
German Edition
Literature
Phantasien im Bremer Ratskeller
German BooksWhale Edition by Wilhelm Hauff
Phantasien im Bremer Ratskeller ist ein gemeinfreier Klassiker über romantische Erzählkunst, Humor und historische Fantasie.
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Phantasien im Bremer Ratskeller
Phantasien im Bremer Ratskeller von Wilhelm Hauff ist ein deutschsprachiges Originalwerk mit Schwerpunkt auf romantische Erzählkunst, Humor und historische Fantasie. Diese BooksWhale-Ausgabe wählt einen klassischen, suchstarken Text mit konservativ geprüfter weltweiter Gemeinfreiheit.
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Der Autor starb 1827, und das deutschsprachige Original erschien 1827; ausgewählt nach einer konservativen weltweiten Gemeinfreiheitsprüfung: Tod spätestens 1925 und Erstveröffentlichung spätestens 1930.
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Phantasien im Bremer Ratskeller
Wilhelm Hauff
Phantasien im Bremer Ratskeller
Wilhelm Hauff
Bibliographisches Institut, Leipzig und Wien, 1891–1909
Phantasien im Bremer Ratskeller
[1] Phantasien
im
Bremer Ratskeller.
Ein Herbstgeschenk für Freunde des Weines.
[2]
„Guter Wein ist ein gutes, geselliges Ding,
und jeder Mensch kann sich wohl einmal davon
begeistern lassen.“
Shakespeare[1].
[3]
Einleitung des Herausgebers.
Die „Phantasien im Bremer Ratskeller“ sind in ihrer ganzen burschikos-fidelen und wehmütig-ernsten Ursprünglichkeit ein Werk voll der getreuesten Erinnerungen an schöne, selbst durchlebte und durchbrauste Stunden, wie sie der junge, hoffnungsfrohe Dichter auf seiner größeren Reise im Sommer 1826 wohl ähnlich mochte genossen haben.
Er sandte das Werk, das er sehr bald nach seiner Rückkehr geschrieben haben mag, zunächst an W. Häring (Wilibald Alexis), mit dem er seit seinem Aufenthalte in Berlin in freundschaftlichem Verkehr stand, zur Veröffentlichung in dessen „Berliner Konversationsblatt für Poesie, Litteratur und Kritik“, wo es 1827 in den Nummern 90 bis 103 erschien. Im Herbst desselben Jahres gab er es dann, mit mancherlei Änderungen versehen, in Buchform bei Gebr. Franckh in Stuttgart heraus. Den glücklichen Erfolg und die warme Kritik der Presse über dieses liebliche Phantasiegemälde erlebte der Dichter leider nicht mehr. Mit wenigen, aber liebevollen Worten gedenkt Häring selbst in seinem „Freundesnachruf“ („Berliner Konversationsblatt“ Nr. 238 vom 1. Dezember 1827) dieses Werkes.
„Meine Erwartungen“, schreibt er, „waren nicht getäuscht, als er für dieses Blatt seine ‚Phantasien im Bremer Ratskeller‘ uns zusandte. Welcher frische Dichtergeist atmete darin neben einer geadelten Satire! Sie haben allgemeine Anerkennung gefunden.“
Der begeisterte, aber wie es scheint etwas zart besaitete und für ein weibliches Erröten allzu ängstlich besorgte Rezensent des „Litteraturblattes“ (Beilage zum „Morgenblatt“) Nr. 101 vom 18. Dezember 1827 schreibt:
„Ein schönes und würdiges Denkmal hat der frühe vollendete Dichter durch dieses an Umfang kleine, aber an Inhalt desto reichere Werk seinem Namen gesetzt. Es verdient unstreitig unter allen seinen Arbeiten den Vorzug, nicht nur, weil uns in demselben seine vielseitige [4] Laune, seine lebendige Darstellungsgabe in weit höherem Grade noch begegnen, sondern weil er darin, unabhängig von fremden Individualitäten, durchaus seine eigene uns aufgeschlossen hat. … So leicht das Ganze hingeworfen ist, so tief und sinnig ist die zu Grund liegende Idee, die Begeisterung des Trinkers nach allen Seiten, in ihrem weichen Regungen und in ihren wilden, grellen Ausbrüchen, mit ihren fröhlichen Bildern und Klängen und mit ihren schwarzen Phantasien, ihren dumpfhohlen Tönen darzustellen. (Die gemütliche Beschauung des inneren und äußeren Lebens bei den ersten Gläsern ist ebenso rührend, als die mancherlei Begegnisse, Verhandlungen, Gruppen und Verschlingungen der vom Weingeist völlig Besessenen komisch sind …) … Um der züchtigen Frauen willen aber in jener gepriesenen Stadt, ja um der Sache selbst willen wünschen wir, das erste Zwiegespräch zwischen Bacchus und Rose in diesen sonst in jeder Beziehung so ansprechenden, gemütlichen, reinen Phantasien zu vermissen.
