
German Edition
Literature
Eine dänische Geschichte
German BooksWhale Edition by Adele Schopenhauer
Adele Schopenhauers Roman verbindet einen Maler auf Laaland mit Liebesbeziehungen, Familienkonflikten und den Lebenswegen eines dänischen Adelskreises.
- Preview
- A sample from the prepared text
- Formats
- Online reader, EPUB, PDF
- Access
- Library claim
Book introduction
Eine dänische Geschichte
Im dänischen Nysted und seiner Umgebung begegnet ein reisender Maler einem Kreis von Familien, dessen Beziehungen durch Stand, Eigensinn und persönliche Wünsche geprägt sind. Adele Schopenhauer verfolgt wechselnde Bindungen und die Folgen ihrer Entscheidungen über längere Zeit. Diese Ausgabe bietet den deutschen Romantext in neutralen Leseabschnitten, die den fortlaufenden Erzählgang erhalten.
BooksWhale edition
How this edition was prepared
This edition is based on a public domain text and has been prepared for digital reading by BooksWhale.
Public domain basis
Why this edition can be shared
Adele Schopenhauer starb 1849. Diese Ausgabe verwendet den gemeinfreien deutschen Originaltext aus Project Gutenberg; spätere Herausgebertexte und gesonderte Anmerkungen sind nicht enthalten.
Read preview
A sample from the prepared text
Preview selected from the prepared reader text.
Preview chapterAbschnitt 1Read preview
Auf der süd-östlichen Küste der Insel Laaland erhebt sich das alte Städtchen Nysted, welches sich zu den frühesten Dänemarks zählt, da es schon im Jahr 1409 durch Erich von Pommern Stadtrechte erhielt. Wie aus einem dicken Laubkranze schaut es von seinem grünenden Hügel aus weit hinein in das Land – über Laaland und Falster hin, ja dem Meer entlang bis nach Femern und Rostock, und seine berühmten Lindengänge erzählen sich im Abendwind ganz wundersame Geschichten: der träumerische Nachthauch streicht über heidnische Grabhügel, über verfallene Gerichts- und Opferstätten hin, und hilft dem kundigen Greis die in seinem Kopf zerstreuten, halbverlorenen Klänge der alten Saga zusammensuchen, die ihm vom Ur-Ahn auf Großvater und Vater vererbt sind. Denn der Nordländer, besonders aber der Landbewohner hört gar gern erzählen von lang vergangenen Tagen, wenn der strenge Winter ihm Thor und Fensterladen schließt und ihn zurückdrängt in die engen Kammern.
Auf dem höchsten Steine der ehemaligen Schanze, an der Mündung des Hafens, saß ein junger Mann, nachdenklich beide Arme auf ein Mauerstück gelehnt und schauete bald zum bewölkten Himmel auf, bald in die frische Landschaft hinein, sah aber dabei aus, als gedenke er gar anderer Ruinen, gar anderer Hügel und Meere; ihm war das Herz sichtlich schwer. Auch er war ein beliebter Erzähler des Städtchens; er hatte oft und gern seinen staunenden Zuhörern den bunten Schleier seiner südlichen Anschauungen über dies stille Grau der Nebel hingebreitet, in denen der Frühling, wie ein Kind in seinen Windeln, tief in's Jahr hinein schläft, und dann mit einem Male aufspringt, da ist in voller Schöne und Kraft und wie ein junger Herkules die alte Winterschlange zerdrückt. Das hat der höhere Norden mit dem Süden gemein, daß dort wie hier der ganze Lenz, wie seine einzelne Blüthe, in der geschwellten Knospe steckt; und ihn der heiße Sonnenstrahl plötzlich erweckt zum üppigsten Leben, während man in Mittel-Deutschland ihn lange kommen sieht, und heute die Primel, morgen die Kirschenblüthe findet, eine Woche lang das Maienglöckchen erwartet, und so allmälig Blume um Blume willkommen heißt und begrüßt.
