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German Edition

Literature

Volksmärchen der Deutschen

German BooksWhale Edition by Johann Karl August Musäus

Eine wichtige deutsche Märchensammlung vor den Brüdern Grimm, reich an Witz und Erzählkunst.

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Volksmärchen der Deutschen

Volksmärchen der Deutschen gehört zu den bedeutenden literarischen Märchensammlungen des 18. Jahrhunderts. Musäus formt Stoffe der Volksüberlieferung mit Ironie, Aufklärungston und erzählerischer Fantasie zu deutschen Prosaklassikern.

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Johann Karl August Musäus starb 1787, und Volksmärchen der Deutschen erschien erstmals 1782. Diese Daten stützen die Gemeinfreiheit dieser deutschen Originalausgabe.

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Volksmärchen der Deutschen

Johann Karl August Musäus

an

Herrn David Runkel

Denker und Küster an der St. Sebaldskirche in — meinen sehr werten Freund

Wir Schriftsteller pflegen sonst die Vorreden unsrer Lukubrationen gewöhnlich an den geneigten Leser, oder ans ganze erlauchte Publikum zu adressieren; ich entsage dieser Gewohnheit aus guten Gründen. Zu bescheiden, mir herauszunehmen, das Auge der Leser in den rechten Sehpunkt zu rücken, oder wie viele tun, mit Lorgnette und Brille ihnen entgegen zu laufen; denn das heißt im Grunde doch, sie samt und sonders für Dreischrittseher erklären; zu stolz mein Produkt ihnen anzupreisen, und zu leutescheu das ganze erlauchte Publikum in einer Vorrede anzuschreien, das von den Hausierern, die auf den Märkten ihre Ware ausrufen, ungern Notiz zu nehmen scheint, gedenke ich das lediglich mit Ihm, werter Freund, zu verabhandeln, was ich in Autorangelegenheiten gegenwärtig auf dem Herzen habe.

Gleich beim Uranfang unsrer Bekanntschaft, welche ich, wie ganz Deutschland, Herrn Daniel Chodowiecky verdankeDie Leser werden ersucht, im Göttingischen Taschenkalender das Monatskupfer zum April vom Jahr 1782 nachzusehen, wenn sie dieser Stelle einen Geschmack abgewinnen wollen., ist mir Seine Physiognomie so auffallend gewesen, daß ich von den Talenten Seines Geistes ein sehr günstiges Vorurteil hege. Schlauheit und Spähungsgeist blickt Ihm unverkennbar aus den Augen. Die gewölbte vorstrebende Stirn gleicht einer silbernen Schüssel, in welcher die Hirndrüse, der goldne Apfel des Verstandes für die drei operationes mentis allgnugsam Platz und Raum hat; die aufgestutzte Nase scheint eine der weitriechenden zu sein; die dünnen Lippen und das spitze Kinn – doch beide deuten minder auf Eigenschaften des Geistes als des Herzens: daher enthalte ich mich darüber zu urteilen, und überlasse diese Prüfung Seiner Geliebten und nun vermutbaren Ehekonsortin, welche Er in dem Augenblick unsrer ersten Bekanntschaft mit einem Heuratsantrag unterhielt, wovon zwar kein Wort hörbar, aber doch aus Seiner ganzen Körperform zu urteilen war, daß Er in einem hohen Tenor perorierte, und jedes auf der Waagschale des Verstandes abgewogne Wort, mit großer Bedächtlichkeit und Präzision über die dürren Lippen fallen ließ.

Mit diesen Talenten versehen, ist Er gerade der Mann, den ich wünsche, um mich gegen Ihn, in Betreff des Büchleins, das Er vor Augen sieht, zu expektorieren.

