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Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit
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Herders großer Entwurf zu Menschheit, Geschichte, Kultur, Sprache und Entwicklung.
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Introducción del libro
Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit
Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit ist Herders umfassender Versuch, Natur, Kultur, Sprache, Völker und geschichtliche Entwicklung zusammenzudenken. Diese deutsche Originalausgabe ist ein Schlüsselwerk der Aufklärung und Geschichtsphilosophie.
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Johann Gottfried Herder starb 1803 und Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit erschien ab 1784; diese Daten stützen die Gemeinfreiheit dieser deutschen Originalausgabe.
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Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit
Johann Gottfried Herder
Vorwort.
8 De Herr Verleger dieſer Ausgabe von Herders Ideen zur Philoſophie der Geſchichte der ’ Menſe chheit erſuchte mich fo freundlich um eine Einlei⸗ tung in dieſes Werk und um Anmerkungen zu demſel ben, i daß ich Theils wegen dieſes ehrenvollen Zutrauens, Theils ö aus Ehrfurcht fur den Verewigten nicht umhin konnte, die Erfüllung des Geſuchs zu verſprechen. Sobald es meine f Beruſsgeſchäͤfte und andere Arbeiten erlaubten, fing ich duch in der That an, das Werk mit Anmerkungen und Zuſaͤtzen mancherlei Art zu begleiten. Meine Abſicht da⸗ bei war, imme den Punkt, auf welchen es mit anzu⸗
kommen ſchien, durch neue Erlaͤuterungen aus eigner oder fremder Forſchung, mehr hervorzuheben, den Gang der Unterſuchung deutlicher zu bezeichnen, das Ziel klarer nachzuweiſen, und das Einzelne, ſo viel als moͤglich, in das Ganze hinein zu bilden und auf das Ziel hinzuleiten.
Ich fand aber bald, daß es ſchwer ſeyn wuͤrde, wenn nicht unmoͤglich, dieſe Abſicht auszuführen. Einmal würde die Anzahl der Anmerkungen und Zuſaͤtze ſehr groß geworden ſeyn, und dennoch waͤre mir gewiß nicht gelun⸗ gen, zu erreichen, was ich erſtrebte, und das reich aus⸗ geftattete Werk zu einfacher, klarer Einheit zu bringen.
Zweitens ſchien es auch keineswegs gerathen, gegen Here dern hin und wieder zu ſtreiten; und dieſes hätte ſich ſchwerlich vermeiden laſſen. Denn, wenn ich auch im Allgemeinen mit dem uͤbereinſtimme, welches der innerſte Kern feiner Unterſuchungen zu ſeyn, oder vielmehr, wel⸗ ches ſich im Innerſten ſeines Gemuͤths bewegt und ihn zu dieſem (in vieler Ruͤckſicht Höchft vortrefflichen) Werke bes wogen zu haben ſcheint: ſo kann ich doch nicht leugnen, daß ich ihm in gar Vielem nicht beiſtimmen konnte, und am wenigſten in der Art und Weiſe ſeiner Forſchung. Nun aber war der Druck wegen meines Verſprechens aufgehal⸗
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ten; es ſchien unbillig, daſſelbe ganz zurückzunehmen.
