
German Edition
Literature
Geschichte des Herrn William Lovell
German BooksWhale Edition by Ludwig Tieck
Ein früher romantischer Roman über Leidenschaft, Skepsis, Verführung und seelische Zerrissenheit.
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Book introduction
Geschichte des Herrn William Lovell
Geschichte des Herrn William Lovell führt in die Welt der Frühromantik, in der Gefühl, Ironie, Weltflucht und moralische Unsicherheit ineinandergreifen. Ludwig Tieck erzählt den Weg eines jungen Mannes durch Liebe, Zweifel und Selbsttäuschung mit psychologischer Spannung.
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Ludwig Tieck starb 1853, und Geschichte des Herrn William Lovell erschien erstmals 1795. Diese Daten stützen die Gemeinfreiheit dieser deutschen Originalausgabe.
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Geschichte des Herrn William Lovell
Ludwig Tieck
Preview chapterErstes BuchPreview
1. Karl Wilmont an seinen Freund Mortimer in London
Karl Wilmont an seinen Freund Mortimer in London
Bondly in Yorkshire, am 17. Mai –
Wie kömmt es denn in aller Welt, daß Du nicht schreibst? Hundert Mutmaßungen sind mir schon durch den Kopf geflogen, aber auch nicht eine hat eine bleibende Stelle finden können. Bald halt ich Dich für tot, bald für verreist, bald glaub ich Dich irgendwodurch erzürnt zu haben, bald Deine Briefe auf der Post verloren. Doch, wie gesagt, von allem kann ich nichts glauben. – Oder bist Du etwa auch ein Überläufer geworden, und hast zur schwarzen Fahne der traurigen, langweiligen Ernsthaftigkeit geschworen? – Es sollte mir leid um Dich tun; aber wenn Du mir nicht launige Briefe schreiben willst, so schicke mir wenigstens ernsthafte: doch, wie gesagt, ich will es nicht von Dir hoffen, denn Du bist wie dazu geboren, aus Deinem ganzen Leben einen Scherz zu machen, und in der Laune, wie in Deinem Elemente zu leben. Ich habe noch bei niemand diese glückliche Mischung des Temperaments gefunden, die ihn mit vollen Segeln über die tanzenden Wellen hinführt, indes ihm die zeitlichen Sorgen schwer, unbeholfen und mit zerrissenem Tauwerk nachrudern, ohne ihn jemals einzuholen. – Ich schreibe Dir diesen Brief als eine Bittschrift, oder als eine Kriegserklärung, antworte mir freundschaftlich oder ergrimmt – nur schreib! – Sei traurig, wehmütig, großherzig, kriegerisch, lustig, ernsthaft; lobe, tadle verachte, schimpfe mich – nur schreib!
Nach dieser pathetischen Anrufung bleibt mir nun nichts weiter übrig, als meinen eigentlichen Brief anzufangen, der Dir also vors erste sagen mag, daß ich hier in dem angenehmen Bondly noch gesund und wohl bin, daß ich an Dich denke, daß ich Dich zu sehn wünsche, daß London nicht Bondly und Bondly nicht London ist, und daß, wenn ich diesen Brief in dieser Manier zu schreiben fortfahre, Du ihn schwerlich zu Ende lesen wirst.
Nicht wahr, Du siehst mir das langweilige Leben hier auf dem Lande schon an? – So abgetrieben war mein Witz nicht, als ich in euren lustigen Gesellschaften in London war, wo Wein, Gesang, Tanz und Küsse von den reizendsten Lippen uns begeisterten, wo unsre Laune mit sechs muntern Pferden über die ebne Chaussee des Leichtsinns und der Vergessenheit aller Wichtigkeiten und Armseligkeiten dieses Lebens dahinrollte – nun, wir werden uns wiedersehn! – Hier komm ich mir vor wie eine Schnecke, die nur immer furchtsam mit halbem Leibe ihre Behausung verläßt, und langsam und schwerfällig von einem Grashalme zum andern kriecht; – zwar ist die Gegend sehr schön, der Garten angenehm, auch veranstaltet uns der Himmel manchen prächtigen Sonnenuntergang- aber was ist eine Gegend, sei sie noch so schön, ohne Freunde, die unsre Freuden mit genießen? nichts als ein Rahm ohne Gemälde: wir sehen nur die Veranlassung, die uns vergnügen könnte. So leb ich hier einen Tag fort, wie den andern, zuweilen bekommen wir Besuche und erwidern sie – und so leben wir im ganzen nicht unangenehm. Wenn nur das ewige Einerlei nicht wäre!
Mein beständiger Gesellschafter ist William Lovell, der lebhafte, muntre Jüngling, den Du im vorigen Jahre einigemal in London sahst, er ist zum Besuche seines Busenfreundes Eduard Burton hier. William ist ein vortrefflicher junger Mann, der mir noch viel teurer sein würde, wenn er nur einmal erst neben mir festen Fuß fassen wollte; aber er gedeiht in keinem Boden. Kein Adler steht mit dem Äther und allen himmlischen Lüften in so gutem Vernehmen, als er; oft fliegt er mir so weit aus den Augen, daß ich ganz im Ernste an den armen Ikarus denke – mit einem Wort: er ist ein Schwärmer. – Wenn ein solches Wesen einst fühlt, wie die Kraft seiner Fittige erlahmt, wie die Luft unter ihm nachgibt, der er sich vertraute – so läßt er sich blindlings herunterfallen, seine Flügel werden zerknickt, und er muß nachher in Ewigkeit kriechen.