Bei der flüchtigen Übersicht des Titels könnt Ihm, wenn Er ein Küster von gemeinem Schlage, das ist, der gewöhnlichen Menschen einer wär, der schale Gedanke einfallen: wozu dienet dieser Unrat? Märchen sind Possen, erfunden Kinder zu schweigen und einzuschläfern, nicht aber das verständige Publikum damit zu unterhalten. Allein Seine Physiognomie ist mir Bürge, daß es Ihm nicht begegnen kann, ein so mächtig windschiefes Urteil ohne nähere Untersuchung der Sache sich entfallen zu lassen. Er, als ein spekulativer Kopf und Menschenspäher, hat sonder Zweifel längst die Beobachtung gemacht, daß der menschliche Geist in seinem unaufhörlichen Ringen und Streben nach Beschäftigung und Unterhaltung, eben so wenig ein Kostverächter ist, als sein Nachbar und Hausgenoß der Magen nach Nahrung und Speise; daß aber der eine wie der andere zu Zeiten eine Abwechselung begehrt, um Ekel und Überdruß zu vermeiden. Ich trau Ihm so viel literarische Kenntnis zu, daß er weiß, wie die Aktien der dermaligen Modelektüre laufen, welche zur angenehmen Beschäftigung und Unterhaltung des Geistes bestimmt ist; oder wenn Ihm das Amt der Schlüssel an der St. Sebaldskirche, wie das ein sehr möglicher Fall ist, an der Erweiterung Seiner Erkenntnis sollte hinderlich gewesen sein, so will ich Ihm nicht verhalten, daß in dem letzten Jahrzehend die leidige Sentimentalsucht in der modischen Büchermanufaktur dergestalt überhand genommen, daß der Sturm des Herzdranges der deutschen Skribenten mehr empfindsame Schriften ins Publikum gewehet hat, als ehedem der heiße Südwind vom Schilfmeer her Wachteln ins Israelitische Lager warf. Daher denn eben nicht zu verwundern ist, wenn dem deutschen Publikum ebenso, wie vormals dem israelitischen, für der losen Speise ekelt, und ersteres nach den Zeitbedürfnissen zur Unterhaltung, sich nach einer Abwechselung sehnt. Was ist billiger und leichter, als diesen Wunsch zu vergnügen? Meiner unvorgreiflichen Meinung nach war's wohl Zeit, die Herzgefühle eine Zeitlang ruhen zu lassen, das weinerliche Adagio der Empfindsamkeit zu endigen, und durch die Zauberlatern der Phantasie das ennuyierte Publikum eine Zeitlang mit dem schönen Schattenspiel an der Wand zu unterhalten.

Preview chapterPart 2Preview

Der arme Graf erbebte über diesen Anblick, entfliehen konnt er nicht, und zu einer Bärenjagd war er nicht ausgerüstet. Zur Notwehr nahm er den Jägerspieß in die Hand, sich damit zu verteidigen, so gut er konnte. Das Ungetüm kam nah heran; auf einmal stund's und brummte ihm vernehmlich diese Worte entgegen: »Räuber, plünderst du meinen Honigbaum? Den Frevel sollst du mit dem Leben büßen!« »Ach«, bat der Graf, »ach, freßt mich nicht, Herr Bär, mich lüstet nicht nach Eurem Honig, ich bin ein biedrer Rittersmann. Seid Ihr bei Appetit, so nehmt mit Hausmannskost vorlieb und seid mein Gast.« Hierauf tischt er dem Bären alle Kartoffeln in seinem Jagdhute auf. Dieser aber verschmähete des Grafen Tafel und brummte unwillig fort: »Unglücklicher, um diesen Preis lösest du dein Leben nicht; verheiß mir deine große Tochter Wulfild augenblicks zur Frau, wo nicht, so freß ich dich!« In der Angst hätte der Graf dem veramorten Bären wohl alle drei Töchter verheißen, und seine Gemahlin obendrein, wenn er sie verlangt hätte; denn Not kennt kein Gesetz. »Sie soll die Eure sein, Herr Bär«, sprach der Graf, der anfing, sich wieder zu erholen; doch setzte er trüglich hinzu, »unter dem Beding, daß Ihr nach Landes Brauch die Braut löset und selber kommt, sie heimzuführen.« »Topp«, murmelte der Bär, »schlag ein«, und reichte ihm die rauhe Tatze hin, »in sieben Tagen lös ich sie mit einem Zentner Gold und führ mein Liebchen heim.« »Topp«, sprach der Graf, »ein Wort ein Mann!« Drauf schieden sie in Frieden auseinander, der Bär trabte seiner Höhle zu, der Graf säumte nicht, aus dem furchtbaren Walde zu kommen, und gelangte bei Sternenschimmer kraftlos und ermattet in seinem Waldschloß an.

