
German Edition
Literature
Uli der Knecht
German BooksWhale Edition by Jeremias Gotthelf
Ein Schweizer Klassiker über Arbeit, Moral, bäuerliches Leben, Verantwortung und persönliche Bewährung.
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Book introduction
Uli der Knecht
Uli der Knecht erzählt den Weg eines jungen Knechts zu Fleiß, Selbstachtung und sozialer Verantwortung in einer bäuerlichen Welt. Diese deutsche Originalausgabe richtet sich an Leser realistischer Literatur, Schweizer Klassiker, Dorfgeschichten und moralischer Erzählkunst des 19. Jahrhunderts.
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Jeremias Gotthelf starb 1854, und Uli der Knecht erschien 1841. Diese Daten stützen die Gemeinfreiheit des deutschen Originaltexts.
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Uli der Knecht
Jeremias Gotthelf
Preview chapterErstes KapitelPreview
Es erwacht ein Meister, es spukt in einem Knechte
Es lag eine dunkle Nacht über der Erde; noch dunkler war der Ort, wo eine Stimme gedämpft zu wiederholten Malen »Johannes!« rief. Es war ein kleines Stübchen in einem großen Baurenhause; aus dem großen Bette, welches fast den ganzen Hintergrund füllte, kam die Stimme. In demselben lag eine Bäurin samt ihrem Manne, und diesem rief die Frau: »Johannes!«, bis er endlich anfing zu mugglen und zuletzt zu fragen: »Was willst, was gibts?« »Du wirst auf müssen und füttern!
Es hat schon halb fünf geschlagen und der Uli ist erst nach den zweien heimgekommen und noch die Stiege herabgefallen, als er ins Gaden wollte. Es dünkte mich, du solltest erwachen, so hat er einen Lärm verführt. Er ist voll gewesen und wird jetzt nicht auf mögen, und es ist mir auch lieber, er gehe so gestürmt mit dem Licht nicht in den Stall.« »Es ist ein Elend heutzutag mit den Diensten,« sagte der Bauer, während er Licht machte und sich anzog, »man kann sie fast nicht bekommen, kann ihnen nicht Lohn genug geben, und zuletzt sollte man alles selbst machen und zu keiner Sache nichts sagen. Man ist nicht mehr Meister im Hause und kann nicht eben genug trappen, wenn man nicht Streit haben und verbrüllet sein will.« »Du kannst das aber nicht so gehen lassen,« sagte die Frau, »das kömmt zu oft wieder; erst in der letzten Woche hat er zweimal gehudelt, hat ja Lohn eingezogen, ehe es Fasnacht war. Es ist mir nicht nur wegen dir, sondern auch wegen Uli. Wenn man ihm nichts sagt, so meint er, er habe das Recht dazu, und tut immer wüster. Und dann müssen wir uns doch ein Gewissen daraus machen; Meisterleut sind Meisterleut, und man mag sagen, was man will, auf die neue Mode, was die Diensten neben der Arbeit machen, gehe niemand etwas an:
die Meisterleut sind doch Meister in ihrem Hause, und was sie in ihrem Hause dulden und was sie ihren Leuten nachlassen, dafür sind sie Gott und den Menschen verantwortlich. Dann ist mir noch wegen den Kindern. Du mußt ihn ins Stübli nehmen, wenn sie zMorge gegessen haben, und ihm ein Kapitel lesen.«
Es herrscht nämlich in vielen Bauernhäusern und namentlich in solchen, die zum eigentlichen Bauernadel gehören, das heißt in solchen, wo der Besitztum lange in der Familie sich fortgeerbt hat, daher Familiensitte sich festgesetzt, Familienehre entstanden ist, die sehr schöne Sitte, durchaus keinen Zank, keinen heftigen Auftritt zu veranlassen, der irgend der Nachbaren Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnte. In stolzer Ruhe liegt das Haus mitten in den grünen Bäumen; in ruhigem, gemessenem Anstande bewegen sich um und in demselben dessen Bewohner, und über die Bäume schallt höchstens das Wiehern der Pferde, aber nicht die Stimme der Menschen. Es wird nicht viel und laut getadelt. Mann und Weib tun es gegen einander nie, daß es Andere hören; über Fehler von Dienstboten schweigen sie oft oder machen gleichsam im Vorbeigehen eine Bemerkung, lassen bloß ein Wort, eine Andeutung fallen, daß es die Andern kaum merken. Wenn etwas Besonderes vorgefallen oder das Maß voll geworden ist, so rufen sie den Sünder ins Stübli, und zwar so unvermerkt als möglich, oder suchen ihn bei einsamer Arbeit auf und lesen ihm unter vier Augen ein Kapitel, wie man zu sagen pflegt, und dazu hat der Meister gewöhnlich sich recht vorbereitet.
