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German Edition

Literature

Peter Schlemihls wundersame Geschichte

German BooksWhale Edition by Adelbert von Chamisso

Ein Mann verkauft seinen Schatten und wird zum Außenseiter in einer berühmten romantischen Erzählung.

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Peter Schlemihls wundersame Geschichte

Peter Schlemihls wundersame Geschichte erzählt von einem Pakt, einem verlorenen Schatten und der sozialen Ausgrenzung eines Menschen, der äußerlich nicht mehr vollständig erscheint. Chamisso verbindet Märchen, romantische Fantastik, Geld, Identität, Schuld und Wanderschaft zu einer prägnanten deutschen Novelle.

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Adelbert von Chamisso died in 1838, and Peter Schlemihls wundersame Geschichte was first published in 1814. These dates support the public-domain basis for the original German text used in this edition.

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Peter Schlemihls wundersame Geschichte

Adelbert von Chamisso

An meinen alten Freund Peter Schlemihl.

Da fällt nun deine Schrift nach vielen Jahren Mir wieder in die Hand, und -- wundersam! -- Der Zeit gedenk' ich, wo wir Freunde waren, Als erst die Welt uns in die Schule nahm. Ich bin ein alter Mann in grauen Haaren, Ich überwinde schon die falsche Scham, Ich will mich deinen Freund wie eh'mals nennen Und mich als solchen vor der Welt bekennen.

Mein armer, armer Freund, es hat der Schlaue Mir nicht, wie dir, so übel mitgespielt; Gestrebet hab' ich und gehofft ins Blaue, Und gar am Ende wenig nur erzielt; Doch schwerlich wird berühmen sich der Graue, Daß er mich jemals fest am Schatten hielt; Den Schatten hab' ich, der mir angeboren, Ich habe meinen Schatten nie verloren.

Mich traf, obgleich unschuldig wie das Kind, Der Hohn, den sie für deine Blöße hatten. -- Ob wir einander denn so ähnlich sind?! -- Sie schrien mir nach: Schlemihl, wo ist dein Schatten? Und zeigt' ich den, so stellten sie sich blind Und konnten gar zu lachen nicht ermatten. Was hilft es denn! man trägt es in Geduld, Und ist noch froh, fühlt man sich ohne Schuld.

Und was ist denn der Schatten? möcht' ich fragen, Wie man so oft mich selber schon gefragt, So überschwenglich hoch es anzuschlagen, Wie sich die arge Welt es nicht versagt? Das gibt sich schon nach neunzehntausend Tagen, Die, Weisheit bringend, über uns getagt; Die wir dem Schatten _Wesen_ sonst verliehen, Sehn Wesen jetzt als _Schatten_ sich verziehen.

Wir geben uns die Hand darauf, Schlemihl, Wir schreiten zu und lassen es beim alten; Wir kümmern uns um alle Welt nicht viel, Es desto fester mit uns selbst zu halten; Wir gleiten so schon näher unserm Ziel, Ob jene lachten, ob die andern schalten, Nach allen Stürmen wollen wir im Hafen Doch ungestört gesunden Schlafes schlafen.

_Berlin_, August 1834.

An Julius Eduard Hitzig von Adelbert von Chamisso.

Du vergissest niemanden, du wirst dich noch eines gewissen _Peter Schlemihls_ erinnern, den du in früheren Jahren ein paarmal bei mir gesehen hast, ein langbeiniger Bursch', den man ungeschickt glaubte, weil er linkisch war, und der wegen seiner Trägheit für faul galt. Ich hatte ihn lieb -- du kannst nicht vergessen haben, _Eduard_, wie er uns einmal in unsrer grünen Zeit durch die Sonette lief, ich brachte ihn mit auf einen der poetischen Tees, wo er mir noch während des Schreibens einschlief, ohne das Lesen abzuwarten. Nun erinnere ich mich auch eines Witzes, den du auf ihn machtest. Du hattest ihn nämlich schon, Gott weiß wo und wann, in einer alten schwarzen Kurtka gesehen, die er freilich damals noch immer trug, und sagtest: »Der ganze Kerl wäre glücklich zu schätzen, wenn seine Seele nur halb so unsterblich wäre, als seine Kurtka.« -- So wenig galt er bei euch. -- Ich hatte ihn lieb. -- Von diesem _Schlemihl_ nun, den ich seit langen Jahren aus dem Gesicht verloren hatte, rührt das Heft her, das ich dir mitteilen will. -- Dir nur, _Eduard_, meinem nächsten, innigsten Freunde, meinem beßren Ich, vor dem ich kein Geheimnis verwahren kann, teil' ich es mit, nur dir und, es versteht sich von selbst, unserm _Fouqué_, gleich dir in meiner Seele eingewurzelt -- aber in ihm teil' ich es bloß dem Freunde mit, nicht dem Dichter.

