
German Edition
Literature
Unruhige Gäste
German BooksWhale Edition by Wilhelm Raabe
Begegnungen zwischen Wanderern, Außenseitern und einer Dorfgemeinschaft prüfen bürgerliche Gewissheiten angesichts von Krankheit, Hilfsbereitschaft und sozialer Distanz im Alltag.
- Preview
- A sample from the prepared text
- Formats
- Online reader, EPUB, PDF
- Access
- Library claim
Book introduction
Unruhige Gäste
Wilhelm Raabe führt seine Figuren aus vertrauten Lebensordnungen in eine ländliche Umgebung, in der persönliche Begegnungen neue Maßstäbe erzwingen. Phöbe und Pastor Hahnemeyer stehen in einem Geflecht aus Erinnerung, gesellschaftlicher Distanz und praktischer Verantwortung. Der deutsche Roman verbindet eine bewegliche Erzählerstimme mit der Frage, wie Menschen auf Krankheit, Fremdheit und die Ansprüche anderer reagieren.
BooksWhale edition
How this edition was prepared
This edition is based on a public domain text and has been prepared for digital reading by BooksWhale.
Public domain basis
Why this edition can be shared
Wilhelm Raabe starb 1910; das Werk erschien erstmals 1885. Verwendet wird der deutsche Originaltext aus TextGrid; spätere redaktionelle Zusätze und Anmerkungen sind ausgeschlossen.
Read preview
A sample from the prepared text
Preview selected from the prepared reader text.
Preview chapterErstes KapitelRead preview
Es war eigentlich ein wenig abseits der gewöhnlichen, ausgetretenen Touristenstraße durch das Gebirge, wo das Dorf lag, das auf seine Kosten aus Stangen, Rasen und Tannenrinde die Hütte oder Köte gebaut hatte, die einen und einen halben Büchsenschuß (alte Tragweite) von den letzten Häusern des Ortes am Waldrande stand. Aber ein Fuß- und Reitweg schlängelte sich doch einige fünfzig Schritte von dem kuriosen, indianerhaften Gebäude aus dem Hochforst hervor, und eine bunte Schar von Sommerreisenden – Weiblein und Männlein zu Fuß, zu Pferde und zu Esel – zog eben lustig und laut aus dem Dunkel des Waldes in die Sonne und quer über die Vierlingswiese vorbei an der Rasenhütte.
»O wie hübsch!« rief eine der jungen Damen, ihr Tier anhaltend. »Das möchte ich wirklich noch in meinem Skizzenbuche mitnehmen. Haben wir nicht so lange Zeit, Papa und ihr anderen?«
Der Papa sah bedenklich auf die Uhr und dann auf den Führer. Verschiedene der jüngeren Herren riefen:
»Selbstverständlich, Fräulein Lili! Natürlich haben wir Zeit! Eine Ewigkeit noch bis Sonnenuntergang!«
Schon hielt der eine der jungen Ritter des hübschen Mädchens ihr den Steigbügel, und der zweite bot ihr das »Skizzenbuch« dar, und der, welcher die Bleistifte zu tragen und zu spitzen hatte, war auch mit denselben zur Hand, als der Führer jeglichem künstlerischen Wunsche und Enthusiasmus und aller höflichen Dienstbereitwilligkeit in der Gesellschaft ein kurzes und etwas schreckhaftes Ende machte.
»Rate nicht dazu, mit Erlaubnis, liebe Herrschaften«, sagte er. »Nervenfieber, Fleckentyphus, wie man das jetzt so heißt ... Armes Volk die Familie Fuchs; und vielleicht auch mit Ungeziefer, seit die Feh liegt. Aber der Doktor sagt, niemand kann bei der bösen Krankheit gesunder gebettet werden; nur ist's wohl dann und wann ein bißchen schlimm mit dem Räkel und seiner jungen Brut, die sonst schon niemand gern an sich kommen ließ. Da sind sie natürlich schon – wollt ihr zurück, ihr Kröten!«
Das letztere war eben an die »junge Brut« gerichtet. Ein verwildertes, zerlumptes, höchst malerisches Kinderstaffagepaar, ein Junge und ein Mädchen, zog es sich an den Weg und machte Miene, so nahe als möglich sich mit ausgestreckten schwarzbraunen Pfoten an die Gesellschaft zu drängen. Doch das Fräulein verspürte nicht die mindeste Neigung, jetzt noch Gebrauch von seinem Talent und diesen wirklich ausgezeichneten Modellen zu machen. Schon hatte es einen kleinen hübschen Schrei ausgestoßen und, statt nach dem Skizzenbuche zu greifen, den Esel mit der Gerte über die Ohren geschlagen. Der alte Herr war eiligst allen vorangeritten, ohne sich nach den nächsten und liebsten Familienangehörigen nur umzusehen. Daß die jungen Ritter nicht sämtlich nach dem Schwanz seines Gaules griffen, um rascher daran vorwärts zu gelangen, zeugte sogar nur von – Pietät. Rasch genug waren sie von den Felsblocken, auf denen sie sich zum Teil bereits gelagert hatten, in die Höhe gekommen.