Darstellung und Sprache ist klar, lebendig und fließend, ein Gewebe von süßen Harmonien, man schwebt gleichsam auf Flügeln des Wohllauts dahin. Wie sehr hat sich hierin W. Hauff, besonders aber auch in der Korrektheit des Stils, seit seinem ersten Auftreten in kurzer Zeit gebessert und geläutert. Zwei Lieder von individuellem Charakter und musikalischem Rhythmus sind eingeflochten.“
[5]
Den
zwölf Aposteln
im
Ratskeller zu Bremen
in
dankbarer Erinnerung
der Verfasser.
Im Herbst 1827.
[6]
[7] „Mit dem Menschen ist nicht auszukommen“, sagten sie, als sie in meinem Gasthof die Treppe hinabstiegen, und ich konnte es noch deutlich hören. „Jetzt will er wieder schlafen von neun Uhr an und leben wie ein Murmeltier; wer hätte das gedacht vor vier Jahren.“
Sie hatten nicht unrecht, die Freunde, daß sie mich in Unmut verließen. Gab es ja doch heute abend eines der glänzendsten musikalischen, tanzenden und deklamierenden Butterbrote in der Stadt, und hatten sie sich nicht alle mögliche Mühe gegeben, mir, dem Landfremden, einen angenehmen Abend dort zu verschaffen? Aber es war wahrhaftig unmöglich; ich konnte nicht gehen. Warum sollte ich einen tanzenden Thee besuchen, wo sie nicht tanzte, warum ein singendes Butterbrot, wo ich (ich wußte es zum voraus) hätte singen müssen, ohne von ihr gehört zu werden; warum einen trauten Kreis von Freunden durch Trübsinn und finsteres Wesen stören, das ich nun heute nicht verbannen konnte. O Gott! ich wollte ja lieber, daß sie mir auf der Treppe einige Sekunden fluchten, als daß sie sich von neun Uhr bis ein Uhr langweilten, wenn sie nur mit meinem Körper sich unterhielten und bei der Seele umsonst anfragten, die einige Straßen weiter auf Unserer Lieben Frauen-Kirchhof nachtwandelte.
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Und ihre Verdienste? Ihr fraget? Seht ihr denn nicht, wie er eingießt in den grünen Römer, wie er das herrliche Blut des Apostels mir darreicht? Gleich dunkelrotem Golde blinkt es im Glase. Als ihn die Sonne aufzog auf den Hügeln von St. Johannes, da war er blond und helle; ein Jahrhundert hat ihn gefärbt. Welche Würze des Geruches! Welche Namen leg’ ich dir bei, du lieblicher Duft, der aus dem Römer aufsteigt? Nehmet alle Blüten von den Bäumen, pflücket alle Blumen in den Fluren, führt Indiens Gewürz herbei, besprengt mit Ambra diese kühlen Keller, löset den Bernstein in bläuliche Wölkchen auf – mischet aus ihnen alle die feinsten Düfte, wie die Biene ihren Honig aus den Blüten saugt, wie schlecht, wie gemein, wie unwürdig gegen die zarte Blume deines Kelches, mein Bingen und Laubenheim, gegen deine Düfte, Johannes und Nierenstein von 1718!
