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Letteratura
Erdgeist
Edizione BooksWhale in tedesco di Frank Wedekind
Der erste Teil des Lulu-Stoffs: ein provokantes Drama über Begehren, Macht und bürgerliche Masken.
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Introduzione al libro
Erdgeist
Erdgeist stellt Lulu ins Zentrum eines Reigens aus Projektionen, Begierden und gesellschaftlicher Heuchelei. Wedekinds Drama sprengt bürgerliche Moralformen und wurde zu einem Schlüsseltext der modernen Bühne.
Edizione BooksWhale
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Frank Wedekind starb 1918; Erdgeist erschien 1895. Diese Daten stützen die Gemeinfreiheit dieser deutschen Originalausgabe.
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Erdgeist
Frank Wedekind
ERDGEIST Tragödie in vier Aufzügen (1893/94) „Mich schuf aus gröberm Stoffe die Natur, Und zu der Erde zieht mich die Begierde. Dem bösen Geist gehört die Erde, nicht Dem guten. Was die Göttlichen uns senden Von oben, sind nur allgemeine Güter; Ihr Licht erfreut, doch macht es keinen reich, In ihrem Staat erringt sich kein Besitz. Den Edelstein, das allgeschätzte Gold Muß man den falschen Mächten abgewinnen, Die unterm Tage schlimmgeartet hausen. Nicht ohne Opfer macht man sie geneigt, Und keiner lebet, der aus ihrem Dienst Die Seele hätte rein zurückgezogen.“
Personen: Medizinalrat Dr. Goll Dr. Schön, Chefredakteur Alwa, sein Sohn Schwarz, Kunstmaler Prinz Escerny, Afrikareisender Schigolch Rodrigo, Artist Hugenberg, Gymnasiast Escherich, Reporter Lulu Gräfin Geschwitz, Malerin Ferdinand, Kutscher Henriette, Zimmermädchen Ein Bedienter Die Rolle Hugenberg wird von einem Mädchen gespielt. Rechts und links vom Schauspieler.
Capitolo in anteprimaPROLOGAnteprima
Ein Tierbändiger tritt, nachdem der anfgezogene Worhang einen Zelteingang hat sichtbar werden lassen, in zinnoberrotem Frack, weißer Krawatte, langen schwarzen Locken, weißen Beinkleidern und Stulpstiefeln, in der Linken eine Hetz peitsche, in der Rechten einen geladenen Revolver, unter Zimbelklängen und Pankenschlägen aus dem Zelt. Hereinspaziert in die Menagerie, Ihr stolzen Herrn, ihr lebenslust’gen Frauen, Mit heißer Wollust und mit kaltem Grauen Die unbeseelte Kreatur zu schauen, Gebändigt durch das menschliche Genie. Hereinspaziert, die Vorstellung beginnt! — Auf zwei Personen kommt umsonst ein Kind. Hier kämpfen Tier und Mensch im engen Gitter, Wo jener höhnend seine Peitsche schwingt Und dieses, mit Gebrüll wie Ungewitter, Dem Menschen mörderisch an die Kehle springt; Wo bald der Kluge, bald der Starke siegt, Bald Mensch, bald Tier geduckt am Estrich liegt; Das Tier bäumt sich, der Mensch auf allen vieren! Ein eisig kalter Herrscherblick — Die Bestie beugt entartet das Genick Und läßt sich fromm die Ferse drauf postieren. Schlecht sind die Zeiten! — All die Herrn und Damen, Die einst vor meinem Käfig sich geschart, Beehten Possen, Ibsen, Opern, Dramen Mit ihrer hochgeschätzten Gegenwart. An Futter fehlt es meinen Pensionären, So daß sie gegenseitig sich verzehren. Wie gut hat’s am Theater ein Akteur! Des Fleischs auf seinen Rippen ist er sicher, Sei auch der Hunger ein ganz fürchterlicher Und des Kollegen Magen noch so leer. — Doch will man Großes in der Kunst erreichen, Darf man Verdienst nicht mit dem Lohn vergleichen.
