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German Edition

Philosophy

Grundlegung zur Metaphysik der Sitten

German BooksWhale Edition by Immanuel Kant

Kants Grundtext der Moralphilosophie entwickelt Pflicht, guten Willen, Autonomie und den kategorischen Imperativ.

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Book introduction

Grundlegung zur Metaphysik der Sitten

Die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten gehört zu den wichtigsten Texten der modernen Ethik. Kant sucht das oberste Prinzip der Moral und entwickelt Begriffe wie guter Wille, Pflicht, Autonomie und kategorischer Imperativ. Das Werk bildet den Schlüssel zur kantischen Moralphilosophie und zur Debatte über Vernunft und Freiheit.

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Y 0 r r e d e.

Die alte griechische Philosophie theilte sich in drei

Wissenschaften ab: die Physik, die Ethik, und die

Log-ik. Diese Eintheilung ist der Natur der Sache

vollkommen angemessen, und man hat an ihr nichts zu

verbessern, als etwa nur das Prinzip derselben hinzu-

zuthun, um sieh auf solche Art theils ihrer Vollständig-

keit zu versichern, theils die nothwendigen Unterabthei-

lungen richtig bestimmen zu können.

Alle Vernunfterkenntniss ist entweder material und

betrachtet irgend ein Objekt; oder formal und beschäf-

tigt sich bloss mit der Form des Verstandes und der

Vernunft selbst und den allgemeinen Regeln des Den-

kens überhaupt, ohne Unterschied der Objekte. Die

formale Philosophie heisst Log-ik, die materiale aber,

welche es mit bestimmten Gegenständen und den Ge-

setzen zu thun hat, denen sie unterworfen sind, ist

wiederum zwiefach. Denn diese Gesetze sind entweder

Gesetze der Natur, oder der Freiheit. Die Wissen-

schaft von der ersten heisst Physik, die der andern

ist Ethik; jene wird auch Naturlehre, diese Sittenlehre

genannt.

Die Logik kann keinen empirischen Theil haben,

d. i. einen solchen, da die allgemeinen und nothwendi-

gen Gesetze des Denkens auf Gründen beruhten, die von

der Erfahrung hergenommen wären; denn sonst wäre

sie nicht Logik, d, i. ein Kanon für den Verstand oder

die Vernunft, der bei allem Denken gilt und demonstrirt

werden muss. Dagegen können sowohl die natürliche,

als sittliche Weltweisheit, jede ihren empirischen Theil

haben, weil jene der Natur als einem Gegenstande der

1*

4 Grundlegung zur Metaphysik der Sitten.

Erfahrung, diese aber dem Willen des Menschenj sofern

er durch die Natur affizirt wird, ihre Gesetze bestimmen

muss, die ersteren zwar als Gesetze, nach denen alles

geschieht, die zweiten als solche, nach denen alles gesche-

hen soll, aber doch auch mit Erwägung der Bedingun-

gen, unter denen es öfters nicht geschieht.

Man kann alle Philosophie, sofern sie sich auf Gründe

der Erfahrung fusst, empirische, die aber, so ledig-

lieh aus Prinzipien a iwiori ihre Lehren vorträgt, reine-

Philosophie nennen. Die letztere, w^enn sie bloss formal

ist, heisst Logik; ist sie aber auf bestimmte Gegen-

stände des Verstandes eingeschränkt, so heisst sie Me-

taphysik.

Auf solche Weise entspringt die Idee einer zwiefachen

Metaphysik, einer Metaphysik der Natur und einer

Metaphysik der Sitten. Die Physik wird also

ihren empirischen, aber auch einen rationalen Theil

haben; die Ethik gleichfalls; wiewohl hier der empirische

Theil besonders praktische Anthropologie, der

rationale aber eigentlich Moral heissen könnte.

Alle Gewerbe, Handwerke und Künste, haben durch

die Vertheilung der Arbeiten gewonnen, da nämlich nicht

Einer alles macht, sondern Jeder sich auf gewisse Ar-

beit, die sich ihrer Behandlungsweise nach von andern

merklich unterscheidet, einschränkt, um sie in der gröss-

ten Vollkommenheit und mit mehrerer Leichtigkeit leis-

ten zu können. Wo die Arbeiten so nicht unterschieden

und vertheilt w^erden, wo Jeder ein Tausendkünstler ist^

da liegen die Gewerbe noch in der grössten Barbarei.

Aber ob dieses zwar für sich ein der Erwägung nicht

unwürdiges Objekt wäre, zu tragen: ob die reine Philo-

sophie in allen ihren Theilen nicht ihren besondern Mann

erheische, und es um das Ganze des gelehrten Gewerbes

nicht besser stehen würde, wenn die, so das Empirische

mit dem Rationalen, dem Geschmacke des Publikums

gemäss, nach allerlei ihnen selbst unbekannten Verhält-

nissen gemischt, zu verkaufen gewohnt sind, die sich

Selbstdenker, Andere aber, die den bloss rationalen

Theil zubereiten, Grübler nennen, gewarnt würden, nicht

zwei Geschäfte zugleich zu treiben, die in der Art, sie

zu behandeln, gar sehr verschieden sind, zu deren jedem

vielleicht ein besonderes Talent erfordert wird, und deren.