Er liest dieses Kapitel in vollkommener Ruhe, recht väterlich, verhehlt dem Sünder nichts, auch das Herbste nicht, läßt ihm aber auch Gerechtigkeit widerfahren, stellt ihm die Folgen seines Tuns in Bezug auf sein zukünftig Schicksal vor. Und wenn der Meister fertig ist, so ist er zufrieden, und die Sache ist so weit abgetan, daß der Abkapitelte oder die Andern im Betragen des Meisters durchaus nichts spüren, weder Bitterkeit noch Heftigkeit noch etwas anderes. Diese Kapitelten sind meist von guter Wirkung, wegen dem Väterlichen, das darin vorherrscht, wegen der Ruhe, mit welcher sie gehalten werden, wegen der Schonung vor Andern. Von der Selbstbeherrschung und ruhigen Gemessenheit in solchen Häusern vermag man sich kaum eine Vorstellung zu machen.
Preview chapterZweites KapitelPreview
Ein heiterer Sonntag in einem schönen Baurenhause
Der Sonntag kam am Himmel herauf, hell, klar, wunder schön. Die dunkelgrünen Gräslein hatten mit demantenen Kränzlein ihre Stirnen geschmückt und funkelten und dufteten als süße Bräutlein in Gottes unermeßlichem Tempel. Tausend Finken, tausend Amseln, tausend Lerchen sangen die Hochzeitlieder; weißbärtig, ernst und feierlich, aber mit den Rosen der Jugend auf den gefurchten Wangen, sahen die alten Berge als Zeugen auf die holden Bräutlein nieder, und als Priesterin Gottes erhob sich hoch über alle die goldene Sonne und spendete in funkelnden Strahlen ihren Hochzeitsegen.
Der tausendstimmige Gesang und des Landes Herrlichkeit hatten den Bauer früh geweckt, und er wandelte andächtigen Gemütes dem Segen nach, den ihm Gott beschert hatte. Er durchging mit hochgehobenen Beinen und langen Schritten das mächtige Gras, stund am üppigen Kornacker still, an den wohlgeordneten Pflanzplätzen, dem sanft sich wiegenden Flachse, betrachtete die schwellenden Kirschen, die von kleiner Frucht starrenden Bäume mit Kernobst, band hier etwas auf und las dort etwas Schädliches ab und freute sich bei allem nicht nur des Preises, den es einsten gelten, nicht nur des Gewinnes, den er machen werde, sondern des Herren, dessen Güte die Erde voll, dessen Herrlichkeit und Weisheit neu sei jeden Morgen. Und er gedachte: wie alles Kraut und jedes Tier jetzt den Schöpfer preise, so sollte es auch der Mensch tun, und mit dem Munde nicht nur, sondern mit seinem ganzen Wesen, wie der Baum in seiner Pracht, wie der Kornacker in seiner Fülle, so der Mensch in seinem Tun und Las sen. »Gott Lob und Dank!« dachte er, »ich und mein Weib und meine Kinder, wir wollen dem Herren dienen, und er braucht sich unser nicht zu schämen.