Drei Monate schon war der Reisende in Nysted; seit drei Wochen liebte er; seit drei Wochen war ihm, außer dem kleinen Fleck Erde Laaland, die übrige Welt dunkler geworden als der bewölkte Himmel, den er anstarrte. – Darum also war er in Italien gewesen, hatte Rom gesehen, dort und in Florenz Jahre lang studirt, um hier hoffnungslos einem bleichen Mädchenantlitz gegenüber festzuwurzeln? – Wo waren dann seine Wünsche und Träume geblieben, und all die weitausgreifenden Pläne der Seinen? – Wie welke Blätter im Sturm kreisten und wirbelten Erinnerungen und Vorstellungen durch seine Seele: – er gedachte seiner Mutter in Plön, wohin sie von Copenhagen gezogen, um wohlfeil zu leben, einsam mit einer alten Magd, jeden Pfennig zu sparen und mitten in den Unruhen des Kriegs ihn zum Künstler zu bilden; er gedachte seines Ohms, des Rathsverwandten Hagemeister, der als solcher eine kleine Anstellung in Roeskilde erhalten, und mit unsäglicher Mühe durch des Bischofs Gnade den Auftrag ihm verschafft hatte, der zuerst ihn nach Nysted geführt. – Eben durchbrach die Sonne, mit hellem blassen Strahl sie durchschneidend, die schwere Wolkenhülle; aufblitzte der goldne Thurmknopf der das ganze Städtchen hoch überragenden Kirche; die Arbeitsstunde war gekommen, und die Möglichkeit im alterthümlichen Bau des Gotteshauses die Farben zu sehen und scharf zu unterscheiden; – der Maler warf alle Gedanken zur Seite und eilte der Bucht entlang den Weg zurück in die Stadt, die steile Gasse hinauf zur Kirche; sie war geschlossen am Werkestag; das Frühgebet war längst vorüber. Thorald mußte herumgehen bis an des Küsters Haus; er klopfte leise an die runden Scheiben des kleinen Fensters, es öffnete sich sogleich und ein feiner Mädchenkopf beugte sich hervor.
Preview chapterAbschnitt 2Preview
»Wasser vom Bärenborn für Fräulein Helene.«
»Seit wann thust denn Du Schloßdienste?«
»Ei im Schloß bin ich wohl selten genug! Aber das Fräulein wäscht sich nur mit dem Bärenborn, und wir Töchter der Frohn- und Festebauern müssen ihr Reihe herum das Wasser holen. Es ist freilich ein wenig weit,« setzte sie hinzu, indem sie mit dem Schürzenzipfel die Stirne trocknete, »es sind wohl anderthalb Stunden Wegs von uns aus dorthin, darum hat mir's warm gemacht!« –
»Aber wer hat Euch denn befohlen das Wasser zu holen?«
»Wer anders als der Vogt? die Herrschaft weiß wohl kaum davon! Er ist es noch von Alters her gewohnt, die Bauern zu Paaren zu treiben! Die Alten sind alle so; macht es doch unserer Gräfin Vater nicht besser! Der nimmt das Joch aus Gewohnheit selbst über den Nacken! Nun, kommt's nicht arg, fügt man sich schon.«
Lustig schritt sie mit ihrem Kruge weiter.
Die Gräfin eines Pachters – Peter Owens Kind? Das also ist die unsichtbare dunkle Last, an welcher das arme Weib so schwer trägt? ihr Großvater Leibeigener, der Vater Frohnpflichtiger, wenn auch wohl längst abgekaufter Bauer – und sie die Gutsherrschaft – die Gräfin! Also da sind wir noch? seufzte der junge Mann. O wahr, trotz den Bestrebungen der Edelsten unseres Volks, trotz Moltke, Reventlov und Colbiornsen noch nicht weiter? Wie unsäglich langsam reift die Saat des Guten – bedarf sie denn wirklich des blutgetränkten Bodens? –
In Italien und Frankreich, die er durchreis't, standen damals Bildung und Volksgesinnung auf einem so andern Höhepunkte. Napoleon hatte eben Italien unterjocht, indem er es republikanisirte; es war ein Lichtblick seines gewaltigen Lebens, – die vorangegangenen Uebertreibungen der Schreckenszeit hoben die Gegenwart glänzender hervor; Jeder wollte dort wenigstens einen Theil der ihr entströmenden Freiheit für seine oder seiner Kinder Existenz, während im Norden die Meisten vor dem Gedanken an die ihr gefallenen Opfer zurückbebten, und deren Vollgewinn in seiner damaligen Form kaum angenommen haben würden, hätte er sich ihnen geboten.
Anders freilich dachte und fühlte die Jugend, ihr war der Blutsaum des Gewandes der Freiheit Morgenröthe geblieben. Der gestörte Zustand der aus ihren Angeln gerissenen Maschine, die wir Bürgerlichkeit nennen, erschien ihr minder grell und qualvoll, als den Alten, welche der verarmten Familienväter, der kinderlos gewordnen Mütter, der Gattinnen, die ihr Theuerstes auf der Guillotine verloren, gedachten. – Frankreichs glänzende Redner hatten auch in Dänemark den heißen Durst nach einer nie empfundenen Gleichheit der Stände erweckt, versprach er doch dem edlern Individuum den unermeßlichen Reichthum einer vollständigen Entfaltung, den der innerlich Hochbegabte am schmerzlichsten entbehrt, und heißer ersehnt, als der Bettler das materielle Gut des Vornehmen.