„Ihr schüttelt den Kopf, Alter? Tadelt Ihr meine Freude an euren alten Gesellen? Da, nimm diesen Römer, alter Mensch, trink auf das Wohlsein dieser Zwölfe! Komm, stoß an, sie sollen leben!“
[15] „Gott soll mich bewahren, daß ich einen Tropfen trinke in dieser Nacht“, erwiderte er, „man soll mit dem Teufel kein Spiel treiben. Aber wenn Ihr sie alle durchgekostet, wollen wir weitergehen. Mir graut in diesem Keller.“
„Gute Nacht denn, ihr alten Herren vom Rheine, gute Nacht und herzlichen Dank für euer Labsal. Und wenn ich dir, mein ernster, feuriger Judas, wenn ich dir, mein sanfter, lieblicher Andreas, dir, mein Johannes, dienen kann, so kommt, kommt zu mir.“
„Herr des Himmels!“ unterbrach mich der Alte und schlug die Thüre zu und drehte hastig die Schlüssel um, „seid Ihr von den paar Tropfen schon betrunken, daß Ihr den Teufel heraufschwört? Wißt Ihr denn nicht, daß die Weingeister aufstehen diese Nacht und einander besuchen, wie immer am ersten September? Und sollt’ ich meinen Dienst verlieren, ich laufe davon, wenn Ihr noch solche Worte sprecht. Noch ist es nicht zwölf Uhr, aber kann denn nicht alle Augenblicke einer aus dem Faß kriechen mit greulichem Gesicht und uns zu Tode schrecken?“
„Alter, du faselst! Doch sei ruhig; ich will kein Wort mehr sprechen, daß deine Weingespenster nicht wach werden. Doch jetzt führe mich zur Rose.“ Wir gingen weiter, wir traten ein in das Gewölbe, in das Rosengärtlein von Bremen. Da lag sie, die alte Rose; groß, ungeheuer, mit einer Art von gebietender Hoheit. Welch ungeheures Faß; und jeder Römer ein Stück Goldes wert! Anno 1615! Wo sind die Hände, die dich pflanzten, wo die Augen, die sich an deiner Blüte erfreuten? wo die fröhlichen Menschen alle, die dir zujauchzten, edle Traube, als man dich abschnitt auf den Höhen des Rheingaus, als man deine Hüllen abstreifte und du als goldener Born in die Kufe strömtest? Sie sind dahin, wie die Wellen des Stromes, der an deinem Rebenhügel hinabzog. Wo sind sie, jene alten Herren der Hansa, jene würdigen Senatoren dieser alten Stadt, die dich pflückten, duftende Rose, dich verpflanzten in diese kühlen Räume zum Labsal ihrer Enkel? Gehet hinaus auf Angarii Friedhof[3], gehet hinauf zur Kirche [16] Unserer Lieben Frauen und gießet Wein auf ihre Grabsteine! Sie sind hinunter und zwei Jahrhunderte mit ihnen!
Nun, auf euer Wohlsein, alte Herren von Anno 1615, und auf das Wohl eurer würdigen Enkel, die so gastfreundlich dem Fremdling die Hand und dieses Labsal boten!
„So! Und jetzt gute Nacht, Frau Rose“, setzte der alte Diener freundlicher hinzu, indem er sein Körbchen zusammenräumte; „jetzt gute Nacht und Gott befohlen; hier heraus, nicht dort um die Ecke, hier heraus geht der Weg aus dem Keller, wertgeschätzter Herr. Kommt, stoßet Euch nicht hier an die Fässer, ich will Euch leuchten.“
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[23]
„Steh’ ich in finstrer Mitternacht
So einsam auf der fernen Wacht,
Dann denk’ ich an mein fernes Lieb,
Ob es mir treu und hold verblieb.
Als ich zur Fahne fortgemüßt,
Hat sie so herzlich mich geküßt,
Mit Bändern meinen Hut geschmückt
Und weinend mich ans Herz gedrückt.
Sie liebt mich noch, sie ist mir gut,
Drum bin ich froh und wohlgemut,
Mein Herz schlägt warm in kalter Nacht,
Wenn ich ans ferne Lieb gedacht.
Jetzt bei der Lampe mildem Schein,
Gehst du wohl in dein Kämmerlein,
Und schickst dein Nachtgebet zum Herrn
Auch für den Liebsten in der Fern’.
Doch wenn du traurig bist und weinst,
Mich von Gefahr umrungen meinst:
Sei ruhig; steh’ in Gottes Hut,
Er liebt ein treu Soldatenblut.
