BooksWhaleBooksWhale
Der Golem cover

alemán Edición

Literatura

Der Golem

Edición BooksWhale en alemán de Gustav Meyrink

A Prague occult classic of the Ghetto, identity, hallucination, Jewish legend, doubles, and mystical terror.

Vista previa
Muestra del texto preparado
Formatos
Lector online, EPUB, PDF
Acceso
Claim de Biblioteca

Introducción del libro

Der Golem

Gustav Meyrink’s Der Golem transforms the legend of the clay figure into a modern Gothic and occult novel set in Prague’s Jewish quarter. Its shifting narrator, labyrinthine streets, visions, doubles, and esoteric symbols make it a landmark of German fantastic fiction.

Edición BooksWhale

Cómo se preparó esta edición

Esta edición se basa en un texto de dominio público y fue preparada por BooksWhale para lectura digital.

Base de dominio público

Por qué puede compartirse

Gustav Meyrink died in 1932, and Der Golem was first published or composed in 1915; these dates support the public-domain basis for this edition.

Leer vista previa

Muestra del texto preparado

Vista previa seleccionada del texto preparado.

Capítulo de vista previaFull textLeer vista previa

Der Golem

Gustav Meyrink

Schlaf

Capítulo de vista previaDas Mondlicht fällt auf das Fußende meines Bettes und liegt dort wie ein großer, heller, flacher Stein.Vista previa

Wenn der Vollmond in seiner Gestalt zu schrumpfen beginnt und seine linke Seite fängt an zu verfallen, -- wie ein Gesicht, das dem Alter entgegengeht, zuerst an einer Wange Falten zeigt und abmagert, -- dann bemächtigt sich meiner um solche Zeit des Nachts eine trübe, qualvolle Unruhe.

Capítulo de vista previaIch schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum vermischt sich in meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem und Gehörtem, wie Ströme von verschiedener Farbe und Klarheit zusammenfließen.Vista previa

Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum vermischt sich in meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem und Gehörtem, wie Ströme von verschiedener Farbe und Klarheit zusammenfließen.

