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Science

Soziologie

German BooksWhale Edition by Georg Simmel

Ein grundlegendes Werk der Soziologie über Vergesellschaftung, Wechselwirkung, Gruppen, Konflikt und moderne Formen.

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Soziologie

Soziologie von Georg Simmel untersucht Gesellschaft nicht als starres Gebilde, sondern als Geflecht von Wechselwirkungen. Das Werk behandelt Gruppenbildung, Über- und Unterordnung, Konkurrenz, Streit, Geheimnis, Armut, Raum, Fremdheit und Formen des modernen sozialen Lebens.

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Georg Simmel starb 1918, und Soziologie erschien 1908. Diese Daten stützen die Gemeinfreiheit des deutschen Originaltexts dieser Ausgabe.

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Soziologie

Georg Simmel

Preview chapterKapitel I: Das Problem der SoziologiePreview

Wenn es richtig ist, dass das menschliche Erkennen sich aus praktischen Notwendigkeiten entwickelt hat, weil das Wissen des Wahren eine Waffe im Kampf ums Dasein ist, sowohl gegenüber dem aussermenschlichen Sein wie in der Konkurrenz der Menschen untereinander—so ist es doch an diese Herkunft längst nicht mehr gebunden, und ist aus einem blossen Mittel für die Zwecke des Handelns selbst zu einem endgültigen Zwecke geworden.

Dennoch hat das Erkennen, sogar in der selbstherrlichen Form der Wissenschaft, die Beziehungen zu den Interessen der Praxis nicht überall abgebrochen, wenn sie auch jetzt nicht als blosse Erfolge der letzteren auftreten, sondern als Wechselwirkungen zweier, zu selbständigen Rechten bestehenden Reiche.

Denn das wissenschaftliche Erkennen bietet sich nicht nur, in der Technik, der Verwirklichung äusserer Willensziele dar, sondern auch, von der andern Seite her, setzt sich an die praktischen Zuständlichkeiten, innere wie äussere, das Bedürfnis theoretischer Einsicht an; manchmal tauchen neue Richtungen des Denkens auf, mit deren rein abstraktem Charakter dennoch nur die Interessen eines neuen Fühlens und Wollens sich in die Fragestellungen und Formen der Intellektualität hineinstrecken.

So sind die Ansprüche, die die Wissenschaft der Soziologie zu erheben pflegt, die theoretische Fortsetzung und Abspiegelung der praktischen Macht, die im neunzehnten Jahrhundert die Massen gegenüber den Interessen des Individuums erlangt haben.

Dass aber das Bedeutungsgefühl und die Aufmerksamkeit, die die unteren Stände den höheren abzwangen, gerade von dem Begriff der »Gesellschaft« getragen ist, liegt daran, dass vermöge der sozialen Distanz die ersteren den letzteren nicht nach ihren Individuen, sondern nur als einheitliche Masse erscheinen und dass eben diese Distanz beide in keiner andern prinzipiellen Hinsicht verbunden sein lässt, als dass sie zusammen »eine Gesellschaft« bilden.

Indem die Klassen, deren Wirksamkeit nicht in der wahrnehmbaren Bedeutung der Einzelnen, sondern in ihrem »Gesellschaft«-Sein liegt, das theoretische Bewusstsein—in Konsequenz der praktischen Machtverhältnisse—auf sich zogen, nahm das Denken auf einmal wahr, dass überhaupt jede individuelle Erscheinung durch eine Unermesslichkeit von Einflüssen aus ihrem menschlichen Umgebungskreise bestimmt ist.

Und dieser Gedanke gewann sozusagen rückwirkende Kraft: neben der gegenwärtigen erschien die vergangene Gesellschaft als die Substanz, die die einzelne Existenz bildete, wie das Meer die Wellen; hier schien der Boden gewonnen, aus dessen Kräften allein die besonderen Formen, zu denen er die Individuen bildete, erklärbar wurden.

Diese Denkrichtung unterstützte der moderne Relativismus, die Neigung, das Einzelne und Substanzielle in Wechselwirkungen aufzulösen; das Individuum war nur der Ort, an dem sich soziale Fäden verknüpfen, die Persönlichkeit nur die besondere Art, auf die dies geschieht.