Verbindung in einer Person nur Stümper hervorbringt;

so frage ich hier doch nur, ob nicht die Natur der

Wissenschaft es erfordere, den empirischen von dem

rationalen Theil jederzeit sorgfältig abzusondern, und

vor der eigentliclien (empirischen) Physik eine Metaphy-

Preview chapterVernunft. -)Preview

Erster Abschnitt.

ITebergang yon der gemeinen sittlichen Ter-

minfterkenntniss zur philosophischen.

Es ist liberall nichts in der Welt, ja überhaupt auch

ausser derselben zu denken möglich, was ohne Ein-

schränkung für gut könnte gehalten werden, als allein

ein guter A>'ille. Verstand, Witz und Urtheilskraft

und wie die Talente des Geistes sonst heissen mögen,

oder Muth, Entschlossenheit, Beharrlichkeit im Vorsatze,

als Eigenschaften des Temperaments, sind ohne

Zweifel in mancher Absicht gut und wünschenswerth ;

aber sie können auch äusserst böse und schädlich wer-

den, wenn der Wille, der von diesen Naturgaben Ge-

brauch machen soll und dessen eigenthümliche Beschaffen-

heit darum Charakter lieisst, nicht gut ist. Mit den

Glücksgaben ist es ebenso bewandt. Macht, Reich-

thum, Ehre, selbst Gesundheit und das ganze Wohlbe-

finden und Zufriedenheit mit seinem Zustande, unter

dem Namen der Glückseligkeit, machen Muth und

hierdurcli öfters auch Uebermuth, wo nicht ein guter

Wille da ist, der den Einfluss derselben aufs Gemüth,

und hiermit auch das ganze Prinzip zu handeln, berich-

tige und allgemein-zweckmässig mache; ohne zu er-

wähnen, dass ein vernünftiger und unparteiischer Zu-

schauer sogar am Anblicke eines ununterbrochenen

Wohlergehens eines Wesens, das kein Zug eines reinen

und guten Willens ziert, nimmermehr ein Wohlgefallen

haben kann, und so der gute Wille die unerlassliche

Bedingung selbst der Würdigkeit, glücklich zu sein, aus-

zumachen scheint.

Ueberg. v. d.gem. sittl. Yernunfterkenntniss z. philosoph. H

Einige Eigenschaften sind sogar diesem guten Willen

selbst beförderlich und können sein Werk sehr erleich-

tern, haben aber demungeachtet keinen Innern unbe-

dingten Werth, sondern setzen immer noch einen guten

Willen voraus, der die Hochschätzung, die man übrigens

mit Recht für sie trägt, einschränkt und es nicht erlaubt,

sie für schlechthin gut zu halten. Mässigiing in Afifekten

und J^eidenschaften, Selbstbeherrschung und nüchterne.

peberlegüng sind nicht allein in vielerlei Absiclit gut,„

sondern scheinen sogar einen Theil vom Innern Werth_e

der Person auszumachen; allein es fehlt viel daran, um

sie ohne Einschränkung für gut zu erklären (so unbe-

dingt sie auch von den Alten gepriesen worden). Denn

ohne Grundsätze eines guten Willens können sie höchst

böse werden, und das kalte Blut eines Bösewichts macht

ihn nicht allein weit gefährlicher, sondern auch unmittel-

bar in unseren Augen noch verabscheuungswürdiger, als

er ohne dieses dafür würde gehalten werden.

Der gute Wille ist nicht durch das, was er bewirkt

oder ausrichtet, nicht durch seine Tauglichkeit zur Er-

reichung irgend eines vorgesetzten Zweckes, sondern

allein durch das Wollen, d. i. an sich gut, und, für sich

selbst betrachtet, ohne Vergleich weit höher zu schätzen,

als alles, was durch ihn zu Gunsten irgend einer Nei-

gung, ja wenn man will, der Summe aller Neigungen

nur immer zu Stande gebracht werden könnte. Wenn-

gleich durch eine besondere Ungunst des Schicksals,

oder durch kärgliche Ausstattung einer stiefmütterlichen

Natur es diesem Willen gänzlich an Vermögen fehlte,

seine Absicht durchzusetzen; wenn bei seiner grössten

Bestrebung dennoch nichts von ihm ausgerichtet würde

und nur der gute Wille (freilich nicht etwa ein blosser

Wunsch, sondern als die Aufbietung aller Mittel, so weit

sie in unserer Gewalt sind) übrig bliebe: so würde er

w^ie ein Juwel doch für sich selbst glänzen, als etwas,

das seinen vollen Werth in sich selbst hat. Die Nütz-

lichkeit oder Fruchtlosigkeit kann diesem Wert'ie weder

etwas zusetzen, noch abnehmen. Sie würde gleichsam

nur die Einfassung sein, um ihn im gemeinen Verkehr

besser handhaben zu können, oder die Aufmerksamkeit

derer, die noch nicht genug Kenner sind, auf sich zu

12 Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. 1. Abschn.

ziehen, nicht aber um ihn Kennern zu empfehlen und

seinen Werth zu bestimmen.

