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German Edition

Philosophy

Hauptprobleme der Philosophie

German BooksWhale Edition by Georg Simmel

Georg Simmel erschließt philosophische Grundfragen, indem er Sein, Werden, Erkenntnis und ideale Forderungen als zusammenhängende Probleme betrachtet.

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Book introduction

Hauptprobleme der Philosophie

Hauptprobleme der Philosophie führt nicht durch eine bloße Folge von Lehrmeinungen, sondern durch grundlegende Bewegungen philosophischen Denkens. Nach der Einleitung untersucht Georg Simmel das Wesen der Philosophie, Sein und Werden, Subjekt und Objekt sowie ideale Forderungen. Historische Positionen werden dabei als Antworten auf wiederkehrende Spannungen des Erkennens und der Lebensdeutung verständlich.

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Georg Simmel starb 1918. Das Werk erschien erstmals 1910. Diese Ausgabe verwendet den historischen deutschen Originaltext von Georg Simmel Online ohne moderne redaktionelle Zusätze.

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Preview chapterEinleitungRead preview

Man hat das Verständnis der Kunst so gedeutet, dass der Beschauer den Schaffensprozess des Künstlers in einer bestimmten Art wiederhole.

Und wie tatsächlich das große Kunstwerk das ganze Strahlenbündel des Lebens, das zu ihm als zu seinem Gipfel führt, fühlbar macht und damit den ganzen Verdichtungs- und Erhöhungsprozess des künstlerischen Schaffens gleichsam in uns überträgt, so ist der große philosophische Gedanke das sublimierteste Resultat eines weitausgreifenden Lebens, das uns jener Gedanke nachzuerleben, bis es in ihn selbst mündet, veranlasst.

Wie aber mit jenem innerlich nachschaffenden Begreifen des Kunstwerks doch erst eine lange und hingebende Werbung um die Kunst belohnt wird, so öffnen die abstrakten und starren Begriffe der philosophischen Systeme ihre innere Bewegtheit und die Weite des Weltfühlens, das sich in sie hineingelebt hat, nur dem Blick, der sich lange um sie und die Erregungen ihrer Tiefen bemüht hat.

Dieses Verständnis der Philosophie von dem inneren Prozess her, dessen Lebendigkeit in ihr die Kristallform des Begriffes angenommen hat - dieses Verständnis zu erleichtern haben sich die Darstellungen der Geschichte der Philosophie, wenn ich mich nicht täusche, nicht allzuhäufig zum Problem gemacht; sie pflegen vielmehr das Letzte und Zugespitzteste der Resultate des Denkens darzubieten, deren logisch geschlossene Formung sich in dem weitesten Abstand von der lebendig-kontinuierlichen Strömung des Schaffensprozesses hält.

Indem das Recht solcher Darstellung, die die Resultate des Denkvorganges, gleichsam in deren eigner Ebene verbleibend, erfassen will, unangetastet bleibt, erscheint mir daneben doch der Versuch gerechtfertigt, zu jenem andern Verständnis anzuleiten, das mehr unmittelbar auf die geistige Bewegung, als auf das von ihr gestaltete Gebilde, mehr auf den geistigen Zeugungsvorgang, als auf das schließliche Erzeugnis geht und das bisher, im großen und ganzen, nur der Philosoph dem Philosophen gegenüber besessen hat, weil seine eigne Produktivität das Organ jenes inneren Nachschaffens voraussetzt und ausbildet.

Dieser Aufgabe, das innerliche, miterlebende, die Bedingungen der Produktion nachfühlende Verständnis außerhalb des Kreises der Profession zu fördern, will ich hier durch Darstellung und Erwägung einiger hauptsächlicher, historisch vorliegender Probleme und Lösungsversuche dienen, und zwar unter Zugrundelegung einer gewissen Fiktion.

Ich möchte die Bilder dieser großen Philosopheme so geben, wie sie sich etwa einem Philosophen darstellen, der eine eigne Lösung ihrer Probleme sucht und zu diesem Zwecke die bereits vorliegenden Lösungen sich vergegenwärtigt und erwägt.