Ich entſchloß mich daher, eine kurze Einleitung in das Buch zu ſchreiben, und wo moͤglich den Geſichtspunkt zu bezeichnen, von welchem aus daſſelbe, nach meiner Anſicht, gewürdigt werden muͤſſe, wenn der dauernde Werth deſ⸗ ſelben erkannt werden ſoll. Fuͤr dieſen Zweck und unter ſolchen Verhaͤltniſſen iſt die Einleitung geſchrieben. Ich bin keinesweges der Meinung, daß der Werth des Buchs durch dieſelbe irgend einen Zuwachs erhalten wer⸗ de, von welchem geſprochen werden koͤnnte; aber ich glaube, daß durch dieſelbe erreicht werden mag, was der Herr Verleger urſpruͤnglich wohl nur durch meine Arbeit hat erreichen wollen, daß naͤmlich dieſe Ausgabe der Her⸗ derſchen Ideen durch eine fremde Abhandlung ein be⸗ ſtimmtes Merkmal erhalten ſollte, durch welche ſie ſich von allen andern Ausgaben unterſchiede. Dazu ſcheinen die wenigen Blaͤtter meines Aufſatzes hinzureichen, und dazu lege ich fie dem Werke bei. Zum Gluͤck iſt Her⸗ ders Buch von der Art, daß es keiner fremden Einfuͤh⸗ rung bedarf, um den Beſſern des deutſchen Volks immer willkommen zu ſeyn. Meine Abhandlung wird daher
ſchon zufrieden ſeyn, wenn man ſie als eine zufällige, des
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Buchs nicht unwürdige, und dem Leſer nicht unange⸗ nehme Zugabe anſaͤhe, und ſie wuͤrde ſich ſehr freuen, wenn gefunden würde, daß die Gedanken, die fie bringt, nicht unwahr waͤren, und der Standpunkt, den fie für Herders Werk angiebt, nicht unrichtig.
Jena, im Decemb. 1811. i Ä S
. H. Luden.
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I ich vor zehn Jahren die kleine Schrift: Auch ei⸗ ne Philoſophie der Geſchichte zur Bildung der Menſchheit herausgab: ſollte das Auch dieſes Titels wohl nichts weniger als ein anch’io fon pittore ſagen. Es ſollte vielmehr, wie auch der Zuſatz „Bei— trag zu vielen Beitraͤgen des Jahrhunderts“ und das untergeſetzte Motto zeigte, eine Note der Beſchei— denheit ſeyn, daß der Verfaſſer dieſe Schrift fuͤr nichts minder als für eine vollſtaͤndige Philoſophie der Geſchichte unſres Geſchlechts gebe, ſondern daß er neben fo vielen ge= bahnten Wegen, die man immer und immer betrat, auch auf einen kleinen Fußſteg wieſe, den man zur Seite liegen ließ und der doch auch vielleicht eines Ideenganges werth waͤre. Die hie und da im Buch eitirten Schriften zeigen genugſam, welches die betretnen und ausgetretuen Wege waren, von denen der Verfaſſer ablenken wollte! und -fo ſollte ſein Verſuch nichts als ein fliegendes Blatt, ein Beitrag zu Beitraͤgen ſeyn, we BE a feine Ge⸗ ſtalt Vale
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Religion geführt, die ich nur mit Mühe unterdrücken: mußte, weil ich ſie mir ſelbſt nicht zum Voraus rauben, und Schritt vor Schritt nur dem Lcht treu bleiben wollte, das mir von der verborgnen Gegenwart des Urhebers in ſeinen Werken allenthalben zuſtralet. Es wird ein um ſo | größeres Vergnügen für meine Leſer und für mich ſeyn, wenn wir, unfern Weg verfolgend, dies dunkelſtralende Licht zuletzt als Flamme und Sonne werden aufge- hen ſehen. f
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Niemand irre ſich daher auch daran, daß ich zuweilen den Namen der Natur perſonificirt gebrauche. Die Natur iſt kein ſelbſtſtaͤndiges Weſen; ſondern Gott iſt alles in feinen Werken: indeſſen wollte ich dieſen hochheili⸗ gen Namen, den kein erkenntliches Geſchoͤpf ohne die tiefſte Ehrfurcht nennen ſollte, durch einen oͤftern Ge⸗ brauch, bei dem ich ihm nicht immer Heiligkeit genug verſchaffen konnte, wenigſtens nicht mißbrauchen. Wem der Name „Natur“ durch manche Schriften unſers Zeit- alters ſinnlos und niedrig geworden iſt, der denke ſich ſtatt deſſen jene allmaͤchtige Kraft, Guͤte und Weis heit, und nenne in feiner Seele das unſichtbare Be das keine Erdenſprache zu nennen vermag. 0