-- Ihr werdet einsehen, wie unangenehm es mir sein würde, wenn etwa die Beichte, die ein ehrlicher Mann im Vertrauen auf meine Freundschaft und Redlichkeit an meiner Brust ablegt, in einem Dichterwerke an den Pranger geheftet würde, oder nur wenn überhaupt unheilig verfahren würde, wie mit einem Erzeugnis schlechten Witzes, mit einer Sache, die das nicht ist und sein darf. Freilich muß ich selbst gestehen, daß es um die Geschichte schad' ist, die unter des guten Mannes Feder nur albern geworden, daß sie nicht von einer geschickteren fremden Hand in ihrer ganzen komischen Kraft dargestellt werden kann. -- Was würde nicht _Jean Paul_ daraus gemacht haben! -- Übrigens, lieber Freund, mögen hier manche genannt sein, die noch leben; auch das will beachtet sein. --

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So verlegen und demütig der Mann selbst zu sein schien, so wenig Aufmerksamkeit ihm auch die andern schenkten, so ward mir doch seine blasse Erscheinung, von der ich kein Auge abwenden konnte, so schauerlich, daß ich sie nicht länger ertragen konnte.

Ich beschloß, mich aus der Gesellschaft zu stehlen, was bei der unbedeutenden Rolle, die ich darinnen spielte, mir ein leichtes schien. Ich wollte nach der Stadt zurückkehren, am andern Morgen mein Glück beim Herrn John wieder versuchen und, wenn ich den Mut dazu fände, ihn über denselben grauen Mann befragen. -- Wäre es mir nur so zu entkommen geglückt!

Ich hatte mich schon wirklich durch den Rosenhain, den Hügel hinab, glücklich geschlichen, und befand mich auf einem freien Rasenplatz, als ich aus Furcht, außer den Wegen durchs Gras gehend angetroffen zu werden, einen forschenden Blick um mich warf. -- Wie erschrak ich, als ich den Mann im grauen Rock hinter mir her und auf mich zu kommen sah. Er nahm sogleich den Hut vor mir ab, und verneigte sich so tief, als noch niemand vor mir getan hatte. Es war kein Zweifel, er wollte mich anreden, und ich konnte, ohne grob zu sein, es nicht vermeiden. Ich nahm den Hut auch ab, verneigte mich wieder, und stand da in der Sonne mit bloßem Haupt wie angewurzelt. Ich sah ihn voller Furcht stier an und war wie ein Vogel, den eine Schlange gebannt hat. Er selber schien sehr verlegen zu sein; er hob den Blick nicht auf, verbeugte sich zu verschiedenen Malen, trat näher und redete mich an mit leiser, unsicherer Stimme, ungefähr im Tone eines Bettelnden.

»Möge der Herr meine Zudringlichkeit entschuldigen, wenn ich es wage, ihn so unbekannterweise aufzusuchen, ich habe eine Bitte an ihn. Vergönnen Sie gnädigst --« -- »Aber um Gottes willen, mein Herr!« brach ich in meiner Angst aus, »was kann ich für einen Mann tun, der --« wir stutzten beide, und wurden, wie mir deucht, rot.