Die Absicht eines solchen wäre keine historische, sondern eine sachliche, d.h. das Problem wäre ihm nicht wichtig, weil Plato und Hegel es behandelt haben, sondern Plato und Hegel sind ihm wichtig, weil sie das Problem behandelt haben.

Darum werden in dem Fluss seines Denkens ihre Lehren gewissermaßen nur als besonders geformte Wellen auftauchen, ohne, als Selbstzwecke, dessen Kontinuität zu unterbrechen.

Da sie jetzt nur Stationen seines eignen Gedankenweges sind, so legen sie die systematische Form ab, deren starre Geschlossenheit so oft das Eindringen in ihr inneres Leben hindert und die als dessen vergänglichste Hülle sowieso von der geistesgeschichtlichen Entwicklung desavouiert wird.

So wird am ehesten die eigne Geistesbewegung die Konturen des überlieferten Gedankens nachzeichnen und sich in ihn ergießen können, der ohne diese Transfusion und Einfühlung im letzten Grunde unzugängig bleibt.

Über die Darstellung, die sich aus dieser Fiktion ergibt, greife ich nicht hinaus und biete für die Probleme keine eigne Lösung an, deren unvermeidliche Einseitigkeit der Objektivität meiner hier gestellten Aufgabe widersprechen würde.

Preview chapter1. Kapitel: Vom Wesen der PhilosophiePreview

Wenn man zu den Gedankenmassen, die unter dem Begriff der Philosophie gesammelt sind, einen Eingang sucht, eine Bestimmung dieses Begriffes von einem Orte der geistigen Welt her, der nicht selbst schon in den philosophischen Bezirk hineingehört, so kann sich dieses Bedürfnis an der gegebenen Struktur unseres Erkennens nicht befriedigen.

Denn was Philosophie ist, wird tatsächlich nur innerhalb der Philosophie, nur mit ihren Begriffen und Mitteln ausgemacht: sie selbst ist sozusagen das erste ihrer Probleme.

Vielleicht richtet keine andre Wissenschaft ihre Fragestellung in dieser Art auf ihr eignes Wesen zurück.

Der Gegenstand der Physik ist doch nicht die physikalische Wissenschaft selbst, sondern etwa optische und elektrische Erscheinungen, die Philologie fragt nach den Plautushandschriften und der Kasusentwicklung im Angelsächsischen - aber nach der Philologie fragt sie nicht.

Die Philosophie, und vielleicht also sie allein, bewegt sich in diesem eigentümlichen Zirkel: innerhalb ihrer eignen Denkweise, ihrer eignen Absichten, die Voraussetzungen dieser Denkweise und Absichten zu bestimmen.

Es gibt von außen keinen Zugang zu ihrem Begriff, weil nur die Philosophie selbst ausmachen kann, was die Philosophie sei, ja, ob sie überhaupt sei oder etwa mit ihrem Namen nur ein geltungsloses Phantasma decke.

Dieses einzigartige Verhalten der Philosophie ist die Folge oder vielleicht nur der Ausdruck ihrer grundlegenden Bemühung: voraussetzungslos zu denken.

Wie es dem Menschen überhaupt nicht gegeben ist, ganz und gar »von vorn anzufangen«, wie er in sich und außer sich immer eine Wirklichkeit oder eine Vergangenheit vorfindet, die seinem Verhalten einen Stoff, einen Ausgangspunkt oder wenigstens ein Feindseliges und zu Vernichtendes bietet - so ist auch unser Erkennen von irgendeinem »Vorgefundenen« bedingt, von Realitäten oder inneren Gesetzen; von ihnen, die der Denkprozess selbst nicht erzeugen kann, hängt, in mannigfaltigster Beschränkung seiner Souveränität, sein Inhalt und seine Richtung ab - und seien es auch nur die Regeln der Logik und der Methode oder das Faktum einer bestehenden Welt.

Wo nun das Denken dennoch versucht, sich jenseits von Voraussetzungen überhaupt zu stellen, beginnt es zu philosophieren.

Im ganz radikalen Sinne freilich wird dieser Versuch selten auch nur unternommen.