Weiter trabte alles – Herren und Damen, jung und alt; und eine wohlbeleibte ältere Dame, die, trotzdem daß sie zu Maultier war, ihres Gewichtes wegen die letzte blieb, fand grade deswegen am innigsten und richtigsten das Wort für die Gefühle der Gesamtheit und gab es ächzend von sich:
»Das ist ja aber schrecklich, so nahe am Wege! Das sollte doch nicht sein; und wenn die Polizei es duldet, so müßten die Zeitungen von so was sprechen!«
Wer jetzt ein Jubelgeschrei ausstieß, das war das Kinderpaar aus der Indianerhütte. Es war den beiden doch aus der erschreckten Schar der Fremden ein Geldstück in weitem Bogen zugeflogen, und sie hatten es eben unter den Fingerhutbüschen und im übrigen Waldwiesengraswuchs mit ihren scharfen Wildenaugen gefunden und quittierten mit kreischendem Jauchzen darüber.
Einige Augenblicke später war der letzte Schwanz des bunten Zuges von der Vierlingswiese im gegenüberliegenden Tannenwalde, wo sich der Reitpfad plötzlich ziemlich steil bergabwärts zog, verschwunden. Der romantische Fleck versank wieder in die alte Stille; und die Sonne, im Niedersteigen, lächelte weiter auf Elend und Wohlbehagen, Gesunde und Kranke, reiche und arme Leute, wo der Erdenschatten es zuließ.
Preview chapterZweites KapitelPreview
Der Wald nach dem Dorfe, nach der untergehenden Sonne zu bildete nur einen lückenhaften, lichtdurchschimmerten Vorhang zwischen der Wiese und einigen Gärten, geringern Bauerngehöften und der Kirche. Letztere leuchtete in ihrer weißen Tünche auch bald zwischen den glatten, graden Stämmen der Hochtannen durch. Der Pfad wand sich über den »alten« Gottesacker, dessen letzte versinkende Ackerbauer- und Bergmannsgräber aus dem Anfange dieses Jahrhunderts stammten, und – da war die Hecke des Pfarrgartens und die Laube mit dem Tische und den zwei Bänken auf Pfählen und der Weg durch den Garten zu der Hintertür des geistlichen Hauses – alles im Schatten der Dorfkirche.
Eine niedere Holzgittertür, schlecht in den Angeln hängend und ohne Schloß und Riegel, sperrte den Pfarrgarten nur der Form wegen, wie es schien, von den Gräbern, den Dorfgänsen und dem an der Hecke weiterlaufenden Fußsteige ab; und, die Hand auf diese Pforte legend, stand jetzt die junge Schwester – nicht Frau – des Pfarrherrn und hatte nun, ganz zuletzt, gezwungen durch die Beharrlichkeit ihres Begleiters, doch noch ein Wort und dazu einen Blick, einen trotz aller kühlen, klaren Ruhe ein wenig fragenden Blick, an den hartnäckigen Menschen zu wenden.
