
German Edition
Literature
Höxter und Corvey
German BooksWhale Edition by Wilhelm Raabe
In Höxter und Corvey verknüpft Wilhelm Raabe konfessionelle Gegensätze, politische Herrschaft und persönliche Lebenswege zu einer historischen Erzählung.
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Book introduction
Höxter und Corvey
Vor dem Hintergrund des siebzehnten Jahrhunderts begegnen sich Bürger, Geistliche, Soldaten und ein Student zwischen der Stadt Höxter und dem Stift Corvey. Erinnerungen an Gewalt und Streit bestimmen ihre Gegenwart. Raabe erzählt in fünfzehn Kapiteln von Abhängigkeit, Bildung, Überlebenskunst und dem Versuch, in einer von Machtkämpfen geprägten Welt eine eigene Haltung zu bewahren.
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Wilhelm Raabe starb 1910. Diese Ausgabe verwendet den gemeinfreien deutschen Originaltext aus dem 19. Jahrhundert; spätere redaktionelle Anmerkungen, Bildmaterial und Verlagswerbung sind ausgeschlossen.
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Höxter und Corvey
Preview chapterErstes Kapitel.Preview
Wir haben unsern Lesern immer gern die Tageszeit geboten, aber so schwer wie diesmal ist uns das noch nie gemacht worden. In der Stadt Höxter waren die Turmuhren sämtlicher Kirchen in Unordnung. St. Peter und St. Kilian zeigten falsch, St. Nikolaus schlug falsch und bei den Brüdern stand das Werk ganz still; nur auf Stift Corvey, eine Viertelstunde abwärts am Fluß, befand es sich noch in geziemlicher Ordnung und hatte sich auch eine Hand gefunden, die es darin erhielt und es zur rechten Zeit aufzog. Es schlug vier Uhr am Nachmittage auf dem Turme der Abtei.
So viel für die Tageszeit. Was die Zeit sonst anbetraf, so schrieb man den 1. Dezember im Jahre 1673: am 23. November 1873 beginnen wir unsere Erzählung; es sind also gerade ungefähr zweihundert Jahre seit jenem Wintertage vergangen. Maurer, Zimmerleute, Tischler, Schlosser, Glaser und, vor allen Dingen, Uhrmacher sind am Werke gewesen, haben die Mauern wieder aufgebaut, die Pfosten zurecht gerückt, die Türen eingehängt, neue Fenster vorgeschoben und dafür gesorgt, daß auch die Turmuhren wieder die richtige Zeit anzeigen. Es hatte viele Arbeit und große Geduld gekostet; — wehe dem, welcher von neuem frevelhaft die Hand bietet, die Wände abermals einzustoßen, die Dächer abermals abzudecken und die Türen und Fensterscheiben von neuem zu zertrümmern. Der Gegenwart sei bemerkt, daß das Wiederaufbauen, das Auf- und Einrichten zu allem übrigen stets auch viel Geld kostet.
Es war ein winterlicher, feuchtkalter Tag. Schweres Regen- und Schneegewölk wälzte sich über den Solling. Die geschwollene, stets hastige und übereilige Weser rollte ihre erbsengelben Fluten in anscheinend völlig breiartigen Wirbeln aus den Bergen zwischen Fürstenberg und Godelheim und Meigadessen her, quirlte durch das kahle Weidengebüsch und das welke Röhricht der Ufer und ärgerte sich heftig über jeden Widerstand, der ihr auf ihrem Wege aufstieß.
