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Auch Einer

Edición BooksWhale en alemán de Friedrich Theodor Vischer

Ein deutschsprachiger Klassiker über Alltag, Zufall, Ironie, Satire, philosophische Abschweifung und Lebensbetrachtung.

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Auch Einer

Auch Einer von Friedrich Theodor Vischer ist ein gemeinfreies Originalwerk über Alltag, Zufall, Ironie, Satire, philosophische Abschweifung und Lebensbetrachtung. Diese deutsche Ausgabe bietet den Text in klarer Lesefassung für Online-Lektüre, EPUB und PDF.

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Friedrich Theodor Vischer starb 1887, und Auch Einer erschien 1879. Diese Daten stützen die Gemeinfreiheit dieser deutschen Originalausgabe.

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Auch Einer

Friedrich Theodor Vischer

von denjenigen nämlich – – – kurz, man versteht mich.

Wer es darf, hebe den ersten Stein gegen ihn auf! Ich meinesteils gedenke es nicht zu tun.

Ich traf ihn auf dem Dampfboot, mit dem ich auf einer Schweizerreise über den Zuger See fuhr. In der bunt zusammengewürfelten Gesellschaft, die sich auf dem Verdeck umtrieb, hätte ich ihn schwerlich bemerkt, wenn nicht ein besonderer Umstand mein Auge auf ihn gelenkt hätte. Es befand sich unter den Passagieren ein junger Mensch, jeder Zoll ein Geschäftsreisender in Baumwolle, Zigarren oder Rotwein, der sich durch sein vorlautes und eitles Wesen lästig machte. Er schien gekommen, um über alles zu spotten, was er sah und genoß; bald ging es über den Mittagstisch her, von dem er kam, bald über die Einrichtung des Boots, bald über den Schweizerdialekt, den er mit den halb gestoßenen, halb verschwommenen Lauten des eignen Idioms unglücklich genug nachzuahmen suchte; die Berge waren ihm nicht hoch, der See war ihm nicht breit genug, er verglich sie zu ihrem Schaden mit skandinavischen, irischen, amerikanischen, und die ganze Gesellschaft mußte hören, wie weit er in der Welt gewesen sei. Er spielte den Kunstkenner, sprach von Tinten, Lasuren, Clair-obscur, Konturen, versicherte übrigens, die »Schanga-Malachai« sei mehr sein »Pangschang«, als die Landschaftmalerei. Dabei wandte er sich öfters an einen ernsten Mann, den ich schon an der Wirtstafel in Zug bemerkt, der mit uns das Dampfschiff bestiegen hatte und der dem Lästigen ein beharrliches Schweigen entgegenhielt. Durch diesen Kontrast wurde meine Aufmerksamkeit auf die Erscheinung des stillen Fremdlings hingezogen. Man konnte seine Züge nicht eben interessant nennen, aber es war jenes Etwas darin, das man nicht häufig findet und das wenige zu bemerken pflegen, – jenes Etwas, wozu man sagen möchte: wieder einmal ein Mensch. Allerdings lag auch eine Art von Beschattung, etwas wie ein dunkler Flor darüber. Wenn sein Blick an den waldigen Ufern, am Rücken und steilen Gipfel des Rigi aufstieg, oder über die schimmernde Fläche des hellgrünen Sees hinlief, so meinte ich ihn öfters mit einem gewissen müden Ausdruck von seiner Bahn zurückkehren zu sehen, als wollte er sagen: das alles könnte schön sein, wenn nur – Was dem Wenn in seiner Seele folgte, war freilich aus dem Blicke nicht zu lesen. Der unbescheidene junge Mensch schien es auf den Schweigenden gemünzt zu haben und ließ einmal ziemlich hörbar etwas von katonischer Würde fallen, als derselbe einem erneuten Versuch, ihn ins Gespräch zu ziehen, mit der gewohnten Stummheit begegnete und ihm etwas auffallend den Rücken kehrte. In Immensee stieg ich in den Postomnibus, der damals nach Küßnacht führte, ein Teil der Dampfbootgesellschaft fand sich hier wieder zusammen, darunter der Geschwätzige, der dem Stummen gegenüber zu sitzen kam. Als wir durch die hohle Gasse fuhren, ließ er einige frivole Witze los, deren Wiederholung dem Leser billig erlassen wird, machte sich hierauf an die Telltradition, spielte sich als historischen Kritiker auf, indem er einige unverdaute Brocken von »bloßer Sage« vorbrachte, erklärte die Sage für eine pure Erfindung der schweizerischen Selbstgefälligkeit, kam von da auf die nächste politische Vergangenheit zu sprechen, spottete über die kriegerischen Rüstungen, die im Jahre 1856 die preußische Drohung hervorrief, und ergoß sich nun in einen Schwall von höhnischen und prahlerischen Reden, der mir solchen Widerwillen erregte, daß ich im Begriff war, den Schwätzer mit heftigem Wort anzulassen. Dieser aber wandte sich plötzlich an den stillen Mann gegenüber und fragte ihn frech: »Nun, was sagen Sie dazu?« Ueber dessen Gesicht war schon eine Zornröte gefahren, die Augen funkelten, er erhob sich, und mit mächtiger Stimme rief er: »Was ich dazu sage? Daß Sie nicht unter gebildete Menschen gehören, daß es gemein ist und Ekel erregt, ein ehrwürdiges Heldenbild, woran seit Jahrhunderten ein braves Volk hinaufschaut, mit Schmutz zu bespritzen; die verkehrte Politik eines an Macht überlegenen Staates um ein Nichts« – hier, mitten im Zug, Schwung und kräftigen Schall seiner Rede überfiel ihn plötzlich ein krampfhafter Hustenreiz, die Stimme überschlug sich in lächerliche Fisteltöne, knirschend vor Aerger fuhr er in die Höhe, riß den Wagenschlag auf, sprang hinaus, blieb am Tritt hängen und fiel zu Boden in den dichten Staub des Weges. Die langsame Bewegung des Wagens auf einer Steigung der Straße ließ unserm Geschäftsreisenden Zeit, den Kopf aus dem Fenster zu strecken und dem so peinlich unterbrochenen Gegner ein schallendes Hohngelächter nachzusenden; die Mitfahrenden, obwohl sichtbar teilnahmvoll für letzteren gestimmt, konnten sich des Lachens doch auch nicht ganz erwehren, und ich selbst, im stillen schnell sein Freund geworden, betroffen und stutzend und für ihn beschämt, konnte ein Zucken der Lachmuskeln nicht unterdrücken. Der Gefallene aber hatte sich schnell aufgerafft, über und über mit Staub bedeckt stand er und rief uns mit vernehmlicher Stimme nach: »