Ein gleiches iſts, wenn ich von den organiſchen⸗ Kräften der Schöpfung rede; ich glaube nicht, daß man ſie fuͤr qualitates occultas anſehen werde, da wir ihre offenbaren Wirkungen vor uns ſehen und ich ihnen keinen beſtimmtern, reinern Namen zu geben wußte, Ich behalte mir uͤber ſie und uͤber manche andre Materien, die ich nur winkend anzeigen mußte, kuͤnftig eine weitere Eroͤr⸗ terung vor. f
Und freue mich dagegen, daß meine Schuͤlerarbeit in Zeiten trifft, da in ſo manchen einzelnen Wiſſenſchaften und Kenntniſſen, aus denen ich ſchoͤpfen mußte, Meiſter⸗ haͤnde arbeiten und ſammlen. Von dieſen bin ich gewiß, daß fie den exoteriſchen Verſuch eines Fremdlings in ihren Kuͤnſten nicht verachten, ſondern verbeſſern werden: denn ich habe es immer bemerkt, daß je reeller und gruͤndlicher
eine
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eine Wiſſenſchaft iſt, deſto weniger herrſcht eitler Zank unter denen, die ſie anbauen und lieben. Sie uͤberlaſſen das Wortgezaͤnk den Wortgelehrten. In den meiſten Stuͤcken zeigt mein Buch, daß man anjetzt noch keine Phi⸗ loſophie der menſchlichen Geſchichte ſchreiben koͤnne, daß man ſie aber vielleicht am Ende unſers Jahrhunderts oder Jahrtauſends ſchreiben werde. 8 Und fo lege ich, großes Weſen, du unſichtbarer ho— ber Genius unſers Geſchlechts, das unvollkommenſte Werk, das ein Sterblicher ſchrieb, und in dem er Dir nachzuſinnen, nachzugehen wagte, zu Deinen Fuͤßen.
Seine Blätter mögen verwehn und feine Charaktere zer« ſtieben: auch die Formeln und Formeln werden zerſtieben, in denen ich Deine Spur ſah und für meine Menſchenbruͤ— der auszudruͤcken ſtrebte; aber Deine Gedanken werden bleiben und Du wirſt ſie Deinem Geſchlecht von Stufe zu Stufe mehr enthuͤllen und in herrlichern Geſtalten dar⸗ legen. Gluͤcklich, wenn alsdenn dieſe Blätter im Strom der Vergeſſenheit untergegangen find und dafür hellere Ge» danken in den Seelen der Menſchen leben. Weimar, den 23ften April 1784. f
Herder.
sid non miraculo eſt, cum primum in notitiam ve- nit? Quam multa fieri non poffe, priusquam ſint facta, judicantur? Naturae vero rerum vis atque maje- ftas in omnibus momentis fide caret, fi quis modo par-
tes ejus ac non totam complectatur animo.
Plin.
Einleitung.
en iſt der Anblick, in den Revolutionen der Erde nur Trümmer auf Trümmern zu ſehen, ewige Ans fänge ohne Ende, Umwaͤlzungen des Schickſals ohne dau- ernde Abſicht! Die Kette der Bildung allein macht aus dieſen Truͤmmern ein Ganzes, in welchem zwar Menſchengeſtalten verſchwinden, aber der Menſchen— geiſt unſterblich und fortwirkend lebet.“
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nichts verſchuldet zu haben, oder entſchloſſen, dis Ver⸗ ſchuldung durch jede mogliche Suͤhne, durch jede Aufopfe⸗ rung wieder gut zu machen, die aber dennoch vergebens ſtreben, und den Untergang des gemeinen Weſens anzu⸗ ſchauen gezwungen ſind, und in demſelben die Vernichtung aller eigenthuͤmlichen Cultur fuͤrchten muͤſſen — wie will der Geſchichtſchreiber ſolche Menſchen troͤſten, wenn er bloß bei den Einzelnheiten vergangener Zeiten ſtehen bleibe?