Solch einen Widerstand fand sie unter den Mauern der Stadt Höxter; denn da traf sie nicht nur auf die Eisbrecher, sondern auch auf die Pfeilertrümmer des uralten Völkerübergangs: die Brücke selber fand sie wieder einmal, wie so häufig, nicht. Grimmig schäumte und kochte sie empor an den bis auf den Wasserspiegel abgebrochenen Pfeilern und Stützen; aber es war auch etwas wie ein Triumphjubel in ihrem Rauschen:
„Hoho, Menschenwerk! Menschennarretei! Hoho, drüber weg und weiter, dem Weltmeer zu, und mitgenommen, was zu greifen ist! Das alte Spiel durch die Jahrtausende — Triumph!“
Die gelben Wellen der Weser mochten wohl höhnisch brausen. Sie hatten die Brücken des Drusus und des Tiberius, des Königs Chlotar und des großen Karl auf ihrem Nacken getragen an dieser Stelle; — jedes Jahrhundert fast hatte ein halb Dutzend Male für Krieg und Frieden hier eine neue Brücke gebaut; — Triumph! wo trieben heute die Balken und Bohlen der letzten, die vor drei Jahren neu geschlagen wurde, und die vorgestern Monsieur de Fougerais, der französische Kommandant von Höxter, vor dem Abmarsche, seinem Feldmarschall Monsieur de Turenne nach, hatte umstürzen lassen?
Vorgestern war Monsieur de Fougerais dem Marschall nach gen Wesel zu abmarschiert. Ihre Hochfürstlichen Gnaden Christoph Bernhard von Galen, Bischof zu Münster, Administrator zu Corvey, Burggraf zu Stromberg und Herr zu Bordelohe, hatten Kaiser und Reich, sowie der Republik Holland ihren französischen Trumpf ausgespielt: der Franzmann hatte es sich bequem gemacht, wie der Deutsche es gewollt hatte; und, wie gesagt, die Uhrwerke auf den Türmen vom Rhein bis zur Weser waren darob wieder einmal in Unordnung geraten und zeigten die unrichtige Stunde oder standen ganz still. Was die westfälischen Glocken anbetraf, so waren deren eine ziemliche Menge von dem hohen Bundesgenossen des biedern Reichsstandes mitgenommen worden, um in französische Geschützläufe für die Reunionskriege, den Überfall von Straßburg und den spanischen Erbfolgekrieg umgegossen zu werden.
Weiteres zu seiner Zeit. Vom Stift her wissen wir, was die Glocke geschlagen hat; Christoph Bernhard hat dafür gesorgt. Es ist vier Uhr nachmittags, und wir stehen im Bruckfelde am rechten Ufer des Flusses, der zertrümmerten Brücke gegenüber und warten auf die Fähre, die man nach dem Abzuge der wüsten gerufen-ungerufenen Gäste und Bundesgenossen aus dem Westen eingerichtet hat.
Preview chapterZweites Kapitel.Preview
„Um einen Mönch und ein altes Weib tu ich keinen Zug am Seil,“ brummte Hans Vogedes, der Fährmann, und räkelte sich auf seiner Bank von der linken auf die rechte Seite; und die Bürgerwacht unter dem Torbogen lachte in choro und stimmte ihm ganz und gar bei.
Es war eine wunderliche Wachtmannschaft, in deren Zusammensetzung sich die ganze Verwirrung des Gemeinwesens aussprach. Zwei Münstrisch-Corveysche Infanteristen schulterten da ihre Musketen; ein Schuster, ein Zimmermann und zwei Schneider aus dem überwiegenden lutherischen Teile der Stadtbevölkerung vom Rat aufgeboten, hatten sich sonderlich gewappnet mit Helm und Harnisch aus der Liguisten- und Schwedenzeit und lehnten martialisch an ihren Spießen und Stangen. Den Oberkommandanten des Ganzen aber, Korporal Barthold Polhenne, hatte die katholische Bürgerschaft aus ihrer Mitte unter Beistand des Stiftes und der Minoritenbrüder in der Stadt gestellt: die Ordnung, die er hielt, und die Autorität, deren er sich rühmen durfte, waren denn auch danach.