Wir sind wohl auch arme Sünder und haben nur einen geringen Anfang der Gottseligkeit, aber wir haben doch ein Herz zu ihm und vergessen ihn nie einen ganzen Tag lang und essen nichts, trinken nichts, daß wir ihm nicht danken, und nicht nur mit Worten, sondern von Herzensgrund.«
Aber wenn er des Uli gedachte und wie der liebe Gott ihn so fürstlich ausgestattet mit Gesundheit und Kraft und wie Uli seines Schöpfers so ganz vergesse, so schnöde seine Gaben mißbrauche, so wurde er ganz wehmütig und stund oft und lange still, sinnend, was er ihm wohl sagen solle, daß er wie, der werde ein Preis seines Schöpfers. Es war ihm an seiner eigenen Seele viel gelegen, darum an den Seelen Anderer auch, und wie er teilnahm, wenn ein Knecht oder eine Magd am Leibe krank war, so schmerzte es ihn auch, wenn er ihre Seelen in Gefahr sah, und wie er für kranke Diensten den Doktor kommen ließ, so suchte er auch ihre kranken Seelen zu doktern. So was ist nicht immer der Fall. Den meisten Menschen ist an den eigenen Seelen nichts gelegen, darum auch an den Seelen der Andern nicht. Das ist ein Grundübel dieser Zeit.
So verweilete sich der Bauer unvermerkt, und die Mutter hatte schon lange gesagt, sie wollte zum Essen rufen, wenn der Ätti da wäre. Als er zur Küchetüre ein kam mit der freundlichen Frage, ob sie gekochet hätten, und als ihm die freundliche Antwort wurde, man hätte schon lange essen können, wenn er dagewesen wäre, mit wem er sich wohl wieder verdampet hätte, und als er ernsthaft sagte: »Mit dem lieben Gott.« so kam seiner Frau fast das Augenwasser, und sie sah ihn gar sinnig an, während sie den Kaffee einschenkte und die Mägde die Knechte riefen und das Essen auf den Tisch stellten.
Aus tiefem Schweigen heraus frug der Bauer: »Wer geht zKilche?« Die Frau sagte, sie habe es im Sinne und deswegen schon züpfet, damit sie zu rechter Zeit hinkommen möge, und in ihre Stimme fielen mehrere Kinderstimmen: »Mutter, ich will mit!« Zwei Knechte aber und zwei Mägde blieben stumm. Auf die Frage, ob denn Keines gehen wolle, fehlte es dem Einen an den Schuhen, dem Andern an den Strümpfen. In Keinem war der Trieb, zu gehen, aber Ausreden dagegen in Menge. Da sagte der Bauer: So könne das nicht mehr gehen; das komme ihm doch streng vor, daß sie zu jedem Geläuf Zeit hätten, aber nie zum Kilchengehen. Am Morgen sei Keins vom Hause wegzubringen, und am Nachmittag sei es, wie wenn man sie mit Kanonen davon wegschösse, und bis am späten Abend sei Keins mehr zu sehen. Das sei ihm eine schlechte Sache, wenn man nur Sinn hatte für alles Narrenwerk, aber keinen für seine arme Seele. Und er wolle ihnen gerade heraus sagen, daß kein Meister einem Dienst trauen könne, der Gott aus dem Sinn geschlagen habe und Gott untreu geworden sei. Wenn ein Mensch Gott untreu sei, ob man dann erwarten könne, daß er Menschen treu sein werde? So wolle er es aber nicht, und heute hätten sie gar keinen Grund, daheim zu bleiben, nur um ums Haus herumzustopfen. Zudem habe er Sachen zu verrichten. Er müßte vierzig Pfund Salz haben; das könnten die beiden Mägde holen und einander ablösen.
Table of contents
Inside this edition
- 01Full text
- 02Erstes Kapitel
- 03Zweites Kapitel
- 04Drittes Kapitel
- 05Viertes Kapitel
- 06Fünftes Kapitel
- 07Sechstes Kapitel
- 08Siebentes Kapitel
- 09Achtes Kapitel
- 10Neuntes Kapitel
- 11Zehntes Kapitel
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