Es liegt gleichwohl in dieser Idee von dem absoluten

Preview chapterMoral.)Preview

Zweitens, was die nothwendige oder schuldige

Pflicht gegen Andere betriff't, so wird der, so ein lügen-

haftes Versprechen gegen Andere zu thun im Sinne hat,

sofort einsehen, dass er sich eines andern Menschen

bloss als Mittel bedienen will, ohne dass dieser zu-

gleich den Zweck in sich enthalte. Denn der, den ich

durch ein solches Versprechen zu meinen Absichten

brauchen will, kann unmöglich in meine Art, gegen ihn

zu verfahren, einstimmen und also selbst den Zweck

dieser Handlung enthalten. Deutlicher fällt dieser Wider-

streit gegen das Prinzip anderer Menschen in die Augen^

wenn man Beispiele von Angriffen auf Freiheit und

Eigenthum Anderer herbeizieht. Denn da leuchtet klar

ein, dass der üebertreter der Rechte der Menschen sich

der Person Anderer bloss als Mittel zu bedienen ge-

sonnen sei, ohne in Betracht zu ziehen, dass sie, als

vernünftige Wesen, jederzeit zugleich als Zwecke, d. i.

nur als solche, die von ebenderselben Handlung auch

in sich den Zweck müssen enthalten können, geschätzt

werden sollen. -)

Drittens, in Ansehung der zufälligen (verdienst-

lichen) Pflicht gegen sich selbst ists nicht genug, dass

die Handlung nicht der Menschheit in unserer Person,

als Zweck an sich selbst, widerstreite, sie muss auch

dazu zusammenstimmen. Nun sind in der Mensch-

heit Anlagen zu grösserer Vollkommenheit, die zum

Zwecke der Natur in Ansehung der Menschheit in

unserem Subjekt gehören; diese zu vernachlässigen,

würde allenfalls wohl mit der Erhaltung der Mensch-

heit, als Zwecks an sich selbst, aber nicht der Beför-

derung dieses Zwecks bestehen können.

Viertens, in Betreff der verdienstlichen Pflicht

gegen Andere, ist der Naturzweck, den alle Menschen

Ilaben, ihre eigene Glückseligkeit. Nun würde zwar

die Menschheit bestehen können, wenn Niemand zu des

Andern Glückseligkeit etwas beitrüge, dabei aber ihr

nichts vorsätzlich entzöge; allein es ist dieses doch nur

eine negative und nicht positive Uebereinstimmung zur

Menschheit, als Zweck an sich selbst, wenn Jeder-

mann auch nicht die Zwecke Anderer, so viel an ihm

ist, zu befördern trachtete. Denn das Subjekt, welches

Zweck an sich selbst ist, dessen Zwecke müssen, wenn

jene Vorstellung bei mir alle Wirkung thun soll, auch,

so viel möglich, meine Zwecke sein.

Dieses Prinzip der Menschheit und jeder vernünftigen

Natur überhaupt, als Zwecks an sich selbst (welche

die oberste einschränkende Bedingung der Freiheit der

Handlungen eines jeden Menschen ist), ist nicht aus der

") Man denke ja nicht, dass hier das triviale: quod tibi

non visßeri etc. (Was du nicht willst, dass dir geschehe, das etc.)

zur Richtschnur oder Prinzip dienen könne. Denn es ist, ob-

zwar mit verschiedenen Einschränkungen, nur aus jenem

abgeleitet; es kann kein allgemeines Gesetz sein, denn es

enthält nicht den Grund der Pflichten gegen sich selbst,

nicht der Liebespflichten gegen Andere (denn Mancher würde

es gerne eingehen, dass Andere ihm nicht wohlthun sollen,

wenn er es nur überhoben sein dürfte, ihnen Wohlthat

zu erzeigen), endlich nicht der schuldigen Pflichten gegen

einander; denn der Verbrecher würde aus diesem Grunde

gegen seine strafenden Richter argumentiren u. s. w.

56 Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. 2. Abschn.

Erfahrung entlehnt, erstlich, wegen seiner Allgemeinheit,

da es auf alle vernünftige Wesen überhaupt geht, worüber

etwas zu bestimmen keine Erfahrung zureicht; zweitens,

weil darin die Menschheit nicht als Zweck des Menschen

(subjektiv), d. i. als Gegenstand, den man sich von selbst

wirklich zum Zwecke macht, sondern als objektiver

Zweck, der, wir mögen Zwecke haben, welche wir wollen,

als Gesetz die oberste einschränkende Bedingung aller

subjektiven Zwecke ausmachen soll, vorgestellt wird,

mithin aus reiner Vernunft entspringen muss. Es liegt

nämlich der Grund aller praktischen Gesetzgebung ob-

jektiv in der Regel und der Form der Allgemeinheit,

die sie ein Gesetz (allenfalls Naturgesetz) zu sein fähig

macht (nach dem ersten Prinzip), subjektiv aber im

Zwecke; das Subjekt aller Zwecke aber ist jedes ver-

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  1. 01Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
  2. 02Vernunft. -)
  3. 03Moral.)
  4. 04Eintheilung

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