Da man sich zum Bewusstsein brachte, dass alles menschliche Tun innerhalb der Gesellschaft verläuft und keines sich ihrem Einfluss entziehen kann, so musste alles, was nicht Wissenschaft von der äusseren Natur war, Wissenschaft von der Gesellschaft sein.

Sie erschien als das allumfassende Gebiet, in dem sich Ethik wie Kulturgeschichte, Nationalökonomie wie Religionswissenschaft, Ästhetik wie Demographie, Politik wie Ethnologie zusammenfanden, da die Gegenstände dieser Wissenschaften sich in dem Rahmen der Gesellschaft realisierten: die Wissenschaft vom Menschen sei Wissenschaft von der Gesellschaft.

Zu dieser Vorstellung der Soziologie als Wissenschaft von allem Menschlichen überhaupt trug bei, dass sie eine neue Wissenschaft war und infolgedessen alle möglichen, sonst nicht recht unterzubringenden Probleme sich an sie herandrängten—wie ein neuerschlossenes Gebiet immer zuerst das Dorado von heimatlosen und entwurzelten Existenzen wird: die zuerst unvermeidliche Unbestimmtheit und Unverteidigtheit der Grenzen gewährt jedem das Recht, dort unterzukommen.

Näher angesehen indes, erzeugt dieses Zusammenwerfen aller bisherigen Wissensgebiete kein neues.

Es bedeutet nur, dass alle historischen, psychologischen, normativen Wissenschaften in einen grossen Topf geschüttet werden und diesem das Etikett: Soziologie—aufgeheftet wird.

Damit wäre also nur ein neuer Name gewonnen, während alles, was er bezeichnet, in seinem Inhalt und seinen Verhältnissen schon feststeht oder innerhalb der bisherigen Forschungsprovinzen produziert wird.

Die Tatsache, dass das menschliche Denken und Handeln in der Gesellschaft und durch sie bestimmt vorgeht, macht die Soziologie so wenig zu der allumfassenden Wissenschaft von demselben, wie man Chemie, Botanik und Astronomie zu Inhalten der Psychologie machen kann, weil ihre Gegenstände doch schliesslich nur im menschlichen Bewusstsein wirklich werden und den Voraussetzungen desselben unterliegen.

Preview chapterDie quantitative Bestimmtheit der GruppePreview

Eine Reihe von Formen des Zusammenlebens, von Vereinheitlichungen und gegenseitigen Einwirkungen der Individuen sollen zunächst auf die Bedeutung hin geprüft werden, die bloße Zahl der so vergesellschafteten Individuen für diese Formen hat.

Man wird von vornherein und aus den alltäglichen Erfahrungen heraus zugeben, dass eine Gruppe von einem gewissen Umfang an zu ihrer Erhaltung und Förderung Massregeln, Formen und Organe ausbilden muss, deren sie vorher nicht bedarf; und dass andrerseits engere Kreise Qualitäten und Wechselwirkungen aufweisen, die bei ihrer numerischen Erweiterung unvermeidlich verloren gehen.

Eine doppelte Bedeutsamkeit kommt der quantitativen Bestimmtheit zu: die negative, dass gewisse Formungen, die aus den inhaltlichen oder sonstigen Lebensbedingungen heraus erforderlich oder möglich sind, sich eben nur diesseits oder jenseits einer numerischen Grenze der Elemente verwirklichen können; die positive, dass andere direkt durch bestimmte rein quantitative Modifikationen der Gruppe gefordert werden.

Selbstverständlich treten auch sie nicht in jedem Falle auf, sondern hängen ihrerseits von den sonstigen Bestimmtheiten der Gruppe ab; aber das Entscheidende ist, dass aus den letzteren die fraglichen Formungen nur unter der Bedingung einer bestimmten numerischen Ausdehnung hervorgehen.

So lässt sich z. B. feststellen, dass ganz oder annähernd sozialistische Ordnungen bisher nur in ganz kleinen Kreisen durchführbar waren, in großen aber stets gescheitert sind.