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Wir blicken durch eine kleine Fensteröffnung in eine Hütte, die uns gar dürftig erscheinen müßte, wenn wir uns nicht Bau, Ausstattung, Schmuck unsrer Räume aus dem Sinne schlagen wollten. Die Wände bildet ein Flechtwerk, das mit Lehm bekleidet ist, daran läuft ein Bord, der einen Hausrat von äußerster Einfachheit trägt, ein roher Tisch in einer Ecke, einige Stühle von nicht feinerer Arbeit sind zu sehen, und auf dem Estrich, der eben nicht aus Parkettafeln, sondern aus einem Guß von Ton und Kohlenstaub über einer einfachen Lage von Planken besteht, erhebt sich ein Herd, dessen Form aus so höchst ursprüngliche Zustände hinweist, wie alles, was wir erblicken. Und dies alles gehört keinem armen Manne; die Matte dort aus Binsengeflecht scheidet das Ganze des Bodens in eine Schlaf- und eine Wohnstube, die freilich zugleich als Küche dient, und das ist ein Raumluxus, den nicht jede dieser Hütten aufweist. Der wohlhabende Besitzer ist ein ehrsamer Pfahlbürger des Dorfes, das sich über dem Spiegel des Sees Robanus, wenige Meilen entfernt von der größeren Wassergemeinde Turik, erhebt. Er heißt Odgal und ist augenblicklich abwesend; einige hundert Schritte entfernt sitzt er in einem Einbaum auf dem Wasser und ist mit seinen Fischernetzen beschäftigt. Dem Gemach aber fehlt es nicht an einem lebendigen Schmuck. Eine rüstige, rotbackige Dirne, von munteren Kindern umgeben, hantiert mit einem schweren runden Stein auf einer größeren Steinplatte, auf welche sie einen Haufen Weizenkörner geschüttet hat: sie mahlt. Die Arbeit ist nicht leicht, schwerlich würde auch eine starke Bauerntochter unsrer Zeit die Last des Kornquetschers so leicht heben, so geschickt und leicht handhaben, und wir bewundern dabei ein paar prächtige Arme, die auf den aufgestreiften Aermeln des einfachen Bastkleids ebenso wohlgebildet als muskulös hervorglänzen. Etwas Sonderbares erblicken wir freilich auf dem linken Oberarm: ein seltsames Bild, das ebensowohl einen Kuhkopf, als einen Halbmond vorstellen kann, ist hier mit blauer Farbe eingeritzt und längst mit der Haut verwachsen. Niemand jedoch wird sagen, daß es den schönen Arm entstellt; es sieht eben aus, als hätten die blauen Aederchen, die diese schimmernd klare Haut durchrieseln, den Einfall gehabt, sich gelegentlich zu einer Art von Verzierung zu gestalten. Also lassen wir uns die tätowierte Schöne gefallen und sehen uns weiter um in diesem Raume. Drei Kinder, ein Knabe und zwei Mädchen, treiben ihr Spiel mit einem Eichhörnchen; das kleinere ist seit einem Jahr erst aus den Windeln und erfreut sich jetzt zugleich seiner Freiheit; neben ihm liegt ein Ding, etwas wie ein eigentümliches Zaumgebilde, am Boden: es ist der Halfter, womit der arme Wurm an einem Pfosten festgebunden wird, wenn die Falltüre offen ist, die wir jetzt niedergelassen sehen; sie deckt eine Oeffnung, die sich einfach über dem Seespiegel befindet und ursprünglich zum Fischfang bestimmt war. Man ließ durch sie einen Korb ins Wasser hinab und durfte sicher sein, daß er zappelnde Beute mitbrachte, wenn man ihn nach einiger Zeit aufzog. Seit die Gemeinde stark über zweihundert Bürger zählt, ist der See so ergiebig nicht mehr, die Oeffnungen aber sind geblieben, eine Treppe führt hier ins Wasser, um schneller zum Kahn zu gelangen, als durch die spärlichen und engen Durchgänge zwischen den Häusern, die man mit wenig Recht Gassen zu nennen beliebt, und über die einzige Brücke des Dorfes. Einen eigentümlichen Gegensatz zu den Erscheinungen der blühenden Kinder und der schönen, rüstigen Jungfrau bildet eine unheimliche Alte, runzlich, von gelber Farbe, die grauen Haare hängen ihr fast ungeordnet über die Stirne; sie sitzt in einer Ecke und spinnt. Dazu singt sie in eintöniger Weise – man kann es kaum Melodie nennen, es ist nur wie ein dumpfes Murmeln – ein dunkles, uraltes Lied.

»Helft mir spinnen, spinnen,

Heil'ge Spinnerinnen,

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