Niedergetreten vom schweren Stiefelabsatz des Herrn von Turenne, mit Kontributionen bis zum letzten ausgesogen vom Herrn von Fougerais; von der welschen Besatzung in den Häusern und auf den Gassen bis zum äußersten in alles Elend und alle Wut hineingequält — widerspenstige Untertanen Seiner bischöflichen Gnaden von Münster, hungrige Bürger der guten „Munizipalstadt Höxar“, — kurz, armes, notdürftiges, geplagtes, verwirrtes, deutsches Volkswesen, wie es aus dem Trümmerschutt des Religionskrieges aufwuchs, gleich den Wurzelsprossen um einen gefällten Baum — es sah eben böse aus in Höxter nach dem Abmarsch der hohen französischen Alliierten!
Drüben am rechten Ufer der Weser stand der Mönch bewegungslos auf seinen Stock gelehnt, und Kröppel-Leah saß auf dem Bündel mit dem Nachlaß des Schwestersohnes. Sie warteten ruhig ab, daß das Schicksal ihnen den dritten Mann sende, um den Hans Vogedes vielleicht wohl fahren mochte; und dieser dritte Mann erschien jetzt wirklich. Er kam durch das niedere Feld und die Allerwiese vom Dorfe Boffzen her, — auch ein alter Mensch, hochgewachsen, dürr, im schwarzen Rock und Untergewand, weitbeinig und energisch-eilig — Ehrn Helmrich Vollbort, der Pfarrherr der lutherischen Kilianikirche zu Höxter. Es schien ihm gut zu dünken, bald nach Hause zu kommen, denn die Witterung wurde nicht freundlicher, und die Dämmerung nahm immer mehr zu. Ob der Pastor auch noch andere Gründe für seine Hast hatte, werden wir ja wohl erfahren; fürs erste, als er die stattliche Gestalt des Benediktiners an der Fährstelle zu Gesicht bekam, mäßigte er seinen Schritt; jedoch nur für die kürzeste Weile, denn sofort trat er um so kräftiger auf und heran und grüßte kurz und schweigend.
Höflich erwiderte der Bruder Henricus den Gruß; die Judenfrau erhob sich mühsam von ihrem Sitze und knixte. Es war eine seltsame Gruppe, die unter dem stürmischen, dunklen Himmel, vor den gelben grollenden, wild hinstürzenden Wassern auf das Höxtersche Fährschiff zu warten hatte; der Mönch von Corvey aber war der erste, dem das Schweigen peinlich wurde, und der also auch zuerst den Mund auftat. Wahrhaftig, es ist zweihundert Jahre her, aber auch der Bruder Heinrich von Herstelle begann mit einer Bemerkung über das Wetter, und sie hatte dieselbe Wirkung wie heutzutage.
„Es ist freilich ein rauher Tag,“ erwiderte Ehrn Helmrich Vollbort, der Pfarrherr zu Sankt Kilian, nach der Stadt hinüber und auf die zertrümmerte Brücke sehend. „Ein Tag oder Abend, wie er wohl für Ort und Zeit paßt.“
„Sie haben das richtige Wort gesprochen, Herr Pastor,“ sagte der Mönch. „Obgleich ich vom Hause abwesend war, so nehm’ ich gern jede Anmerkung, die hier und heute tempora et mores in ein Gleichnis bringt, vollgeltend hin.“
Die jüdische Greisin, die sich wieder auf ihr Bündel niedergekauert hatte, bedeckte das Gesicht mit der rechten Hand und seufzte schwer und nickte verstohlen gleichfalls.
Table of contents
Inside this edition
- 01Full text
- 02Erstes Kapitel.
- 03Zweites Kapitel.
- 04Drittes Kapitel.
- 05Viertes Kapitel.
- 06Fünftes Kapitel.
- 07Sechstes Kapitel.
- 08Siebentes Kapitel.
- 09Achtes Kapitel.
- 10Neuntes Kapitel.
- 11Zehntes Kapitel.
- 12Elftes Kapitel.
- 13Zwölftes Kapitel.
- 14Dreizehntes Kapitel.
- 15Vierzehntes Kapitel.
- 16Fünfzehntes Kapitel.
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