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German Edition

Literature

Pfisters Mühle

German BooksWhale Edition by Wilhelm Raabe

Ein deutscher Realismusroman über Erinnerung, Umwelt, Arbeit und sozialen Wandel.

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Pfisters Mühle

Pfisters Mühle verbindet Familiengeschichte, Industrie, Landschaftsverlust und humorvolle Gesellschaftsbeobachtung. Diese Ausgabe macht Wilhelm Raabes Roman für Leser des deutschen Realismus und früher Umweltliteratur zugänglich.

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Wilhelm Raabe starb 1910, und Pfisters Mühle wurde 1884 erstmals veröffentlicht. Diese Daten begründen die Gemeinfreiheit des deutschen Originaltexts.

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Pfisters Mühle

Wilhelm Raabe

Ein Sommerferienheft

UND IN DEM BLICK AUF DAS GANZE

IST DER DOCH EIN STÄRKERER GEIST,

WELCHER DAS LACHEN, ALS DER,

WELCHER DAS WEINEN NICHT HALTEN KANN

Seneca,

Von der Gemütsruhe

Preview chapterErstes BlattPreview

Von alten und neuen Wundern Ach, noch einmal ein frischer Atemzug im letzten Viertel dieses neunzehnten Jahrhunderts! Noch einmal sattelt mir den Hippogryphen; – ach, wenn sie gewußt hätten, die Leute von damals, wenn sie geahnt hätten, die Leute vor hundert Jahren, wo ihre Nachkommen das »alte romantische Land« zu suchen haben würden! Wahrlich nicht mehr in Bagdad. Nicht mehr am Hofe des Sultans von Babylon. Wer dort nicht selber gewesen ist, der kennt das doch viel zu genau aus Photographien, Holzschnitten nach Photographien, Konsularberichten, aus den Telegrammen der Kölnischen Zeitung, um es dort noch zu suchen. Wir verlegen keine Wundergeschichte mehr in den Orient. Wir haben unsern Hippogryphen um die ganze Erde gejagt und sind auf ihm zum Ausgangspunkte zurückgekommen. Enttäuscht sind wir abgestiegen, und die Verständigen ziehen ihr buglahmes, keuchendes Tier in den Stall, und wir haben es ihnen schon hoch anzurechnen, wenn sie kopfschüttelnd und mit einem betrübten Seufzer das still tun und sich nicht durch irgendeine Redensart eines schlechte Geschäfte gemacht habenden Musterreiters ob ihrer Enttäuschung rächen und grinsen: »Auf den Leim nie wieder!« oder: »Na, so blau!« Jenseits dieser Verständigen sind dann einige, von denen wir, da wir höchstpersönlich unter ihnen beteiligt sind, nicht wissen oder nicht sagen können, ob sie zu den ganz Unverständigen gehören. Diese stehen und halten ihr Vogelpferd am Zügel und wissen nicht damit wohin, denken Kinder und Enkel und schütteln das Haupt. Durch die Wüste, über welcher der Vogel Rock schwebte, über welche Oberon im Schwanenwagen den tapfern Hüon und die schöne Rezia, den treuen Knappen Scherasmin und die wackere Amme führte, sind Eisenschienen gelegt und Telegraphenstangen aufgepflanzt; der Bach Kidron treibt Papiermühlen, und an den vier Hauptwassern, in die sich der Strom teilte, der von Eden ausging, sind noch nützlichere »Etablissements« hingebaut: wer hebt heute von unseren Augen den Nebel, der auf der