Índice

Dentro de esta edición

  1. 01Full text
  2. 02Das Mondlicht fällt auf das Fußende meines Bettes und liegt dort wie ein großer, heller, flacher Stein.
  3. 03Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum vermischt sich in meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem und Gehörtem, wie Ströme von verschiedener Farbe und Klarheit zusammenfließen.
  4. 04Ich hatte über das Leben des Buddha Gotama gelesen, ehe ich mich niedergelegt, und in tausend Spielarten zog der Satz immer wieder von vorne beginnend durch meinen Sinn:
  5. 05Ich schreite durch ein ausgetrocknetes Flußbett und hebe glatte Kiesel auf.
  6. 06Manche quälen sich schwerfällig ab, sich aus dem Sande ans Licht emporzuarbeiten -- wie große schieferfarbene Taschenkrebse, wenn die Flut zurückkommt, -- und als wollten sie alles daran setzen, meine Blicke auf sich zu lenken, um mir Dinge von unendlicher Wichtigkeit zu sagen.
  7. 07Immer wieder und immer wieder mit alberner Beharrlichkeit behauptet eine eigensinnige Stimme in meinem Innern -- unermüdlich wie ein Fensterladen, den der Wind in regelmäßigen Zwischenräumen an die Mauer schlagen läßt: es sei das ganz anders, das sei gar nicht der Stein, der wie Fett aussehe.
  8. 08Langsam beginnt sich meiner ein unerträgliches Gefühl von Hilflosigkeit zu bemächtigen.
  9. 09Ich weiß nur, mein Körper liegt schlafend im Bett, und meine Sinne sind losgetrennt und nicht mehr an ihn gebunden. --
  10. 10Da stand ich plötzlich in einem düsteren Hofe und sah durch einen rötlichen Torbogen gegenüber -- jenseits der engen, schmutzigen Straße -- einen jüdischen Trödler an einem Gewölbe lehnen, das an den Mauerrändern mit altem Eisengerümpel, zerbrochenen Werkzeugen, verrosteten Steigbügeln und Schlittschuhen und vielerlei anderen abgestorbenen Sachen behangen war.
  11. 11Ich wurde mir bewußt, daß ich schon seit langer Zeit in dieser Umgebung zu Hause war.
  12. 12Ich muß einmal von einem sonderbaren Vergleich zwischen einem Stein und einem Stück Fett gehört oder gelesen haben, drängte sich mir plötzlich der Einfall auf, als ich die ausgetretenen Stufen zu meiner Kammer emporstieg und mir über das speckige Aussehen der Steinschwellen flüchtige Gedanken machte.
  13. 13Da hörte ich Schritte die oberen Treppen über mir vorauslaufen, und als ich zu meiner Tür kam, sah ich, daß es die vierzehnjährige, rothaarige Rosina des Trödlers Aaron Wassertrum gewesen war.
  14. 14Ich mußte dicht an ihr vorbei, und sie stand mit dem Rücken gegen das Stiegengeländer und bog sich lüstern zurück.
  15. 15Ihre schmutzigen Hände hatte sie um die Eisenstange gelegt, -- zum Halt -- und ich sah, wie ihre nackten Unterarme bleich aus dem trüben Halbdunkel hervorleuchteten.
  16. 16Ich wich ihren Blicken aus.
  17. 17Mich ekelte vor ihrem zudringlichen Lächeln und diesem wächsernen Schaukelpferdgesicht.
  18. 18Die Wimpern Rothaariger sind mir widerwärtig wie die eines Kaninchens.
  19. 19Von meinem Fenster aus konnte ich den Trödler Aaron Wassertrum vor seinem Gewölbe stehen sehen.
  20. 20Der gehört zu jenem Stamm und dieser zu einem andern, das ist alles, was sich aus den Gesichtszügen lesen läßt.
  21. 21Diese Stämme hegen einen heimlichen Ekel und Abscheu voreinander, der sogar die Schranken der engen Blutsverwandtschaft durchbricht, -- aber sie verstehen ihn geheimzuhalten vor der Außenwelt, wie man ein gefährliches Geheimnis hütet.
  22. 22Ich war mir nicht klar, wieso ich Rosina überhaupt in verwandtschaftliche Beziehungen mit dem Trödler Wassertrum bringen konnte.
  23. 23Ich wollte meine Gedanken von Rosina losreißen und sah von dem offenen Fenster meiner Stube hinab auf die Hahnpaßgasse.
  24. 24Ich wußte es nicht.
  25. 25Mit geschlossenen Augen hätte ich sie hinzeichnen können: hier die verbogene Blechtrompete ohne Klappen, das vergilbte Bild auf Papier gemalt, mit den so sonderbar zusammengestellten Soldaten. Dann eine Girlande verrosteter Sporen an einem schimmligen Lederriemen und anderes halb vermodertes Gerümpel.
  26. 26In grauenerregender Weise zog er dann seine Lippe mit der Hasenscharte empor und sprudelte gereizt irgend etwas Unverständliches in einem gurgelnden, stolpernden Baß hervor, daß dem Käufer die Lust weiter zu fragen verging und er abgeschreckt seinen Weg fortsetzte.
  27. 27Der Blick des Aaron Wassertrum war blitzschnell von meinen Augen abgeglitten und ruhte jetzt mit gespanntem Interesse an den kahlen Mauern, die vom Nebenhause an mein Fenster stoßen.
  28. 28Das Haus steht doch mit dem Rücken gegen die Hahnpaßgasse und seine Fenster blicken in den Hof! Nur eines ist in die Straße gekehrt.
  29. 29Vor meiner Tür bewegte sich jemand, und ich erriet: es ist immer noch Rosina, die draußen im Dunkeln steht in begehrlichem Warten, daß ich sie doch vielleicht zu mir hereinrufen wolle.
  30. 30Ich setzte mich an meinen Arbeitstisch und suchte meine Pinzetten und Stichel hervor.
  31. 31Das trübe, düstere Leben, das an diesem Hause hängt, läßt mein Gemüt nicht still werden, und immer tauchen alte Bilder in mir auf.
  32. 32Loisa und sein Zwillingsbruder Jaromir sind wohl kaum ein Jahr älter als Rosina.
  33. 33Ich wußte nur nicht, welche es war unter den vielen, die versteckt im Hause wohnen wie Kröten in ihrem Schlupfwinkel.
  34. 34Leichenwäscherin soll sie sein.
  35. 35Loisa, Jaromir und Rosina sah ich, als sie noch Kinder waren, oft harmlos im Hof zu dritt spielen.
  36. 36Die Zeit aber ist lang vorbei.
  37. 37Den ganzen Tag ist Loisa jetzt hinter dem rothaarigen Judenmädel her.
  38. 38Da sehe ich ihn, wenn ich bei meiner Arbeit sitze, im Geiste draußen in dem winkligen Gange lauern, den Kopf mit dem ausgemergelten Genick horchend vorgebeugt.
  39. 39Manchmal bricht dann durch die Stille plötzlich ein wilder Lärm.
  40. 40Da lassen sie sich scheinbar oder wirklich von dem Taubstummen ertappen und locken den Rasenden heimtückisch hinter sich her in dunkle Gänge, wo sie aus rostigen Faßreifen, die in die Höhe schnellen, wenn man auf sie tritt, und eisernen Rechen -- mit den Spitzen nach oben gekehrt -- bösartige Fallen errichtet haben, in die er stürzen muß und sich blutig fällt.
  41. 41Von Zeit zu Zeit denkt sich Rosina, um die Folter aufs äußerste anzuspannen, auf eigene Faust etwas Höllisches aus.
  42. 42Dann ändert sie mit einem Schlage ihr Benehmen zu Jaromir und tut, als fände sie plötzlich Gefallen an ihm.
  43. 43Mit ihrer ewig lächelnden Miene teilt sie dem Krüppel hastig Dinge mit, die ihn in eine fast irrsinnige Erregung versetzen, und sie hat sich dazu eine geheimnisvoll scheinende, nur halbverständliche Zeichensprache ersonnen, die den Taubstummen rettungslos in ein unentwirrbares Netz von Ungewißheit und verzehrenden Hoffnungen verstricken muß. --
  44. 44Der Schweiß lief ihm übers Gesicht vor übermenschlicher Anstrengung, den Sinn der absichtlich so unklaren, hastigen Mitteilung zu erfassen.
  45. 45Da fiel mir ein, daß mir vor einigen Tagen der alte Marionettenspieler Zwakh anvertraute, ein junger, vornehmer Herr hätte ihm das Atelier teuer abgemietet -- offenbar, um mit der Erwählten seines Herzens unbelauscht zusammenkommen zu können.
  46. 46Der gutmütige Alte hatte sich vor Vergnügen die Hände gerieben, als er es mir erzählte, und sich kindlich gefreut, wie er alles so geschickt angefangen habe: keiner der Mitbewohner könne auch nur eine Ahnung von dem romantischen Liebespaar haben.
  47. 47Die eiserne Bodentür klirrt heftig und im nächsten Augenblick stürzt eine Dame in mein Zimmer.
  48. 48Mit aufgelöstem Haar, weiß wie die Wand, einen goldenen Brokatstoff über die bloßen Schultern geworfen.
  49. 49Ich glaube, ich glaube vor langer, langer Zeit habe ich einmal irgendwo meinen Hut verwechselt, und ich wunderte mich damals, daß er mir so genau passe, wo ich doch eine höchst eigentümliche Kopfform habe.
  50. 50ATHANASIUS PERNATH.
  51. 51Ich hatte mich vor dem Hut gescheut und gefürchtet, ich wußte nicht warum.
  52. 52Da fährt plötzlich die Stimme, die ich vergessen hatte, und die immer von mir wissen wollte, wo der Stein ist, der wie Fett ausgesehen habe, auf mich los gleich einem Pfeil.
  53. 53Da öffnete sich die Türe, und er trat ein.
  54. 54Dann blätterte er lange darin herum.
  55. 55Der Umschlag des Buches war aus Metall, und die Vertiefungen in Form von Rosetten und Siegeln waren mit Farbe und kleinen Steinen ausgefüllt.
  56. 56Das Kapitel hieß »Ibbur«, »die Seelenschwängerung«, entzifferte ich.
  57. 57Das große, in Gold und Rot ausgeführte Initial »I« nahm fast die Hälfte der ganzen Seite ein, die ich unwillkürlich überflog, und war am Rande verletzt.
  58. 58Ich sollte es ausbessern.
  59. 59Das Initial war nicht auf das Pergament geklebt, wie ich es bisher in alten Büchern gesehen, schien vielmehr aus zwei Platten dünnen Goldes zu bestehen, die im Mittelpunkte zusammengelötet waren und mit den Enden um die Ränder des Pergaments griffen.
  60. 60Ich blätterte um und fand meine Annahme bestätigt.
  61. 61Das Buch sprach zu mir, wie der Traum spricht, klarer nur und viel deutlicher. Und es rührte mein Herz an wie eine Frage.
  62. 62Manche waren unter ihnen, die gingen prunkend einher wie Pfauen, in schimmernden Gewändern, und ihre Schritte waren langsam und gemessen.
  63. 63Manche wie Königinnen, doch gealtert und verlebt, die Augenlider gefärbt, -- mit dirnenhaftem Zug um den Mund und die Runzeln mit häßlicher Schminke verdeckt.
  64. 64Ich sah an ihnen vorbei und nach den Kommenden, und mein Blick glitt über lange Züge grauer Gestalten mit Gesichtern, so gewöhnlich und ausdrucksarm, daß es unmöglich schien, sie dem Gedächtnis einzuprägen.
  65. 65Dann brachten sie ein Weib geschleppt, das war splitternackt und riesenhaft wie ein Erzkoloß.
  66. 66Ihre Wimpern waren so lang wie mein ganzer Körper, und sie deutete stumm auf den Puls ihrer linken Hand.
  67. 67Der schlug wie ein Erdbeben, und ich fühlte, es war das Leben einer ganzen Welt in ihr.
  68. 68Das aber hatte sich verwandelt in eine einzige Gestalt und saß, halb männlich, halb weiblich, -- ein Hermaphrodit -- auf einem Throne von Perlmutter.
  69. 69In einer Staubwolke kam eilig hinterdrein getrappelt eine Herde kleiner, blinder Schafe: die Futtertiere, die der gigantische Zwitter in seinem Gefolge führte, seine Korybantenschar am Leben zu erhalten.
  70. 70Maskenzüge tanzten vorüber, lachten und kümmerten sich nicht um mich.
  71. 71Da stoßen ihn ungeduldig nachdrängende Gestalten zur Seite, die alle vor meine Blicke wollen.
  72. 72Doch keines der Wesen hat Bestand.
  73. 73Das war kein Buch mehr, das zu mir sprach. Das war eine Stimme. Eine Stimme, die etwas von mir wollte, was ich nicht begriff; wie sehr ich mich auch abmühte. Die mich quälte mit brennenden, unverständlichen Fragen.
  74. 74Die Stimme aber, die diese sichtbaren Worte redete, war abgestorben und ohne Widerhall.
  75. 75Ich blickte auf.
  76. 76Ich wollte mir seine Erscheinung ins Gedächtnis zurückrufen, doch es mißlang.
  77. 77Ich schloß die Augen und preßte die Hand auf die Lider, um einen winzigen Teil nur seines Bildnisses zu erhaschen.
  78. 78Ich stellte mich hin, mitten ins Zimmer, und blickte auf die Tür, wie ich es getan -- vorhin, als er gekommen war, und malte mir aus: jetzt biegt er um die Ecke, jetzt schreitet er über den Ziegelsteinboden, liest jetzt draußen mein Türschild »Athanasius Pernath« und jetzt tritt er herein.
  79. 79Vergebens.
  80. 80Ich sah das Buch auf dem Tische liegen und wünschte mir im Geiste die Hand dazu, die es aus der Tasche gezogen und mir gereicht hatte.
  81. 81Da kam mir ein seltsamer Einfall.
  82. 82Ich zog meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf und ging hinaus auf den Gang und die Treppen hinab. Dann kam ich langsam wieder zurück in mein Zimmer.
  83. 83Langsam, ganz langsam, so wie er, als er gekommen war. Und wie ich die Tür öffnete, da sah ich, daß meine Kammer voll Dämmerung lag. War es denn nicht heller Tag noch gewesen, als ich soeben hinausging?
  84. 84Meine Haut, meine Muskeln, mein Körper erinnerten sich plötzlich, ohne es dem Gehirn zu verraten. Sie machten Bewegungen, die ich nicht wünschte, und nicht beabsichtigte.
  85. 85Mit einem Male war mein Gang tappend und fremdartig geworden, wie ich ein paar Schritte im Zimmer machte.
  86. 86Das ist der Gang eines Menschen, der beständig im Begriffe ist, vornüber zu fallen, sagte ich mir.
  87. 87Ich trug ein fremdes, bartloses Gesicht mit hervorstehenden Backenknochen und schaute aus schrägstehenden Augen.
  88. 88Ich fühlte es und konnte mich doch nicht sehen.
  89. 89Das ist nicht mein Gesicht, wollte ich entsetzt aufschreien, wollte es betasten, doch meine Hand folgte meinem Willen nicht und senkte sich in die Tasche und holte ein Buch hervor.
  90. 90Da plötzlich sitze ich wieder ohne Hut, ohne Mantel, am Tische und bin ich. Ich, ich.
  91. 91In der Schublade meines Tisches stand eine eiserne Kassette; -- in diese wollte ich das Buch sperren und erst, bis der Zustand der geistigen Krankheit von mir gewichen sein würde, wollte ich es wieder hervorholen und an die Ausbesserung des zerbrochenen Initialen »I« gehen.
  92. 92Da war mir, als hätte ich es gar nicht angefaßt; ich griff die Kassette an: dasselbe Gefühl. Als müßte das Tastempfinden eine lange, lange Strecke voll tiefer Dunkelheit durchlaufen, ehe es in meinem Bewußtsein mündete, als seien die Dinge durch eine jahresgroße Zeitschicht von mir entfernt und gehörten einer Vergangenheit an, die längst an mir vorübergezogen!
  93. 93Die Stimme, die nach mir suchend in der Finsternis kreist, um mich mit dem fettigen Stein zu quälen, ist an mir vorbeigekommen und hat mich nicht gesehen. Und ich weiß, daß sie aus dem Reiche des Schlafes stammt.
  94. 94Die Wasserschauer fegten über die Dächer hin und liefen an den Gesichtern der Häuser herunter wie ein Tränenstrom.
  95. 95Darüber lachte jemand hinter uns laut auf.
  96. 96Charousek blickte ebenfalls einen Augenblick zurück und brummte etwas vor sich hin.
  97. 97In dem Menschenalter, das ich nun hier wohne, hat sich der Eindruck in mir festgesetzt, den ich nicht loswerden kann, als ob es gewisse Stunden des Nachts und im frühesten Morgengrauen für sie gäbe, wo sie erregt eine lautlose, geheimnisvolle Beratung pflegen. Und manchmal fährt da ein schwaches Beben durch ihre Mauern, das sich nicht erklären läßt, Geräusche laufen über ihre Dächer und fallen in den Regenrinnen nieder, -- und wir nehmen sie mit stumpfen Sinnen achtlos hin, ohne nach ihrer Ursache zu forschen.
  98. 98Dann wacht in mir heimlich die Sage von dem gespenstischen Golem, jenem künstlichen Menschen, wieder auf, den einst hier im Ghetto ein kabbalakundiger Rabbiner aus dem Elemente formte und ihn zu einem gedankenlosen automatischen Dasein berief, indem er ihm ein magisches Zahlenwort hinter die Zähne schob.
  99. 99Ich blickte Charousek an. Was konnte er damit meinen!
  100. 100Der Student aber schwieg und sah nach den Wolken.
  101. 101Mir blieb förmlich der Atem im Mund stecken. »Aaron Wassertrum! Der Trödler Aaron Wassertrum Millionär?!«
  102. 102Ich aber weiß, was es mit dem Ghetto für eine Bewandtnis hat!« Charousek faßte meinen Arm und schüttelte ihn heftig.
  103. 103Man meint in der Stadt, ein gewisser Dr. Savioli sei es gewesen, der seine Praktiken ans Tageslicht gezogen und ihn dann zum Selbstmord getrieben hat. -- Dr. Savioli war nichts als mein Werkzeug! sage ich Ihnen. Ich allein habe den Plan erdacht und das Material zusammengetragen, habe die Beweise geliefert und leise und unmerklich Stein um Stein in dem Gebäude Dr. Wassorys gelockert, bis der Zustand erreicht war, wo kein Geld der Erde, keine List des Ghetto mehr vermocht hätten, den Zusammenbruch, zu dem es nur noch eines unmerklichen Anstoßes bedurfte, abzuwenden.
  104. 104Den Trödler Aaron Wassertrum, den läßt wohl manchmal eine furchtbare Ahnung nicht schlafen, daß einer, den er nicht kennt, der immer in seiner Nähe ist und den er doch nicht fassen kann, -- ein anderer als Dr. Savioli -- die Hand im Spiele gehabt haben müsse.
  105. 105Der Student redete wie im Fieber, und ich sah ihm entsetzt ins Gesicht.
  106. 106Charousek wehrte heftig ab:
  107. 107Die unvermeidlichen Folgen davon sind wohl greuliche Blendungserscheinungen, die fürs ganze Leben bleiben; der Prozeß des Erblindens jedoch ist meistens aufgehalten.
  108. 108Mit der Diagnose des grünen Stars hat es aber eine eigene Bewandtnis.
  109. 109Da endlich hatte er vollkommen Wehrlose in der Hand; da gehörte zum Ausplündern auch keine Spur von Mut mehr!
  110. 110Durch eine Menge fauler Veröffentlichungen in Fachblättern hatte sich Dr. Wassory in den Ruf eines hervorragenden Spezialisten zu setzen verstanden und sogar seinen Kollegen, die viel zu arglos und anständig waren, um ihn zu durchschauen, Sand in die Augen zu streuen gewußt.
  111. 111Die Szene, die naturgemäß folgte, war entsetzlich. Oft fielen die Leute in Ohnmacht, weinten und schrien und warfen sich in wilder Verzweiflung zu Boden.
  112. 112Das Augenlicht verlieren, heißt alles verlieren.
  113. 113Das hilflose Opfer aber saß, das Herz voll brennender Fragen, gebrochen vor ihm, Angstschweiß auf der Stirne, und wagte ihm nicht einmal in die Rede zu fallen, aus Furcht: ihn -- den einzigen, der noch Hilfe bringen konnte -- zu erzürnen.
  114. 114Da war der Augenblick gekommen, wo Dr. Wassory den entscheidenden Schlag führte.
  115. 115Charousek ballte die Fäuste.
  116. 116Durch solche Operationen an gesunden Augen vermehrte Dr. Wassory nicht nur seinen Ruhm und seinen Ruf als unvergleichlicher Arzt, dem es noch jedesmal gelungen sei, die drohende Erblindung aufzuhalten, -- es befriedigte gleichzeitig seine maßlose Geldgier und fröhnte seiner Eitelkeit, wenn die ahnungslosen, an Körper und Vermögen geschädigten Opfer zu ihm wie zu einem Helfer aufsahen und ihn als Retter priesen.
  117. 117Ich aber wuchs ebenfalls im Ghetto auf, und auch mein Blut ist mit jener Atmosphäre höllischer List gesättigt, und so vermochte ich ihn zu Fall zu bringen, -- so wie die Unsichtbaren einen Menschen zu Fall bringen, -- wie aus heiterm Himmel heraus ein Blitz trifft.
  118. 118Dr. Savioli, ein junger deutscher Arzt, hat das Verdienst der Entlarvung, -- ihn schob ich vor und häufte Beweis auf Beweis, bis der Tag anbrach, wo der Staatsanwalt seine Hand nach Dr. Wassory ausstreckte.
  119. 119Da beging die Bestie Selbstmord! -- Gesegnet sei die Stunde!
  120. 120Der Gehirnschlag hätte ihn getroffen, hieß es in der Stadt.
  121. 121Charousek starrte plötzlich geistesabwesend, als habe er sich in ein tiefes Problem verloren, vor sich hin, dann zuckte er mit der Achsel nach der Richtung, wo Aaron Wassertrums Trödlerladen lag.
  122. 122Mir schlug das Herz bis zum Hals.
  123. 123Ich sah Charousek voll Entsetzen an.
