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Gesammelte Schriften: Erzählungen, Erster Band cover

German Edition

Literature

Gesammelte Schriften: Erzählungen, Erster Band

German BooksWhale Edition by Marie von Ebner-Eschenbach

A German story volume by Marie von Ebner-Eschenbach, including Lotti, die Uhrmacherin, Wieder die Alte, and Nach dem Tode.

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Book introduction

Gesammelte Schriften: Erzählungen, Erster Band

This German edition presents a substantial story volume from Marie von Ebner-Eschenbach’s collected writings, centered on sharply observed lives, moral pressure, social rank, aging, work, memory, and human dignity. The cleaned text keeps the public-domain German original while removing table of contents, publisher notices, and Project Gutenberg boilerplate.

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How this edition was prepared

This edition is based on a public domain text and has been prepared for digital reading by BooksWhale.

Public domain basis

Why this edition can be shared

Marie von Ebner-Eschenbach died in 1916, and this German story volume was originally published in 1893. The source text is therefore treated as public-domain original German text for this BooksWhale edition.

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Gesammelte Schriften: Erzählungen, Erster Band

Marie von Ebner-Eschenbach

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Lotti, die Uhrmacherin

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Fräulein Lotti war soeben erwacht. Die Repetiruhr, die an einem zart geschweiften Schnörkel am rechten Kopfende des alterthümlichen, reich geschnitzten Bettes hing, schlug mit zartem Klange sechs Mal an. Gleich darauf begann die deutsche Stockuhr, eine solide Arbeit Meister Anton Schreibelmeyers, von der Commode am Pfeiler aus, die Morgenstunde zu verkünden. -- Auf! auf! befahl ihre gebieterische Stimme, an die Arbeit! der Tag beginnt! -- Ihre Glocken hatten kaum ausgezittert, als auch schon die französische Wanduhr, in aller Bescheidenheit, eilig und leise zu melden begann: Sechs! sechs! gehorsamst zeig' ich's an.

Eine kleine Pause -- und am linken Kopfende des Bettes erhob das Seitenstück der Repetir-, eine Spieluhr, ihre Silberstimme und gab ein Schäferliedchen zum Besten, so lieblich, als hätten kleine Engel es gesungen.

Mit unendlichem Wohlgefallen lauschte das Fräulein dem Concerte, das ihre Uhren abhielten, und hätte in den Schlußgesang beinahe mit eingestimmt, so fröhlich war ihr zu Muthe. An dem Lichte, das durch die herabgelassenen Vorhänge in das Zimmer drang, erkannte sie, daß es heute einen schönen Tag gebe -- war das nicht genug, um den reichen Quell von Heiterkeit in ihrer Seele zum Überströmen zu bringen?

Sie stand auf und kleidete sich an; sehr sorgfältig zwar, aber ohne dabei mehr, als durchaus nöthig war, in den Spiegel zu sehen, denn -- sie war sich kein angenehmer Anblick. Die Zeit, in welcher sie ihren Mangel an Schönheit gar schmerzlich und fast wie eine Schmach empfunden, war freilich vorbei. Jetzt, mit fünfunddreißig Jahren als ehrenfeste alte Jungfer, hatte sie längst aufgehört, ihr Aeußeres gehässig anzufeinden, aber so ganz erloschen war das letzte Fünkchen Eitelkeit in ihrem Frauenherzen doch nicht, wenn es sich auch nur in dem Gedanken aussprach: Es ist ein Glück, daß ich Anderen anders vorkomme als mir selbst, sonst könnte mich Niemand leiden.

Nach beendeter Toilette begab sie sich aus dem Schlaf in das Wohnzimmer. Es war ein trauliches Gemach, dessen Fenster auf einen kleinen Platz sah -- einen sehr kleinen, denn er wurde von nur vier Häusern gebildet; doch war er luftig und hell, und gewährte den Anblick eines beträchtlichen Stückes Himmel, was gewiß kein geringer Vorzug war. Es will etwas heißen, im Herzen der Civilisation zu wohnen, im Mittelpunkt der Hauptstadt, tausend Schritte vom Dome, den zu sehen viele Leute tausend Meilen weit hergezogen kommen, und dabei von seinem Fenster aus Wetterbeobachtungen fast wie Knauer, und das Studium des Sternenlaufes, fast wie ein Chaldäer, betreiben zu können, Wolken und Vögel ziehen, und der Sonne und dem Mond ins Gesicht zu sehen.