Die Glocke schlägt, bald naht die Rund’
Und löst mich ab zu dieser Stund’:
Schlaf’ wohl im fernen Kämmerlein
Und denk’ in deinen Träumen mein!“
Und denkt sie auch wohl meiner in ihren Träumen? Die Glocken summten dumpf auf den Türmen, sie begleiteten meinen Gesang. Schon Mitternacht? Diese Stunde trägt eigenen, geheimnisvollen Schauer in sich; es ist, als zittere die Erde leise, wenn sich die schlummernden Menschen unter ihr auf die andere Seite legen, die schwere Decke schütteln und den Nachbar im Kämmerlein nebenan fragen: „Ist’s noch nicht Morgen?“ Wie so ganz anders zittert der Ton dieser Mitternachtsglocke zu mir hernieder, als wenn er am Mittag durch die hellen, klaren Lüfte schallt. Horch! ging da nicht im Keller eine Thüre? Sonderbar; wenn ich nicht so ganz allein hier unten wäre, wenn ich nicht wüßte, daß die Menschen nur oben wandeln, ich würde glauben, es tönen [24] Schritte durch diese Hallen. – Ha! es ist so; es kömmt näher: es tastet an der Thüre hin und her, es faßt und schüttelt die Klinge; doch die Thüre ist verschlossen und mit Riegeln verhängt; mich stört heute nacht kein Sterblicher mehr. Ha, was ist das? die Thüre springt auf! Entsetzen!
[Vignette]
Vor der Thüre standen zwei Männer und machten gegenseitig Komplimente über den Vortritt; der eine war ein langer, hagerer Mann, trug eine große, schwarze Lockenperücke, einen dunkelroten Rock nach altfränkischem Schnitt, überall mit goldenen Tressen und goldgesponnenen Knöpfen besetzt; seine ungeheuer langen und dünnen Beine staken in engen Beinkleidern von schwarzem Samt mit goldenen Schnallen am Knie; daran schlossen sich rote Strümpfe, und auf den Schuhen trug er goldene Schnallen. Den Degen mit einem Griff von Porzellän hatte er durch die Hosentasche gesteckt; er schwenkte, wenn er ein Kompliment machte, einen dreispitzigen, kleinen Hut von Seide, und die Lockenschwänze seiner Perücke rauschten dann wie Wasserfälle über die Schultern herab. Der Mann hatte ein bleiches, abgehärmtes Gesicht, tiefliegende Augen und eine große, feuerrote Nase. Ganz anders war der kleinere Geselle anzuschauen, dem jener den Vortritt gönnen wollte. Seine Haare waren fest an den Kopf geklebt mit Eiweiß, und nur an den Seiten waren sie in zwei Rollen gleich Pistolenhalftern gewickelt; ein ellenlanger Zopf schlängelte sich über seinen Rücken; er trug ein stahlgraues Röcklein, rot aufgeschlagen, stak unten in großen Reiterstiefeln und oben in einer reichgestickten Bratenweste, die über sein wohlgenährtes Bäuchlein bis auf die Knie herabfiel, und hatte einen ungeheuern Raufdegen umgeschnallt. Er hatte etwas Gutmütiges in seinem feisten Gesichte, besonders in den Äuglein, die ihm wie einem Hummer hervorstanden. Seine Manövers führte er mit einem ungeheuern Filzhut aus, der auf zwei Seiten aufgeklappt war.
Ich hatte, nachdem ich mich von dem ersten Schrecken erholt, Zeit genug, diese Bemerkungen zu machen, denn die beiden [25] Herren machten wohl mehrere Minuten lang vor der Schwelle die zierlichsten Pas. Endlich riß der Lange auch den zweiten Flügel der Thüre auf, nahm den Kleinen unter dem Arm und führte ihn in mein Gemach. Sie hingen ihre Hüte an die Wand, schnallten die Degen ab und setzten sich, ohne mich zu beachten, stillschweigend an den Tisch. „Ist denn heute Fastnacht in Bremen?“ sprach ich zu mir, indem ich über die sonderbaren Gäste nachdachte; und doch kam mir ihre ganze Erscheinung so unheimlich vor, besonders wußte ich mich in ihre starren Blicke, in ihr Schweigen nicht zu finden; ich wollte mir eben ein Herz fassen und sie anreden, als ein neues Geräusch im Keller entstand. Schritte tönten näher, die Thüre ging auf, und vier andere Herren, nach derselben alten Mode wie die ersten gekleidet, traten ein. Mir fiel besonders der eine auf, der wie ein Jäger gekleidet war, denn er trug Hetzpeitsche und Jagdhorn und schaute ungemein fröhlich um sich.
Table of contents
Inside this edition
- 01Part 1
- 02Part 2
- 03Part 3
- 04Part 4
- 05Part 5
- 06Part 6
- 07Part 7
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