Preview chapterZweites BuchPreview
1. Mortimer an Karl Wilmont
Mortimer an Karl Wilmont
Paris.
Ich bin nun wieder in der Stadt, die die Franzosen die Hauptstadt von Europa nennen, wo man in einer beständigen Verwirrung von Besuchen und Vergnügungen lebt, wo man sehr lange leben kann, ohne zu sich selbst zu kommen, und wo man sich, wie William Lovell täglich behauptet, zu Tode langeweilt und ärgert, wenn die gesunde Vernunft nur auf einen einzigen Tag aus ihrer Betäubung erwacht. Sonst sind wir alle wohl und gesund, und die Reise hieher war recht angenehm; auch William gewöhnt sich an meine Gesellschaft; wir kommen uns näher, so wie ich es vorhergesehn habe, ich muß mich nur hüten, daß ich nicht auf einen gewissen Eigensinn gerate, ihm zuviel zu widersprechen, so paradox er auch manchmal aus seinen dunkeln Gefühlen philosophieren will, dies würde uns von neuem entfernen und bei ihm die Sucht veranlassen, mir in keiner meiner Behauptungen recht zu geben: so würden alle unsre Gespräche Gezänke werden, und dies führt zu einer Bitterkeit, die am Ende in eine völlige Unverträglichkeit ausartet. –
Könnt ich ihn doch fast beneiden – ja, lächle nur über den Menschen und seine Schwäche! – ich fühle in manchen Stunden eine Art von unbegreiflicher Eifersucht. Er ist trunken im Glücke der ersten Liebe, dies Gefühl hat ihm Paradiese aufgeschlossen, und wahrlich, erst jetzt, beim Anblick so mannigfaltiger Schönheiten, weiß ich, wie schön Deine Schwester ist, von ihrem Geist, von ihrer Liebenswürdigkeit will ich nicht einmal sprechen, die ich hier nur zu sehr vermisse in dieser Überfülle von Witz und glänzend kalter Koketterie. – Dann tut es mir aber wieder weh, ihn oft so tief in Träumen verloren zu sehn – mir dünkt dann wieder, er segelt über einen Strom, der ihm eine göttliche Aussicht bietet, er fühlt sich selig, indem er sein Auge an der Schönheit der Landschaft weidet; aber das Fährgeld hinüber ist zu teuer, und er wird es gewiß selbst bemerken, wenn die Fahrt geendigt ist und er den Fuß ans Ufer setzt. –
Der alte Willy ist gegen ihn der seltsamste Kontrast, er ist mehr unser Freund, als Diener, und William hat ihn nur aus Vorliebe mitgenommen. Ein Wesen, so natürlich und ungekünstelt, als wenn es die mütterliche Natur nur so eben hätte in die Welt hineinlaufen lassen. Er gafft und staunt alles an, und teilt mir dann oft in langen Gesprächen seine Bemerkungen mit.
William will sich mit dem Eigensinne seiner Empfindung durchaus nicht in den schnell wandelbaren Charakter des Volks finden, auf den Gassen ist er betäubt, in Gesellschaft wird er zu Tode geschwatzt, im Trauerspiel ärgert er sich, im Lustspiel gähnt er, in der Oper hat er einigemal sogar geschlafen. Er ist unvorsichtig genug, seine Bemerkungen Franzosen mitzuteilen, und diese finden dann, daß er den Sonderling spielt, daß sein Geschmack noch nicht gebildet ist – mit einem Worte: daß er kein Franzose ist. Diese Disputen sind mir immer sehr langweilig, ein jeder hält die Gründe des andern für trivial und keiner versteht den andern ganz, und beide haben recht und beide unrecht. –
Unter der Menge von Bekanntschaften haben wir einige sehr interessante gemacht, einige habe ich von meiner vorigen Reise aufgefrischt. Es ist oft unendlich leichter, in einer ganz fremden Familie zu einer Art von Vertraulichkeit zu kommen, als in einem Zirkel, in welchem man ehemals sehr bekannt war, wenn die Zeit die Erinnerung daran und ihre Farben ausgebleicht hat. Alles ist verwittert, die neu aufgetragenen Farben wollen nicht stehn, nichts ist in einem gewissen notwendigen Gleichmaß: man fürchtet in jedem Augenblicke zu sehr den Vertrauten, oder den kalt gewordenen Fremden zu spielen, man hat die Fugen der Seele indes vergessen und greift auf dem Instrumente unaufhörlich falsch. Den alten Grafen Melun hab ich wieder aufgesucht, seine Nichte, die damals ein hübsches Kind war, ist ein sehr schönes Weib geworden, ihr Verstand hat sich nicht weniger ausgebildet. Sie hat im vorigen Jahre einen gewissen Grafen Blainville geheiratet, der seit einigen Monaten gestorben ist; sie hat als Witwe das Ansehn des liebenswürdigsten Mädchens, und sie würde noch gefährlicher sein, wenn sich die Kokette in ihr nicht bald verriete.
Table of contents
Inside this edition
- 01Full text
- 02Erstes Buch
- 03Zweites Buch
- 04Drittes Buch
- 05Viertes Buch
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