Die innere Tendenz solcher nämlich: die Gerechtigkeit in der Verteilung des Leistens und des Geniessens — kann wohl in einer kleinen Gruppe realisiert und, was sicher ebenso wichtig ist, von den Einzelnen überblickt und kontrolliert werden.

Was jeder für die Gesamtheit leistet und womit die Gesamtheit es ihn vergilt, das liegt hier ganz nahe beieinander, so dass sich Vergleichung und Ausgleichung leicht ergibt.

In einem großen Kreise hindert dies insbesondere die in ihm unvermeidliche Differenzierung der Personen, ihrer Funktionen und ihrer Ansprüche.

Eine sehr grosse Zahl von Menschen kann eine Einheit nur bei entschiedener Arbeitsteilung bilden den; nicht nur aus den auf der Hand liegenden Gründen der wirtschaftlichen Technik, sondern weil erst sie das Ineinandergreifen und Aufeinander-angewiesen-sein erzeugt, dass jeden durch unzählige Mittelglieder hindurch mit jedem in Verbindung setzt, und ohne das eine weit ausgedehnte Gruppe bei jeder Gelegenheit auseinanderbrechen würde.

Deshalb muss eine je engere Einheit derselben gefordert wird, die Spezialisierung der Individuen eine um so genauere, um so unbedingter also den Einzelnen an das Ganze und das Ganze an den Einzelnen verweisende sein.

Der Sozialismus eines großen Kreises würde so die schärfste Differenzierung der Persönlichkeiten fordern, die sich natürlich über ihre Arbeit hinaus auf ihr Fühlen und Begehren erstrecken müsste.

Dies aber erschwert aufs äußerste den Vergleich der Leistungen untereinander, der Entlohnungen untereinander, die Ausgleichungen zwischen beiden, auf denen für kleine, und deshalb undifferenzierte Kreise die Möglichkeit eines annähernden Sozialismus beruht.

Was derartige Gruppen bei vorgeschrittener Kultur schon sozusagen logisch auf numerische Geringfügigkeit beschränkt, das ist ihre Angewiesenheit auf Güter, die unter ihren eigenen Produktionsbedingungen überhaupt nicht geboten werden können.

Es gibt meines Wissens im jetzigen Europa nur eine einzige annähernd sozialistische Organisation ) : das Familistère de Guise, eine große Fabrik gusseiserner Waren, die von einem Schüler Fouriers 1880 gegründet ist, nach dem Prinzip vollkommener Fürsorge für jeden Arbeiter und seine Familie, Sicherung des Existenzminimums, der unentgeltlichen Pflege und Erziehung der Kinder, der Kollektivbeschaffung des Lebensunterhaltes.

Die Genossenschaft beschäftigte in den neunziger Jahren ungefähr 2000 Menschen und schien sich als lebensfähig zu erweisen.

Dies aber offenbar nur, weil sie von einer unter ganz anderen Lebensbedingungen stehenden Gesamtheit umgeben ist, aus der sie die unvermeidlich in ihrer eigenen Produktion bleibenden Lücken der Bedürfnisbefriedigung decken kann.

Denn die menschlichen Bedürfnisse sind nicht ebenso zu rationalisieren, wie die Produktion es wäre; sie scheinen vielmehr eine Zufälligkeit oder Unberechenbarkeit zu haben, die ihre Deckung nur um den Preis gestattet, dass nebenbei unzähliges Irrationelles und Unverwendbares hergestellt wird.

Table of contents

Inside this edition

  1. 01Full text
  2. 02Kapitel I: Das Problem der Soziologie
  3. 03Die quantitative Bestimmtheit der Gruppe
  4. 04Kapitel III: Über- und Unterordnung
  5. 05Kapitel IV: Der Streit
  6. 06Kapitel V: Das Geheimnis und die geheime Gesellschaft
  7. 07Kapitel VI: Die Kreuzung sozialer Kreise
  8. 08Kapitel VII: Der Arme
  9. 09Kapitel VIII: Die Selbsterhaltung der sozialen Gruppe
  10. 10Kapitel IX: Der Raum und die räumlichen Ordnungen der Gesellschaft
  11. 11Kapitel X: Die Erweiterung der Gruppe und die Ausbildung der Individualität

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