Vorwelt Wundern

liegt? Wer? – Was? ist vielleicht die richtigere Frage. Ein leichter Hauch aus der Tiefe der Seele in diesen Nebel, und er zerteilt sich auch heute noch gradeso wie im Jahre siebenzehnhundertundachtzig. Das »alte romantische Land« liegt von neuem im hellsten Sonnenschein vor uns; wir aber erfahren mit nicht unberechtigtem Erstaunen, wie uns jetzt der »Vorwelt Wunder«, die wir in weiter Ferne vergeblich suchten, so nahe – dicht unter die Nase gelegt worden sind im Laufe der Zeiten und unter veränderten Umständen. Zehn Schritte weit von unserer Tür liegen sie – zehn, zwanzig, dreißig Jahre ab –, als die Eisenbahn noch keine Haltestelle am nächsten Dorfe hatte – als der Eichenkamp auf dem Grafenbleeke noch nicht der Separation wegen niedergelegt war – als man die Gänseweide derselben Separation halben noch nicht unter die Bauerschaft verteilt und zu schlechtem Roggenacker gemacht hatte – als die Weiden den Bach entlang noch standen, als dieser Bach selber – Nun, von diesem letztern demnächst recht vieles mehr! Er fließt zu bedeutungs- und inhaltsvoll durch die Wunder der mir persönlich so nahe liegenden Vorwelt, von welcher hier erzählt werden soll, als daß über seine Existenz mit einem Sprunge oder in drei Worten weitergeschritten werden könnte. † † † »Was schreibst du denn da eigentlich so eifrig, Mäuschen?« fragte die junge Frau; und der junge Mann, das eben vom Leser Gelesene, niedergeduckt durch die süße Last auf seiner Schulter, noch einmal seitwärts beäugelnd, meinte: »Eigentlich nichts, Mieze. Bei genauesten Betrachtung aber leider nichts weiter als das, was du selber bereits längst durch gottlob ziemlich eingehendes und eifriges Studium herausgefunden hast. Nämlich, daß ein gewisser Jemand auch an einem so schönen Morgen wie der heutige der graueste aller Esel, der ›erschröcklichste aller Pedanten‹ und – kurz und gut eigentlich ›ein gräßlicher Mensch‹ ist.« »Dann klapp das dumme Zeug zu und komm herunter und erzähle mir das übrige draußen. Ein schrecklicher Mensch bist du, und ein himmlischer Morgen ist es. Die Wildtauben gurren immer noch in den Bäumen, und von dir, mein Schatz, verbitte ich mir hoch und höchst alles fernere Geknurre und Gedruckse. Komm herunter, Ebert – ›Das Wasser rauscht zum Wald hinein, Es rauscht im Wald so kühle; Wie mag ich wohl gekommen sein Vor die verlassene Mühle?‹« Mit heller, lustigster Stimme machte sich die liebe Kleine ihre eigene Melodie zu dem wehmütig-schönen, melodischen Verse, und mir blieb wirklich nichts übrig, als unter meine unmotivierte Stilübung dahin drei Kleckse zu machen, wo im Druck vielleicht einmal drei Kreuze stehen, und mich hinunterziehen zu lassen unter die alten Kastanienbäume, in deren Wipfel die wilden Tauben immer noch in den Sommermorgen hineingurrten.