Dem rohen Rausch vernichtender, zerstörender Bestialität des französischen Pöbels lag eigentlich das nämliche Gefühl zu Grunde, das hier und da den Schwärmer verleitete: eine Ueberschätzung seiner selbst. Umsonst haben tausendjährige Erfahrungen uns die Lehre wiederholt, daß dem wirklich bedeutenden Menschen, dem Genie, der vollständigen Geisteskraft weder äußere Verhältnisse, noch irgend eine andre Zeitgewalt hemmende Fesseln anzulegen vermögen; für die Meisten sind der obscure Mönch Luther, der Schiffsjunge Peter von Rußland, und der uns viel näher stehende Napoleon Bonaparte keine Beispiele.
Ist nun dem Menschenherzen so natürlich, im angeborenen Streben nach Glück den größten Maßstab für die eigenen Forderungen zu wählen, ohne sie mit den eigenen Leistungen irgend in ein Gleichgewicht zu bringen, um wie viel edler erscheinen jene seltenen Naturen, die ohne persönliches Bedürfen, unter günstigen Verhältnissen, nur für die Menge fordern und, ihre Nation vertretend, sich selbst aufopfern für ein allgemeines Wohl! Fast alle wahren Wohlthäter der Menschheit haben jedoch nicht bloß gewaltig, sondern eben so mild als besonnen gehandelt. Sie sind Sterne gewesen, welche nicht nur das Dunkel des Augenblicks durchleuchteten, sondern in jeder Nacht von neuem auftauchten und hinter den sie bergenden Wolken fortschimmerten, bis ihr Strahl sie zu durchbrechen vermochte.
Preview chapterAbschnitt 3Preview
In der öden Einsamkeit der rauhen Haide, in Mariager, einem elenden, kleinen Städtchen, das dem tief einschneidenden Fiörd durch einen kleinen Seehafen seinen Unterhalt abgewinnt, ohne alle gewohnten Bequemlichkeiten, ohne irgend eine Lebensgier, sah der Arme seine ganze Jugend verstreichen! Mit täglichen Geldverlegenheiten um's tägliche Brot kämpfend, saß er freund- und freudelos der Gattin allein gegenüber: unter Standesgenossen ein Bauer, – unter Bauern ein Bettelgraf! Von Menschen umgeben, deren ganze Industrie sich auf den Hausfleiß grober Webereien und Fertigung schwerer Holzschuhe erstreckt, blieb er allem Umgang fern. Stolz und verschüchtert zugleich, fand seine ohnedies scheue Natur überall Widersprüche, die ihn schmerzten. Seine Leidenschaft hatte der Besitz abgekühlt, was an ihr durch äußern Widerstand zu phantastisch-schöner Uebertreibung aufgeschossen, wie eine Wunderblüthe – war fruchtlos abgewelkt: seine Ehe war kinderlos geblieben. Er liebte seine sanfte treue Gattin, allein in der immergleichen unpoetischen Stille ihres Zusammenlebens, traten oft Pausen des Verstehens, schmerzliche Lücken ein; der Tag ward lang, riesig gedehnt überwuchs ihn der frühbeginnende nordische Abend, das Bedürfniß die Zeit auszufüllen machte sich geltend.
Der junge Mann fing an zu lesen, aus Holstein, Schleswig und Copenhagen Bücher sich zu verschreiben, eifrig zu studiren, über mühsam errungener Kenntniß zu brüten.
Nun vergaß er die Kränkungen der Welt, verschmerzte die Trennung von den Seinen – allein er vergaß auch seine Frau; er versank in tiefsinniges Forschen, vergrub sich in Geschichte und Philosophie. – Eva erschrak als sie plötzlich entdeckte, daß sie eifersüchtig sei. Eifersüchtig! und nicht mehr wie ehemals auf eine schöne Dirne, deren Augen Christian gelobt, deren schlanken Leib er im »Fangtanz« fester umschlossen – sondern auf seine von ihr abgewandte Seele, auf seine Bücher und Plancharten, um seiner nun ganz von der ihren abgelös'ten Existenz willen. O wie lange Tage weinte die arme Eva – er merkte es nicht einmal! wie weinte sie, daß sie nicht klug, nicht unterrichtet genug sei für ihren Christian!