Zu wissen ist, daß ein Bär, der wie ein Mensch vernünftig reden und handeln kann, niemals ein natürlicher, sondern ein bezauberter Bär sei. Das merkte der Graf wohl, darum dacht er, den zottigen Eidam durch List zu hintergehen, und sich in seiner festen Burg so zu verpallisidieren, daß es dem Bär unmöglich war, hineinzukommen, wenn er auf den bestimmten Termin die Braut abholen würde. Wenngleich einem Zauberbär, dacht er bei sich, die Gabe der Vernunft und Sprache verliehen ist, so ist er doch gleich wohl ein Bär, und hat übrigens alle Eigenschaften eines natürlichen Bären. Er wird also doch wohl nicht fliegen können, wie ein Vogel; oder durchs Schlüsselloch in ein verschlossenes Zimmer eingehen, wie ein Nachtgespenst; oder durch ein Nadelöhr schlüpfen. Den folgenden Tag berichtete er seiner Gemahlin und den Fräuleins das Abenteuer im Walde. Fräulein Wulfild fiel vor Entsetzen in Ohnmacht, als sie hörte, daß sie an einen scheußlichen Bär vermählt werden sollte, die Mutter rang und wand die Hände und jammerte laut, und die Schwestern bebten und bangten vor Wehmut und Entsetzen. Papa aber ging hinaus, beschauete die Mauren und Graben ums Schloß her, untersuchte, ob das eiserne Tor schloß- und riegelfest sei, zog die Zugbrücke auf und verwahrte alle Zugänge wohl, stieg darauf auf die Warte, und fand da ein Kämmerlein hochgebaut unter der Zinne und wohlvermauert, darin verschloß er das Fräulein, die ihr seidenes Flachshaar zerraufte, und schier die himmelblauen Augen ausweinte.

Sechs Tage waren verflossen und der siebente dämmerte heran, da erhob sich vom Walde her groß Getöse, als sei das wilde Heer im Anzuge. Peitschen knallten, Posthörner schallten, Pferde trappelten, Räder rasselten. Eine prächtige Staatskarosse mit Reutern umringt rollte übers Blachfeld daher ans Schloßtor. Alle Riegel schoben sich, das Tor rauschte auf, die Zugbrücke fiel, ein junger Prinz stieg aus der Karosse, schön wie der Tag, angetan mit Sammet und Silberstück, um seinen Hals hatte er eine goldne Kette dreimal geschlungen, in der ein Mann aufrechts stehen konnte, um seinen Hut lief eine Schnur von Perlen und Diamanten, welche die Augen verblendete, und um die Agraffe, welche die Straußfeder trug, wär ein Herzogtum feil gewesen. Rasch, wie Sturm und Wirbelwind, flog er die Schneckentreppe im Turm hinauf, und einen Augenblick nachher bebte in seinem Arm die erschrockne Braut herab.

Preview chapterPart 3Preview

Die Gräfin befand sich indessen in großer Verlegenheit, daß sie nicht vermögend war, ihrem Gaste etwas zum Imbiß aufzutragen; doch besann sie sich, daß im Schloßgarten eben eine saftige Wassermelone reifte. Augenblicklich drehete sie sich nach der Tür, brach die Melone ab, legte sie auf einen irdenen Teller, viel Weinlaub drunter und die schönsten wohlriechenden Blumen ringsumher, um sie dem Gaste aufzutragen. Wie sie aus dem Garten trat, war der Schloßhof leer und öde, sie sahe weder Pferde noch Reisige mehr, im Zimmer war kein Ritter, kein Knappe; sie rief ihre Tochter Bertha, suchte sie im ganzen Hause und fand sie nicht. Im Vorhause aber waren drei Säcke von neuer Leinwand hingestellt, die sie in der ersten Bestürzung nicht bemerkt hatte, und die von außen anzufühlen waren, als wären sie mit Erbsen gefüllt, genauer sie zu untersuchen, ließ ihre Betrübnis nicht zu. Sie überließ sich ganz ihrem Schmerz, und weinte laut bis an den Abend, wo ihr Gemahl heimkehrte, der sie in großem Jammer fand. Sie konnt ihm die Begebenheit des Tages nicht verhehlen, so gern sie es getan hätte, denn sie befürchtete von ihm große Vorwürfe, daß sie einen fremden Ritter in die Burg gelassen, der die liebe Tochter entführt hätte. Aber der Graf tröstete sie liebreich und frug nur nach den Erbssäcken, von welchen sie ihm gesagt hatte, ging hinaus, sie zu beschauen und öffnete einen in ihrer Gegenwart. Wie groß war das Erstaunen der betrübten Gräfin, als eitel Perlen herausrollten, so groß, wie die großen Gartenerbsen, vollkommen gerundet, fein gebohrt, und von dem reinsten Wasser. Sie sähe wohl, daß der Entführer ihrer Tochter jede mütterliche Zähre mit einer Zahlperl bezahlt hatte, bekam von seinem Reichtum und Stande eine gute Meinung, und tröstete sich damit, daß dieser Eidam kein Ungeheuer, sondern ein stattlicher Ritter sei, welche Meinung ihr der Graf auch nicht benahm.