  124. 124Da fuhr, noch ehe ich die Worte fand, wie ein Blitz in meine Erinnerung das Gesicht Wassertrums mit der gespaltenen Oberlippe, wie es damals in mein Zimmer mit runden Fischaugen durch die aufgerissene Tür hereingeschaut hatte.
  125. 125Dr. Savioli! Dr. Savioli! -- ja, ja, so war auch der Name des jungen Mannes gewesen, den mir der Marionettenspieler Zwakh flüsternd anvertraut als den des vornehmen Zimmerherrn, der von ihm das Atelier gemietet hatte.
  126. 126Dr. Savioli! -- Wie ein Schrei tauchte es in meinem Innern auf. Eine Reihe nebelhafter Bilder zuckte durch meinen Geist, jagte sich mit schreckhaften Vermutungen, die auf mich einstürmten.
  127. 127Ich wollte Charousek fragen, ihm voll Angst rasch alles erzählen, was ich damals erlebt, da sah ich, daß ein heftiger Hustenanfall sich seiner bemächtigt hatte und ihn fast umwarf. Ich konnte nur noch unterscheiden, wie er sich mühsam mit den Händen an der Mauer stützend in den Regen hinaustappte und mir einen flüchtigen Gruß zunickte.
  128. 128Mit einem Schlage begriff ich diese rätselhaften Geschöpfe, die rings um mich wohnten, in ihrem innersten Wesen: sie treiben willenlos durchs Dasein von einem unsichtbaren magnetischen Strom belebt -- -- so, wie vorhin das Brautbukett in dem schmutzigen Rinnsal vorüberschwamm.
  129. 129Mir war, als starrten die Häuser alle mit tückischen Gesichtern voll namenloser Bosheit auf mich herüber, -- die Tore: aufgerissene schwarze Mäuler, aus denen die Zungen ausgefault waren, -- Rachen, die jeden Augenblick einen gellenden Schrei ausstoßen konnten, so gellend und haßerfüllt, daß es uns bis ins Innerste erschrecken müßte.
  130. 130Ich holte tief Atem, um mich zu beruhigen und den furchtbaren Eindruck, den mir Charouseks Erzählung verursacht hatte, abzuschütteln.
  131. 131Ich sah die Leute genauer an, die mit mir in dem Hausflur warteten:
  132. 132Der Alte war bemüht, ihr Zeichen zu geben, und ich sah, daß sie es wohl wußte, aber sich benahm, als verstünde sie nicht.
  133. 133Man schien ihn zu kennen, denn ich hörte allerhand Glossen fallen, die darauf hinzielten. Ein Strolch hinter mir, ein rotes, gestricktes Tuch um den Hals, mit blauer Militärmütze, die Virginia hinter dem Ohr, machte mit grinsendem Mund Anspielungen, die ich nicht verstand.
  134. 134Ich begriff nur, daß sie den Alten in der Judenstadt den »Freimaurer« nannten und in ihrer Sprache mit diesem Spitznamen jemand bezeichnen wollten, der sich an halbwüchsigen Mädchen zu vergehen pflegt, aber durch intime Beziehungen zur Polizei vor jeder Strafe sicher ist. -- --
  135. 135Dann waren das Gesicht Rosinas und der Alte drüben im Dunkel des Hausflures verschwunden.
  136. 136Der kalte Nachtwind blies herein und wehte an die zottigen Mäntel, die an der Türe hingen, daß sie leise hin und her schwankten.
  137. 137Dann nahm er meine alte, zerbrochene Gitarre von der Wand, tat, als zupfe er die zerbrochenen Saiten und sang mit kreischendem Falsett und gespreizter Betonung in Rotwelsch ein wunderliches Lied:
  138. 138Dann tranken wir den heißen Punsch und hingen unseren Gedanken nach.
  139. 139Vrieslander schnitzte an einer Marionette.
  140. 140Der Marionettenspieler schüttelte den Kopf: »Er erinnert mich nur an den >Golem<.«
  141. 141Der Maler Vrieslander ließ sein Schnitzmesser sinken:
  142. 142Ich kann freilich nicht wissen, worauf sich die Golemsage zurückführen läßt, daß aber irgend etwas, was nicht sterben kann, in diesem Stadtviertel sein Wesen treibt und damit zusammenhängt, dessen bin ich sicher. Von Geschlecht zu Geschlecht haben meine Vorfahren hier gewohnt, und niemand kann wohl auf mehr erlebte und ererbte Erinnerungen an das periodische Auftauchen des Golem zurückblicken, als gerade ich!«
  143. 143Derselbe Ausdruck und derselbe Gesichtsschnitt!
  144. 144Manche Dinge der Erde können nicht loskommen voneinander, fühlte ich, und wie ich Zwakhs einfaches Schicksal an mir vorüberziehen ließ, da schien es mir mit einem Mal gespenstisch und ungeheuerlich, daß ein Mensch wie er, obschon er eine bessere Erziehung als seine Vorfahren genossen hatte und Schauspieler hätte werden sollen, plötzlich wieder zu dem schäbigen Marionettenkasten zurückkehren konnte, um nun abermals auf die Jahrmärkte zu ziehen und dieselben Puppen, die schon seiner Vorväter kümmerliches Erwerbsmittel gewesen, von neuem ihre ungelenken Verbeugungen machen und schläfrigen Erlebnisse vorführen zu lassen.
  145. 145Immer wieder begibt es sich nämlich, daß ein vollkommen fremder Mensch, bartlos, von gelber Gesichtsfarbe und mongolischem Typus aus der Richtung der Altschulgasse her, in altmodische, verschossene Kleider gehüllt, gleichmäßigen und eigentümlich stolpernden Ganges, so, als wolle er jeden Augenblick vornüber fallen, durch die Judenstadt schreitet und plötzlich -- unsichtbar wird.
  146. 146Vor sechsundsechzig Jahren nun muß der Eindruck, den er hervorgebracht, besonders tief gegangen sein, denn ich erinnere mich -- ich war noch ein ganz kleiner Junge --, daß man das Gebäude in der Altschulgasse damals von oben bis unten durchsuchte.
  147. 147Da es anders nicht zu erreichen gewesen, hatte sich ein Mann an einem Strick vom Dache herabgelassen, um hineinzusehen. Kaum aber war er in die Nähe des Fensters gelangt, da riß das Seil, und der Unglückliche zerschmetterte sich auf dem Pflaster den Schädel. Und als später der Versuch nochmals wiederholt werden sollte, gingen die Ansichten über die Lage des Fensters derart auseinander, daß man davon abstand.
  148. 148Ich selber begegnete dem >Golem< das erste Mal in meinem Leben vor ungefähr dreiunddreißig Jahren.
  149. 149In jenem Augenblick aber, bestimmt -- ganz bestimmt, noch ehe ich seiner ansichtig werden konnte, schrie etwas in mir gellend auf: der Golem! Und im selben Moment stolperte jemand aus dem Dunkel des Torflures hervor, und jener Unbekannte ging an mir vorüber. Eine Sekunde später drang eine Flut bleicher, aufgeregter Gesichter mir entgegen, die mich mit Fragen bestürmten, ob ich ihn gesehen hätte.
  150. 150Ich war förmlich überrascht, daß ich mich bewegen konnte, und deutlich kam mir zum Bewußtsein, daß ich mich, wenn auch nur den Bruchteil eines Herzschlages lang -- in einer Art Starrkrampf befunden haben mußte.
  151. 151Vielleicht ist es mitten unter uns, Stunde für Stunde, und wir nehmen es nicht wahr. Hören wir doch auch den Ton einer schwirrenden Stimmgabel nicht, bevor sie das Holz berührt und es mitschwingen macht.
  152. 152Vielleicht ist es nur so etwas wie ein seelisches Kunstwerk, ohne innewohnendes Bewußtsein, -- ein Kunstwerk, das entsteht, wie ein Kristall nach stets sich gleichbleibendem Gesetz aus dem Gestaltlosen herauswächst.
  153. 153Meine Schwester leerte dann den Löffel mit dem flüssigen Metall in das Wasserschaff und lachte mich, der ich aufgeregt zusah, lustig an.
  154. 154Mit welken, zitternden Händen holte mein Großvater den blitzenden Bleiklumpen heraus und hielt ihn ans Licht. Gleich darauf entstand eine allgemeine Erregung. Man redete laut durcheinander; ich wollte mich hinzudrängen, aber man wehrte mich ab.
  155. 155Da klopfte es an die Türe und das alte Weib, das mir des Abends Wasser bringt und was ich sonst noch nötig habe, trat ein, stellte den tönernen Krug auf den Boden und ging stillschweigend wieder hinaus.
  156. 156Das Schicksal in diesem Haus irrt im Kreise umher und kehrt immer wieder zum selben Punkt zurück, fuhr es mir durch den Sinn, und ein häßliches Bild, das ich einmal mit angesehen -- eine Katze mit verletzter Gehirnhälfte im Kreise herumtaumelnd -- trat vor mein Auge. -- -- --
  157. 157Das Wasser für den Punsch brodelte im Kessel und Josua Prokop füllte wiederum die Gläser. Leise, ganz leise klangen die Klänge der Tanzmusik durch das geschlossene Fenster; -- manchmal verstummten sie vollends, dann wiederum wachten sie ein wenig auf, wie sie der Wind unterwegs verlor oder zu uns von der Gasse emportrug.
  158. 158Ich aber gab keine Antwort, -- so vollkommen war mir der Wille, mich zu bewegen, abhanden gekommen, daß ich gar nicht auf den Gedanken, den Mund zu öffnen, verfiel.
  159. 159Ich dachte ich schliefe, so steinern war die innere Ruhe, die sich meiner bemächtigt hatte. Und ich mußte hinüber auf Vrieslanders funkelndes Messer blinzeln, das ruhelos aus dem Holz kleine Späne biß, -- um die Gewißheit zu erlangen, daß ich wach sei.
  160. 160In weiter Ferne brummte Zwakhs Stimme und erzählte wieder allerlei wunderliche Geschichten über Marionetten und krause Märchen, die er für seine Puppenspiele erdacht.
  161. 161Vrieslanders Schnitzmesser tanzte hin und her und fing das Licht auf, das von der Lampe niederfloß, und der spiegelnde Schein brannte mir in den Augen.
  162. 162Die Rede des Marionettenspielers war auf mich zugekommen wie ein Schlächter auf ein wehrloses Tier und preßte mir mit rohen, grausamen Händen das Herz zusammen.
  163. 163Von jeher hatte eine dumpfe Qual an mir genagt, -- ein Ahnen, als wäre mir etwas genommen worden und als hätte ich in meinem Leben eine lange Strecke Wegs an einem Abgrunde hin durchschritten wie ein Schlafwandler.
  164. 164Mein krankhafter Widerwillen, der Erinnerung an verflossene Ereignisse nachzuhängen, -- dann der seltsame, von Zeit zu Zeit immer wiederkehrende Traum, ich sei in ein Haus mit einer Flucht mir unzugänglicher Gemächer gesperrt, -- das beängstigende Versagen meines Gedächtnisses in Dingen, die meine Jugendzeit betrafen, -- alles das fand mit einem Male seine furchtbare Erklärung: Ich war wahnsinnig gewesen und man hatte Hypnose angewandt, hatte das -- »Zimmer« verschlossen, das die Verbindung zu jenen Gemächern meines Gehirns bildete, und mich zum Heimatlosen inmitten des mich umgebenden Lebens gemacht.
  165. 165Die Triebfedern meines Denkens und Handelns liegen in einem andern, vergessenen Dasein verborgen, begriff ich, -- nie würde ich sie erkennen können: eine verschnittne Pflanze bin ich, ein Reis, das aus einer fremden Wurzel sproßt. Gelänge es mir auch, den Eingang in jenes verschlossene »Zimmer« zu erzwingen, müßte ich nicht abermals den Gespenstern, die man darein gebannt, in die Hände fallen?!
  166. 166Die Geschichte von dem >Golem<, die Zwakh vor einer Stunde erzählte, zog mir durch den Sinn, und plötzlich erkannte ich einen riesengroßen, geheimnisvollen Zusammenhang zwischen dem sagenhaften Gemach ohne Zugang, in dem jener Unbekannte wohnen sollte, und meinem bedeutungsvollen Traum.
  167. 167Der seltsame Zusammenhang wurde mir immer deutlicher und nahm etwas unbeschreiblich Erschreckendes für mich an.
  168. 168Ich fühlte: es sind da Dinge -- unfaßbare -- zusammengeschmiedet und laufen wie blinde Pferde, die nicht wissen, wohin der Weg führt, nebeneinander her.
  169. 169Immer noch schnitzte Vrieslander an dem Kopfe, und das Holz knirschte unter der Klinge des Messers.
  170. 170Ich erkannte das gelbe Gesicht des Fremden, der mir damals das Buch gebracht.
  171. 171Dann konnte ich nichts mehr unterscheiden, der Anblick hatte nur eine Sekunde gedauert, und ich spürte, daß mein Herz zu schlagen aufhörte und ängstlich flatterte.
  172. 172Dennoch blieb ich mir -- wie damals -- des Gesichtes bewußt.
  173. 173Meine Augen wanderten im Zimmer umher, und eine fremde Hand bewegte meinen Schädel.
  174. 174Dann sah ich mit einem Male Zwakhs aufgeregte Mienen und hörte seine Worte: um Gottes Willen, das ist ja der Golem!
  175. 175Da schwand mein Bewußtsein und ich tauchte in eine tiefe Finsternis, die von schimmernden Goldfäden durchzogen war, und als ich, wie es mir schien, nach einer langen, langen Zeit erwachte, da erst hörte ich das Holz klappernd auf das Pflaster fallen.
  176. 176Der heiße Schmerz, über das, was ich vorhin mitangehört, übermannte mich wieder, und ich wollte aufschreien, daß ich nicht geträumt habe, als ich ihnen von dem Buche Ibbur erzählte -- und es aus der Kassette nehmen und ihnen zeigen könne.
  177. 177Ich spürte den Geruch des Nebels, der von der Straße ins Haus drang, deutlicher und deutlicher werden. Josua Prokop und Vrieslander waren einige Schritte vorausgegangen, und man hörte, wie sie draußen vor dem Torweg mitsammen sprachen.
  178. 178»SALON LOISITSCHEK«.
  179. 179Mit erschreckender Deutlichkeit hörte man plötzlich wie die eisernen Gasstäbe fauchend die flachen herzförmigen Flammen aus ihren Mündern in die Luft bliesen -- -- dann fiel die Musik über das Geräusch her und verschlang es.
  180. 180Mit langem, wallendem, weißem Prophetenbart, ein schwarzseidenes Käppchen -- wie es die alten jüdischen Familienväter tragen -- auf dem Kahlkopf, die blinden Augen milchbläulich und gläsern -- starr zur Decke gerichtet -- saß dort ein Greis, bewegte lautlos die Lippen und fuhr mit dürren Fingern wie mit Geierkrallen in die Saiten einer Harfe. Neben ihm in speckglänzendem, schwarzem Taffetkleid, Jettschmuck und Jettkreuz an Hals und Armen -- ein Sinnbild erheuchelter Bürgermoral -- ein schwammiges Weibsbild, die Ziehharmonika auf dem Schoß.
  181. 181Der Greis hatte ein paarmal in die Luft gebissen und riß den Mund weit auf, daß man die schwarzen Zahnstumpen sehen konnte. Langsam aus der Brust herauf rang sich ihm, von seltsamen hebräischen Röchellauten begleitet, ein wilder Baß:
  182. 182Die Paare traten zum Tanze an.
  183. 183Irgend etwas.
  184. 184Ich überhörte die ersten Worte, mit denen der Marionettenspieler seine Worte einleitete, -- ich weiß nur, mir war, als verblute ich langsam.
  185. 185Mir wurde immer kälter und starrer, wie vorhin, als ich als hölzernes Gesicht auf Vrieslanders Schoß gelegen hatte. Dann war ich plötzlich mitten drin in der Erzählung, die mich fremdartig umfing, -- einhüllte, wie ein lebloses Stück aus einem Lesebuch.
  186. 186In seinem Glück vergaß er jedoch keineswegs, wie es wohl so manch anderer getan hätte, seiner leidenden Mitmenschen. »Mir hat Gott meine Sehnsucht gestillt,« soll er einmal gesagt haben, -- »er hat mir ein Traumgesicht zur Wahrheit werden lassen, das wie ein Glanz vor mir hergegangen ist seit Kindheit an: er hat mir das lieblichste Wesen zu eigen gegeben, das die Erde trägt. Und so will ich, daß ein Schimmer von diesem Glück, soweit es in meiner kleinen Macht steht, auch auf andere fällt.« -- -- --
  187. 187Die junge Frau entbrannte gar bald in heimlicher Liebe zu dem Studenten, und ein erbarmungsloses Schicksal wollte, daß sie der Rektor gerade in dem Augenblicke, als er unerwartet nach Hause kam, um sie zum Zeichen seiner Liebe mit einem Strauß Rosen als Geburtstagspräsent zu überraschen, in den Armen dessen antraf, auf den er Wohltat über Wohltat gehäuft hatte.
  188. 188Man sagt, daß die blaue Muttergottesblume für immer ihre Farbe verlieren kann, wenn der fahle, schweflige Schein eines Blitzes, der ein Hagelwetter verkündet, plötzlich auf sie fällt; gewiß ist, daß die Seele des alten Mannes für immer erblindete an dem Tage, wo sein Glück in Scherben ging. Am selben Abend noch saß er, er, der bis dahin nicht gewußt, was Unmäßigkeit ist, hier beim »Loisitschek« -- fast bewußtlos vom Fusel -- bis zum Morgengrauen. Und der »Loisitschek« wurde seine Heimstätte für den Rest seines zerstörten Lebens. Im Sommer schlief er irgendwo auf dem Schutt eines Neubaues, im Winter hier auf den hölzernen Bänken.
  189. 189Den Titel eines Professors und Doktors beider Rechte beließ man ihm stillschweigend. Niemand hatte das Herz dazu, gegen ihn, den einst berühmten Gelehrten, den Vorwurf zu erheben, daß man Ärgernis nähme an seinem Wandel.
  190. 190Dr. Hulberts umfassende Gesetzeskenntnis wurde das Bollwerk für alle die, denen die Polizei zu scharf auf die Finger sah. War irgendein entlassener Sträfling daran, zu verhungern, schickte ihn Dr. Hulbert splitternackt hinaus auf den Altstädter Ring -- und das Amt auf der sogenannten »Fischbanka« sah sich genötigt, einen Anzug beizustellen.
  191. 191Dann geschah es wohl zuweilen, daß irgendein liederliches Frauenzimmer ihm verschämt und heimlich, damit es keiner sehen sollte, eine halbwelke Blume auf die Hand legte.
  192. 192Von den Zuhörern rührte sich dann noch lange Zeit keiner. Zum Weinen sind diese Menschen zu hart, aber an ihren Kleidern blickten sie herunter und drehten unsicher die Finger.
  193. 193Voran ging der Pedell der Universität in vollem Ornat: in den Händen das purpurne Kissenpolster mit der güldenen Kette darauf und hinter dem Leichenwagen in unabsehbarer Reihe -- -- das »Bataillon« barfuß, schmutzstarrend, zerlumpt und zerfetzt. Einer von ihnen hatte sein Letztes verkauft und ging daher: Leib, Beine und Arme mit Lagen aus altem Zeitungspapier umwickelt und umbunden.
  194. 194Im Testament des toten Rechtsgelehrten aber war ein Legat vorgesehen, danach bekommt jeder vom »Bataillon« mittags beim »Loisitschek« umsonst eine Suppe; zu diesem Zwecke hängen hier am Tisch die Löffel an den Ketten, und die ausgehöhlten Mulden in der Tischplatte sind die Teller.
  195. 195Von diesem Tisch aus machte die Gepflogenheit als Witz die Runde durch die ganze Welt.«
  196. 196Der Eindruck eines Tumultes im Lokal weckte mich aus meiner Lethargie.
  197. 197Die letzten Sätze, die Zwakh gesprochen, wehten über mein Bewußtsein hinweg. Ich sah noch, wie er seine Hände bewegte, um das Vor- und Zurückschieben eines Spritzenkolbens klarzumachen, dann jagten die Bilder, die sich rings um uns abrollten, so rasch und automatenhaft und dennoch mit so gespenstischer Deutlichkeit an meinem Auge vorüber, daß ich in Momenten ganz mich selbst vergaß und mir wie ein Rad vorkam in einem lebendigen Uhrwerk.
  198. 198Das Zimmer war ein einziges Menschengewühl geworden. Oben auf der Estrade: dutzende Herren in schwarzen Fräcken. Weiße Manschetten, blitzende Ringe. Eine Dragoneruniform mit Rittmeisterschnüren. Im Hintergrund ein Damenhut mit lachsfarbigen Straußenfedern.
  199. 199Durch die Stäbe des Geländers stierte das verzerrte Gesicht Loisas hinauf. Ich sah: er konnte sich kaum aufrecht halten. Auch Jaromir war da und schaute unverwandt hinauf, mit dem Rücken dicht, ganz dicht, an der Seitenwand, als presse ihn eine unsichtbare Hand dagegen.
  200. 200Die Gestalten hielten plötzlich im Tanzen inne: der Wirt mußte ihnen etwas zugerufen haben, was sie erschreckt hatte. Die Musik spielte noch, aber leise; sie traute sich nicht mehr recht. Sie zitterte; man fühlte es deutlich. Und doch lag der Ausdruck hämischer, wilder Freude in dem Gesicht des Wirtes.
  201. 201Der Vierschrötige gibt keine Antwort, aber das hämische Grinsen bleibt in seinen Zügen.
  202. 202Die Harmonika hat sich verschluckt und pfeift nur noch.
  203. 203Die Gesichter sind plötzlich alle im Profil zu sehen: sie glotzen erwartungsvoll hinauf auf die Estrade.
  204. 204Die Augen des Kriminalschutzmannes hängen gebannt an den heranschlendernden schwarzen Lackschuhen.
  205. 205Der Kavalier ist einen Schritt vor dem Polizeibeamten stehen geblieben und läßt den Blick gelangweilt ihm von Kopf bis zu den Füßen und wieder zurückschweifen.