Er nahm nach einem Augenblick des Schweigens wieder das Wort: »Während der kurzen Zeit, wo ich das Glück genoß, mich in Ihrer Nähe zu befinden, hab' ich, mein Herr, einigemal -- erlauben Sie, daß ich es Ihnen sage -- wirklich mit unaussprechlicher Bewunderung den schönen, schönen Schatten betrachten können, den Sie in der Sonne, und gleichsam mit einer gewissen edlen Verachtung, ohne selbst darauf zu merken, von sich werfen, den herrlichen Schatten da zu Ihren Füßen. Verzeihen Sie mir die freilich kühne Zumutung. Sollten Sie sich wohl nicht abgeneigt finden, mir diesen Ihren Schatten zu überlassen?«

Er schwieg und mir ging's wie ein Mühlrad im Kopfe herum. Was sollt' ich aus dem seltsamen Antrag machen, mir meinen Schatten abzukaufen? er muß verrückt sein, dacht' ich, und mit verändertem Tone, der zu der Demut des seinigen besser paßte, erwiderte ich also:

»Ei, ei! guter Freund, habt Ihr denn nicht an Eurem eignen Schatten genug? das heiß' ich mir einen Handel von einer ganz absonderlichen Sorte.« Er fiel sogleich wieder ein: »Ich hab' in meiner Tasche manches, was dem Herrn nicht ganz unwert scheinen möchte; für diesen unschätzbaren Schatten halt' ich den höchsten Preis zu gering.«

Nun überfiel es mich wieder kalt, da ich an die Tasche erinnert ward, und ich wußte nicht, wie ich ihn hatte guter Freund nennen können. Ich nahm wieder das Wort und suchte es, wo möglich, mit unendlicher Höflichkeit wieder gut zu machen.

»Aber, mein Herr, verzeihen Sie Ihrem untertänigsten Knecht. Ich verstehe wohl Ihre Meinung nicht ganz gut, wie könnt' ich nur meinen Schatten -- --« Er unterbrach mich: »Ich erbitte mir nur Dero Erlaubnis, hier auf der Stelle diesen edlen Schatten aufheben zu dürfen und zu mir zu stecken; wie ich das mache, sei meine Sorge. Dagegen als Beweis meiner Erkenntlichkeit gegen den Herrn, überlasse ich ihm die Wahl unter allen Kleinodien, die ich in der Tasche bei mir führe: die echte Springwurzel, die Alraunwurzel, Wechselpfennige, Raubtaler, das Tellertuch von Rolands Knappen, ein Galgenmännlein zu beliebigem Preis; doch, das wird wohl nichts für Sie sein: besser, Fortunati Wünschhütlein, neu und haltbar wieder restauriert: auch ein Glückssäckel, wie der seine gewesen.« -- »Fortunati Glücksseckel,« fiel ich ihm in die Rede, und wie groß meine Angst auch war, hatte er mit dem einen Wort meinen ganzen Sinn gefangen. Ich bekam einen Schwindel und es flimmerte mir wie doppelte Dukaten vor den Augen. --

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Noch einer härmte sich unter meinen Augen ab, mein treuer _Bendel_ hörte nicht auf, sich mit stillen Vorwürfen zu martern, daß er das Zutrauen seines gütigen Herrn betrogen und jenen nicht erkannt, nach dem er ausgeschickt war, und mit dem er mein trauriges Schicksal in enger Verflechtung denken mußte. Ich aber konnte ihm keine Schuld geben, ich erkannte in dem Ereignis die fabelhafte Natur des Unbekannten.

Nichts unversucht zu lassen, schickt' ich einst _Bendel_ mit einem kostbaren brillantenen Ring zu dem berühmtesten Maler der Stadt, den ich, mich zu besuchen, einladen ließ. Er kam, ich entfernte meine Leute, verschloß die Tür, setzte mich zu dem Mann, und nachdem ich seine Kunst gepriesen, kam ich mit schwerem Herzen zur Sache, ich ließ ihn zuvor das strengste Geheimnis geloben.