Dieses Stück Himmel, obwohl -- nur aus einem Fenster sichtbar, erhellte dem Fräulein die ganze im Uebrigen ziemlich finstere Wohnung und ließ ihr das Erklimmen der drei Stockwerke, die zu derselben hinauf führten, als eine höchst anmuthige Promenade erscheinen, weniger beschwerlich als eine Bergbesteigung, und ~beinahe~ ebenso lohnend.

Aber nicht nur der Himmel über dem Platze, auch die Häuser auf dem Platze und die Menschen, die in ihnen wohnten, nahmen das Interesse Fräulein Lottis in Anspruch. Die Fenster des gegenüberliegenden Hauses, das den Platz gegen Osten in einem stumpfen Winkel abschnitt, glänzten schon im Sonnenschein. Bei den reichen Leuten in der Bel-Etage sind die Gardinen noch nicht aufgezogen; dort schläft man in den Tag hinein, sieht den Himmel nie in seinem ersten, sanft umflorten Blau, in seiner duftigsten Schönheit. Im dritten und vierten Stock hingegen giebt's freien Eintritt für Licht und Luft des goldenen Maimorgens.

Auf den Mauervorsprüngen der beiden Häuser nebenan trippelten dicke graue Tauben in großer Aufregung. Sie warten voll Ungeduld auf das Frühstück, das ihnen Lotti auf das Fenstergesimse zu serviren pflegt. Kaum weniger gespannt als sie, sehen noch andere Geschöpfe dem anziehenden Schauspiel der Taubenfütterung entgegen. Es sind die nächsten Nachbarn des Fräuleins, und sie gehören zu ihren Bekannten, wenn auch nicht zu ihrem Kreise. Der Nachbar zur Linken erhält ihren ersten Gruß, dann kommen die Nachbarn zur Rechten. Jener, ein gebrechliches Männchen, engbrüstig und kahl, das Urbild eines alten Damenschneiderleins, diese, drei frische Jungen, mit runden, Dank der frühen Morgenstunde, sauber gewaschenen Gesichtern. Prächtige Bursche, noch zu jung für die Schule und doch beinahe schon der weiblichen Zucht entwachsen; mit Worten wenigstens richtete die Mutter nichts mehr bei ihnen aus, obwohl sie dieselben nicht spart, die brave Frau. Der Mann und Vater hat seine Werkstätte nebenan in den Hof hinaus, und plagt sich an der Drehbank vom Morgen bis zum Abend. Er ist Pfeifenschneider, aber im Rohre scheint er nicht zu sitzen, und Ueberfluß hat er nur an Kindersegen. Die drei Erstgeborenen haben angefangen sich um den besten Platz am Fenster zu balgen, die Mutter tritt unter sie, ein zweijähriges Mädchen auf dem Arme, zieht den Pantoffel vom Fuße und schlägt wacker auf die Buben los. Der Pantoffel fällt, gleich der Hand des Schicksals, ohne Unterschied auf das Haupt des Gerechten wie des Ungerechten, und bald herrschen Ruhe und Frieden. Die neuen Horatier liegen still nebeneinander im Fenster, und beobachten die grauen Tauben, mit innigstem Verständniß für ihre Rauflust und ihren guten Appetit.

Table of contents

Inside this edition

  1. 01Full text
  2. 02Lotti, die Uhrmacherin
  3. 03I.
  4. 04II.
  5. 05III.
  6. 06IV.
  7. 07V.
  8. 08VI.
  9. 09VII.
  10. 10VIII.
  11. 11IX.
  12. 12X.
  13. 13XI.
  14. 14XII.
  15. 15XIII.
  16. 16XIV.
  17. 17Wieder die Alte
  18. 18I.
  19. 19II.
  20. 20Nach dem Tode

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