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German Edition

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Kriegsgefangen

German BooksWhale Edition by Theodor Fontane

Theodor Fontane schildert seine Gefangenschaft im Krieg von 1870, Begegnungen unterwegs und die wechselnden Bedingungen seiner Haft in Frankreich.

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Book introduction

Kriegsgefangen

Eine Reise zu den französischen Kriegsschauplätzen führt Fontane in Gefangenschaft. Er beschreibt Verhöre, Transporte, Aufenthalte in verschiedenen Städten und das Leben auf der Insel Oléron. Erinnerungen an Menschen und Gespräche verbinden sich mit Beobachtungen über Misstrauen, nationale Vorstellungen und alltägliche Hilfsbereitschaft. Der Bericht endet mit seiner Freilassung und der Rückreise.

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Theodor Fontane starb 1898. Diese Ausgabe verwendet den gemeinfreien deutschen Originaltext aus dem 19. Jahrhundert; spätere redaktionelle Anmerkungen, Bildmaterial und Verlagswerbung sind ausgeschlossen.

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Kriegsgefangen

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„In’s alte, romantische Land.”

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Wie heißt der Ritter? Baudricourt. Er steht Kaum einen Tagesmarsch von Vaucouleurs. Ich bin nur eines Hirten niedre Tochter Aus meines Königs Flecken Domremy, Der in dem Kirchensprengel liegt von Toul. (Jungfrau von Orleans.)

Am 2. Oktober war ich in Toul. Ich kam von Nancy. Nancy ist eine Residenz, Toul ist ein Nest. Es machte den Eindruck auf mich wie Spandau vor dreißig Jahren. Die Kathedrale ist bewunderungswürdig, das Innere einer zweiten Kirche (St. Jean, wenn ich nicht irre) von fast noch größerer Schönheit, aber von dem Augenblick an, wo man mit diesen mittelalterlichen Bauten fertig ist, ist man es mit Toul überhaupt.

In 2 Stunden hatt’ ich diese Sehenswürdigkeiten hinter mir und dennoch war ich gezwungen, 2 Tage an dieser Stelle auszuhalten. Dies hatte darin seinen Grund, daß unmittelbar südlich von Toul das Jeanne d’Arc-Land gelegen ist, und daß es, Dank dem Kriege und den Requisitionen, unmöglich war, in der ganzen Stadt einen Wagen aufzutreiben. Die Partie selber aufzugeben schien mir unthunlich, ich hätte jede Mühe und jeden Preis daran gesetzt. Endlich, am Nachmittage des zweiten Tages, hieß es: Madame Grosjean hat noch einen Wagen. Ich athmete auf. In einem schattigen Hinterhause, dicht neben der Kathedrale, fand ich die genannte Dame, die bei zurückgeschlagenen Gardinen in einem großen Himmelbette saß. Sie war krank, abgezehrt, hatte aber die klaren, klugen Augen, die man so oft bei hektischen Personen findet, und die nie eines Eindrucks verfehlen. Wir unterhandelten in Gegenwart zweier Gevatterinnen, die mindestens eben so gesund waren, wie Madame Grosjean krank. Das Geschäftliche arrangirte sich leicht; nur ein Uebelstand blieb, an dem auch jetzt noch die Partie zu scheitern drohte: das einzig vorhandene Gefährt, ein char à banc, war nämlich zerbrochen und Mr. Jacques, Schmied und Stellmacher, hatte erklärt, überbürdet mit Arbeit, die Reparatur nicht machen, keinesfalls aber den Wagen abholen lassen zu können. In diesen letzten Worten schimmerte doch noch eine Hoffnung. Ich eilte also auf die Straße, engagirte zwei Artilleristen vom Regiment »Feldzeugmeister«, spannte mich selbst mit vor, und im Trabe jagten wir nun mit der leichten Kalesche über das holprige Pflaster hin, in den Arbeitshof des Mr. Jacques hinein. Dieser war ein Hüne, also gutmüthig wie alle starken Leute. Meine Beredsamkeit in Etappen-Französisch amüsirte ihn ersichtlich und wir schieden als gute Freunde, nachdem er versprochen hatte, bis Sonnenuntergang die Reparatur machen zu wollen. Er hielt auch Wort.