»Wenn Sie die Landstraße wieder zu erreichen wünschen, müssen Sie sich an der Kirchenecke dort rechts halten. Der Weg weiter ins Dorf und zum Gasthause wendet sich links. Ich wünsche einen glücklichen Abend, mein Herr.«
»Ich auch, Fräulein«, murmelte der Tourist leise. Laut meinte er lächelnd: »Ich hätte wohl auch aus dem Quell auf jener Wiese mit der Hand schöpfen können; aber ein Glas Brunnenwasser hier aus mildtätiger Hand wäre mir doch lieber als ein Trunk dort, in Anbetracht der Hände und Füße, die dort gewaschen wurden, ganz abgesehen von der Wäsche, die neben dem Born zum Trocknen auf der Leine hing.«
Die junge Dame sah einen Augenblick wie erschreckt auf ihre Hände und dann zögernd auf den Fremden, Dann aber sagte sie:
»Ich verkehrte bei den armen Leuten dort. Sie kennen die Gefahr – wollen Sie eintreten bei uns, so bitte ich, sich zu setzen und wenige Augenblicke Geduld zu haben, mein Herr.«
Sie hatte die Gittertür geöffnet und deutete auf eine der Bänke in der Laube; der hartnäckige Fremde sagte:
»Ich weiß, liebes Fräulein. Wer um derartige Schatten auf seinen Wegen zu scheu herumgeht, geht nicht weit; und ich bin in allerlei Ländern der Erde gewesen und habe mir manche gute Erfahrung in Leben, Wissenschaft und Kunst mitgebracht, nur weil ich mir nach Möglichkeit eines mutigen Herzens bewußt blieb.«
Sie sah ihn jetzt zum erstenmal mit wirklichem Interesse und einiger Verwunderung an. Ein Lächeln, das seinen Quell auch nur in einem im tiefsten Grunde heiter-mutigen Herzen haben konnte, überflog ihr ernsthaftes Gesicht; doch ohne weitere Bemerkung schlüpfte sie ins Haus, nachdem sie nur durch eine Handbewegung von neuem zum Niedersitzen eingeladen hatte. Und der Gast legte Hut, Stock und Tasche ab und nahm Platz auf einer der Bänke an dem abgenutzten Tische, der schon mehr als einem der Vorgänger des jetzigen geistlichen Herrn und seiner Familie treu bei Lust und Leid, Behagen und Unbehagen gedient haben mochte.
»Ich wünsche einen glücklichen Abend!« wiederholte er. »Hm, drunten im Bad, im Saisonkonzert? Halten wir diesen ruhigen Platz jedenfalls für einige Augenblicke fest, Veit. Hm, wie deutlich einem die Uhr dort im Turm die Zeit zuzählt.«
Man vernahm wirklich von der Laube aus in der tiefen Spätnachmittagsstille deutlich das Geräusch der Unruhe im Kirchturm jenseits der alten Gräber. Die einzige sichtbare Lebendigkeit brachten nur die Schwalben, die in leisem Fluge das spitze Schieferdach und den Wetterhahn umfittichten, in das friedliche Bild der Stunde.
Der Fremde hatte aber in der Tat eine geraume Zeit auf seinen Trunk zu warten; denn völlig umgekleidet trat das Pfarrfräulein wieder aus dem Hause, auf einem Teller das gewünschte Glas klaren Wassers tragend. Sie ging so leicht und leise, daß der flüchtige Gast diesmal ihr Herankommen durchaus nicht merkte, sondern aus seinem Sinnen fast erschrocken auffuhr, als sie mit freundlicher Stimme ihn anredete:
Preview chapterDrittes KapitelPreview
Es war keine besonders lebensfreudige Stimme, die jetzt vom Hausflur her den süßen, an diesem Ort so wunderlich tönenden Namen Phöbe rief.
Der Gastfreund legte seine Hand auf die Hand des nun doch hastig von seinem Sitze sich erhebenden jungen Mädchens, und vom Hause her durch den Gartengang kam langsam der Pastor Prudens Hahnemeyer heran.
Veit Bielow blickte dem Jugendfreunde mit Spannung entgegen. Wenn ihm die Erscheinung desselben irgendwelche Enttäuschung bereitete, so ließ er jedenfalls nichts davon merken. Dieses Haus, diese Menschen hatten an seinem Wege gelegen, und er hatte sie aufgesucht. Er hätte an ihnen vorbeigehen können; aber er hatte es zufällig nicht getan, sondern war zu ihnen eingetreten. Wie hätte er sich ein Recht anmaßen können, das, was er fand, anders zu wollen, als es war? Ein größerer Gegensatz in Körpergestalt und Haltung und geistigem Ausdruck als zwischen diesen beiden Männern ließ sich freilich auch nicht leicht vorstellen.
Hager, aber breitschulterig und über die Mittelgröße des Menschen hinaus, doch den Kopf und Oberkörper etwas vorgeneigt tragend, kränklich, bleich und mit bald erloschenen, bald seltsam leuchtenden, aber immer halb durch die Lider verdeckten Augen trat der junge Dorfpfarrer in seine Gartenlaube.
Nur einen kürzesten Moment zauderte er am Eingang unter dem Fliederbogen, dann aber trat er mit weitem Schritt heran und sagte fragend:
»Ein Gast, Schwester?«
»Ein Freund, Bruder! Ein alter lieber Freund von dir. Ich weiß nicht, ob er dich raten lassen will, oder ob er – ob du –«
»Baron Bielow?« sagte Prudens Hahnemeyer.