  206. 206Die andern jungen Adligen oben auf der Estrade haben sich über das Geländer gebeugt und verbeißen das Lachen hinter ihren grauseidnen Taschentüchern.
  207. 207Der Dragonerrittmeister klemmt ein Goldstück ins Auge und spuckt einem Mädchen, das unter ihm lehnt, seinen Zigarettenstummel ins Haar.
  208. 208Der Polizeikommissär hat sich verfärbt und starrt in der Verlegenheit immerwährend auf die Perle in der Hemdbrust des Aristokraten.
  209. 209Die Totenstille im Lokal wird immer quälender.
  210. 210Da bricht der Aristokrat endlich das Schweigen: »Äh -- Hm.« -- -- -- er kopiert die Stimme des Wirtes: »Jä, jä, das sin mir Gästäh -- da schaut man.« Ein schallendes Gejohle explodiert im Lokal, daß die Gläser klirren; die Strolche halten sich den Bauch vor Lachen. Eine Flasche fliegt an die Wand und zerschellt. Der vierschrötige Wirt meckert uns erläuternd und ehrfurchtsvoll zu: »Seine Durchlaucht Exzellenz Fürst Ferri Athenstädt.«
  211. 211Der Fürst hat dem Beamten eine Visitenkarte hingehalten. Der Ärmste nimmt sie, salutiert wiederholt und schlägt die Hacken zusammen.
  212. 212Der Kavalier spricht wieder:
  213. 213Der Kommissär verneint mit erzwungenem Lächeln, stottert verlegen etwas von »leidiger Pflichterfüllung« und rafft sich schließlich zu den Worten auf: »Ich sehe ja, daß es hier anständig zugeht.«
  214. 214Das bringt Leben in den Dragonerrittmeister: er eilt in den Hintergrund auf den Damenhut mit der Straußenfeder zu und zerrt im nächsten Augenblick unter dem Jubel der jungen Adligen -- Rosina am Arm herunter in den Saal.
  215. 215Der allgemeine Lärm verschlingt seine Worte.
  216. 216Die Szenen vor mir werden phantastisch wie ein Opiumrausch.
  217. 217Der Rittmeister hält die halbnackte Rosina im Arm und dreht sich langsam mit ihr im Takt.
  218. 218Die Menge hat respektvoll Platz gemacht.
  219. 219Dann murmelt es von den Bänken: »Der Loisitschek, der Loisitschek«, die Hälse werden lang und zu dem tanzenden Paar gesellt sich ein zweites noch seltsameres. Ein weibisch aussehender Bursche in rosa Trikots, mit langem blondem Haar bis zu den Schultern, Lippen und Wangen geschminkt wie eine Dirne und die Augen niedergeschlagen in koketter Verwirrung, -- hängt schmachtend an der Brust des Fürsten Athenstädt.
  220. 220Mein Blick sucht voll Angst die Türe: der Kommissär steht dort abgewendet, um nichts zu sehen, und flüstert hastig mit dem Kriminalschutzmann, der etwas einsteckt. Es klirrt wie Handschellen.
  221. 221Die beiden spähen herüber auf den blatternarbigen Loisa, der einen Augenblick sich zu verstecken sucht und dann gelähmt -- das Gesicht kalkweiß und verzerrt vor Entsetzen -- stehen bleibt.
  222. 222Ich will rufen und kann nicht. Kalte Finger greifen mir in den Mund und biegen mir die Zunge nach unten gegen die Vorderzähne, daß es wie ein Klumpen meinen Gaumen erfüllt und ich kein Wort hervorbringen kann.
  223. 223Ich kann die Finger nicht sehen, weiß, daß sie unsichtbar sind, und doch empfinde ich sie wie etwas Körperliches.
  224. 224Dann liege ich starr wie eine Leiche auf einer Bahre und Prokop und Vrieslander tragen mich hinaus.
  225. 225Ich gab mir keine Mühe, hinzuhorchen, was sie miteinander sprachen, und erriet mehr, als ich es in Worten verstand, daß Zwakh erzählte, mir sei ein Unfall zugestoßen und sie kämen bitten, mir die erste Hilfe zu leisten und mich wieder zu Bewußtsein zu bringen.
  226. 226Viel befremdender als diese beiden Umstände an sich wirkte es auf mich, daß ich nicht imstande war, auch nur die geringste Verwunderung darüber zu empfinden.
  227. 227Ich schwieg, da mir nichts einfiel, was ich ihm hätte erwidern sollen.
  228. 228Ich bin geschliffen.« -- Einen Augenblick versank er in Nachdenken, und ich hörte ihn einen hebräischen Satz murmeln: »^Lischuosècho Kiwisi Adoschem^.« Dann drang seine Stimme wieder klar an mein Ohr:
  229. 229Ich fühlte, wie Begriffe, die bisher in meinem Hirn verankert gewesen, sich losrissen und gleich Schiffen ohne Steuer hinaustrieben in ein uferloses Meer.
  230. 230Der freundliche, fast liebenswürdige Ton, in den Hillels Rede ausgeklungen war, gab mir meine Ruhe wieder, und ich fühlte mich geborgen wie ein krankes Kind, das seinen Vater bei sich weiß.
  231. 231Ich blickte auf und sah, daß mit einem Male viele Gestalten im Zimmer waren und uns im Kreis umstanden: Einige in weißen Sterbegewändern, wie sie die alten Rabbiner trugen, andere mit dreieckigem Hut und Silberschnallen an den Schuhen -- aber Hillel fuhr mir mit der Hand über die Augen und die Stube war wieder leer.
  232. 232Dann geleitete er mich hinaus zur Treppe und gab mir eine brennende Kerze mit, damit ich mir hinaufleuchten könne in mein Zimmer.
  233. 233Ich legte mich zu Bett und wollte schlafen, aber der Schlummer kam nicht, und ich geriet statt dessen in einen sonderbaren Zustand, der weder Träumen war, noch Wachen, noch Schlafen.
  234. 234Das Licht hatte ich ausgelöscht, aber trotzdem war alles in der Stube so deutlich, daß ich jede einzelne Form genau unterscheiden konnte. Dabei fühlte ich mich vollkommen behaglich und frei von der gewissen qualvollen Unruhe, die einen foltert, wenn man sich in ähnlicher Verfassung befindet.
  235. 235Ich brauchte bloß zu rufen, und sie traten vor mich und erfüllten, was ich wünschte.
  236. 236Die »hohen« Ideale der Menschheit, die vordem mit kommerzienrätlich biederer Miene, die Pathosbrust mit Orden bekleckst, mich von oben herab behandelt hatten, -- demütig nahmen sie jetzt die Maske von der Fratze und entschuldigten sich: sie seien selber ja nur Bettler, aber immerhin Krücken für -- einen noch frecheren Schwindel.
  237. 237Ich griff nach dem Sessel neben meinem Bett.
  238. 238Ich zwang mich, in verkehrter, aber ununterbrochener Reihenfolge zu überlegen: was ist soeben geschehen, was war der Ausgangspunkt dazu, was lag vor diesem und so weiter?
  239. 239Doch mein Wille zerschellte an dem ehernen Gesetz: Ich konnte immer nur einen Gedanken durch einen anderen vertreiben, und starb der eine, schon mästete sich der nächste an seinem Fleische. Ich flüchtete in den brausenden Strom meines Blutes, aber die Gedanken folgten mir auf dem Fuß; ich verbarg mich im Hämmerwerk meines Herzens: nur eine kleine Weile, und sie hatten mich entdeckt.
  240. 240Das Buch Ibbur erschien vor mir, und zwei Buchstaben flammten darin auf:
  241. 241der eine, der das erzene Weib bedeutete, mit dem Pulsschlag, mächtig, gleich einem Erdbeben, -- der andere in unendlicher Ferne: der Hermaphrodit auf dem Thron von Perlmutter, auf dem Haupte die Krone aus rotem Holz.
  242. 242Dann fuhr Schemajah Hillel ein drittes Mal mit der Hand über meine Augen, und ich schlummerte ein.
  243. 243Ich schreibe Ihnen diesen Brief in fliegender Eile und höchster Angst. Bitte, vernichten Sie ihn sofort, nachdem Sie ihn gelesen haben, -- oder besser noch, bringen Sie ihn mir samt Kuvert mit.
  244. 244Ihr ehrliches gutes Gesicht hat mir -- »neulich« -- (Sie werden durch diese kurze Anspielung auf ein Ereignis, dessen Zeuge Sie waren, erraten, wer Ihnen diesen Brief schreibt, denn ich fürchte mich, meinen Namen darunter zu setzen) -- so viel Vertrauen eingeflößt, und weiter, daß Ihr lieber, seliger Vater mich als Kind unterrichtet hat, -- alles das gibt mir den Mut, mich an Sie, als vielleicht den einzigen Menschen, der noch helfen kann, zu wenden.
  245. 245Ich flehe Sie an, kommen Sie heute, abends um 5 Uhr, in die Domkirche auf dem Hradschin.
  246. 246Die seltsame, weihevolle Stimmung, die mich von gestern nacht her umfangen gehalten, war mit einem Schlag gewichen, -- weggeweht von dem frischen Windhauch eines neuen irdischen Tages. Ein junges Schicksal kam lächelnd und verheißungsvoll -- ein Frühlingskind -- auf mich zu. Ein Menschenherz suchte Hilfe bei mir. -- Bei mir! Wie sah meine Stube plötzlich so anders aus! Der wurmstichige, geschnitzte Schrank blickte so zufrieden drein, und die vier Sessel kamen mir vor wie alte Leute, die um den Tisch herumsitzen und behaglich kichernd Tarok spielen.
  247. 247Meine Stunden hatten einen Inhalt bekommen, einen Inhalt voll Reichtum und Glanz.
  248. 248Ich fühlte, wie mich eine lebendige Kraft durchrieselte, die bisher schlafen gelegen in mir -- verborgen gewesen in den Tiefen meiner Seele, verschüttet von dem Geröll, das der Alltag häuft, wie eine Quelle losbricht aus dem Eis, wenn der Winter zerbricht.
  249. 249Ich ging in meine Schlafkammer nebenan, holte Hut und Mantel und schritt die Treppen hinab. Was kümmerte mich heute das Geraune der dunkeln Winkel, die bösartigen, engherzigen, verdrossenen Bedenken, die immer von ihnen aufstiegen: »Wir lassen dich nicht, -- du bist unser, -- wir wollen nicht, daß du dich freust -- das wäre noch schöner, Freude hier im Haus!«
  250. 250Der feine, vergiftete Staub, der sich sonst aus allen diesen Gängen und Ecken her um mich gelegt mit würgenden Händen: heute wich er vor dem lebendigen Hauch meines Mundes. Einen Augenblick blieb ich stehen an Hillels Tür.
  251. 251Die Gasse lag weiß im Schnee.
  252. 252Ich glaube, daß viele Leute mich gegrüßt haben; ich erinnerte mich nicht, ob ich ihnen gedankt. Immer wieder fühlte ich an die Brust, ob ich den Brief auch bei mir trüge:
  253. 253Ich wanderte durch die Bogen der gequaderten Laubengänge auf dem Altstädter Ring und an dem Erzbrunnen vorbei, dessen barockes Gitter voll Eiszapfen hing, hinüber über die steinerne Brücke mit ihren Heiligenstatuen und dem Standbild des Johannes von Nepomuk.
  254. 254Ich wunderte mich, wie der Himmel so voll ziehender Vögel war.
  255. 255Von irgendwo aus einer fernen Wohnung klangen leise, verlorene Töne eines Harmoniums in die Abendstille hinaus. Wie Tränentropfen der Schwermut fielen sie in die Verlassenheit.
  256. 256Ich hörte hinter mir das Seufzen des Schlagpolsters, wie die Kirchentüre mich aufnahm, dann stand ich im Dunkel, und der goldene Altar blinkte in starrer Ruhe herüber zu mir durch den grünen und blauen Schimmer sterbenden Lichtes, das durch die farbigen Fenster auf die Betstühle niedersank. Funken sprühten aus roten, gläsernen Ampeln.
  257. 257Ich lehne mich in eine Bank. Mein Blut wird seltsam still in diesem Reich der Regungslosigkeit.
  258. 258Die silbernen Reliquienschreine lagen im ewigen Schlaf.
  259. 259Da! -- Aus weiter, weiter Ferne drang das Geräusch von Pferdehufen gedämpft, kaum merklich an mein Ohr, wollte näherkommen und verstummte.
  260. 260Das Rauschen eines seidenen Kleides war auf mich zugekommen, und eine zarte, schmale Damenhand hatte meinen Arm berührt.
  261. 261Die weihevollen Bilder ringsum zerrannen zu nüchterner Klarheit. Der Tag hatte mich plötzlich angefaßt.
  262. 262Ich stotterte ein paar banale Worte.
  263. 263Ich zog den Brief hervor und reichte ihn der Dame.
  264. 264Ich war auch nicht erstaunt darüber, denn ich hatte niemand anders erwartet.
  265. 265Meine Augen hingen an ihrem Gesicht, das in der Dämmerung der Mauernische wohl noch blasser schien, als es in Wirklichkeit sein mochte. Ihre Schönheit benahm mir fast den Atem, und ich stand wie gebannt. Am liebsten wäre ich vor ihr niedergefallen und hätte ihre Füße geküßt, daß sie es war, der ich helfen sollte, daß sie mich dazu erwählt hatte.
  266. 266Ich wollte ihr ein paar Worte des Trostes entgegnen, aber sie ließ mich nicht zu Ende sprechen.
  267. 267Ich weiß, wie mutig Dr. Savioli ist; um so entsetzlicher -- können Sie sich das vorstellen? -- wirkt es auf mich, ihn jetzt gelähmt vor einer Gefahr, die ich selbst nur wie die dunkle Nähe eines grauenhaften Würgengels empfinde, zusammengebrochen zu sehen.
  268. 268Ich _kann_ doch mein Kind nicht hergeben! -- Glauben Sie denn, mein Mann ließe es mir!? Da, da, nehmen Sie das, Meister Pernath« -- sie riß im Wahnwitz ein Täschchen auf, das vollgestopft war mit Perlenschnüren und Edelsteinen -- »und bringen Sie es dem Verbrecher; -- ich weiß, er ist habsüchtig -- er soll sich alles holen, was ich besitze, aber mein Kind soll er mir lassen. -- Nicht wahr, er wird schweigen? -- So reden Sie doch um Jesu Christi willen, sagen Sie nur ein Wort, daß Sie mir helfen wollen!«
  269. 269Ich sprach zu ihr, wie es mir der Augenblick eingab. Wirre, zusammenhanglose Sätze.
  270. 270Die unglückliche Frau hatte sich über meine Hand gebeugt und weinte still.
  271. 271Ich gab ihr von der Kraft, die in mich eingezogen war in der Stunde, als ich den Brief gelesen hatte, und mich jetzt abermals übermächtig erfüllte, und ich sah, wie sie langsam daran genas.
  272. 272Vor vielen Jahren? Mir gerann das Blut.
  273. 273Deutlich sah ich es wieder vor mir.
  274. 274Ich mußte mich verfärbt haben; ich merkte es an der Hast, mit der sie fortfuhr: »Ich weiß ja, daß Ihre Worte damals nur der Stimmung des Abschieds entsprangen, aber sie waren mir oft ein Trost und -- und ich danke Ihnen dafür.«
  275. 275Mit aller Kraft biß ich die Zähne zusammen und jagte den heulenden Schmerz, der mich zerfetzte, in die Brust zurück.
  276. 276Ich verstand: Eine gnädige Hand war es gewesen, die die Riegel vor meiner Erinnerung zugeschoben hatte. Klar stand jetzt in meinem Bewußtsein geschrieben, was ein kurzer Schimmer aus alten Tagen herübergetragen: Eine Liebe, die für mein Herz zu stark gewesen, hatte für Jahre mein Denken zernagt, und die Nacht des Irrsinns war damals der Balsam für meinen wunden Geist geworden.
  277. 277Durch nachtblauglitzernden Schnee ging ich hinab in die Stadt.
  278. 278Die Laternen staunten mich an mit zwinkernden Augen, und aus geschlichteten Bergen von Tannenbäumen raunte es von Flitter und silbernen Nüssen und vom kommenden Christfest.
  279. 279Vor dem dunklen Eingang zur Judenstadt hockten die Buden des Weihnachtsmarktes. Mitten darin, mit rotem Tuch bespannt, leuchtete grell, von schwelenden Fackeln beschienen, die offene Bühne eines Marionettentheaters.
  280. 280In Reihen fest aneinandergedrängt starrten die Kleinen -- die Pelzmützen tief über die Ohren gezogen -- mit offenem Munde hinauf und lauschten gebannt den Versen des Prager Dichters Oskar Wiener, die mein Freund Zwakh da drinnen im Kasten sprach:
  281. 281Ich bog in die Gasse ein, die schwarz und winklig auf den Platz mündete.
  282. 282Dicht, Kopf an Kopf, stand lautlos eine Menschenmenge da in der Finsternis vor einem Anschlagszettel.
  283. 283Mein Blick fiel auf die Kerze Hillels, die immer noch auf dem Sessel lag. Gott sei Dank, wenigstens das eine stand fest: ich war mit ihm in persönlicher Berührung gewesen!
  284. 284Ich wollte die Lampe anzünden; dann ließ ich es wieder sein: der Abglanz des Mondlichts fiel von den Dächern gegenüber herein in mein Zimmer und gab mehr Helle, als ich brauchte. Und ich fürchtete, die Nacht könnte noch langsamer vergehen, wenn ich Licht machte.
  285. 285Ich trat ans Fenster: Wie ein gespenstischer, in der Luft schwebender Friedhof lagen die Reihen verschnörkelter Giebel dort oben -- Leichensteine mit verwitterten Jahreszahlen, getürmt über die dunkeln Modergrüfte, diese »Wohnstätten«, darein sich das Gewimmel der Lebenden Höhlen und Gänge genagt.
  286. 286Lange stand ich so und starrte hinauf, bis ich mich leise, ganz leise zu wundern begann, warum ich denn nicht aufschräke, wo doch ein Geräusch von verhaltenen Schritten durch die Mauern neben mir deutlich an mein Ohr drang.
  287. 287Ich horchte hin: Kein Zweifel, wieder ging da ein Mensch. Das kurze Ächzen der Dielen verriet, wie seine Sohle zögernd schlich.
  288. 288Mit einem Schlage war ich ganz bei mir. Ich wurde förmlich kleiner, so preßte sich alles in mir zusammen unter dem Druck des Willens zu hören.
  289. 289Ich lauschte und lauschte:
  290. 290Der Atelierraum nebenan schien wie abgestorben.
  291. 291Lautlos -- auf den Zehenspitzen -- stahl ich mich an den Sessel bei meinem Bett, nahm Hillels Kerze und zündete sie an.
  292. 292Dann überlegte ich: Die eiserne Speichertüre draußen auf dem Gang, die zum Atelier Saviolis führte, ging nur von drüben aufzuklinken.
  293. 293Ich besann mich nicht lang: handeln, nicht denken! Nur dies furchtbare Warten auf den Morgen zerfetzen!
  294. 294Im nächsten Augenblick schnellte der Riegel zurück.
  295. 295Ich konnte das Zimmer überblicken und sah, obwohl es fast finster war und meine Kerze mich nur blendete, wie ein Mann in langem, schwarzem Mantel entsetzt vor einem Schreibtisch aufsprang, -- eine Sekunde lang unschlüssig, wohin sich wenden, -- eine Bewegung machte, als wolle er auf mich losstürzen, sich dann den Hut vom Kopf riß und hastig damit sein Gesicht bedeckte.
  296. 296Das Zimmer lag halbdunkel da -- nur von dem schimmrigen Dunst, der aus der Fensternische hereindrang, matt erhellt -- genau wie meines, und ich mußte meine Augen aufs äußerste anstrengen, ehe ich in dem abgezehrten, hektischen Gesicht, das plötzlich über dem Mantel auftauchte, die Züge des Studenten Charousek erkennen konnte.
  297. 297Ich erriet: er fürchtete, Wassertrum könne den Lichtschein meiner Kerze wahrgenommen haben.
  298. 298Ich fiel ihm sofort in die Rede und beruhigte ihn.
  299. 299Meine Augen durchforschten bei seiner Rede das Zimmer und blieben unwillkürlich auf einer Falltüre am Boden haften. Ich entsann mich dabei dunkel, daß Zwakh mir irgendwann erzählt hatte, ein geheimer Zugang führe von unten herauf ins Atelier.
  300. 300Charousek war längst fort, aber immer noch konnte ich mich nicht entschließen, zu Bette zu gehen. Eine gewisse innere Unzufriedenheit nagte an mir und hielt mich davon ab. Irgend etwas sollte ich noch tun, fühlte ich, aber was? was?
  301. 301Das allein konnte es nicht sein. Charousek ließ den Trödler sowieso nicht aus den Augen, darüber bestand kein Zweifel. Ich schauderte, wenn ich an den Haß dachte, der aus seinen Worten geweht hatte.
  302. 302Die seltsame innere Unruhe in mir wuchs und brachte mich fast zur Verzweiflung. Ein Unsichtbares, Jenseitiges rief nach mir, und ich verstand nicht.
  303. 303Ich kam mir vor wie ein Gaul, der dressiert wird, das Reißen am Zügel spürt und nicht weiß, welches Kunststück er machen soll, den Willen seines Herrn nicht erfaßt.
  304. 304Die Vision des Mönchs in der Domkirche, auf dessen Schultern gestern der Kopf Charouseks aufgetaucht war als Antwort auf eine stumme Bitte um Rat, gab mir Fingerzeig genug, von nun an dumpfe Gefühle nicht ohne weiteres zu verachten. Geheime Kräfte keimten in mir auf seit geraumer Zeit, das war gewiß: ich empfand es zu übermächtig, als daß ich auch nur den Versuch gemacht hätte, es wegzuleugnen.
  305. 305lesen, -- einen Dolmetsch in mir selbst aufzustellen, der mir übersetzt, was die Instinkte ohne Worte raunen, darin muß der Schlüssel liegen, sich mit dem eigenen Innern durch klare Sprache zu verständigen, begriff ich.
  306. 306Dann sah ich: Schmale, steile Stufen liefen hinab in tiefste Finsternis.
  307. 307Ich stieg hinunter.