Es wird vielmehr in der Regel ein Erkenntnisbild erstrebt, das von irgendwelchen einzelnen Voraussetzungen unabhängig ist: von dem unmittelbaren Eindruck der sinnlichen Welt oder von den hergebrachten moralischen Wertungen, von der selbstverständlichen Gültigkeit der Erfahrung oder der ebenso selbstverständlichen Realität göttlicher Mächte.

Aber selbst in solcher Begrenzung unterscheidet sich die philosophische Voraussetzungslosigkeit von der andrer Gebiete durch die mitschwebende Stimmung: dieses Sich-selbst-Gehören des Denkens, diese von nichts Äußerem gebundene Konsequenz seiner betreffe, über die momentane Einzelheit hinaus, das Ganze des Erkennens, ja, des Lebens.

Die vollkommene Voraussetzungslosigkeit ist freilich unerreichbar.

Wo auch das Erkennen einsetzt, irgend etwas ist schon vorausgesetzt, das uns entweder als ein Dunkles, nicht zu Bewältigendes ängstigt, oder umgekehrt uns ein Halt in der Relativität, dem Fließen, dem Nur-sich-selbst-Haben der Erkenntnis ist.

Darum ist die absolute Voraussetzungslosigkeit zwar ein richtunggebendes, aber nicht ein erreichbares Ziel des philosophischen Denkens, während sie dies in andern Wissensgebieten von vornherein nur in relativem Maße ist.

Wo sich die Philosophie zur Erkenntnistheorie entwickelt, hat dies den tieferen Sinn, dass sie nun die Voraussetzungen des Erkennens, auch des philosophischen selbst, aufsucht und anerkennt, oder eben dadurch dies außerhalb ihrer Gelegene in ihre Jurisdiktion, ihre Erkenntnisformen einbezieht.

Diese, im Begriff der Philosophie gelegne Voraussetzungslosigkeit, diese innere Autonomie ihres Denkprozesses hat begreiflicherweise jene Folge: dass sie ihr Problem mit ihren eignen Mitteln bestimmt, dass, wenn ihr Gegenstand, ihre Ziele und Wege untersucht werden, es nur innerhalb ihrer selbst geschehen kann.

Diese Folge hat aber ihrerseits eine wichtigere Konsequenz.

Das Recht und die Pflicht der Philosophie, sich mit größerer Unabhängigkeit von dem Gegebenen, als sie in andern Erkenntnisprovinzen besteht, ihr Objekt selbst zu fixieren, bringen es mit sich, dass die verschiedenen philosophischen Lehren auch von grundsätzlich verschiedenen Problemstellungen ausgehen.

In jeder andern Wissenschaft besteht ein allgemeiner, prinzipiell anerkannter Erkenntniszweck, der sich sozusagen erst in einer oberen Schicht in die Mannigfaltigkeit der Sonderaufgaben zerlegt.

Preview chapter2. Kapitel: Sein und WerdenPreview

Die selbstverständlichste Bestimmung, die der Geist von der umgebenden Welt aussagen kann: dass diese ist - scheint für das Bewusstsein, sowohl der Gattung wie des Individuums, erst relativ spät hervorzutreten.

Das Kind, und offenbar auch der primitive Mensch, nimmt die Dinge, die sich seinem Bewusstsein bieten, ihrem bloßen Inhalte nach hin, ohne die Realitätsfrage zu stellen; die Erscheinungen des Traumes und der Phantasie werden unbefangen in eben dieselbe Reihe geordnet.

Es ist kein zutreffender Ausdruck, dass der naive Mensch das Trügerische und Subjektive als dieselbe Realität hinnimmt, wie die Gegenstände der gediegensten Erfahrung. Vielmehr, sein Bewusstsein steht noch jenseits dieses ganzen Gegensatzes; weil er die Täuschung nicht als Täuschung weiß, weiß er auch die Wirklichkeit nicht als Wirklichkeit, sondern weiß nur den Inhalt seines Bewusstseins: den andern Menschen und die Sterne, die Landschaft und seinen eignen Leib; und dieser Inhalt, der eben sowohl ein wirklicher wie ein vorgespiegelter sein kann, hat sich noch jener Alternative nicht gestellt.