»Veit Bielow, alter Mensch!« rief der Gast lachend und griff fest und warm nach der zögernden, magern, kühlen Hand des andern, die sich auf den Tischrand gelegt hatte. »Verbitte mir dringend alles fernere Baronisieren, mein braver, alter Dachstubenperipatetiker. Die Familie des Freiherrn von Bielow-Altrippen blieb seinerzeit immer gründlich unten, Fräulein Phöbe, wenn ich zu seiner Höhe emporstieg, um Weltliches und Überweltliches bei seinem schlimmen Tee, schlimmem Kaffee und über allen Ausdruck entsetzlichen Knaster mit ihm zu bereden. Weiland Doktor Samuel Johnson konnte auf der Universität Oxford die neuen Schuhe, die man ihm vor die Tür setzte, gewiß nicht grimmiger aus dem Fenster werfen, als wie dieser philosophisch-theologische Zyniker mich in Halle aus der Tür beförderte, als ich zum ersten und zum letzten Male den Versuch machte, ihm mit einer Kiste erträglicher Zigarren, einer Flasche Bordeaux in jeder Rocktasche und einem im nächsten Delikatessenladen gefüllten Handkorb fernere Duldung meiner windigen Persönlichkeit hinter der sturmsichern Mauer seiner Weltanschauung abzuschmeicheln. Ich verbitte mir also jetzt deinen Baron ebenso bestimmt, wie du dir damals meinen gekochten Schinken und Schweizer Käse verbatest, Hahnemeyer. Übrigens, im Ernst, lieber Freund, nimmst du hoffentlich diesen meinen Überfall aus blauer Luft und goldenem Abendhimmel nicht verquerer als wie damals meine leichtfertigsten Einbrüche und Einwürfe in deine ernsthaftesten logischen Beweisführungen, Darlegungen und Erörterungen?!«
»Ich freue mich herzlich; Sie – du bist willkommen, auch unter diesem Dache.«
»Für eine Nacht –«
»Für Tage, Wochen und Jahre, solange du wie damals zufrieden bist mit dem, was ich dir zu bieten habe.«
»Nur für diese Nacht, und auch für die nur, wenn deine Schwester einverstanden ist. Sie sehen übrigens, Fräulein, ich bin jedenfalls da wie der richtige Wandsbecker Bote: alles, was ich habe, trage ich bei mir. Das heißt, die Tasche hier enthält meine ganze fahrende Habe für diesmal. Schon aus Gepäckmangel würde ich also das alte Sprichwort von frischen Fischen und guten Freunden, die sich nur drei Tage im Hause angenehm halten sollen, von neuem wahr zu machen haben.«
Er hob die leichte, elegante Tasche lachend auf, wies zugleich auf Hut und Wanderstab und fuhr fort:
»Ich konnte aber unmöglich durch dein Dorf gehen, Hahnemeyer, ohne genauer zu erkunden, wo und wie eigentlich das Schicksal dich in der Welt argem Wirrsal in Sicherheit gebracht habe, und ohne den Versuch zu machen, noch einmal einen Abend mit dir zu verplaudern. Wer kann sagen, wann und ob uns noch einmal die Gelegenheit dazu gegeben wird? Gestern, etwas tiefer in euern Bergen, geriet mir eines eurer Kreisblätter mit deinem Namen und dem deiner Pfarrstelle in die Hände; deine Schwester mag dir erzählen, wie sich heute abend vor zwei Stunden unsere Bekanntschaft auf der Vierlingswiese angeknüpft hat.«
Table of contents
Inside this edition
- 01Erstes Kapitel
- 02Zweites Kapitel
- 03Drittes Kapitel
- 04Viertes Kapitel
- 05Fünftes Kapitel
- 06Sechstes Kapitel
- 07Siebentes Kapitel
- 08Achtes Kapitel
- 09Neuntes Kapitel
- 10Zehntes Kapitel
- 11Elftes Kapitel
- 12Zwölftes Kapitel
- 13Dreizehntes Kapitel
- 14Vierzehntes Kapitel
- 15Fünfzehntes Kapitel
- 16Sechszehntes Kapitel
- 17Siebenzehntes Kapitel
- 18Achtzehntes Kapitel
- 19Neunzehntes Kapitel
- 20Zwanzigstes Kapitel
- 21Einundzwanzigstes Kapitel
- 22Zweiundzwanzigstes Kapitel
Language availability
Other languages
Additional language editions are not published yet. This section will link to other BooksWhale editions when they become available.
Request another language