»Herr Professor,« fuhr ich fort, »könnten Sie wohl einem Menschen, der auf die unglücklichste Weise von der Welt um seinen Schatten gekommen ist, einen falschen Schatten malen?« -- »Sie meinen einen Schlagschatten?« -- »Den mein' ich allerdings.« -- »Aber,« frug er mich weiter, »durch welche Ungeschicklichkeit, durch welche Nachlässigkeit konnte er denn seinen Schlagschatten verlieren?« -- »Wie es kam,« erwiderte ich, »mag nun sehr gleichgültig sein, doch so viel,« log ich ihm unverschämt vor: »in Rußland, wo er im vorigen Winter eine Reise tat, fror ihm einmal, bei einer außerordentlichen Kälte, sein Schatten dergestalt am Boden fest, daß er ihn nicht wieder los bekommen konnte.«

»Der falsche Schlagschatten, den ich ihm malen könnte,« erwiderte der Professor, »würde doch nur ein solcher sein, den er bei der leisesten Bewegung wieder verlieren müßte -- zumal, wer an dem eignen angebornen Schatten so wenig fest hing, als aus Ihrer Erzählung selbst sich abnehmen läßt; wer keinen Schatten hat, gehe nicht in die Sonne, das ist das Vernünftigste und Sicherste.« Er stand auf und entfernte sich, indem er auf mich einen durchbohrenden Blick warf, den der meine nicht ertragen konnte. Ich sank in meinen Sessel zurück und verhüllte mein Gesicht in meine Hände.

So fand mich noch _Bendel_, als er hereintrat. Er sah den Schmerz seines Herrn und wollte sich still, ehrerbietig zurückziehen. -- Ich blickte auf -- ich erlag unter der Last meines Kummers, ich mußte ihn mitteilen. »_Bendel_,« rief ich ihm zu, »_Bendel_! du einziger, der du meine Leiden siehst und ehrst, sie nicht erforschen zu wollen, sondern still und fromm mitzufühlen scheinst, komm zu mir, _Bendel_, und sei der Nächste meinem Herzen. Die Schätze meines Goldes hab' ich vor dir nicht verschlossen, nicht verschließen will ich vor dir die Schätze meines Grames. -- _Bendel_, verlasse mich nicht. _Bendel_, du siehst mich reich, freigebig, gütig, du wähnst, es sollte die Welt mich verherrlichen, und du siehst mich die Welt fliehn und mich vor ihr verschließen. _Bendel_, sie hat gerichtet, die Welt, und mich verstoßen, und auch du vielleicht wirst dich von mir wenden, wenn du mein schreckliches Geheimnis erfährst: _Bendel_, ich bin reich, freigebig, gütig, aber -- o Gott! ich habe keinen Schatten!«

»Keinen Schatten?« rief der gute Junge erschreckt aus und die hellen Tränen stürzten ihm aus den Augen. -- »Weh' mir, daß ich geboren ward, einem schattenlosen Herrn zu dienen!« Er schwieg und ich hielt mein Gesicht in meinen Händen.

»_Bendel_,« setzt' ich spät und zitternd hinzu, »nun hast du mein Vertrauen, nun kannst du es verraten. Geh hin und zeuge wider mich.« -- Er schien in schwerem Kampfe mit sich selber, endlich stürzte er vor mir nieder und ergriff meine Hand, die er mit seinen Tränen benetzte. »Nein,« rief er aus, »was die Welt auch meine, ich kann und werde um Schattens willen meinen gütigen Herrn nicht verlassen, ich werde recht und nicht klug handeln, ich werde bei Ihnen bleiben, Ihnen meinen Schatten borgen, Ihnen helfen, wo ich kann, und wo ich nicht kann, mit Ihnen weinen.« Ich fiel ihm um den Hals, ob solcher ungewohnten Gesinnung staunend; denn ich war von ihm überzeugt, daß er es nicht um Gold tat.

Table of contents

Inside this edition

  1. 01Part 1
  2. 02Part 2
  3. 03Part 3
  4. 04Part 4
  5. 05Part 5
  6. 06Part 6
  7. 07Part 7
  8. 08Part 8

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