German Edition
Literature
Vor Sonnenaufgang
German BooksWhale Edition by Gerhart Hauptmann
Ein naturalistisches Drama über Reichtum, Alkoholismus, Erbschaft, soziale Spannung und zerbrechliche Hoffnung.
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Book introduction
Vor Sonnenaufgang
Vor Sonnenaufgang brachte den Naturalismus mit ungewohnter Härte auf die deutsche Bühne. Hauptmann zeigt eine Bauernfamilie, die durch neuen Wohlstand, Alkohol, Heuchelei und soziale Gegensätze zerrissen wird, während Liebe und Reformideal an biologischen und gesellschaftlichen Zwängen scheitern.
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This edition is based on a public domain text and has been prepared for digital reading by BooksWhale.
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Gerhart Hauptmann died in 1946, and Vor Sonnenaufgang was first performed and published in 1889. These dates support the public-domain basis for the German source text used in this edition.
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Vor Sonnenaufgang
Preview chapterErster Akt.Preview
Das Zimmer ist niedrig; der Fußboden mit guten Teppichen belegt.
Moderner Luxus auf bäuerische Dürftigkeit gepfropft. An der Wand
hinter dem Eßtisch ein Gemälde, darstellend einen vierspännigen
Frachtwagen, von einem Fuhrknecht in blauer Blouse geleitet.
Miele, eine robuste Bauernmagd mit rothem, etwas stumpfsinnigem
Gesicht; sie öffnet die Mittelthür und läßt Alfred Loth
eintreten. Loth ist mittelgroß, breitschultrig, untersetzt, in
seinen Bewegungen bestimmt, doch ein wenig ungelenk; er hat
blondes Haar, blaue Augen und ein dünnes, lichtblondes
Schnurrbärtchen, sein ganzes Gesicht ist knochig und hat einen
gleichmäßig ernsten Ausdruck. Er ist ordentlich, jedoch nichts
weniger als modern gekleidet. Sommerpaletot, Umhängetäschchen,
Stock.
Miele. Bitte! Ich werde den Herrn Inschinnär glei ruffen. Wolln Sie nich
Platz nehmen?!
Die Glasthür zum Wintergarten wird heftig aufgestoßen; ein
Bauernweib, im Gesicht blauroth vor Wuth, stürzt herein. Sie ist
nicht viel besser als eine Waschfrau gekleidet. Nackte, rothe
Arme, blauer Kattunrock und Mieder, rothes punktirtes Brusttuch.
Alter: Anfang 40, Gesicht hart, sinnlich, bösartig. Die ganze
Gestalt sonst gut conservirt.
Frau Krause (schreit). Ihr Madel!! ... Richtig! ... Doas Loster vu
Froovulk! ... Naus! mir gahn nischt! ... (Halb zu Miele, halb zu Loth.)
A koan orbeita, a hoot Oarme. Naus! hier gibbt's nischt!
Loth. Aber Frau ... Sie werden doch ... ich ... ich heiße Loth, bin ...
wünsche zu ... habe auch nicht die Ab....
Miele. A wull ock a Herr Inschinnär sprechen.
Frau Krause. Beim Schwiegersuhne batteln: doas kenn' mer schunn. -- A
hoot au nischt, a hoot's au ock vu ins, nischt iis seine! (Die Thür
rechts wird aufgemacht. Hoffmann steckt den Kopf heraus.)
Hoffmann. Schwiegermama! -- Ich muß doch bitten ... (Er tritt heraus,
wendet sich an Loth.) Was steht zu ... Alfred! Kerl! Wahrhaftig 'n Gott,
Du!? Das ist aber mal ... nein _das_ is doch mal 'n Gedanke!
Hoffmann ist etwa dreiunddreißig alt, schlank, groß, hager. Er
kleidet sich nach der neuesten Mode, ist elegant frisirt, trägt
kostbare Ringe, Brillantknöpfe im Vorhemd und Berloques an der
Uhrkette. Kopfhaar und Schnurrbart schwarz, der letztere sehr
üppig, äußerst sorgfältig gepflegt. Gesicht spitz, vogelartig.