  308. 308Matter, erstickender Geruch nach Schwamm und Erde überall.
  309. 309Ich wunderte mich nicht: die halbe Stadt stand doch seit unvordenklichen Zeiten auf solchen unterirdischen Läuften, und die Bewohner Prags hatten von jeher triftigen Grund, das Tageslicht zu scheuen.
  310. 310Das Fehlen jeglichen Geräusches zu meinen Häupten sagte mir, daß ich mich immer noch in der Gegend des Judenviertels, das nachts wie ausgestorben ist, befinden mußte, obwohl ich schon eine Ewigkeit gewandert war. Belebtere Straßen oder Plätze über mir hätten sich durch fernes Wagenrasseln verraten.
  311. 311Der Gedanke an Schemajah Hillel, mit dem ich vag den Begriff eines Helfers und Führers verknüpfte, beruhigte mich unwillkürlich.
  312. 312Vorsichtshalber ging ich aber doch langsamer und tastenden Schrittes und hielt den Arm in die Höhe, um nicht unversehens mit dem Kopf anzurennen, falls der Gang niedriger würde.
  313. 313Von Zeit zu Zeit, dann immer öfter stieß ich oben mit der Hand an, und endlich senkte sich das Gestein so tief herab, daß ich mich bücken mußte, um durchzukommen.
  314. 314Ich blieb stehen und starrte hinauf.
  315. 315Mündete hier ein Schacht, vielleicht aus irgend einem Keller herunter?
  316. 316Ich richtete mich auf und tastete mit beiden Händen in Kopfeshöhe um mich herum: die Öffnung war genau viereckig und ausgemauert.
  317. 317Ich _stand_ jetzt auf dem Kreuz und orientierte mich.
  318. 318Lang, unsagbar lang mußte ich tappen, bis ich die zweite Stufe finden konnte, dann klomm ich empor.
  319. 319Ich duckte mich, so tief ich konnte, um aus etwas weiterer Entfernung besser unterscheiden zu können, wie die Linien verliefen, und sah zu meinem Erstaunen, daß sie genau die Form eines Sechsecks, wie man es auf den Synagogen findet, bildeten.
  320. 320Ich stemmte mich mit den Schultern gegen die Platte, drückte sie aufwärts und stand im nächsten Moment in einem Gemach, das von grellem Mondschein erfüllt war.
  321. 321Die Gitterstäbe des Fensters standen zu eng, als daß ich den Kopf hätte durchstecken können, so viel aber sah ich:
  322. 322Das Zimmer befand sich ungefähr in der Höhe eines dritten Stockwerks, denn die Häuser gegenüber hatten nur zwei Etagen und lagen wesentlich tiefer.
  323. 323Das eine Ufer der Straße unten war für mich noch knapp sichtbar, aber infolge des blendenden Mondlichts, das mir voll ins Gesicht schien, in tiefe Schlagschatten getaucht, die es mir unmöglich machten, Einzelheiten zu unterscheiden.
  324. 324Vergebens quälte ich mich ab herauszubringen, was das wohl für ein sonderbares Bauwerk sein mochte, in dem ich mich befand.
  325. 325Die Umgebung stimmte nicht.
  326. 326Der Boden lag fußhoch bedeckt mit Staub, als hätte ihn seit Jahrzehnten kein lebendes Wesen betreten.
  327. 327Das Gerümpel in der Ecke zu durchsuchen, ekelte ich mich. Es lag in tiefer Finsternis, und ich konnte nicht unterscheiden, woraus es bestand.
  328. 328Dem äußern Eindruck nach schienen es Lumpen zu einem Knäuel geballt.
  329. 329Ich tastete mit dem Fuß hin, und es gelang mir, mit dem Absatz einen Teil davon in die Nähe des Lichtstreifens zu ziehen, den der Mond quer übers Zimmer warf. Es schien wie ein breites, dunkles Band, das sich da langsam aufrollte.
  330. 330Ich gab ihr einen leichten Stoß: Ein Blatt flog ins Helle.
  331. 331Ich bückte mich: Ein Pagad?
  332. 332Ich hob es auf.
  333. 333Merkwürdig, daß ich mich zum Lächeln zwingen mußte. Ein leises Gefühl von Grauen beschlich mich.
  334. 334Ich suchte nach einer banalen Erklärung, wie die Karten wohl hierhergekommen sein könnten, und zählte dabei mechanisch das Spiel. Es war vollständig: 78 Stück. Aber schon während des Zählens fiel mir etwas auf: Die Blätter waren wie aus Eis.
  335. 335Mein dünner Anzug, die lange Wanderung ohne Mantel und Hut in den unterirdischen Gängen, die grimmige Winternacht, die Steinwände, der entsetzliche Frost, der mit dem Mondlicht durchs Fenster hereinfloß: -- sonderbar genug, daß ich erst jetzt anfing zu frieren. Die Erregung, in der ich mich die ganze Zeit befunden, mußte mich darüber hinweggetäuscht haben. --
  336. 336Ich fühlte mein Skelett zu Eis werden und wurde mir jedes einzelnen Knochen bewußt wie kalter Metallstangen, an denen mir das Fleisch festfror.
  337. 337Das ist der Tod, sagte ich mir, der dir die kalten Hände auf den Scheitel legt.
  338. 338Die Briefe, in meiner Kammer, -- _ihre_ Briefe! brüllte es in mir auf:
  339. 339man wird sie finden, wenn ich hier sterbe. Und sie hofft auf mich! Hat ihre Rettung in meine Hände gelegt! -- Hilfe! -- Hilfe! -- Hilfe! --
  340. 340Da fiel mein Blick auf die Lumpen in der Ecke, und ich stürzte darauf zu und zog sie mit schlotternden Händen über meine Kleider.
  341. 341Dann kauerte ich mich in dem gegenüberliegenden Mauerwinkel zusammen und spürte meine Haut langsam, langsam wärmer werden. Nur das schauerliche Gefühl des eigenen, eisigen Gerippes in mir wollte nicht weichen.
  342. 342Dort lag sie jetzt und schimmerte -- ein grauweißer, unbestimmter Fleck -- zu mir herüber aus dem Dunkel.
  343. 343Mit Gewalt zwang ich mich zu überlegen, was ich zu beginnen hätte, um wieder in meine Wohnung zu kommen:
  344. 344Den Morgen abwarten! Unten die Vorübergehenden vom Fenster aus anrufen, damit sie mir von außen mit einer Leiter Kerzen oder eine Laterne heraufbrächten! -- Ohne Licht die endlosen, sich ewig kreuzenden Gänge zurückfinden, würde mir nie gelingen, empfand ich als beklemmende Gewißheit. -- Oder, falls das Fenster zu hoch läge, daß sich jemand vom Dach mit einem Strick -- --? Gott im Himmel, wie ein Blitzstrahl durchfuhr es mich: jetzt wußte ich, wo ich war: Ein Zimmer ohne Zugang -- nur mit einem vergitterten Fenster -- das altertümliche Haus in der Altschulgasse, das jeder mied! -- schon einmal vor vielen Jahren hatte sich ein Mensch an einem Strick vom Dach herabgelassen, um durchs Fenster zu schauen, und der Strick war gerissen und -- Ja: ich war in dem Haus, in dem der gespenstische Golem jedesmal verschwand!
  345. 345Immer wieder: Der weißliche Fleck -- -- -- der weißliche Fleck -- --!
  346. 346Ich bannte ihn fest mit meinem Blick und es half ihm nichts, daß er sich auflösen wollte in dem Morgendämmerschein, der ihm vom Fenster her zu Hilfe kam.
  347. 347Ich hielt ihn fest.
  348. 348Immer noch war die Gasse unten öd und menschenleer.
  349. 349Ich durchstöberte die Zimmerecke, die jetzt im stumpfen Morgenlichte lag: Scherben, dort eine rostige Pfanne, morsche Fetzen, ein Flaschenhals. Tote Dinge und doch so merkwürdig bekannt.
  350. 350Ich nahm das Kartenpäckchen zur Hand -- es dämmerte mir auf: hatte ich die nicht einst selbst bemalt? Als Kind? Vor langer, langer Zeit?
  351. 351Dann wieder, halb Traum, halb Gewißheit, tauchte ein Bild vor mir auf:
  352. 352Dann sah ich an meinem Körper herab und wurde wieder irre: Der altmodische Anzug war mir völlig fremd. -- -- --
  353. 353Der Lärm eines holpernden Karrens schreckte mich auf, doch wie ich hinabblickte: Keine Menschenseele. Nur ein Fleischerhund stand versonnen an einem Eckstein.
  354. 354Da! Endlich! Stimmen! menschliche Stimmen!
  355. 355Mit offenem Mund glotzten sie in die Höhe und berieten sich. Aber als sie mich sahen, stießen sie ein gellendes Geschrei aus und liefen davon.
  356. 356Vielleicht fiel jetzt bei Tag durch Ritzen im Gestein eine Spur von Licht hinab?
  357. 357Ich kletterte die Leiter hinunter, setzte den Weg, den ich gestern gekommen war, fort -- über ganze Halden zerbrochener Ziegelsteine und durch versunkene Keller -- erklomm eine Treppenruine und stand plötzlich -- -- im Hausflur des _schwarzen Schulhauses_, das ich vorhin wie im Traum gesehen.
  358. 358Der erste Mensch, der mir in der Salnitergasse begegnete, war ein verwachsener alter Jude mit weißen Schläfenlocken. Kaum hatte er mich erblickt, bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und heulte laut hebräische Gebete herunter.
  359. 359Licht
  360. 360Ich sehnte mich nach ihm wie nach einem lieben, alten Freunde.
  361. 361Merkwürdig, wie er mir in den wenigen Tagen -- und ich hatte ihn doch, genau genommen, nur ein einziges Mal im Leben gesprochen, -- ins Herz gewachsen war.
  362. 362Ich nahm sie aus der Truhe: -- in der Kassette würden sie sicherer aufbewahrt sein.
  363. 363Den Brokatstoff um die bloßen Schultern gelegt -- so wie ich >sie< das erste Mal gesehen, als sie in mein Zimmer flüchtete aus Saviolis Atelier -- blickte sie mir in die Augen.
  364. 364Deine _Angelina_.
  365. 365Vor Jammer glaubte ich zusammenbrechen zu müssen. Ich krallte die Finger in die Luft und winselte, -- biß mich in die Hand: -- -- nur wieder blind sein, Gott im Himmel, -- den Scheintod weiter leben, wie bisher, flehte ich.
  366. 366Das Weh stieg mir in den Mund. -- Quoll. -- Schmeckte seltsam süß, -- wie Blut. -- --
  367. 367Der Name kreiste in meinen Adern und wurde -- zu unerträglicher gespenstischer Liebkosung.
  368. 368Mit einem gewaltsamen Ruck riß ich mich zusammen und zwang mich -- mit knirschenden Zähnen -- das Bild anzustarren, bis ich langsam Herr darüber wurde!
  369. 369Voll Jubel eilte ich zur Tür und riß sie auf.
  370. 370Vrieslander hat ihn selbst gesehen, den Golem. Und wieder hat es, wie immer, mit einem Mord begonnen« -- Ich horchte erstaunt auf: Ein Mord?
  371. 371Ich gab keine Antwort und suchte in Hillels Augen: warum blickte er mich so unverwandt an?
  372. 372Ich verstand. Es galt mir.
  373. 373Ich gab keine Antwort und hielt den Atem an, um kein Wort von Hillels Rede zu verlieren.
  374. 374Der Fragende erhält _die_ Antwort, die ihm not tut: sonst ginge nicht die Kreatur den Weg ihrer Sehnsucht. Glauben Sie denn, unsere jüdischen Schriften sind bloß aus Willkür nur in Konsonanten geschrieben? -- Jeder hat _sich selbst_ die geheimen Vokale dazu zu finden, die ihm den nur für ihn allein bestimmten Sinn erschließen, -- soll nicht das lebendige Wort zum toten Dogma erstarren.«
  375. 375Der Marionettenspieler wehrte heftig ab:
  376. 376Monate schien mir zurückzuliegen, was ich an Seltsamem erst vor kurzem erlebt hatte, und wären nicht täglich einigemal immer neue krause Gerüchte über den Golem zu mir gedrungen, die alles wieder frisch aufleben ließen, ich glaube, ich hätte mich in Augenblicken des Zweifels verdächtigen können, das Opfer eines seelischen Dämmerzustandes gewesen zu sein.
  377. 377Den blatternarbigen Loisa damit in Zusammenhang zu bringen, wollte mir nicht recht einleuchten, obwohl ich einen dunklen Verdacht nicht abschütteln konnte, -- fast unmittelbar darauf, als Prokop in jener Nacht aus dem Kanalgitter ein unheimliches Geräusch gehört zu haben geglaubt, hatten wir den Burschen beim »Loisitschek« gesehen. Allerdings lag kein Anlaß vor, den Schrei unter der Erde, der überdies geradesogut eine Sinnestäuschung gewesen sein konnte, als Hilferuf eines Menschen zu deuten. -- -- --
  378. 378Das Schneegestöber vor meinen Augen blendete mich, und ich fing an, alles in tanzenden Streifen zu sehen. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf die Gemme vor mir. Das Wachsmodell, das ich von Mirjams Gesicht entworfen hatte, mußte sich vortrefflich auf den bläulich leuchtenden Mondstein da übertragen lassen. -- Ich freute mich: es war ein angenehmer Zufall, daß ich etwas so Geeignetes unter meinem Mineralienvorrat gefunden hatte. Die tiefschwarze Matrix von Hornblende gab dem Stein gerade das richtige Licht, und die Konturen paßten so genau, als habe ihn die Natur eigens erschaffen, ein bleibendes Abbild von Mirjams feinem Profil zu werden.
  379. 379Ich zitterte vor dem Augenblick, wo ich zu mir selbst kommen und das Geschehene in seiner vollen, markverbrennenden Lebendigkeit als _Gegenwart_ empfinden mußte.
  380. 380Ich hatte es doch in meiner Macht! Brauchte nur hinüberzugehen in mein Schlafzimmer und die Kassette aufzusperren, in der das Buch Ibbur, das Geschenk der Unsichtbaren, lag!
  381. 381Dumpfes Dröhnen draußen, wie von Zeit zu Zeit der Wind die angehäuften Schneemassen von den Dächern hinab vor die Häuser warf, gefolgt von Pausen tiefer Stille, da die Flockendecke auf dem Pflaster jeden Laut verschlang.
  382. 382Ich wollte weiterarbeiten, -- da plötzlich stahlscharfe Hufschläge unten die Gasse entlang, daß man's förmlich Funken sprühen sah.
  383. 383Das Fenster zu öffnen und hinauszuschauen war unmöglich: Muskeln aus Eis verbanden seine Ränder mit dem Mauerwerk, und die Scheiben waren bis zur Hälfte weiß verweht. Ich sah nur, daß Charousek scheinbar ganz friedlich neben dem Trödler Wassertrum stand -- sie mußten soeben ein Gespräch mitsammen geführt haben -- sah, wie die Verblüffung, die sich in ihrer beider Mienen malte, wuchs und sie sprachlos offenbar den Wagen, der meinen Blicken entzogen war, anstarrten.
  384. 384Leugnen, natürlich leugnen.
  385. 385Dennoch lehnte sich irgendetwas in mir auf gegen diese Annahme. Ich brachte es nicht fertig, zu glauben, daß das Gefühl, ihr helfen zu können, mich belogen haben sollte.
  386. 386Ich führte sie in meinen Lehnstuhl. Streichelte ihr stumm das Haar; und sie verbarg todmüde wie ein Kind ihren Kopf an meiner Brust.
  387. 387Ich fuhr auf: wo bin ich! Wie lang sitzt sie schon hier?
  388. 388Mein Herz jauchzte einen Dankesschrei zu Gott.
  389. 389Ich forschte weiter:
  390. 390Ihr blondes Haar lag wie ein goldner Schleier vor meinem Gesicht.
  391. 391Dann hielt ich sie an ihren schmalen Händen und erzählte ihr mit fliegenden Worten, daß der Todfeind Wassertrums -- ein armer böhmischer Student -- die Briefe und alles in Sicherheit gebracht hätte und sie in meinem Besitz seien und fest verwahrt.
  392. 392Dann war sie verschwunden.
  393. 393Ich stand wie betäubt und fühlte noch immer den Atem ihres Mundes an meinem Gesicht.
  394. 394Ich hörte, wie die Wagenräder über das Pflaster donnerten und den rasenden Galopp der Hufe. Eine Minute später war alles still. Wie ein Grab.
  395. 395Ich nickte nur stumm.
  396. 396Ich verstand nicht, was er damit meinen konnte, und nahm an, ich hätte etwas überhört. Die ausgestandene Erregung zitterte noch zu stark in mir.
  397. 397Die Wangen des Studenten bekamen kreisrunde rote Flecken:
  398. 398Mir wurde ganz wirr im Kopf!
  399. 399Charousek änderte plötzlich den Ton:
  400. 400Ich erzählte Charousek, was geschehen war.
  401. 401Ich staunte, woher er alles so genau wissen könne, und sagte es ihm.
  402. 402Das Wort, das meine Gefühle gegen ihn bezeichnen könnte, muß erst geschaffen werden. -- Ich hasse, genau genommen, auch gar nicht _ihn_.
  403. 403Ich hasse sein Blut. Verstehen Sie das? Ich wittere wie ein wildes Tier, wenn auch nur ein Tropfen von seinem Blut in den Adern eines Menschen fließt, -- und« -- er biß die Zähne zusammen -- »das kommt >zuweilen< vor hier im Ghetto.« Unfähig, weiter zu sprechen vor Aufregung lief er ans Fenster und starrte hinaus. -- Ich hörte, wie er sein Keuchen unterdrückte. Wir schwiegen beide eine Weile.
  404. 404Der taubstumme Jaromir stand vor dem Eingang des Trödlerladens und bot, soviel wir aus seiner Zeichensprache erraten konnten, Wassertrum einen kleinen blitzenden Gegenstand, den er in der Hand halb verbarg, zum Kauf an. Wassertrum fuhr danach wie ein Geier und zog sich damit in seine Höhle zurück.
  405. 405Der Student gab keine Antwort und setzte sich schweigend wieder an den Tisch.
  406. 406Ich darf meine besten Empfindungen nicht so vergeuden. Es packt mich sonst nachher wie Ernüchterung. Ein Mensch mit Schamgefühl soll in kühlen Worten reden, nicht mit Pathos wie eine Prostituierte oder -- oder ein Dichter. -- Seit die Welt steht, wär's niemand eingefallen, vor Leid die >Hände zu ringen<, wenn nicht die Schauspieler diese Geste als besonders >plastisch< ausgetüftelt hätten.«
  407. 407Ich begriff, daß er mit Absicht blind drauflos redete, um innerlich Ruhe zu bekommen.
  408. 408Dann war er mit einem Ruck wieder mitten in seinem Thema:
  409. 409Merkwürdig ist, daß ich ihm trotzdem nie als Kind einen Schabernack gespielt habe. Wenn's die andern taten, zog ich mich sofort zurück. Aber stundenlang konnte ich im Torweg stehen und, hinter der Haustüre versteckt, durch die Angelritzen sein Gesicht unverwandt anstieren, bis mir vor unerklärlichem Haßgefühl schwarz vor den Augen wurde.
  410. 410Damals, glaube ich, habe ich den Grundstein zu dem Hellsehen gelegt, das sofort in mir aufwacht, wenn ich mit Wesen, ja sogar mit Dingen in Berührung komme, die in Verbindung mit ihm stehen. Ich muß wohl jede seiner Bewegungen: seine Art, den Rock zu tragen, und wie er Sachen anfaßt, hustet und trinkt, und all das Tausenderlei damals unbewußt _auswendig_ gelernt haben, bis sich's mir in die Seele fraß, daß ich überall die Spuren davon auf den ersten Blick mit unfehlbarer Sicherheit als seine Erbstücke erkennen kann.
  411. 411Charousek schwieg einen Moment. Ich sah, wie er geistesabwesend ins Leere blickte. Seine Finger streichelten mechanisch die Feile auf dem Tisch.
  412. 412des Erzengels. -- -- Kennen Sie das Gnadenbild der schwarzen Muttergottes in der Teinkirche? Dort warf ich mich nieder, und die Finsternis des Paradieses hüllte meine Seele ein.« --
  413. 413Charousek fuhr fort:
  414. 414Das Verschachern meiner Mutter ergab sich für Wassertrum als natürliche Folge. Es befriedigte den Rest der in ihm schlummernden Eigenschaften:
  415. 415die Gier nach Gold und die perverse Wonne an der Selbstqual. -- -- -- Verzeihen Sie, Meister Pernath,« -- Charouseks Stimme klang plötzlich so hart und nüchtern, daß ich erschrak, -- »verzeihen Sie, daß ich so furchtbar gescheit daherrede, aber wenn man an der Universität ist, kommt einem eine Menge vertrottelter Bücher unter die Hände; unwillkürlich verfällt man da in eine teppenhafte Ausdrucksweise.« --
  416. 416Ich zwang mich ihm zu Gefallen zu einem Lächeln; innerlich verstand ich gar wohl, daß er mit dem Weinen kämpfte.
  417. 417Irgendwie muß ich ihm helfen, überlegte ich, wenigstens seine bitterste Not zu lindern versuchen, soweit das in meiner Macht steht. Ich nahm unauffällig die Hundertguldennote, die ich noch zu Hause hatte, aus der Kommodenschublade und steckte sie in die Tasche.
  418. 418Ich wollte den üblichen Einwand machen, daß er wohl zu schwarz sehe, aber er wehrte lächelnd ab:
  419. 419Charousek zögerte und dachte nach:
  420. 420Ich fuhr entsetzt auf: »arm?«
  421. 421Interessant, sag' ich Ihnen! Sehen Sie, _solches_ Blut _kann_ sich gar nicht vermischen; da kämen die Kinder tot zur Welt. Vorausgesetzt, daß die Mütter nicht schon früher vor Entsetzen stürben. -- Hillel ist übrigens der einzige, an den sich Wassertrum nicht herantraut; -- er weicht ihm aus wie dem Feuer. Vermutlich, weil Hillel das Unbegreifliche, das vollkommen Unenträtselbare, für ihn bedeutet.
  422. 422Vielleicht wittert er in ihm auch den Kabbalisten.«
  423. 423Ich wiederholte meine Frage.
