundlich auf mich nieder. „Vater“, sagte ich, „bitte ihn doch noch um ein kleines Stückchen Brot für heute Abend!“ Ich fühlte einen warmen Tropfen auf mein Angesicht fallen; ich meinte, er käme von dem lieben Gott. – Ich weiß, mich hungerte nachher noch in meinem Bettchen; aber ich schlief doch ruhig ein.“
Preview chapterAbschnitt 3Preview
Bei solcher Gelegenheit, da sie wieder einmal weit draußen am Hafdeich mit einander im Grase lagen, wo nur der Westwind pfiff und die Möven schrieen, überfiel den jungen Burschen die Lust, auch seinerseits einmal den Hals zu wagen; er streckte seine straffen Arme aus und schüttelte die Fäuste, ein wüstes Feuer brach aus seinen Augen. „Zum Satan!“ rief er; „hätt’ man so was auch nur zu schaffen, da ehrliche Arbeit nicht zu haben ist!“
Der alte Halunke, der neben ihm lag und beim Erzählen nur über sich die Wolken hatte ziehen sehn, blickte ihn von der Seite an. „Meinst Du?“ sagte er heimlich – „nun, Spaß würd’ schon dabei sein!“
John antwortete nicht; ein Trupp Arbeiter kam von draußen auf dem Deich daher. Der Fremde stand auf und sagte: „Komm, John, die kennen uns; wir wollen mit ihnen heimgehn!“
– – Am andern Nachmittage, da sich für John abermals die Aussicht auf einen Dienst zerschlagen hatte, lagen die beiden wieder an derselben Stelle. Der Fremde sprach nicht, John riß Grasbüschel aus dem Boden und warf damit nach vorbeistreichenden Schwalben.
„Du ruinierst doch den Deich, da Du sonst nichts zu thun hast!“ sagte der andre lachend.
John stieß einen Fluch aus. „Du wolltest mir gestern was erzählen, Wenzel!“ sagte er.
Wenzel sah wie abwesend auf die See, wo draußen eben ein Segel vorbeizog. „Ich?“ sagte er. „Was sollte das gewesen sein?“
– „Das mußt Du selber wissen; aber Spaß sollte dabei sein. So sagtest Du.“
„Ja so! Ich weiß schon; aber es ist noch mehr Gefahr als Spaß dabei.“
John lachte.
„Was lachst Du!“ sagte Wenzel; „es kann um Kopf und Kragen gehn!“
„Ich meinte nur, es sei das just der Spaß!“
Der andere richtete sich auf: „Ist Dir Dein Kopf so wohlfeil?“
„Nein, Wenzel; aber ich denk’, er sitzt mir ziemlich fest. Erzähl’ nur; das ist profitabler!“
Sie rückten näher zusammen; ihr Reden wurde ein Flüstern; mitunter lies der eine auf den Deich und blickte scheu umher; aber keine Menschenseele ließ sich sehen. Die Dämmerung fiel herab; in tiefem Dunkel kamen die beiden zurück und stiegen in den Keller hinab, wo noch halbtrunkenes Volk an den Tischen lärmte.
– – Drei Tage nachher wurde unsere Stadt durch das Gerücht eines unerhört frechen Einbruchdiebstahls aufgeschreckt, und was an Polizei vorhanden war, hatte mit Arm und Beinen zu thun. Das Erkerhaus am großen Markte, das der Exsenator Quanzberger allein mit seinem alten Diener bewohnte, war der Schauplatz gewesen. Der alte hagere Herr, den man gebunden, mit einem Knebel in seinem zahnlosen Munde neben seinem Bett gefunden hatte, konnte viele Wochen nachher nicht seinen pünktlichen Spaziergang durch die Gassen machen, und viele Jungen wußten deshalb nicht mehr, was die Uhr sei, und kamen viel zu spät oder zu früh in die Schule, und als er ihn wieder antrat, fehlte unter seinem Arm der rothseidene Regenschirm, und sein hoher Filzhut zitterte auf der fuchsfarbenen Perrücke. Am schlimmsten aber war es, daß bei seinem alten Nikolaus, der durch einen Schlag über den Schädel betäubt war, nur mit genauer Noth noch Leib und Seele bei einander blieben.
Das war es gewesen, was dem braven Soldaten John Hansen eine sechsjährige Zuchthausstrafe und den Namen John Glückstadt eingetragen hatte. Seltsam war es, daß nach Publicirung des Urtheils auch unter den städtischen Honoratioren von mancher Seite für den Verurtheilten Partei ergriffen wurde; man hob hervor, daß er die goldene Uhr des Exsenators, die ihm als Beuteantheil zugefallen war, schon am Tage nach der That einem jungen Vetter auf dem Lande als Confirmationsgeschenk gegeben habe, was freilich dann zuerst der Anlaß zu seiner Verhaftung geworden war. „Schad’ um den Burschen“, sagten die einen, „daß er ein Spitzbube geworden! Sieht er nicht aus, als hätte er General werden müssen?“ und die andern erwiderten: „Freilich, doch mehr noch wie jene vornehmen Räuber, denen es weniger um den Gewinn, als um den Sport dabei zu thun war.“
Table of contents
Inside this edition
- 01Abschnitt 1
- 02Abschnitt 2
- 03Abschnitt 3
- 04Abschnitt 4
- 05Abschnitt 5
- 06Abschnitt 6
- 07Abschnitt 7
- 08Abschnitt 8
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