Ausdruck verschwommen, Augen schwarz, lebhaft, zuweilen unruhig.
Loth. Ich bin nämlich ganz zufällig ....
Hoffmann (aufgeregt). Etwas Lieberes ... nun aber zunächst leg ab! (Er
versucht ihm das Umhängetäschchen abzunehmen.) -- Etwas Lieberes und so
Unerwartetes hätte mir jetzt -- (er hat ihm Hut und Stock abgenommen und
legt beides auf einen Stuhl neben der Thür) -- hätte mir jetzt
entschieden nicht passiren können, -- (indem er zurückkommt) --
_entschieden_ nicht.
Loth (sich selbst das Täschchen abnehmend). Ich bin nämlich -- nur so
per Zufall auf Dich -- (er legt das Täschchen auf den Tisch im
Vordergrund).
Hoffmann. Setz' Dich! Du mußt müde sein, setz' Dich -- bitte. Weißt De
noch? wenn Du mich besuchtest, da hatt'st Du so 'ne Manier, Dich lang
auf das Sopha hinfallen zu lassen, daß die Federn krachten; mitunter
sprangen sie nämlich auch. Also Du, höre! mach's wie damals.
Frau Krause hat ein sehr erstauntes Gesicht gemacht und sich dann
zurückgezogen. Loth läßt sich auf einen der Sessel nieder, welche
rings um den Tisch im Vordergrunde stehen.
Hoffmann. Trinkst Du was? Sag'! -- Bier? Wein? Cognac? Kaffee? Thee? Es
ist alles im Hause.
Helene kommt lesend aus dem Wintergarten; ihre große, ein wenig
zu starke Gestalt, die Frisur ihres blonden, ganz ungewöhnlich
reichen Haares, ihr Gesichtsausdruck, ihre moderne Kleidung, ihre
Bewegungen, ihre ganze Erscheinung überhaupt verleugnen das
Bauernmädchen nicht ganz.
Helene. Schwager, Du könntest ... (Sie entdeckt Loth und zieht sich
schnell zurück.) Ach! ich bitte um Verzeihung. (Ab.)
Hoffmann. Bleib doch, bleib!
Loth. Deine Frau?
Hoffmann. Nein, ihre Schwester. Hörtest Du nicht, wie sie mich
betitelte?
Loth. Nein.
Hoffmann. Hübsch! Wie? -- Nu aber erklär' Dich! Kaffee? Thee? Grog?
Loth. Danke, danke für alles.
Hoffmann (präsentirt ihm Cigarren). Aber _das_ ist was für Dich --
Preview chapterZweiter Akt.Preview
Morgens gegen vier Uhr.
Im Wirthshaus sind die Fenster erleuchtet, ein grau-fahler
Morgenschein durch den Thorweg, der sich ganz allmählich im Laufe
des Vorgangs zu einer dunklen Röthe entwickelt, die sich dann,
eben so allmählich, in helles Tageslicht auflöst. Unter dem
Thorweg, auf der Erde sitzt _Beibst_ (etwa 60jährig) und dengelt
seine Sense. Wie der Vorhang aufgeht, sieht man kaum mehr als
seine Silhouette, die gegen den grauen Morgenhimmel absticht,
vernimmt aber das eintönige, ununterbrochene, regelmäßige
Aufschlagen des Dengelhammers auf den Dengelambos. Dieses
Geräusch bleibt während einiger Minuten allein hörbar, hierauf
die feierliche Morgenstille, unterbrochen durch das Geschrei aus
dem Wirthshaus abziehender Gäste. Die Wirthshausthür fliegt
krachend ins Schloß. Die Lichter in den Fenstern verlöschen.
Hundebellen fern, Hähne krähen laut durcheinander. Auf dem Gange
vom Wirthshaus her wird eine dunkle Gestalt bemerklich, dieselbe
bewegt sich in Zickzacklinien dem Hofe zu; es ist der Bauer
Krause, welcher wie immer als letzter Gast das Wirthshaus
verlassen hat.