  424. 424Mirjams Schritte kamen näher und ich wartete, bis sie die Klinke niederdrückte, dann schob ich ihm rasch die Banknote in die Tasche:
  425. 425Mirjam saß mir gegenüber am Fenster, und ich bossierte an meinem Modellierwachs.
  426. 426Mirjam schien Ähnliches zu denken. Nach dem Erstaunen in ihren Mienen zu schließen.
  427. 427Voll Aufmerksamkeit sah sie zu, wie ich mit dem Griffel die Form vertiefte.
  428. 428Ich nahm einen Anlauf:
  429. 429Ich fühlte: sie wußte nicht, welches Band mich mit ihrem Vater verknüpfte. Vorsichtig sondierte ich, wie weit ich gehen durfte, ohne zu verraten, was er ihr verschwieg.
  430. 430Ich stutzte. -- Ja. Ja, das war richtig. Warum lebte ich eigentlich hier? Ich konnte es mir nicht erklären, was fesselt dich an das Haus?
  431. 431Ich mußte wohl lange starr dagesessen haben, daß sie so besorgt war.
  432. 432Ich erzählte ihr, wie einem lieben, alten Freund, mit dem man sein ganzes Leben beisammen war, und vor dem man kein Geheimnis hat, wie's um mich stand, und auf welche Weise ich aus einer Erzählung Zwakhs erfahren hatte, daß ich in früheren Jahren wahnsinnig gewesen und der Erinnerung an meine Vergangenheit beraubt worden war, -- wie in letzter Zeit Bilder in mir wach geworden, die in jenen Tagen wurzeln mußten, immer häufiger und häufiger, und daß ich vor dem Moment zitterte, wo mir alles offenbar werden und mich von neuem zerreißen würde.
  433. 433Ich sagte es ihr, und sie verstand mich. Auch sie sah ihn so, trotzdem er ihr Vater war.
  434. 434Ich wollte aufspringen, aber sie hielt mich zurück: »Seien Sie ruhig, es ist nichts. Bloß eine Erinnerung. Als meine Mutter starb, -- nur ich weiß, wie er sie geliebt hat, ich war damals noch ein kleines Mädchen, -- glaubte ich vor Schmerz ersticken zu müssen, und ich lief zu ihm hin und krallte mich in seinen Rock und wollte aufschreien und konnte doch nicht, weil alles gelähmt war in mir -- und -- und da -- -- -- -- mir läuft's wieder eiskalt über den Rücken, wenn ich daran denke -- -- sah er mich lächelnd an, küßte mich auf die Stirn und fuhr mir mit der Hand über die Augen. -- -- -- -- Und von dem Moment an bis heute war jedes Leid, daß ich meine Mutter verloren hatte, wie ausgetilgt in mir. Nicht eine Träne konnte ich vergießen, als sie begraben wurde; ich sah die Sonne als strahlende Hand Gottes am Himmel stehen und wunderte mich, warum die Menschen weinten. Mein Vater ging hinter dem Sarge her, neben
  435. 435mir, und wenn ich aufblickte, lächelte er jedesmal leise, und ich fühlte, wie das Entsetzen durch die Menge fuhr, als sie es sahen.«
  436. 436Mirjam schüttelte freudig den Kopf:
  437. 437Die Welt ist dazu da, um von uns kaputt gedacht zu werden, hörte ich einmal meinen Vater sagen, -- dann, dann erst fängt das Leben an. -- Ich weiß nicht, was er mit dem >Leben< meinte, aber ich fühle zuweilen, daß ich eines Tages so wie: >erwachen< werde. Wenn ich mir auch nicht vorstellen kann, in welchen Zustand hinein. Und Wunder müssen dem vorhergehen, denke ich mir immer.
  438. 438Ich hörte, wie Freudentränen ihre Stimme fast erstickten.
  439. 439Ich beruhigte sie: »Aber ich lache doch nicht, Mirjam! Was denken Sie denn! Ich bin unendlich glücklich, daß Sie nicht sind wie die andern, die hinter jeder Wirkung die gewohnte Ursache suchen und bocken, wenn's -- _wir_ rufen in solchen Fällen: Gott sei Dank! -- einmal anders kommt.«
  440. 440Ich versprach es. Aber im Herzen machte ich einen Vorbehalt.
  441. 441Da ging die Tür, und Hillel trat ein.
  442. 442Mirjam umarmte ihn; und er begrüßte mich. Herzlich und voll Freundschaft, aber wieder mit dem kühlen »Sie«.
  443. 443Vielleicht kam es nur von der Dämmerung, die in der Stube lag.
  444. 444Ich wollte ihn verwundert unterbrechen, aber er fiel mir in die Rede:
  445. 445In der Überfülle seines Herzens. Auch, daß -- Sie ihm Geld geschenkt haben.« Er sah mich durchdringend an und betonte jedes seiner Worte auf höchst seltsame Weise, aber ich verstand nicht, was er damit wollte:
  446. 446Ich versuchte ängstlich in seinem Gesicht zu lesen. So kalt und eigentümlich drohend hatte er noch nie gesprochen. Aber hinter diesem schwarzen, tiefliegenden Auge schlief ein Abgrund.
  447. 447Ich konnte ihm nur wortlos die Hand drücken und -- gehen.
  448. 448Ich hatte die Absicht, mir Mantel und Stock zu holen und in die kleine Wirtsstube »Zum alten Ungelt« essen zu gehen, wo allabendlich Zwakh, Vrieslander und Prokop bis spät in die Nacht beisammen saßen und einander verrückte Geschichten erzählten; aber kaum betrat ich mein Zimmer, da fiel der Vorsatz von mir ab, -- wie wenn mir Hände ein Tuch oder sonst etwas, was ich am Leibe getragen, abgerissen hätten.
  449. 449Ich griff hinter die Gardinen, öffnete den Schrank, ein Blick ins Nebenzimmer: -- niemand.
  450. 450Ich konnte die Streichhölzer nicht finden.
  451. 451Ich wollte mir Vorwürfe machen, daß ich feig sei: -- die Gedanken blieben stecken. Mitten im Satz.
  452. 452Ich bohrte meine Augen in alle Winkel:
  453. 453Ich hoffte, sie würden sich vor meinen Blicken verändern und mir Grund geben, eine Sinnestäuschung als Ursache für das würgende Angstgefühl in mir zu finden.
  454. 454Das Lauern ringsum trank jeden Laut.
  455. 455Ich rüttelte am Tisch und wunderte mich, daß ich das Geräusch hören konnte.
  456. 456Dieses vergebliche Auf-dem-Sprung-stehen aller meiner Sinne! Ich verzweifelte daran, es je überdauern zu können. -- Der Raum voll Augen, die ich nicht sehen, -- voll von planlos wandernden Händen, die ich nicht greifen konnte.
  457. 457Ich stellte mich steif hin und wartete.
  458. 458Mit einem Ruck fuhr ich herum: wieder nichts.
  459. 459Dasselbe markverzehrende »Nichts«, das _nicht war_ und doch das Zimmer mit seinem grausigen Leben erfüllte.
  460. 460Ich löschte wieder aus und warf mich angezogen übers Bett. Zählte die Schläge meines Herzens: eins, zwei, drei -- vier ... bis tausend, und immer von neuem -- Stunden, Tage, Wochen, wie mir schien, bis meine Lippen trocken wurden und das Haar sich mir sträubte: keine Sekunde der Erleichterung.
  461. 461Ich fing an, mir Worte vorzusagen, wie sie mir gerade auf die Zunge kamen: »Prinz«, »Baum«, »Kind«, »Buch« -- und sie krampfhaft zu wiederholen, bis sie plötzlich als sinnlose, schreckhafte Laute aus barbarischer Vorzeit nackt mir gegenüberstanden, und ich mit aller Kraft nachdenken mußte, in ihre Bedeutung zurückzufinden: P--r--i--n--z? -- B--u--ch?
  462. 462Mich in den Sessel setzen!
  463. 463Ich ließ mich in den Lehnstuhl fallen.
  464. 464Langsam wurde mir endlich klar, daß ein seltsames Wesen vor mir stand -- vielleicht schon, seit ich hier saß, dagestanden hatte -- und mir die Hand hinstreckte:
  465. 465Mein Selbsterhaltungstrieb sagte mir, ich würde wahnsinnig werden vor Entsetzen und Furcht, wenn ich das Gesicht des Phantoms sehen könnte, -- warnte mich davor, schrie es mir in die Ohren -- und doch zog es mich wie ein Magnet, daß ich den Blick von dem fahlen Nebelballen nicht wenden konnte und darin forschte nach Augen, Nase und Mund.
  466. 466Die Umrisse des Phantoms schleierten schemenhaft in der Dunkelheit, zogen sich kaum merklich zusammen und dehnten sich wieder aus, wie unter langsamen Atemzügen, die die ganze Gestalt durchliefen, die einzige Bewegung, die zu bemerken war. Statt der Füße berührten Knochenstumpen den Boden, von denen das Fleisch -- grau und blutleer -- auf Spannenbreite zu wulstigen Rändern emporgezogen war.
  467. 467Ich fühlte dumpf: eine ungeheure Verantwortung lag auf mir -- eine Verantwortung, die weit hinausging über alles Irdische, -- wenn ich jetzt nicht das Richtige tat.
  468. 468Das Leben von Myriaden Menschen wiegt leicht wie eine Feder in diesem furchtbaren Augenblick, erkannte ich -- --.
  469. 469Menschliche Antlitze zogen in langen Reihen an mir vorüber. Die Lider zugedrückt -- starre Totenmasken: -- mein eigenes Geschlecht, meine eigenen Vorfahren.
  470. 470Immer dieselbe Schädelbildung, wie auch der Typus zu wechseln schien, so stand es auf aus seinen Grüften, -- mit glattem, gescheiteltem Haar, gelocktem und kurz geschnittenem, mit Allongeperücken und in Ringe gezwängten Schöpfen -- durch Jahrhunderte heran, bis die Züge mir bekannter und bekannter wurden und in ein letztes Gesicht zusammenflossen: -- das Gesicht des Golem, mit dem die Kette meiner Ahnen abbrach.
  471. 471Dann löste die Finsternis mein Zimmer in einen unendlichen leeren Raum auf, in dessen Mitte ich mich auf meinem Lehnstuhl sitzen wußte, vor mir der graue Schatten wieder mit dem ausgestreckten Arm.
  472. 472Die des einen Kreises gehüllt in Gewänder mit violettem Schimmer, die des anderen mit rötlich schwarzem. Menschen einer fremden Rasse, von hohem, unnatürlich schmächtigem Wuchs, die Gesichter hinter leuchtenden Tüchern verborgen.
  473. 473Das Herzbeben in meiner Brust sagte mir, daß der Zeitpunkt der Entscheidung gekommen war. Meine Finger zuckten nach den Körnern: -- und da sah ich, wie ein Zittern durch die Gestalten des rötlichen Kreises ging. --
  474. 474Ich hob den Arm, wußte noch immer nicht, was ich tun sollte, und -- schlug auf die ausgestreckte Hand des Phantoms, daß die Körner über den Boden hinrollten.
  475. 475Das graue Geschöpf war verschwunden. Ebenso die Wesen des rötlichen Kreises.
  476. 476Die bläulichen Gestalten hingegen hatten einen Ring um mich gebildet; sie trugen eine Inschrift aus goldnen Hieroglyphen auf der Brust und hielten stumm -- es sah aus wie ein Schwur -- zwischen Zeigefinger und Daumen die roten Körner in die Höhe, die ich dem Phantom ohne Kopf aus der Hand geschlagen hatte.
  477. 477Ich hörte, wie draußen Hagelschauer gegen die Fenster tobten und brüllender Donner die Luft zerriß:
  478. 478Die Mattigkeit in meinen Gliedern nahm derart zu, daß ich nur mehr mit stumpfen Sinnen und halb im Traum wahrnahm, was um mich her vorging:
  479. 479Die andern erwiderten etwas in einer fremden Sprache.
  480. 480vor, aber ich verstand das übrige nicht: der Wind trug das Stöhnen der berstenden Eisschollen zu laut vom Flusse herüber.
  481. 481Dann löste sich einer aus dem Kreis, trat vor mich hin, deutete auf die Hieroglyphen auf seiner Brust -- sie waren dieselben Buchstaben wie die der übrigen -- und fragte mich, ob ich sie lesen könne.
  482. 482CHABRAT ZEREH AUR BOCHER
  483. 483Die Gemme war fertig geworden, und Mirjam hatte sich wie ein Kind darüber gefreut.
  484. 484Ich lehnte mich zurück und ließ ruhevoll all die kleinen Geschehnisse der heutigen Stunden an mir vorüberziehen:
  485. 485Die vielen, kleinen lieben Dinge, die ich in meiner Jugend mein eigen genannt, hatte ich wieder gesehen im Geiste -- und meinen Vater und meine Mutter und die Menge Schulkameraden. Nur an das Haus, wo ich gewohnt, konnte ich mich nicht mehr erinnern.
  486. 486Ich wußte, es würde plötzlich, eines Tages, wenn ich es am wenigsten erwartete, wieder vor mir stehen; und ich freute mich darauf.
  487. 487Die Empfindung, daß sich mit einem Male alles natürlich und einfach in mir abwickelte, war so behaglich.
  488. 488Ich konnte nicht begreifen, daß es jemals gespenstisch auf mich gewirkt hatte!
  489. 489Die Freude am Leben, die während der Arbeit heimlich in mich eingezogen war, erwachte von neuem in ihrer ganzen erquickenden Frische und verscheuchte die Nachtgedanken, die mich hinterrücks wieder überfallen wollten.
  490. 490Mir wurde heiß und kalt: ein winziger Zufall -- und meine Hoffnung, die verwegenste Hoffnung, gewann Gestalt. An einem dünnen Faden, der stündlich reißen konnte, hing das Glück, das mir dann in den Schoß fallen müßte.
  491. 491Ist denn Mystik gleichbedeutend mit Wunschlosigkeit?
  492. 492Ich übertönte das »Ja« in mir: -- nur noch eine Stunde träumen -- eine Minute -- ein kurzes Menschendasein!
  493. 493Die Edelsteine auf dem Tisch wuchsen und wuchsen und umgaben mich von allen Seiten mit farbigen Wasserfällen. Bäume aus Opal standen in Gruppen beisammen und strahlten die Lichtwellen des Himmels, der blau schillerte wie der Flügel eines gigantischen Tropenschmetterlings, in Funkensprühregen über unabsehbare Wiesen voll heißem Sommerduft.
  494. 494Mich dürstete, und ich kühlte meine Glieder in dem eisigen Gischt der Bäche, die über Felsblöcke rauschten aus schimmerndem Perlmutter.
  495. 495Das waren die Qualen des Paradieses.
  496. 496Ich riß die Fenster auf und ließ den Tauwind an meine Stirne wehen.
  497. 497Mirjam!
  498. 498Ich mußte an Mirjam denken. Wie sie sich vor Erregung an der Wand hatte halten müssen, um nicht umzufallen, als sie mir erzählen gekommen, ein Wunder sei geschehen, ein wirkliches Wunder: sie habe ein Goldstück gefunden in dem Brotlaib, den der Bäcker vom Gang aus durchs Gitter ins Küchenfenster gelegt. -- -- --
  499. 499Ich griff nach meiner Börse. -- Hoffentlich war es heute nicht schon zu spät, und ich kam noch zurecht, _ihr wieder einen Dukaten zuzuzaubern_!
  500. 500Die Reinheit des Motivs war keine Entschuldigung für mich, -- der Zweck heiligt die Mittel _nicht_, das sah ich ein.
  501. 501Ich fing an, irre an mir selbst zu werden.
  502. 502Daß ich Mirjam viel zu oberflächlich beurteilt hatte, war klar.
  503. 503Mirjam und ich waren jetzt gute Freunde; sollte ich ihr eingestehen, daß ich es gewesen war, der die Dukaten Tag für Tag ins Brot geschmuggelt hatte?
  504. 504Der Schlag käme zu plötzlich. Würde sie betäuben.
  505. 505Ich durfte das nicht wagen, mußte behutsamer vorgehen.
  506. 506Das »Wunder« irgendwie abschwächen? Statt das Geld ins Brot zu stecken, es auf die Treppenstufe legen, daß sie es finden mußte, wenn sie die Tür aufmachte, und so weiter, und so weiter? Etwas Neues, weniger Schroffes würde sich schon ausdenken lassen, irgendein Weg, der sie aus dem Wunderbaren allmählich wieder ins Alltägliche herüberlenkte, tröstete ich mich.
  507. 507Vielleicht interessierte es sie, die eingestürzte Brücke zu besichtigen?
  508. 508Ich war fest entschlossen, keinen Widerspruch gelten zu lassen.
  509. 509Ich forderte ihn auf, näher zu treten und sich zu setzen, aber er blieb am Tisch stehen und drehte krampfhaft mit der Hutkrempe. Eine tiefe Feindseligkeit, die er vergebens vor mir verbergen wollte, spiegelte aus seinem Gesicht und jeder seiner Bewegungen.
  510. 510Das »Blut«, wie Charousek es treffend bezeichnet hatte.
  511. 511Im Widerspruch zu seinen Worten schloß er dabei die Augen, vielleicht, um meinem Blick nicht zu begegnen. Oder glaubte er, daß es seinem Gesicht einen harmloseren Ausdruck verleihen würde?
  512. 512Man konnte ihm deutlich anhören, welche Mühe er sich gab, hochdeutsch zu reden.
  513. 513Ich fühlte mich nicht zu einer Entgegnung verpflichtet und wartete, was er weiter sagen würde.
  514. 514In seiner Verlegenheit griff er nach der _Feile_, die -- weiß Gott wieso -- noch seit Charouseks Besuch auf dem Tisch lag, fuhr aber unwillkürlich sofort wie von einer Schlange gebissen zurück. Ich staunte innerlich über seine unterbewußte seelische Feinfühligkeit.
  515. 515Ich wollte ihn in die Enge treiben: »Sie meinen die Dame, die neulich hier vorfuhr? Sagen Sie doch offen, wo Sie hinauswollen!«
  516. 516Die sonderbare, unmotivierte Art, mit der er es tat, erinnerte mich daran, wie er vor einigen Tagen den taubstummen Jaromir unten in seine Höhle gerissen hatte.
  517. 517Mit krummen Fingern hielt er mir einen blitzenden Gegenstand hin:
  518. 518Ich nahm ein Vergrößerungsglas: die Scharniere waren zur Hälfte abgerissen und innen -- stand da nicht etwas eingraviert? Kaum mehr leserlich und noch überdies mit einer Menge ganz frischer Schrammen zerkratzt. Langsam entzifferte ich:
  519. 519Ich konnte mich nicht entsinnen. Zottmann?
  520. 520Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spuckte mir seine widerwärtigen Schmeicheleien förmlich ins Gesicht.
  521. 521Drei Tag. Vier Tag. Die nächste Woche ist Zeit genug. Das ganze Leben möcht' ich mir Vorwürfe machen, daß ich Ihnen gedrängt hab'.«
  522. 522Ich musterte ihn scharf, ließ aber meinen Verdacht sofort fallen:
  523. 523Im Gegensatz zu früher hielt er seine Fischaugen jetzt beim Reden weit offen und fixierte beharrlich meinen obersten Westenknopf. -- --
  524. 524Ich wollte auffahren, ihn am Hals packen und vor die Tür setzen, war mein erster Gedanke; dann überlegte ich, ob es nicht klüger sei, ihn zuvörderst einmal gründlich auszuhorchen.
  525. 525Verstehen Sie mich?! Das sag' ich Ihnen!« -- Er fing an zu schreien:
  526. 526Die Wut stieg mir in die Augen; ich packte den Halunken an der Brust und schüttelte ihn:
  527. 527Ich ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, um mich zu beruhigen. Horchte nicht hin, was er alles zu seiner Entschuldigung herausgeiferte.
  528. 528Dann setzte ich mich ihm dicht gegenüber, in der festen Absicht, die Sache, soweit sie Angelina betraf, ein für allemal mit ihm ins Reine zu bringen und, sollte es im Frieden nicht gehen, ihn zu zwingen, endlich die Feindseligkeiten zu eröffnen und seine paar schwachen Pfeile vorzeitig zu verschießen.
  529. 529Verstehen Sie, Pernath?!«
  530. 530Ich horchte erstaunt auf:
  531. 531Langsam griff er nach seinem Hut, setzte ihn auf und wandte sich zum Gehen. Dann blieb er noch einmal stehen und sagte mit einer Ruhe, deren ich ihn nie für fähig gehalten hätte:
  532. 532Das Zimmer verschwamm vor meinen Augen.
  533. 533Ich sah nur -- wie durch Nebel --, daß Hillel unbeweglich stehen blieb und Wassertrum Schritt für Schritt bis an die Wand zurückwich.
  534. 534Dann hörte ich Hillel sagen:
  535. 535Ich ging ans Fenster und richtete den Spiegel so, daß der Sonnenstrahl, der darauf schien, genau auf das vergitterte Guckloch seiner Kellerwohnung fiel.
  536. 536Das Eingreifen Hillels -- gestern -- hatte mich ziemlich beruhigt.
  537. 537Die milde Frühlingsluft, die durch das offene Fenster aus dem Nebenzimmer hereinströmte, machte mich krank vor Sehnsucht.
  538. 538Dies schmelzende Tropfen von den Dächern! Und wie die feinen Wasserschnüre im Sonnenlicht glänzten!
  539. 539Dieses süchtige Keimen einer ungewissen Verliebtheit in meiner Brust, es wollte nicht weichen.
  540. 540Die ganze Nacht über hatte es mich gequält. Einmal war es Angelina gewesen, die sich an mich geschmiegt, dann wieder sprach ich scheinbar ganz harmlos mit Mirjam, und kaum hatte ich das Bild zerrissen, kam abermals Angelina und küßte mich; ich roch den Duft ihres Haares, und ihr weicher Zobelpelz kitzelte mich am Hals, rutschte von ihren entblößten Schultern -- und sie wurde zur Rosina, die mit trunkenen, halbgeschlossenen Augen tanzte -- im Frack -- nackt; -- -- -- und alles in einem Halbschlaf, der doch genau so gewesen war wie ein Wachsein. Wie ein süßes, verzehrendes, dämmeriges Wachsein.
  541. 541Vielleicht begegnete ich dabei Charousek zufällig, entschuldigte ich mich vor mir selbst.
  542. 542Ich holte das altertümliche Tarokspiel vom Bücherbord, um mir die Zeit rascher zu vertreiben. --