Endlich begann sie Unterricht zu suchen, sich eifrig mit Stundennehmen abzuquälen, um ihm nachzustreben, ihn wieder verstehen zu lernen. Es vergingen viele Monate ehe sie nothdürftig Schreiben und Lesen sich angeeignet, – er aber hatte schon wieder andere Interessen gewonnen, trieb jetzt Physik und Astronomie, machte Experimente – und Schulden, um sich vermittelst der Schiffsgelegenheit des kleinen Hafens ausländische Schriften und astronomische Instrumente kommen zu lassen. Wieder war er ihr in endloser Weite voran! Sie litt sehr! Endlich bemerkte er es.
– Das Alles und weit mehr noch glitt mit grausenhafter Geschwindigkeit Christians innerem Auge vorüber; als er das leibliche aufschlug, saß seine Schwester, den einen Fuß hochgestellt und auf das Knie den Arm gestützt, in dessen Hand das rothgeweinte Antlitz ruhte, mit dem eigenwillig kecken Ausdruck in den Zügen, den er an sich selber kannte! An dem nämlichen Fenster hatte er tausend Mal so gesessen und in der nämlichen Stellung starr auf das mondlichte, hochaufwogende Meer geschaut, – wie eben jetzt Helene! –
Denn die kaum minutenlange Pause zwischen ihrer kecken Anrede und des Bruders zögernder Antwort, hatte auch ihr das Herz wach gerüttelt; die angenommene Heiterkeit war ausgelöscht, der nackte, bittere Trotz an deren Stelle getreten. Fest entschlossen für ihr Glück zu kämpfen, fühlte sie darum nicht minder den Druck lastender Erinnerung. Auch des ihr drohenden harten Widerstandes war sie mit tiefstem Grauen sich bewußt – sah sie doch täglich dem stillen Vergehen ihrer Schwägerin, der immer zunehmenden Kälte zwischen den Eheleuten zu, sie mußte es sich eingestehen, daß aus Christians eigenen Erfahrungen der furchtbarste Feind ihr erwachse.
Auch war der schon bei ihrer Geburt halb Verwais'ten ein entsetzliches Bild von des Vaters Zorn gegen Christian geblieben, das mit dem seltsamen Lebenswandel des seit ihrer Mutter Tode ganz Vereinsamten in Verbindung stand, – das Urtheil der ganzen Familie betrachtete damals den verbannten Sohn wie etwa einen Pestkranken; niemand von den Geschwistern, den Vettern und Basen hatte ihn wiedergesehen, niemand nannte ohne besondere Nöthigung Christians Namen! die andern Brüder, jetzt beide an reiche, wenngleich bürgerliche Frauen vermählt, waren damals noch zu jung zum heirathen. Der bloße Gedanke an eine Verbindung mit einer kaum dem Leibzwang entrissenen Bauerndirne, war ihnen empörend und lächerlich zugleich; mit ausgelassenem Hohn erzählten sie einander von einem Vetter des Mädchens, den der Vogt mit Peitschenhieben zum zwölfjährigen Soldatendienste gezwungen, eines leichten Vergehens halber ihn vom Hof gejagt und unter die Miliz gesteckt – dem Kinde war die Geschichte immer peinlich gewesen. Die bösen Buben hatten es dann erst recht geneckt, »wärst Du es, Püppchen, und nicht unser Aeltester, wir drehten Dir lieber den Hals um, eh' wir die Schande noch einmal erlebten!« »Ja«, sagte lachend der Andere, »das wäre auch noch schlimmer, unser Blut adelt das Weib an unserer Seite und läßt unsern Söhnen den Namen des Vaters, aber so ein Bürgerlümmel machte sie zu seines Gleichen.« Helenchen hatte nicht verstanden was sie meinten, aber die Angst hatte ihr Thränen erpreßt.
Table of contents
Inside this edition
- 01Abschnitt 1
- 02Abschnitt 2
- 03Abschnitt 3
- 04Abschnitt 4
- 05Abschnitt 5
- 06Abschnitt 6
- 07Abschnitt 7
- 08Abschnitt 8
- 09Abschnitt 9
- 10Abschnitt 10
- 11Abschnitt 11
- 12Abschnitt 12
Language availability
Other languages
Additional language editions are not published yet. This section will link to other BooksWhale editions when they become available.
Request another language