Bauer Krause (ist gegen den Gartenzaun getaumelt, klammert sich mit den
Händen daran fest und brüllt mit einer etwas näselnden, betrunkenen
Stimme nach dem Wirthshaus zurück). 's Gaartla iis _mei_--ne! ... d'r
Kratsch'm iis _mei_--ne ... du Gostwerthlops! Dohie hä! (Er macht sich,
nachdem er noch einiges Unverständliche gemurmelt und geknurrt hat, vom
Zaune los und stürzt in den Hof, wo er glücklich den Sterzen eines
Pfluges zu fassen bekommt.) 's 'Gittla iis _mei_--ne. (Er quasselt halb
singend.) Trink ... ei ... Briderla, trink ... ei ... 'iderla,
Branntw... wwein ... 'acht Kurasche. Dohie hä -- (laut brüllend) -- bien
iich nee a hibscher Moan? .... Hoa iich nee a hibsch Weibla dohie hä?
... Hoa iich nee a poar hibsche Madel?
Helene (kommt hastig aus dem Hause. Man sieht, sie hat an Kleidern nur
umgenommen, soviel in aller Eile ihr möglich gewesen war.) Papa! ...
lieber Papa!! so komm doch schon. (Sie faßt ihn unterm Arm, versucht ihn
zu stützen und ins Haus zu ziehen.) K--omm doch ... nur ... schn--ell
in's Haus, komm doch n--ur schn--ell! Ach!
Bauer Krause (hat sich aufgerichtet, versucht gerade zu stehen, bringt
mit einiger Mühe und unter Zuhilfenahme beider Hände einen ledernen,
strotzenden Geldbeutel aus der Tasche seiner Hose. In dem ein wenig
helleren Morgenlichte erkennt man die sehr schäbige Bekleidung des etwa
50jährigen Mannes, die um nichts besser ist, als die des allergeringsten
Landarbeiters. Er ist im bloßen Kopf, sein graues, spärliches Haar
ungekämmt und struppig. Das schmutzige Hemd steht bis auf den Nabel
herab weit offen; an einem einzigen gestickten Hosenträger hängt die
ehemals gelbe, jetzt schmutzig glänzende, an den Knöcheln zugebundene
Lederhose; die nackten Füße stecken in einem Paar gestickter
Schlafschuhe, deren Stickerei noch sehr neu zu sein scheint. Jacke und
Weste trägt der Bauer nicht, die Hemdärmel sind nicht zugeknöpft.
Nachdem er den Geldbeutel glücklich herausgebracht hat, setzt er ihn mit
der rechten mehrmals auf die Handfläche der linken Hand, so daß das Geld
darin laut klimpert und klingt, dabei fixirt er seine Tochter mit
lascivem Blicke.) Dohie hä! 's Gald iis _mei_--neee! hä? Mech'st a poar
Thoalerla?
Helene. Ach, gr--oßer Gott! (Sie versucht mehrmals vergebens, ihn
mitzuziehen. Bei einem dieser Versuche umarmt er sie mit der Plumpheit
eines Gorillas und macht einige unzüchtige Griffe. Helene stößt
unterdrückte Hilfeschreie aus.) Gl--eich läßt Du l--os! Laß l--os!
bitte, Papa, ach! (Sie weint, schreit dann, plötzlich in äußerster
Angst, Abscheu und Wuth:) Thier, Schwein!
Sie stößt ihn von sich. Der Bauer fällt langhin auf die Erde.
Beibst kommt von seinem Platz unter dem Thorweg herbeigehinkt.
Helene und Beibst machen sich daran, den Bauer aufzuheben.
Bauer Krause (lallt). Tr--ink mei Bri'erla, tr-- ...
Der Bauer wird aufgehoben und stürzt, Beibst und Helene mit sich
Table of contents
Inside this edition
- 01Full text
- 02Erster Akt.
- 03Zweiter Akt.
- 04Dritter Akt.
- 05Vierter Akt.
- 06Fünfter Akt.
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