Erheben mag er fie, durch glänzende Beiſpiele großer Maͤn⸗ ner der Vorzeit, über ihr eigenes os: aber wie ſoll er fie erheben uͤber das Schickſal ihres Volks, wenn er nicht hinweiſet auf den Gang des Lebens, auf ein höheres, in- neres Geſetz, auf ein Goͤttliches? Wie ſoll der Menſch an ſich ſelbſt feſthalten, wenn er am Leben verzweifelt, und wie ſollte er nicht verzweifeln unter Greueln, Ver— brechen und Untergang, wenn er nicht ein Bleibendes in der Zerfiöhrung gewahrt, welches darum nicht vertilgt werden kann, weil es in des Geiſtes Weſen gegrüns det iſt! a
Wenn man dieſes bedenkt, ſo ſcheint es in der That ſonderbar, wie es gerade unter uns Deutſchen ſo manche gelehrte, verdienſtvolle, geiſtreiche Maͤnner geben kann, die ſich aller hoͤhern Anſicht der Geſchichte, d. h. allen Be⸗ muͤhungen, das Einzelne zu Einem Ganzen zu verbinden, in den mannichfaltigen Erſcheinungen die Einheit zu erken— nen, aus welcher fie ſich entwickelten, und in den Weltbe⸗ gebenheiten einen geſetzmaͤßigen Gang aufzuſuchen, abhold erklaͤren, und alle Bemuͤhungen dieſer Art entweder mit
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vornehmer Gleichguͤltigkeit uͤberſehen, oder, nicht ohne ei⸗ nige ſchnoͤde Bitterkeit, bekaͤmpfen. Es iſt gewiß: bei dieſen Verſuchen, wie bei allen andern, kann der menfch« liche Geiſt auf Abwege gerathen und zu verderblichen Irr⸗ thuͤmern hingeriſſen werden, aber damit koͤnnen die Verſu⸗ che ſelbſt, ihrem Sinn und Weſen nach, darum ihren Werth nicht verlieren, weil ſie dem menſchlichen Weſen, dem Geiſte wie dem Herzen, Beduͤrfniß ſind. Herodot ſchrieb feine Geſchichte in den ſchoͤnſten kraftvollſten Jahren
des menſchlichen Lebens: die Vollendung in Form und 5 Plan mag ſie durch die Feile des ſpaͤtern Alters erhalten haben; er ſchrieb in Griechenlands gluͤcklichſter Zeit, als nach den großen ruhmvollen Siegen, die Griechenlands und Europa's Cultur gerettet hatten, der griechiſche Geiſt zum tiefen Gefühl feiner Kraft gekommen war, als er in Dies ſem Gefühle ſchwelgend, ſich an allem Schönen und Herr- lichen verſuchte, und das Erhabenſte und Zarteſte, wele ches das Alterthum in Wiſſenſchaft und Kunſt geſehen hat, mit bewunderungswerther Schnelligkeit hervorzubringen, und ein reges, buntes, froͤhliches, reiches Leben zu entfal⸗ ten begann. Da freilich konnte der Altvater ſich wohl mit dem Gedanken begnuͤgen, nur erzaͤhlen zu wollen, was er geſehen und erforſcht hatte, lediglich damit den Thaten der Hellenen wie der Barbaren bei ſpaͤteren Geſchlechtern der Ruhm bleiben ſollte, der ihnen zu gebuͤhren ſchien! Aber war ſelbſt ihm moͤglich, dieſem Vorſatz, bloß zu erzaͤhlen, getreu zu bleiben? Tritt ihm nicht uͤberall, bald klarer, bald verborgener, immer geheimnißvoll, die waltende
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Gottheit entgegen, die, überall ſich ſelbſt gleich, die Tha- ten der Menſchen foͤrdert oder vernichtet, je nachdem Ver⸗ nunft oder Leidenſchaft ſie zur Tugend oder zur Verkehrt— heit beſtimmt hatte? Iſt es nicht eine innere, in ſich glei⸗ che Kraft, an welcher ſich die Kraft des Menſchen bricht, ſobald ſie nicht mit ihr wirkt? Und dasjenige, was dem Werke Herodots die unausſprechliche Erhabenheit giebt, die keiner, der es verſteht, verkennen mag: iſt es etwa der bequeme Plan, nach welchem es angelegt iſt, und den | ſo Wenige gefunden haben? Iſt es der Wohllaut ioni⸗ ſcher Rede, mit welcher er doch nicht ſeine Erzaͤhlung allen Ohren unwiderſtehlich einzuſchmeicheln vermocht hat?
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