Preview chapterZweites BlattPreview

Zu leeren Tischen und Bänken Es war ein eigen Ding um die Mühle, von der hier die Rede ist. Im Walde lag sie nicht, und verlassen war sie grade auch nicht. Ich hatte sie nur verkauft – verkaufen müssen –, aber vier volle Sommerwochen war sie noch einmal mein Eigentum. Dann erst traten die neuen Besitzer in ihr ganzes Recht an ihr. Ich hatte mir das nicht so ausbedingen und es mir schriftlich geben lassen können, aber die jetzigen Herren hatten gegen meine »seltsame Idee« nichts einzuwenden gehabt, sondern mich und meine Frau sogar recht freundlich eingeladen, bis zum Beginn des Baus ihrer großen Fabrik auf ihrem Besitz ganz zu tun, als ob wir daselbst noch zu Hause wären. Einmal also sollte ich sie noch für mich haben, wie ich sie seit meinem ersten Augenaufschlagen in dieser Welt kannte und in meinen besten Erinnerungen mit ihr verwachsen war. Nachher durften freilich die neuen Herren mit ihr anfangen, was sie wollten: ich und mein Weib hatten weder ein Wort noch einen Seufzer dreinzugeben. Ich wußte schon, daß sie, die nunmehrigen Eigentümer, sich große Dinge mit ihr vorgenommen hatten, für mich aber konnte leider Gottes mein Vätererbe nichts weiter sein als ein großes Wunder der Vorwelt, ein liebes, vergnügliches, wehmütiges Bild in der Erinnerung. Und ich hatte meine junge Frau dies Jahr, das erste Jahr unserer Ehe, nicht nach der Schweiz, nach Thüringen oder in den Harz in die Sommerfrische geführt, sondern nach meiner verlassenen Mühle. Was sollte daraus werden, wenn das Weib dem Manne nicht in seine besten Erinnerungen zu folgen vermochte? Schnezlers Romanze hatte sie meinem »ewigen Gesumme« im Eisenbahnwagen von Berlin her bereits so ziemlich abgelauscht und abgelernt und mehr als einmal dabei gesagt: »Bald kann ich's auch auswendig, Miezchen!«, wobei sie dann hinzusetzte: »Auf deine väterliche Heimat bin ich aber doch sehr gespitzt, mein Herz.« – – Meine väterliche Heimat! Daß ich gespitzt oder gespannt auf meinen Aufenthalt und mein unwiderruflich Abschiednehmen dort gewesen sei, kann ich nicht sagen. Der Ausdruck, selbst aus dem Munde der Liebe oder grade aus diesem lieben, zärtlichen Mündchen, war mir auch gar nicht zu Sinne, wenn ich gleich im Rädergerassel, in ein Geschrill der Dampfpfeife und dem Getümmel der Bahnhöfe nicht wußte, wie ich ihn verbessern sollte. In den Wald hinein rauschte das Wasser nicht, das die Räder meiner Mühle in meinen Kindheits- und Jugendtagen trieb. In einer hellen, weiten, wenn auch noch grünen, so doch von Wald und Gebüsch schon ziemlich kahl gerupften Ebene war sie, neben dem Dorfe, ungefähr eine Stunde von der Stadt gelegen. Aus dem Süden kam der kleine Fluß her, dem sie ihr Dasein verdankte. Ein deutsches Mittelgebirge umzog dort den Horizont; aber das Flüßchen hatte seine Quelle bereits in der Ebene und kam nicht von den Bergen. Wiesen und Kornfelder bis in die weiteste Ferne, hier und da zwischen Obstbäumen ein Kirchturm, einzelne Dörfer überall verstreut, eine vielfach sich windende Landstraße mit Pappelbäumen eingefaßt, Feld- und Fahrwege nach allen Richtungen und dann und wann auch ein qualmender Fabrikschornstein – das war es, was man sah von meines Vaters Mühle aus, ohne daß man sich auf die Zehen zu stellen brauchte. Aber die Hauptsache in dem Bilde waren doch, und dieses besonders für mich, die Dunstwolke und die Türme im Nordosten von unserm Dörfchen. Mit der Natur steht die Landjugend auf viel zu gutem Fuße, um sich viel aus ihr zu machen und sie als etwas anderes denn als ein Selbstverständliches zu nehmen; aber die Stadt – ja die Stadt, das ist etwas! Das ist ein Entgegenstehendes, welches auf die eine oder andere Weise überwunden werden muß und nie von seiner Geltung für das junge Gemüt etwas aufgibt. Was alles, worüber ich heute noch Rechenschaft ablegen kann, habe ich erlebt in dieser Pappelallee, auf dem Wege von und nach der Stadt! Und sie stand noch dazu in einem ganz ausnahmsweise angenehmen Verhältnis zu uns in der Mühle, diese Stadt! Dutzende von nunmehr vermorschenden Tischen und Bänken unter unsern Kastanien und Linden, in Gebüsch und Lauben, auf behaglichen Rasenflecken zeugen noch davon. Heute haben Emmy und ich die Auswahl unter allen diesen behaglichen Plätzen und das Reich allein an allen Tischen und auf allen Bänken. Es hindert uns nichts mehr, in meines Vaters Grasgarten, um der Sonne auszuweichen oder sie zu suchen, mit dem Buch und der Zigarre, der Häkelarbeit und der Kaffeekanne um ein paar Schritte weiterzurücken; aber einst war das anders. Es gab eine Zeit, wo Emmy mehr die Auswahl unter den Studenten aus der Stadt als unter den Plätzen im Mühlengarten gehabt hätte. Aber nicht bloß unter den Studenten. Es gab damals keinen angenehmern Ruf als den meines Vaters mit seinem kühlen Bier, seinem heißen Wasser zum billigen Kaffeekochen und seiner süßen und sauern Milch. Sie kannten alle in der Stadt unsere Mühle, groß und klein, Gelehrte und Ungelehrte, hohe Regierende und niedere Regierte. Wir waren von Urväterzeiten die Leute darnach und lieferten den Bauern im Dorf und den Bäckern in der Stadt nicht bloß das Mehl, sondern auch noch einiges andere zu dem allgemeinen Behagen der Welt. Soweit die deutsche Zunge klingt, sitzen heute noch Alte Herren auf Kathedern, Richterbänken und an Krankenbetten, ganz abgesehen von denen, die allsonntäglich auf Kanzeln stehen; und in die Schulstube, den Schwurgerichtssaal, die Krankenstube und das Räuspern und Schnauben der »christlichen Zuhörer« summt es ihnen aus zeitlich und räumlich entlegener Ferne:

Table of contents

Inside this edition

  1. 01Full text
  2. 02Erstes Blatt
  3. 03Zweites Blatt
  4. 04Drittes Blatt
  5. 05Viertes Blatt
  6. 06Fünftes Blatt
  7. 07Sechstes Blatt
  8. 08Siebentes Blatt
  9. 09Achtes Blatt
  10. 10Neuntes Blatt
  11. 11Zehntes Blatt
  12. 12Elftes Blatt
  13. 13Zwölftes Blatt

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