  543. 543Vielleicht ließ sich aus den Bildern Anregung schöpfen zum Entwurf einer Kamee?
  544. 544Ich suchte nach dem Pagad.
  545. 545Ich blätterte noch einmal die Karten durch und verlor mich in Nachdenken über ihren verborgenen Sinn. Besonders der »Gehenkte«, -- was konnte er nur bedeuten?:
  546. 546Da! -- Endlich! Charousek kam.
  547. 547Ich faßte ihre beiden Hände:
  548. 548Ich erwartete, sie würde mir widersprechen, aber sie nickte nur in Gedanken versunken.
  549. 549Ich zwang mich zur Lustigkeit: »und das können Sie nur gutmachen, wenn Sie mit mir ausfahren.« (Ich bemühte mich, so viel Übermut wie möglich in meine Stimme zu legen:) »Ich möchte doch einmal sehen, Mirjam, ob es mir nicht gelingt, Ihnen die trüben Gedanken zu verscheuchen. Sagen Sie, was Sie wollen: Sie sind noch lange kein ägyptischer Zauberer, sondern vorläufig nur ein junges Mädchen, dem der Tauwind noch manchen bösen Streich spielen kann.«
  550. 550Mirjam nickte. »Gott sei Dank ist es nicht zustande gekommen. -- Für den armen Menschen freilich war es ein vernichtender Schlag.«
  551. 551Ich rückte neugierig näher:
  552. 552Ist denn das so merkwürdig? -- Gegen mich war er immer freundlich und gütig. Einmal sogar, erinnere ich mich, schenkte er mir einen großen blitzenden Stein, der mir besonders unter seinen Sachen gefallen hatte.
  553. 553Meine Mutter sagte, es sei ein Brillant, und ich mußte ihn natürlich sofort zurücktragen.
  554. 554Mit einer Umsicht, die beinahe an Weisheit grenzte, und bei einem unbelesenen Menschen, wie er, wunderbar ist, leitete er die Erziehung seines Sohnes. Mit dem Scharfsinn eines Psychologen räumte er dem Kinde jedes Erlebnis aus dem Wege, das zur Entwicklung der Gewissenstätigkeit hätte beitragen können, um ihm künftige seelische Leiden zu ersparen.
  555. 555Daß das Geld als Standarte und Schlüssel zur >Macht< dabei eine erste Rolle spielte, können Sie sich denken, Herr Pernath. Und so wie er selbst den eigenen Reichtum sorgsam geheim hält, um die Grenzen seines Einflusses in Dunkel zu hüllen, so ersann er sich ein Mittel, seinem Sohn Ähnliches zu ermöglichen, ihm aber gleichzeitig die Qual eines scheinbar ärmlichen Lebens zu ersparen: er durchtränkte ihn mit der infernalischen Lüge von der >Schönheit<, brachte ihm die äußere und innere Gebärde der Ästhetik bei, lehrte ihn _äußerlich_: die Lilie auf dem Felde heucheln und _innerlich_ ein Aasgeier sein.
  556. 556Daß ihn sein Sohn später verleugnete, wo und wann er nur konnte, nahm er niemals übel. Im Gegenteil, er machte es ihm zur _Pflicht_: denn seine Liebe war selbstlos und wie ich es schon einmal von meinem Vater sagte:
  557. 557Mirjam schwieg einen Augenblick und ich sah ihr an, wie sie ihre Gedanken stumm weiterspann, hörte es an dem veränderten Klang ihrer Stimme, als sie sagte:
  558. 558Mirjam schüttelte den Kopf. »Wenn Ihnen daran liegt -- soll ich mich erkundigen?«
  559. 559Ich lenkte ein, um ihr aus der Verlegenheit zu helfen:
  560. 560Das erste Mal, seit ich sie kannte, sah ich das Frauenhafte in ihren Zügen.
  561. 561Ich horchte gespannt auf: »Der Hermaphrodit --?«
  562. 562Mirjam wollte gehen; ich hielt sie zurück:
  563. 563irgendwohin ins Freie, wo man so recht das Keimen und heimliche Sprossen in der Luft ahnt. Kommen Sie, kommen Sie, nehmen Sie Ihren Hut; und dann essen Sie bei mir, -- und dann schwätzen wir bis abends. Nehmen Sie doch Ihren Hut! Worauf warten Sie denn? -- Eine warme, ganz weiche Decke ist unten: da wickeln wir uns ein bis an die Ohren und kuscheln uns zusammen, bis uns siedheiß wird.«
  564. 564Mirjam hatte sich bereits hastig von Angelina verabschiedet, noch ehe ich aussprechen konnte.
  565. 565Ich begleitete sie bis vor die Tür, obschon sie mich freundlich abwehren wollte.
  566. 566Mir war, als hätte ich eine Welt verloren.
  567. 567Der scharfe Wind, der uns ins Gesicht schnitt, ließ mich die Wärme von Angelinas Körper doppelt sinnverwirrend empfinden.
  568. 568Die Schutzleute an den Kreuzungen sprangen respektvoll zur Seite, wenn wir an ihnen vorüberjagten.
  569. 569Dann ging's im Schritt über das Quai, das eine einzige Wagenreihe war, an der eingestürzten steinernen Brücke vorbei, umstaut vom Gewühl gaffender Gesichter.
  570. 570Ich blickte kaum hin: -- das kleinste Wort aus dem Munde Angelinas, ihre Wimpern, das eilige Spiel ihrer Lippen, -- alles, alles war mir unendlich viel wichtiger, als zuzusehen, wie die Felstrümmer dort unten den antaumelnden Eisschollen die Schultern entgegenstemmten. --
  571. 571Leute saßen auf Bänken in der Sonne und blickten hinter uns drein und steckten die Köpfe zusammen.
  572. 572Ich konnte den Blick nicht wenden von ihrem halboffenen Mund.
  573. 573Der Wagen bog über eine feuchte Wiese.
  574. 574Ich fühlte es an dem Beben ihres Blutes. Ihr Arm zitterte kaum merklich an meiner Brust. Sie blickte krampfhaft von mir weg aus dem Wagen hinaus. -- -- --
  575. 575Langsam zog ich ihre Hand an meine Lippen, streifte den weißen, duftenden Handschuh zurück, hörte, wie ihr Atem heftig wurde, und preßte toll vor Liebe meine Zähne in ihren Handballen.
  576. 576Dann stand ich am Fluß über ein eisernes Geländer gebeugt und starrte hinab in die tosenden Wellen.
  577. 577Ich setzte mich auf eine Bank und zog den Hut tief ins Gesicht, um zu träumen.
  578. 578Die Wasser brausten über das Wehr und ihr Rauschen verschlang die letzten, aufmurrenden Geräusche der schlafengehenden Stadt.
  579. 579Mich schauderte bei dem Gedanken, wieder zurück zu müssen in mein trauriges Haus.
  580. 580Der Glanz eines kurzen Nachmittags hatte mich für immer zum Fremdling in meiner Wohnstätte gemacht.
  581. 581Dann war ich heimatlos hier und drüben, diesseits und jenseits des Flusses.
  582. 582Ich stand auf! Wollte noch durch das Parkgitter einen Blick auf das Schloß werfen, hinter dessen Fenstern sie schlief, ehe ich in das finstere Ghetto ging. -- -- -- Ich schlug die Richtung ein, aus der ich gekommen war, tappte mich durch den dichten Nebel an Häuserreihen entlang und über schlummernde Plätze, sah schwarze Monumente drohend auftauchen und einsame Schilderhäuser und die Schnörkel von Barockfassaden. Der matte Schimmer einer Laterne wuchs zu riesigen, phantastischen Ringen in verblichenen Regenbogenfarben aus dem Dunst heraus, wurde zum fahlgelben, stechenden Auge und zerging hinter mir in der Luft.
  583. 583Mein Fuß tastete breite, steinerne Stufenflächen, mit Kies bestreut. Wo war ich? Ein Hohlweg, der steil aufwärts führt?
  584. 584Dann ein strahlender Punkt: ein einsames Licht in der Ferne -- irgendwo -- rätselhaft -- zwischen Himmel und Erde. -- -- --
  585. 585Ich mußte fehlgegangen sein. Es konnte nur die »alte Schloßstiege« sein neben den Hängen der Fürstenbergschen Gärten -- -- --
  586. 586Dann lange Strecken lehmiger Erde. -- Ein gepflasterter Weg.
  587. 587Ich war in die »Goldmachergasse« geraten, wo im Mittelalter die alchimistischen Adepten den Stein der Weisen geglüht und die Mondstrahlen vergiftet haben.
  588. 588Ich gehe durch das Gatter über den schmalen Gartenstreif, drücke das Gesicht an die Scheiben: -- alles finster. Ich klopfe ans Fenster. -- Da geht drinnen ein steinalter Mann, eine brennende Kerze in der Hand, durch eine Tür mit greisenhaft wankenden Schritten bis mitten in die Stube, bleibt stehen, dreht langsam den Kopf nach den verstaubten alchimistischen Retorten und Kolben an der Wand, starrt nachdenklich auf die riesigen Spinnweben in den Ecken und richtet dann seinen Blick unverwandt auf mich.
  589. 589Der Schatten seiner Backenknochen fällt ihm auf die Augenhöhlen, daß es aussieht, als seien sie leer wie die einer Mumie.
  590. 590Ich klopfe ans Glas.
  591. 591Ich warte vergebens.
  592. 592Man konnte kaum ihre Gesichtszüge unterscheiden, so schluckten die dunkelbraunen Wände das spärliche Licht der altmodischen Hängelampe ein.
  593. 593In der Ecke die spindeldürre, wortkarge, verwitterte Kellnerin mit ihrem ewigen Strickstrumpf, dem farblosen Blick und der gelben Entenschnabelnase!
  594. 594Mattrote Decken hingen vor den geschlossenen Türen, so daß die Stimmen der Gäste im Nebenzimmer nur wie das leise Summen eines Bienenschwarms herüberdrangen.
  595. 595Vrieslander, seinen kegelförmigen Hut mit der geraden Krempe auf dem Kopf, mit seinem Knebelbart, der bleigrauen Gesichtsfarbe und der Narbe unter dem Auge, sah aus wie ein ertrunkener Holländer aus einem vergessenen Jahrhundert.
  596. 596Die Zeitungsrubriken: »Kehre zurück, alles ist verziehen« wuchsen immer mehr und mehr, -- ein Umstand, den Babinski, leichtsinnig wie die meisten Berufsmörder, in seine Berechnungen nicht einbezogen hatte, -- und erregten schließlich die allgemeine Aufmerksamkeit.
  597. 597In dem lieblichen Dörfchen Krtsch bei Prag hatte sich Babinski, der innerlich ein ausgesprochen idyllischer Charakter war, mit der Zeit durch seine unverdrossene Tätigkeit ein kleines, aber trautes Heim geschaffen. Ein Häuschen, blitzend vor Sauberkeit, und ein Gärtchen davor mit blühenden Geranien.
  598. 598Da es ihm seine Einkünfte nicht gestatteten, sich zu vergrößern, sah er sich genötigt, um die Leichen seiner Opfer unauffällig bestatten zu können, statt eines Blumenbeetes -- wie er es gern gesehen hätte -- einen grasbewachsenen und schlichten, aber, den Umständen angemessen:
  599. 599Man verhaftete Babinski in seinem Tuskulum.
  600. 600Der Gerichtshof verurteilte ihn unter Zubilligung des mildernden Umstandes eines ansonsten trefflichen Leumundes zum Tode durch den Strang und beauftragte zugleich die Firma Gebrüder Leipen -- Seilwaren en gros und en detail -- die nötigen Hinrichtungsutensilien, soweit diese in ihre Branche fielen, unter Anrechnung ziviler Preise einem hohen Staatsärar gegen Quittung auszuhändigen.
  601. 601Die leichte Gartenarbeit, die er nebenbei mit zu versehen hatte, ging ihm dank der großen, während seines früheren Wirkungskreises erworbenen Geschicklichkeit im Gebrauch des Spatens hurtig von der Hand, so daß ihm hinlänglich Muße blieb, Herz und Geist an guter, sorgfältig ausgewählter Lektüre zu läutern.
  602. 602Die daraus resultierenden Folgen waren hocherfreulich.
  603. 603Ich erzählte ihnen meine Wanderung durch den Nebel.
  604. 604Vrieslander und Prokop waren ernst geworden und jeder von uns hielt eine Antwort für überflüssig.
  605. 605Die alte Kellnerin kratzte sich mit der Stricknadel am Kopf, seufzte, errötete und sagte:
  606. 606Die Kellnerin sprang sofort auf und verließ indigniert das Zimmer.
  607. 607Der Wirt brachte neuen Grog und die Gespräche fingen allmählich an, eine schwüle Richtung zu nehmen. Zu schwül, als daß sie mir nicht ins Blut gegangen wären bei meiner fiebrigen Stimmung.
  608. 608Ich sträubte mich dagegen, aber je mehr ich mich innerlich abschloß und an Angelina zurückdachte, um so heißer brauste es mir in den Ohren.
  609. 609Der Nebel war durchsichtiger geworden, sprühte feine Eisnadeln auf mich, war aber immer noch so dicht, daß ich die Straßentafeln nicht lesen konnte und von meinem Heimweg um ein geringes abkam.
  610. 610Ich war in eine andere Gasse geraten und wollte eben umkehren, da hörte ich meinen Namen rufen:
  611. 611Ich blickte um mich, in die Höhe:
  612. 612Ich trat erstaunt in den Gang, -- da schlangen sich warme Frauenarme um meinen Hals und ich sah bei dem Lichtstrahl, der aus einem sich langsam öffnenden Türspalt fiel, daß es Rosina war, die sich heiß an mich preßte.
  613. 613List
  614. 614Meine alte Bedienerin war ausgeblieben oder hatte vergessen einzuheizen.
  615. 615Der Fußboden nicht gekehrt.
  616. 616Ich riß das Fenster auf, schloß es wieder: -- der kalte, schmutzige Hauch von der Straße war unerträglich.
  617. 617Das Sitzpolster auf dem Lehnstuhl -- wie fadenscheinig es war! Die Roßhaare quollen hervor aus den Rändern.
  618. 618Man mußte es zum Tapezierer schicken -- -- ach was, sollte es so bleiben -- noch ein ödes Menschenleben hindurch, bis alles zu Gerümpel zerfiel!
  619. 619Dann brauchte ich diese augenverletzenden Dinge wenigstens nie mehr zu sehen, und der ganze graue, zermürbende Jammer war vorüber -- ein für allemal.
  620. 620Da gab es nur noch eins.
  621. 621Ich rechnete im Kopf zusammen, wieviel Geld ich auf der Bank liegen hatte.
  622. 622Ich fühlte: ja, er würde Rat wissen für sie.
  623. 623Ich suchte die Steine zusammen, steckte sie ein, sah auf die Uhr: wenn ich jetzt auf die Bank ging -- in einer Stunde konnte alles in Ordnung gebracht sein.
  624. 624Ich blickte umher. Blieb mir noch etwas zu tun?
  625. 625Ich haßte die Feile! Wieviel hatte gefehlt, und ich wäre zum Mörder geworden durch sie.
  626. 626Der Schweiß lief ihm übers Gesicht, und er zitterte vor Aufregung.
  627. 627Dann sah er sich ein paarmal scheu um und flüsterte heiser:
  628. 628Ich suchte in seinen Augen zu lesen.
  629. 629Ich horchte, ging ins andere Zimmer zurück und zog zu seiner Beruhigung die Verbindungstür hinter mir halb zu.
  630. 630Daß ich heute vor Sie hintreten kann mit weißem Kragen und in sauberem Anzug, -- wissen Sie, wem ich es verdanke? Einem der edelsten und leider -- ach -- meist verkannten Menschen unserer Stadt. Rührung übermannt mich, wenn ich seiner gedenke.
  631. 631Vor einigen Tagen rief er mich an, als ich vorüberging, schenkte mir Geld und versetzte mich dadurch in die Lage, mir gegen Ratenzahlung einen Anzug kaufen zu können.
  632. 632Mit Stolz sage ich es, denn ich war von jeher der einzige, der geahnt hat, welch goldenes Herz in seinem Busen schlägt: Es war -- Herr Aaron Wassertrum!« -- --
  633. 633Ich bin Seelenarzt, aber auch mein Gefühl sagt mir, es ist am besten, Herr Wassertrum erfährt nie -- auch aus meinem Munde nicht -- wie hoch ich von ihm denke. -- Es hieße das: Zweifel in sein unglückliches Herz säen. Und das sei ferne von mir. Lieber soll er mich für undankbar halten.
  634. 634Meister Pernath! Ich bin selbst ein Unglücklicher und weiß von Kindesbeinen an, was es heißt, einsam und verlassen in der Welt zu stehen! Ich kenne nicht einmal den Namen meines Vaters. Auch mein Mütterlein habe ich niemals von Angesicht zu Angesicht gesehen. Sie muß frühzeitig gestorben sein --« Charouseks Stimme wurde seltsam geheimnisvoll und eindringlich, -- »und war, wie ich bestimmt glaube, eine jener tiefseelisch angelegten Naturen, die nie sagen können, wie unendlich sie lieben, und zu denen auch Herr Aaron Wassertrum gehört.
  635. 635Ich besitze eine abgerissene Seite aus dem Tagebuch meiner Mutter -- ich trage das Blatt beständig auf der Brust -- und darin steht, daß sie meinen Vater, obschon er häßlich gewesen sein soll, geliebt hat, wie wohl noch nie ein sterbliches Weib auf Erden einen Mann geliebt hat.
  636. 636Dennoch scheint sie es ihm nie gesagt zu haben. -- Vielleicht aus ähnlichen Gründen, weshalb ich z. B. Herrn Wassertrum nicht sagen könnte -- und wenn mir das Herz darüber bräche -- was ich für ihn an Dankbarkeit fühle.
  637. 637mein Vater, wer auch immer er gewesen war -- sein Andenken möge vergehen im Himmel und auf Erden! -- muß scheußlich an meiner Mutter gehandelt haben.«
  638. 638Dann feixte er wie der Satan. Mir schien es, als hätte Wassertrum nebenan leise gestöhnt.
  639. 639Ich wollte unwillkürlich etwas erwidern, allein Charousek unterbrach mich rasch:
  640. 640Die Tränen treten mir in die Augen, wenn ich ihn im Geiste vor mir sehe.
  641. 641Ich war ihm aus ganzer Seele zugetan, als hätte mich ein unmittelbares Band der Liebe und Verwandtschaft mit ihm verknüpft.«
  642. 642Charousek schluchzte, als könne er vor Ergriffenheit kaum weitersprechen.
  643. 643Charousek zog eine Medizinflasche hervor und fuhr bebend fort:
  644. 644Das soll der heimliche Dank sein, den ich ihm gebe. Ich bin arm und es ist alles, was ich habe, aber es macht mich froh, zu wissen: beides wird jetzt _ihm_ gehören, und dennoch ahnt er nicht, daß _ich_ der Geber bin.
  645. 645Charousek schüttelte den Kopf:
  646. 646Mit taumelnden Schritten, sich an der Wand stützend, kam Wassertrum die Stiege herunter und wankte an uns vorüber.
  647. 647Charousek schüttelte mir flüchtig die Hand und schlich ihm nach. -- --
  648. 648Man solle den Direktor holen, denn ich sei in größter Eile und gedächte in einer Stunde abzureisen, hatte ich eine Ausrede gebraucht.
  649. 649Ich war so niedergeschlagen, daß ich mir gar nicht bewußt wurde, wie lange ich schon vor der Türe eines Kaffeehauses auf und niedergeschritten sein mochte.
  650. 650Ich glaubte, er wolle mich anbetteln, und suchte schon nach meinem Portemonnaie, da sah ich einen großen Brillanten an seinen wulstigen Metzgerfingern aufblitzen.
  651. 651Die veratmete Luft, das ewige, alberne Klappen der Billardkugeln, das trockene, unaufhörliche Geräusper eines halbblinden Zeitungstigers mir gegenüber, ein storchbeiniger Zollbeamter, der abwechselnd in der Nase bohrte oder sich mit gelben Zigarettenfingern vor einem Taschenspiegel den Schnurrbart kämmte, ein braunsammetenes Gebrodel ekelhafte, verschwitzter, schnatternder Italiener um den Kartentisch in der Ecke, die bald unter gellem Gekreisch ihre Trümpfe mit dem Faustknöchel hinschlugen, bald unter Brecherscheinungen ins Zimmer spuckten. Und das alles in den Wandspiegeln doppelt und dreifach sehen zu müssen! Es sog mir langsam das Blut aus den Adern. -- --
  652. 652Ich zahlte und ging.
  653. 653Ich begriff: der Falott war Geheimpolizist und verhaftete mich.
  654. 654Ich schlug ihm vor, ich wollte einen Wagen nehmen.
  655. 655ALOIS OTSCHIN
  656. 656las ich auf der Porzellantafel.
  657. 657Das Bild des Kaisers an der Wand.
  658. 658Ich hörte rascheln. Jemand murmelte ein paar Worte in böhmischer Sprache und gleich darauf tauchte der Herr Polizeirat aus dem rechten Schreibtisch auf und trat vor mich hin.
  659. 659Dabei kniff er die Augen hinter den Brillengläsern zusammen, was ihm den Ausdruck furchterregender Niedertracht verlieh.
  660. 660Ich bejahte: »Pernath. Gemmenschneider.«
  661. 661Ich war auf etwas Ähnliches gefaßt gewesen und zuckte nicht mit der Wimper.
  662. 662Ich fühlte trotzdem genau, daß der Polizeirat mir ansah, wie ich ihn belog, und innerlich schäumte vor Wut, nichts aus mir herausbekommen zu können.
  663. 663Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte. »Was meinen Sie damit: Sie wollen mich retten?«, fragte ich laut.
  664. 664Der Klumpfuß stampfte ärgerlich auf den Boden. Der Polizeirat wurde aschgrau im Gesicht vor Haß. Zog die Lippe empor. Wartete. -- Ich wußte, daß er gleich wieder losspringen würde; (sein Verblüffungssystem erinnerte mich an Wassertrum) und ich wartete ebenfalls, -- sah, daß ein Bocksgesicht, der Inhaber des Klumpfußes, lauernd hinter dem Schreibpulte auftauchte -- -- dann schrie mich der Polizeirat plötzlich gellend an:
  665. 665Ich war sprachlos vor Verblüffung.
  666. 666Mißmutig zog sich das Bocksgesicht wieder hinter sein Pult zurück.