382 DRAMEN UND TANZDICHTUNG Was seht ihr in den Lust- und Trauerspielen?! — Haustiere, die so wohlgesittet fühlen, An blasser Pflanzenkost ihr Mütchen kühlen Und schwelgen in behaglichem Geplärr, Wie jene andern — unten im Patterre: Der eine Held kann keinen Schnaps vertragen, Der ‘andre zweifelt, ob er richtig liebt, Den dritten hört ihr an der Welt verzagen, Fünf Akte lang hört ihr ihn sich beklagen, Und niemand, der den Gnadenstoß ihm gibt. — Das wahre Tier, das wilde, schöne Tier, Das — meine Damen! — sehn Sie nur bei mir. Sie sehen den Tiger, det gewohnheitsmäßig, Was in den Sprung ihm läuft, hinunterschlingt; Den Bären, der, von Anbeginn gefräßig, Beim späten Nachtmahl tot zu Boden sinkt; Sie sehn den kleinen amüsanten Affen Aus Langeweile seine Kraft verpaffen; Er hat Talent, doch fehlt ihm jede Größe, Drum kokettiert er frech mit seiner Blöße; Sie sehn in meinem Zelte, meiner Seel’, Sogar gleich hinterm Vorhang ein Kamel! — Und sanft schmiegt das Getier sich mir zu Füßen, Wenn — er schießt ins Publikum — donnernd mein Revolver knallt. Rings bebt die Kreatur; ich bleibe kalt — Der Mensch bleibt kalt! — Sie ehrfurchtsvollzu grüßen. Hereinspaziert! — Sie traun sich nicht herein? — Wohlan, Sie mögen selber Richter sein! Sie sehn auch das Gewürm aus allen Zonen: Chamäleone, Schlangen, Krokodile, Drachen und Molche, die in Klüften wohnen. Gewiß, ich weiß, Sie lächeln in der Stille Und glauben mir nicht eine Silbe mehr — er lüftet den Türvorhang und ruft in das Zelt He, Aujust! Bring mir unsre Schlange her! Ein schmerbäuchiger Arbeiter trägt die Darstellerin der Luln in ihrem Pierrotkostüm aus dem Zelt und setzt sie vor dem Tierbändiger nieder.
ERDGEIST 383 Sie ward geschaffen, Unheil anzustiften, Zu locken, zu verführen, zu vergiften — Zu morden, ohne daß es einer spürt. Lulu am Kinn kranend Mein süßes Tier, sei ja nur nicht geziert! Nicht albern, nicht gekünstelt, nicht verschroben, Auch wenn die Kritiker dich weniger loben. Du hast kein Recht, uns durch Miaun und Fauchen Die Urgestalt des Weibes zu verstauchen, Durch Faxenmachen uns und Fratzenschneiden Des Lasters Kindereinfalt zu verleiden! Du sollst — drum sprech’ ich heute sehr ausführlich — Natürlich sprechen und nicht unnatürlich! Denn erstes Grundgesetz seit frühster Zeit In jeder Kunst war Selbstverständlichkeit! Zum Publikum Es ist jetzt nichts Besondres dran zu sehen, Doch warten Sie, was später wird geschehen: Mit starkem Druck umtingelt sie den Tiger; Er heult und stöhnt! — Wer bleibt am Ende Sieger?! — Hopp, Aujust! Marsch! Trag sie an ihren Platz — Der Arbeiter nimmt Luln quer auf die Arme, der Tierbändiger tätschelt ihr die Hüften. Die süße Unschuld — meinen größten Schatz! Der Arbeiter trägt Lulu ins Zelt zurück. Und nun bleibt noch das Beste zu erwähnen: Mein Schädel zwischen eines Raubtiers Zähnen. Hereinspaziert! Das Schauspiel ist nicht neu, Doch seine Freude hat man stets dabei. Ich wag? es, ihm den Rachen aufzureißen, Und dieses Raubtier wagt nicht zuzubeißen. So schön es ist, so wild und buntgefleckt, Vor meinem Schädel hat das Tier Respekt! Getrost leg’ ich mein Haupt ihm in den Rachen; Ein Witz — und meine beiden Schläfen krachen! Dabei verzicht’ ich auf des Auges Blitz;
Capitolo in anteprimaERSTER AUFZUGAnteprima
Geräumiges Atelier. — Rechts hinten Entreetür, rechts vorn Seitentür zum Schlafkabinett. In der Mitte ein Podium. Hinter dem Podium eine spanische Wand. Vor dem Podium ein Smyrnateppich. Links vorn zwei Staffeleien. Auf der bintern das Brustbild eines jungen Mädchens. Gegen die vordere lehnt eine umgekehrte Leinwand. Vor den Staffeleien, etwas gegen die Mitte vorn, eine Ottomane. ‚Darüber ein Tigerfell. Rechts an der Wand zwei Sessel. Im Hintergrund eine Trittleiter. Erster Auftritt Schwarz und Schön. ScHön auf dem Fußende der Ottomane sitzend, mustert das Brustbild auf der hinteren Staffelei Wissen Sie, daß ich die Dame von einer ganz neuen Seite kennen lerne? ScHwarz Pinselund Palette in der Hand, steht hinter der Ottomane Ich habe noch niemanden gemalt, bei dem der Gesichtsausdruck so ununterbrochen wechselte. — Es war mir kaum möglich, einen einzigen Zug dauernd festzuhalten. ScHön auf das Bild deutend, ibn ansehend Finden