In der Dämmerstunde klopfte es an meine Thür. Ein Blaukittel trat ein, theilte mir mit, daß er der »Knecht« der Madame Großjean sei, und daß wir am andern Morgen 7 Uhr fahren würden. Soweit war Alles gut. Aber der Blaukittel selbst flößte mir wenig Vertrauen ein, am wenigsten, als er schließlich versicherte: die Partie sei in einem Tage nicht zu machen, wir würden nach Vaucouleurs fahren, von dort nach Domremy und von Domremy wieder zurück nach Vaucouleurs, aber mehr sei nicht zu leisten; in Vaucouleurs müßten wir übernachten. Er berief sich dabei auf einen russischen Grafen, mit dem er vor Jahresfrist dieselbe Partie gemacht habe, und begleitete seine Rede, die mir aus nichts als aus den vollklingenden Worten »Kilometer« und »quatre-vingt-douze« zu bestehen schien, mit den allerlebhaftesten Gesten. Ein starker Verdacht schoß mir durch den Kopf; wer indessen viel gereist ist, weiß aus Erfahrung, daß auf solche Anwandlungen nicht allzuviel zu geben ist, und ich entließ ihn ohne Weiteres mit einem kurzen: Eh bien, demain matin 7 heures. Ich freute mich sehr auf diesen Ausflug. Das Mißtrauen, das so plötzlich in mir aufgestiegen war, galt mehr dem Blaukittel in Person, als der Gesammtsituation, und dieser Person glaubte ich schlimmsten Falls Herr werden zu können. Ich lud meinen Lefaucheux Revolver und wickelte ihn derart in meine Reisedecke, daß ich durch einen Griff von rechts her in die nun muffartige Rolle hinein, den Kolben packen und eine »Gefechtsstellung« einnehmen konnte. Ich muß dies erwähnen, weil es zu einer späteren Stunde von Wichtigkeit für mich wurde. Daß ich den Revolver nicht mit mir führte, um etwa auf eigene Hand Frankreich mit Krieg zu überziehen, brauch ich wohl nicht erst zu versichern; man hat aber die Pflicht, sich gegen mauvais sujets und die Effronterien des ersten besten Strolches zu schützen.

Table of contents

Inside this edition

  1. 01Full text
  2. 02„In’s alte, romantische Land.”
  3. 031. Domremy.
  4. 042. Neufchateau.
  5. 053. Langres.
  6. 064. Von Langres bis Besançon.
  7. 075. Die Citadelle von Besançon.
  8. 086. Rückblicke.
  9. 09»Comme officier supérieur.«
  10. 101. Von Besançon bis Lyon.
  11. 112. Lyon.
  12. 123. Moulins.
  13. 134. Gueret.
  14. 145. Poitiers-Rochefort.
  15. 156. Marennes.
  16. 16Ile d’Oléron.
  17. 171. Die Insel Oléron.
  18. 182. Ankunft.
  19. 193. Die Citadelle.
  20. 204. Rasumofsky.
  21. 215. Blanche.
  22. 226. Le Rempart.
  23. 237. Mittag.
  24. 248. Theestunde.
  25. 259. Regentage.
  26. 2610. Der Ueberfall von Ablis.
  27. 2711. Drei von den 3. Garde-Ulanen.
  28. 2812. Fünf vom 14. Jäger-Bataillon.
  29. 2913. Begräbniß.
  30. 3014. Sturm im Glase Wasser.
  31. 3115. „Sentinelle, prenez garde à vous.”
  32. 32Frei.
  33. 331. Unverhofft kommt oft.
  34. 342. Der letzte Sonntag.
  35. 353. Der letzte Abend.
  36. 364. Abschied.
  37. 375. Rückreise.

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