Nun gingen die Eltern zwar aller schönen Töchter verlustig; aber sie besaßen einen unermeßlichen Schatz. Der Graf machte bald einen Teil davon zu Gelde. Vom Morgen bis zum Abend war ein Gewühl von Kaufleuten und Juden im Schlosse, um die köstlichen Zahlperlen zu handeln. Der Graf löste seine Städte ein, tat das Waldschloß an einen Lehnsmann aus, bezog seine vormalige Residenz, richtete den Hofstaat wieder an, und lebte nicht mehr als ein Verschwender, sondern als ein guter Wirt, denn er hatte nun keine Tochter mehr zu verhandeln. Das edle Paar befand sich in großer Behaglichkeit, nur die Gräfin konnte sich über den Verlust ihrer Fräuleins nicht beruhigen, sie trug beständig Trauerkleider, und wurde nimmer froh. Eine Zeitlang hoffte sie, ihre Bertha mit dem reichen Perlenritter wieder zu sehen, und wenn ein Fremder bei Hofe gemeldet wurde, ahndete sie den wiederkehrenden Eidam. Der Graf vermocht es endlich nicht länger über sich, sie mit leerer Hoffnung hinzuhalten; in der traulichen Bettkammer, welche so manchem Männergeheimnis Luft macht, eröffnete er ihr, daß dieser herrliche Eidam ein scheußlicher Fisch sei. »Ach«, erseufzte die Gräfin, »ach, ich unglückliche Mutter! Hab ich darum Kinder geboren, daß sie ein Raub grausender Ungeheuer werden sollten? Was ist alles Erdenglück, was sind alle Schätze für eine kinderlose Mutter!« »Liebes Weib«, antwortete der Graf, »beruhiget Euch, es ist nun einmal nicht anders, wenn's von mir abhing, sollt es Euch an Kindersegen nicht gebrechen.« Die Gräfin nahm diese Worte zu Herzen, meinte, ihr Gemahl mache ihr Vorwürfe, daß sie altere und die Unfruchtbare im Hause sei, denn er war noch ein feiner rüstiger Mann. Darüber betrübte sie sich so sehr, daß sie in große Schwermut fiel, und Freund Hein wär ihr wohl ein willkommner Gast gewesen, wenn er bei ihr eingesprochen hätte.

Table of contents

Inside this edition

  1. 01Part 1
  2. 02Part 2
  3. 03Part 3
  4. 04Part 4
  5. 05Part 5
  6. 06Part 6
  7. 07Part 7
  8. 08Part 8
  9. 09Part 9
  10. 10Part 10
  11. 11Part 11
  12. 12Part 12
  13. 13Part 13
  14. 14Part 14
  15. 15Part 15
  16. 16Part 16
  17. 17Part 17
  18. 18Part 18
  19. 19Part 19
  20. 20Part 20
  21. 21Part 21
  22. 22Part 22
  23. 23Part 23
  24. 24Part 24
  25. 25Part 25
  26. 26Part 26
  27. 27Part 27
  28. 28Part 28
  29. 29Part 29
  30. 30Part 30
  31. 31Part 31
  32. 32Part 32
  33. 33Part 33
  34. 34Part 34
  35. 35Part 35
  36. 36Part 36
  37. 37Part 37
  38. 38Part 38
  39. 39Part 39
  40. 40Part 40
  41. 41Part 41
  42. 42Part 42
  43. 43Part 43
  44. 44Part 44
  45. 45Part 45
  46. 46Part 46
  47. 47Part 47
  48. 48Part 48
  49. 49Part 49
  50. 50Part 50
  51. 51Part 51
  52. 52Part 52
  53. 53Part 53
  54. 54Part 54
  55. 55Part 55
  56. 56Part 56
  57. 57Part 57
  58. 58Part 58
  59. 59Part 59
  60. 60Part 60
  61. 61Part 61
  62. 62Part 62
  63. 63Part 63
  64. 64Part 64
  65. 65Part 65
  66. 66Part 66
  67. 67Part 67
  68. 68Part 68
  69. 69Part 69
  70. 70Part 70
  71. 71Part 71

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