Sie das darin? Schwarz Ich habe das Erdenklichste getan, um durch meine Unterhaltung während der Sitzungen wenigstens etwas Ruhe in der Stimmung hervorzurufen. ScHön Dann verstehe ich den Unterschied. SCHWARZ taucht den Pinsel ins Ölnäpfchen und überstreicht die Gesichtszüge. ScHön Glauben Sie, es wird dadurch ähnlicher ? Schwarz Man kann nicht mehr tun als es mit der Kunst so gewissenhaft wie möglich nehmen. SCHÖN Sagen Sie mal... SCHWARZ zurücktretend Die Farbe ist auch wieder etwas eingeschlagen. ScHön ibn ansebend Haben Sie jemals in Ihrem Leben ein Weib geliebt? SCHWARZ geht auf die Staffelei zu, setzt eine Farbe auf und tritt auf der anderen Seite zurück Der Stoff ist noch nicht ge
386 DRAMEN UND TANZDICHTUNG nügend abgehoben. Man sieht noch nicht recht, daß ein lebender Körper darunter ist. SCHÖN Ich zweifle nicht daran, daß die Arbeit gut ist. SCHWARZ Wenn Sie hierhertreten wollen. SCHÖN sich erhebend Sie müssen ihr wahre Schauergeschichten erzählt haben. SCHWARZ So weit wie möglich zurück. SCHÖN zurücktretend, stößt die an die vordere Staffelei gelehnte Leinwand um Pardon.... SCHWARZ den Rahmen aufhebend O bitte... SCHÖN betroffen Wasist das... SCHWARZ Kennen Sie sie? SCHÖN Nein. SCHWARZ sefzt das Bild auf die Staffelei. Man sieht eine Dame als Pierrot gekleidet mit einem hohen Schäferstab in der Hand Ein Kostümbild. SCHÖN Die ist Ihnen aber gelungen. SCHWARZ Sie kennen sie? ScHön Nein. Und in dem Kostüm ? ScHwarz Es fehlt noch die ganze Ausführung. SCHÖN Na ja. ScHwarz Was wollenSie? Während sie mir steht, habe ich das Vergnügen, ihren Mann zu unterhalten. SCHÖN Sagen Sie... SCHWARZ Über Kunst natürlich, um mein Glück zu vervollständigen. SCHÖN Wie kommen Sie denn zu der reizenden Bekanntschaft? ScHwARrz Wie man dazu kommt. Ein steinalter, wackliger Knirps fällt mir hier herein, ob ich seine Frau malen könne. Nun natürlich, und wenn sie runzlig wie Mutter Erde ist. Andern Tags Punkt zehn fliegen die Türen auf, und der Schmerbauch treibt dies Engelskind vor sich her. Ich fühle jetzt noch, wie mir die Knie schwankten, Ein stocksteifer, saftgrüner Lakai mit einem Paket unter dem Arm. Wo die Garderobe sei? Denken Sie'sich meine Lage. Ich öffne die Tür da nach rechts dentend. Nur ein Glück, daß schon alles in Ordnung war. Das süße Geschöpf huscht hinein, und der Alte postiert sich als Schanzkorb davor. Zwei Minuten darauf tritt sie in diesem Pierrot heraus. Den Kopf schüttend Ich habe nie
ERDGEIST 387 so was geschen. Geht nach rechts und starr an die Schlafzimmertür hin. ScHön der ihm mit dem Blick gefolgt Und der Schmerbauch steht Schildwache ? SCHWARZ sich umwendend Der ganze Körper im Einklang mit dem unmöglichen Kostüm, als wäre er darin zur Welt gekommen. Ihre Art, die Ellbogen in die Taschen zu vergraben, die Füßchen vom Teppich zu heben — mir schießt oft das Blut zu Kopf... ScHön Das sieht man dem Bild an. SCHWARZ kopfschüttelnd Unsereiner, wissen Sie... Schön Hier führt das Modell die Konversation. ScHwarz Sie hat den Mund noch nicht aufgetan. ScHön Ist’s möglich! Schwarz Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Kostüm zeige. Nach rechts ab. ScHön allein, vor dem Pierrot Eine Teufelsschönheit. Vor dem Brustbild Hier ist mehr Fond. Nach vorn kommend Er ist noch etwas jung für sein Alter. SCHWARZ kommt mit einem weißen Atlaskostüm zurück Was das für Stoff sein mag? SCHÖN den Stoff befühlend Atlas. Schwarz Und alles in einem Stück. ScHÖöN Wie kommt man denn da hinein? Schwarz Das kann ich Ihnen nicht sagen. SCHÖN das Kostüm bei den Beinen nehmend Diese riesigen Hosenpfeifen! Schwarz Die linke rafft sie hinauf. SCHÖN auf das Bild sehend Bis übers Knie! Schwarz Sie macht das zum Entzücken. Schön Und transparente Strümpfe? Schwarz Die wollen nämlich gemalt sein. ScHön Oh, das können Sie. Scuwarz Dabei von einer Koketterie! ScHön Wie kommen Sie auf den entsetzlichen Verdacht? Schwarz Es gibt Dinge, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt. Trägt das Kostüm in sein Schlafzimmer. ScHön allen Wenn man schläft...
Indice
In questa edizione
- 01Full text
- 02PROLOG
- 03ERSTER AUFZUG
- 04ZWEITER AUFZUG
- 05DRITTER AUFZUG
- 06VIERTER AUFZUG
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