Auf frühen Geistesstufen wird der irrealste Schein, die sinnloseste Phantasterei so ohne weiteres in das Leben verflochten, dass wahrscheinlich eine lange und durch die größten praktischen Schwierigkeiten korrigierte Erfahrung dazu gehörte, um Sein und Schein grundsätzlich voneinander zu sondern, um zu entdecken, dass ebenderselbe Inhalt, eben dasselbe »Ding« das eine wie das andre sein kann; und erst mit diesem Gegensatz dürfte die Welt aus einer Summe qualitativ bestimmter Erscheinungen ein »Sein« geworden sein.

Das Gefühl oder der Begriff aber, der damit bezeichnet ist, wirft diese ursprüngliche Notwendigkeit ab, seines Gegensatzes zu bedürfen, um seinen Sinn zu gewinnen.

Das Sein wird als ein Absolutes, Einziges, Allumfassendes gedacht: der erste Triumph des Begriffes, in einer, mit einem Wort bezeichenbaren Einheit die Gesamtheit der Dinge zusammenzufassen, so dass nichts draußen bleibt.

Diese Umfassung gelingt dem Begriff des Seins mit einer doppelten Bedeutung.

Er bezeichnet einmal den Komplex des Seienden, als das Unendliche und unendlich Mannigfaltige, das »ist«, die Welt des Seins; dann aber das Sein der Welt, die nicht weiter zu begründende Tatsache, dass all diese Dinge eben sind; in diesem Sinne ist das Sein das Allgemeine, das allen Weltinhalten, so verschieden und entgegengesetzt sie sein mögen, dennoch gemeinsam ist; dort ist es der gesamte Inhalt der Welt, hier ist es ihre allgemeine Form, dort umschreibt es die Welt von der Vielheit her, die sich eben darin zusammenfindet, dass sie ist, hier von der Einheit her, die dieses Sich-Zusammenfinden der Vielheit bedingt.

So oder so verstanden, ist das Sein die reichste oder die ärmste Vorstellung.

Man muss sich klarmachen, welche ungeheure Leistung des Geistes in diesem, jetzt so einfach scheinenden Begriff enthalten ist, wie die unabsehbare Fülle der Welt, deren inhaltliche Vielheiten und Fremdheiten niemand zu einer wirklichen Einheit zusammendenken kann, nun doch in einen Ring geschmiedet ist, unter das Joch dieses einen Gedankens: dass dies alles ist, einheitlich gebeugt.

Und nun wirft in der andern, der abstrakten Bedeutung des Seins, der Begriff diese ganze Extensität ab und wird zu der einen Formel, die das Gemeinsame aller Dinge ausspricht.

Insofern ist das Sein sozusagen der philosophischste aller Begriffe, er erfüllt am meisten die Vereinheitlichungsaufgabe des Geistes gegenüber der Ganzheit der Welt.

Es wird sich freilich zeigen, wie die Verwechslung der beiden Bedeutungen vom »Sein« zum Verhängnis des philosophischen Weltbildes werden kann.

Das Sein pflegt nun dennoch in dieser Absolutheit und Gegensatzlosigkeit seines reinen Begriffes innerhalb der Philosophie nicht unmittelbar zu funktionieren.

Es wird ihm vielmehr gewöhnlich eine Qualität zugeschrieben, es wird also in der eben beschriebenen Art irgendein einzelner Inhalt aus ihm herausgezogen, der als der schlechthin wesentliche empfunden und, gleichsam auf das allgemeine Sein sich zurückwendend, mit diesem identifiziert wird: der Geist oder der Wille, das Leben oder das Unbewusste sind in philosophischen Spekulationen das Sein überhaupt geworden.

Indem die Dinge dies sind, sind sie überhaupt, das Sein, das, je nach seiner extensiven oder seiner abstrakten Bedeutung, entweder alle Färbungen einschließt oder jede Färbung ausschließt, ist hier von einer einzelnen ergriffen und geht völlig in ihr auf.

Table of contents

Inside this edition

  1. 01Einleitung
  2. 021. Kapitel: Vom Wesen der Philosophie
  3. 032. Kapitel: Sein und Werden
  4. 043. Kapitel: Vom Subjekt und Objekt
  5. 054. Kapitel: Von den idealen Forderungen

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