  667. 667Mir stockte der Atem. »Ja! Jederzeit.«
  668. 668Das Bockgesicht erschien abermals.
  669. 669Das Wort traf mich wie ein Dolchstich: Zottmann! Zottmann! Die Uhr! Der Name Zottmann stand doch in der Uhr eingraviert.
  670. 670Ich fühlte, wie mir alles Blut zum Herzen strömte: Der grauenhafte Wassertrum hatte mir die Uhr gegeben, um den Verdacht des Mordes auf mich zu lenken!
  671. 671Mich packte eine besinnungslose Wut.
  672. 672Ich suchte nach einem schweren Gegenstand.
  673. 673Im nächsten Augenblick hatten mich zwei Schutzleute gepackt und mir Handschellen angelegt.
  674. 674Der Polizeirat blähte sich jetzt wie der Hahn auf dem Mist:
  675. 675Ich war wieder ganz ruhig geworden und gab mit klarer Stimme zu Protokoll:
  676. 676Die Hände gefesselt, hinter mir ein Gendarm mit aufgepflanztem Bajonett, mußte ich durch die abendlich beleuchteten Straßen gehen.
  677. 677Dann nahm mich ein riesiges Tor auf und ein Flurzimmer, in dem es nach Küche stank.
  678. 678Dann visitierte er meine Taschen, nahm alles heraus, was er darin fand, und fragte mich, ob ich -- Wanzen hätte.
  679. 679Man führte mich mehrere Stockwerke hinauf und durch Gänge, in denen vereinzelt große, graue, verschließbare Kisten in den Fensternischen standen.
  680. 680Ich stand in vollkommener Finsternis und tappte mich zurecht.
  681. 681Mein Knie stieß an einen Blechkübel.
  682. 682Der Durchgang dazwischen nur einen Schritt breit.
  683. 683Ich setzte mich auf das leere Bett und wartete. Wartete. Wartete.
  684. 684Ich riß mir den Kragen auf -- glaubte, ersticken zu müssen.
  685. 685Ich hörte, wie ein Gefangener nach dem andern sich ächzend ausstreckte.
  686. 686Ich tastete trotzdem mit der Hand an der Schmalwand entlang: ein Brett in Brusthöhe lief quer hin -- -- -- zwei Wasserkrüge -- -- -- Stücke von Brotrinden.
  687. 687Mühsam kletterte ich hinauf, hielt mich an den Gitterstäben und preßte das Gesicht an die Fensterritzen, um wenigstens etwas frische Luft zu atmen.
  688. 688Die kalten Eisenstäbe schwitzten.
  689. 689Ich zählte mit bebenden Lippen:
  690. 690Vier? fünf? -- Der Schweiß trat mir auf die Stirn. -- Sechs!! -- Sieben -- -- -- es war _elf_ Uhr.
  691. 691Daß der Trödler mich angezeigt haben mußte, war klar.
  692. 692Ich grübelte nach -- -- --
  693. 693Mit einem Schlag stand alles mit entsetzlicher Deutlichkeit vor mir, als wäre ich selbst dabei gewesen.
  694. 694In wahnsinniger Verzweiflung rüttelte ich an den Gitterstäben, sah Wassertrum im Geiste vor mir, wie er in Angelinas Briefen wühlte -- --
  695. 695In der nächsten Minute wieder verwarf ich alles und eine wilde Angst packte mich: Wie, wenn Charousek zu spät kam?
  696. 696Dann war Angelina verloren. -- -- --
  697. 697Ich biß mir die Lippen blutig und zerkrallte mir die Brust aus Reue, daß ich die Briefe damals nicht sofort verbrannt hatte; -- -- -- ich schwor es mir zu, Wassertrum noch in derselben Stunde aus der Welt zu schaffen, wo ich wieder auf freiem Fuß sein würde.
  698. 698Daß der Untersuchungsrichter meinen Worten glauben würde, wenn ich ihm die Geschichte mit der Uhr plausibel machte, ihm von Wassertrums Drohungen erzählte, -- keinen Augenblick zweifelte ich daran.
  699. 699Ich zählte die Stunden und betete, daß sie rascher vergehen möchten; starrte hinaus in den schwärzlichen Dunst.
  700. 700Dann schlug es fünf.
  701. 701Ich hörte, wie die Gefangenen erwachten und gähnend eine Unterhaltung in böhmischer Sprache führten.
  702. 702Die beiden anderen waren Gesellen mit verwegenen Gesichtern und musterten mich geringschätzig.
  703. 703Der Gefragte brummte verächtlich irgend etwas, kramte in seinem Strohsack, holte ein schwarzes Papier hervor und legte es auf den Boden.
  704. 704Dann schüttete er aus dem Krug ein wenig Wasser darauf, kniete nieder, bespiegelte sich darin und kämmte sich mit den Fingern das Haar in die Stirn.
  705. 705Der Frisierte spuckte zwischen den Zähnen durch, blickte mich eine Weile verächtlich an, deutete sich dann auf die Brust und sagte lakonisch:
  706. 706Ich schwieg.
  707. 707Ich überlegte einen Moment, dann sagte ich ruhig: »Wegen Raubmord«.
  708. 708Die beiden fuhren verblüfft auf, der spöttische Ausdruck auf ihren Gesichtern machte einer Miene grenzenloser Hochachtung Platz, und sie riefen fast wie aus einem Munde:
  709. 709Ich schloß die Augen und stellte mich schlafend.
  710. 710Ich sah, wie er erleichtert aufatmete.
  711. 711Mir schlotterten die Knie vor Erwartung, wie wir treppauf, treppab schritten.
  712. 712Ich sah, wie er mitleidig ein Lächeln unterdrückte. »Hm. Heute noch? Hm -- -- Gott, -- möglich ist ja alles.« --
  713. 713Mir wurde eiskalt.
  714. 714KARL FREIHERR VON LEISETRETER
  715. 715Der Herr Baron schmunzelte. --
  716. 716Miteinander zu reden, war verboten.
  717. 717In der Mitte des Platzes stand ein kahler, sterbender Baum, in dessen Rinde ein ovales Glasbild der Muttergottes eingewachsen war.
  718. 718Dann ging's wieder hinauf in die gewohnten Grüfte zu Brot, Wasser und Wurstabsud und Sonntags zu faulenden Linsen.
  719. 719Meine Besorgnis um Angelina war einer dumpfen Resignation gewichen: Der Zeitpunkt, wo ich um sie zittern mußte, war vorüber. Entweder Wassertrums Racheplan war längst geglückt, oder Charousek hatte eingegriffen, sagte ich mir.
  720. 720Ich stellte mir vor, wie sie Stunde um Stunde darauf wartete, daß sich das Wunder erneuere, -- wie sie früh am Morgen, wenn der Bäcker kam, hinauslief und mit bebenden Händen das Brot untersuchte, -- wie sie vielleicht um meinetwillen vor Angst verging.
  721. 721Dann wieder warf ich mich auf das Stroh und hielt den Atem an, bis mir die Brust fast zersprang, -- um das Bild meines Doppelgängers vor mich zu zwingen, damit ich ihn zu ihr schicken könnte als einen Trost.
  722. 722Chabrat Zereh Aur Bocher in Spiegelschrift auf der Brust, und ich wollte aufschreien vor Jubel, daß jetzt alles wieder gut würde, aber er war in den Boden versunken, noch ehe ich ihm den Befehl geben konnte, Mirjam zu erscheinen. -- --
  723. 723Daß ich so gar keine Nachricht bekam von meinen Freunden!
  724. 724Der Gefangenwärter versprach mir, sich gelegentlich zu erkundigen. -- --
  725. 725Meine Nägel waren rissig geworden vom Abbeißen und mein Haar verwildert, denn Schere, Kamm und Bürste gab es nicht.
  726. 726Die Zeit verging in grauer, furchtbarer Eintönigkeit.
  727. 727Drehte sich im Kreis wie ein Rad der Qual.
  728. 728Da gab es die gewissen Momente, die jeder von uns kannte, wo plötzlich einer oder der andere aufsprang und stundenlang auf und niederlief wie ein wildes Tier, um sich dann wieder gebrochen auf die Pritsche fallen zu lassen und stumpfsinnig weiter zu warten -- zu warten -- zu warten.
  729. 729Mittwoch vormittags kam gewöhnlich ein Schweinskopf herein mit Schlapphut und zuckenden Hosenbeinen: Der Gefängnisarzt Dr. Rosenblatt, und überzeugte sich, daß alle vor Gesundheit strotzten.
  730. 730Ich war auf ihn zugetreten, um ihm eine Bitte vorzutragen, da hatte er einen Satz hinter den Gefangenwärter gemacht und mir einen Revolver vorgehalten. -- »Was ich denn wolle«, schrie er mich an.
  731. 731Ich hatte mich längst an die schlechte Luft und die Hitze gewöhnt und fröstelte beständig. Selbst, wenn die Sonne schien.
  732. 732Ich hatte auf dem Wandbrett gestanden, um hinauf in den Himmel zu starren, da fühlte ich plötzlich, daß mich ein spitzer Gegenstand in die Hüfte stach, und als ich nachsah, bemerkte ich, daß es die Feile gewesen war, die sich mir durch die Tasche zwischen Rock und Futter gebohrt hatte. Sie mußte schon lange dort gesteckt haben, sonst hätte sie der Mann in der Flurstube gewiß bemerkt.
  733. 733Ich zog sie heraus und warf sie achtlos auf meinen Strohsack.
  734. 734Von ganzem Herzen wünschte ich, es möchte dem armen Burschen gelingen, sich mit Hilfe der Feile zu befreien.
  735. 735Mai
  736. 736Drei volle Monate war ich also schon im Gefängnis und noch immer keine Nachricht aus der Welt da draußen.
  737. 737Die Tochter des Beschließers unten spiele, hatte mir ein Sträfling gesagt. -- --
  738. 738Dann wieder, in Momenten der Hoffnungslosigkeit, wenn einer nach dem andern meiner Zellengenossen zum Verhör geführt wurde, -- nur ich nicht, -- drosselte mich eine dumpfe Furcht, sie sei vielleicht schon lange tot.
  739. 739Da stellte ich dann Fragen an das Schicksal, ob sie noch lebe oder nicht, krank sei oder gesund, und die Anzahl einer Handvoll Halme, die ich aus dem Strohsack riß, sollte mir Antwort geben.
  740. 740Immer bejahte das Orakel in solchen Fällen, und dann war ich eine Stunde lang glücklich und froh.
  741. 741Der zitternde Wunsch, daß auch sie mit gleichen Gefühlen an mich denken möchte, steigerte sich in solchen Augenblicken oft bis zur Ahnung der Gewißheit, und wenn ich dann auf dem Gange draußen einen Schritt hörte, fürchtete ich mich beinahe davor, man könne mich holen und freilassen und mein Traum würde in der groben Wirklichkeit der Außenwelt in nichts zerrinnen.
  742. 742Mein Ohr war in der langen Zeit der Haft so scharf geworden, daß ich auch das leiseste Geräusch vernahm.
  743. 743Daß auch ich jemals wieder so glücklich werden würde, im Sonnenschein durch die Straßen wandern zu können -- -- ich war nicht mehr imstande, es mir vorzustellen.
  744. 744Der Tag, an dem ich Angelina in den Armen gehalten, schien mir einem längstverflossenen Dasein anzugehören; -- ich dachte daran zurück mit jener leisen Wehmut, wie sie einen beschleicht, wenn man ein Buch aufschlägt und findet darin welke Blumen, die einst die Geliebte der Jugendjahre getragen hat.
  745. 745Ich saß allein in der Zelle. -- Vóssatka, der Brandstifter, mein einziger Gefährte seit einer Woche, war vor ein paar Stunden zum Untersuchungsrichter geholt worden.
  746. 746Merkwürdig lange dauerte diesmal sein Verhör.
  747. 747Da. Die eiserne Vorlegstange klirrte an der Tür. Und mit freudestrahlender Miene stürmte Vóssatka herein, warf ein Bündel Kleider auf die Pritsche und begann, sich mit Windeseile umzukleiden.
  748. 748Den Sträflingsanzug warf er Stück um Stück mit einem Fluch auf den Boden.
  749. 749Ich wollte sofort anfangen, ihn auszufragen, aber zu meinem größten Erstaunen legte er mit geheimnisvoller Miene den Finger an den Mund und bedeutete mir, ich solle schweigen.
  750. 750Mir schlug das Herz vor Aufregung.
  751. 751Das erste, was der Schlot tat, war, daß er sich niedersetzte und seinen linken Stiefel auszog.
  752. 752Dann zerrte er mit den Zähnen einen Stöpsel aus dem Absatz, entnahm dem entstandenen Hohlraum ein kleines gebogenes Eisenblech, riß die anscheinend nur locker befestigte Schuhsohle ab und reichte mir beides mit stolzer Miene hin. --
  753. 753Ich war so verblüfft, daß ich kein Wort herausbringen konnte. --
  754. 754Im Übermaß meines Entzückens fiel ich dem Schlot um den Hals und die Tränen stürzten mir aus den Augen.
  755. 755Ich mußte wohl ein sehr dummes Gesicht gemacht haben, denn der Schlot fuhr fort:
  756. 756Der Schlot schüttelte verächtlich den Kopf: »Wann ich wirklich einen Raubanfall _begangen_ hätt, mecht ich ihm doch nicht _eingestähen_. Was glauben Sie von mir!?«
  757. 757Ich verstand allmählich: -- der brave Kerl hatte eine List gebraucht, um mir den Brief Charouseks ins Gefängnis zu schmuggeln.
  758. 758Ich mußte meine ganze Beredsamkeit aufbieten, um ihm den verwegenen Plan, der, wie er sagte, das Resultat eines »Bataillons«beschlusses war, auszureden.
  759. 759Daß ich »die Gabe Gottes« von der Hand wies und lieber warten wollte, bis ich von selbst freikommen würde, war ihm unbegreiflich.
  760. 760Ich fühlte meine Stimme zittern. So sehr ich mich um Angelinas willen freute, -- es krampfte mir dennoch das Herz zusammen.
  761. 761Vielleicht glaubte sie, ich sei wirklich ein Raubmörder.
  762. 762Der Schlot schien mit dem Feingefühl, das verwahrlosten Menschen seltsamerweise eigen ist bei allen Dingen, die sich um Liebe drehen, erraten zu haben, wie mir zumute war, denn er blickte scheu weg und antwortete nicht.
  763. 763Ich mußte unwillkürlich lächeln. »Nein. Bestimmt nicht.«
  764. 764Vielleicht steht in dem Briefchen etwas über sie, hoffte ich.
  765. 765Ich fuhr entsetzt auf.
  766. 766Ich machte ein teilnahmsloses Gesicht und Wenzel war kaum zu erwecken.
  767. 767Den 12. Mai.
  768. 768Ich bat den Untersuchungsrichter, das Verfahren zu beschleunigen, aber jedesmal hieß es, er könne nichts tun, -- es sei Sache der Staatsanwaltschaft und nicht die seinige.
  769. 769Ich habe mir Jaromir sofort vorgenommen, ihm 1000 fl. gegeben -- --« Ich ließ den Brief sinken und die Freudentränen traten mir in die Augen: nur Angelina konnte Charousek die Summe gegeben haben. Weder Zwakh, noch Prokop, noch Vrieslander besaßen soviel Geld. -- Sie hatte mich also doch nicht vergessen! -- Ich las weiter:
  770. 770Das alles kann aber erst geschehen, wenn dieser Brief durch Wenzel bereits an Sie unterwegs ist. Die Zeit reicht nicht aus.
  771. 771Ich zweifle keinen Augenblick, daß Loisa den Mord begangen hat und die Uhr die Zottmanns ist.
  772. 772Ich weiß es nicht.
  773. 773Vielleicht verstehen Sie, was ich meine, und wenn nicht, so streichen Sie, ich bitte Sie darum, das, was ich gesagt habe, aus Ihrem Gedächtnis. -- -- Einmal, in meinen Delirien, glaubte ich -- ein Zeichen auf Ihrer Brust zu sehen. -- Mag sein, daß ich wach geträumt habe.
  774. 774Doch genug davon.
  775. 775Ich will Ihnen lieber erzählen, was sich inzwischen zugetragen hat:
  776. 776Ich sah es daran, daß er auf der Gasse beständig gestikulierte und laut mit sich selbst sprach.
  777. 777Dann kaufte er sich ein Taschenbuch und machte sich Notizen.
  778. 778Daß er mich zum Erben einsetzte, habe ich mir allerdings nicht gedacht.
  779. 779Ich hätte wahrscheinlich den Veitstanz bekommen vor Vergnügen, wenn's mir eingefallen wäre.
  780. 780Vielleicht war's auch die Hoffnung, ich würde ihn segnen, wenn ich mich nach seinem Tode durch seine Huld plötzlich als Millionär sähe, und dadurch den Fluch wettmachen, den er in Ihrem Zimmer aus meinem Mund hat mit anhören müssen.
  781. 781Dreifach hat demnach meine Suggestion gewirkt.
  782. 782Von dem Moment an, wo Wassertrum vom Notar kam, ließ ich ihn nicht mehr aus dem Auge.
  783. 783Des Nachts horchte ich an den Verschlagbrettern seines Ladens, denn jede Minute konnte die Entscheidung fallen. --
  784. 784Ich glaube, durch Mauern hindurch würde ich das ersehnte schnalzende Geräusch gehört haben, wenn er den Stöpsel aus der Giftflasche gezogen hätte.
  785. 785Da griff ein Unberufener ein und ermordete ihn. Mit einer Feile.
  786. 786Lassen Sie sich das Nähere von Wenzel erzählen, mir wird es zu bitter, alles das niederschreiben zu müssen.
  787. 787Ich glaube, ich weiß es bereits, aber ich will noch warten, bis das innere Wort, das zu mir spricht, klar wird wie eine Quelle. -- Wir Menschen sind unrein, und oft bedarf es langen Fastens und Wachens, bis wir das Flüstern unserer Seele verstehen. -- -- --
  788. 788In der verflossenen Woche wurde mir offiziell vom Gericht mitgeteilt, daß mich Wassertrum zum Universalerben eingesetzt hat.
  789. 789Daß ich für mich keinen Kreuzer davon anrühre, brauche ich Ihnen wohl nicht zu versichern, Herr Pernath. -- Ich werde mich hüten, >ihm< -- für >drüben< eine Handhabe zu geben.
  790. 790Die Häuser, die er besessen hat, lasse ich versteigern, die Gegenstände, die er berührt hat, werden verbrannt, und was an Geld und Geldeswert sich dann ergibt, fällt nach meinem Tode zu einem Drittel Ihnen zu. --
  791. 791Ich sehe im Geiste, wie Sie aufspringen und protestieren, aber ich kann Sie beruhigen. Was Sie bekommen, ist Ihr rechtmäßiges Eigentum mit Zinsen und Zinseszinsen. Schon lange wußte ich, daß Wassertrum vor Jahren Ihren Vater und seine Familie um alles gebracht hat, -- erst jetzt bin ich in der Lage, es aktenmäßig nachweisen zu können.
  792. 792Das letzte Drittel gehört zu gleichen Teilen den nächsten sieben Raubmördern des Landes, die mangels zureichender Beweise freigesprochen werden müssen.
  793. 793Ich bin das dem öffentlichen Ärgernis schuldig.
  794. 794Ihres aufrichtigen und dankbaren Innocenz Charousek.«
  795. 795Ich konnte mich nicht freuen über die Nachricht von meiner bevorstehenden Enthaftung.
  796. 796Charousek! Armer Mensch! Wie ein Bruder kümmerte er sich um mein Schicksal. Bloß, weil ich ihm einst 100 fl. geschenkt hatte. Wenn ich ihm nur einmal noch die Hand drücken könnte!
  797. 797Ich fühlte: ja, er hatte recht; der Tag würde nie kommen.
  798. 798Ich sah ihn vor mir: seine flackernden Augen, die schwindsüchtigen Schultern, die hohe, noble Stirn.
  799. 799Vielleicht, daß alles ganz anders gekommen wäre, wenn eine hilfreiche Hand rechtzeitig in dies verdorrte Leben eingegriffen hätte.
  800. 800Ich schämte mich beinahe, diesen Gedanken auch nur einen Augenblick geduldet zu haben.
  801. 801Ich drehte mich nicht einmal um, so sehr war ich erfüllt von dem Eindruck des Briefes.
  802. 802Ich hoffte auf den morgigen Tag, auf den gemeinsamen Rundgang der Gefangenen im Hof. -- Da war es noch am leichtesten, daß mir irgendeiner vom »Bataillon« etwas zusteckte.
  803. 803Ich drehte mich um.
  804. 804Ich murmelte meinen Namen und verbeugte mich ebenfalls und wollte mich wieder umdrehen, konnte aber lange den Blick von dem Menschen nicht wenden, so fremdartig wirkte er auf mich mit dem pagodenhaften Lächeln, das die aufwärts gezogenen Mundwinkel der feingeschwungenen Lippen beständig seinem Gesicht aufdrückten.
  805. 805Mond
  806. 806Ich wollte ihn langsam vorbereiten:
  807. 807Mir war, als hätte er mich mit einem Stock über den Kopf geschlagen.
  808. 808Vor Abscheu und Grausen konnte ich keinen Ton herausbringen.
  809. 809Die ganze Nacht konnte ich nicht zur Ruhe kommen.
  810. 810Das beständige Gefühl, ein solches Scheusal in meiner nächsten Nähe zu haben und dieselbe Luft mit ihm atmen zu müssen, war mir so gräßlich und aufregend, daß die Eindrücke des Tages, Charouseks Brief und all das erlebte Neue tief in den Hintergrund traten.
  811. 811Ich hatte mich so gelegt, daß ich den Mörder beständig im Auge behielt, denn ich würde es nicht haben ertragen können, ihn hinter mir zu wissen.
  812. 812Die Zelle war vom Schimmer des Mondes matt durchdämmert und ich konnte sehen, daß Laponder regungslos, fast starr, dalag.
  813. 813Viele Stunden hindurch änderte er nicht ein einziges Mal seine Lage.
  814. 814Die nächsten paar Tage vergingen, ohne daß ich Notiz von ihm genommen hätte, und auch er brach niemals das Schweigen.
  815. 815Ich fing an, mir Vorwürfe wegen meiner Schroffheit zu machen, konnte aber den Abscheu vor ihm beim besten Willen nicht loswerden.
  816. 816Das Mondlicht schien voll auf sein Gesicht, und ich konnte deutlich unterscheiden, daß er die Lider offen hatte, doch nur das Weiße der Augäpfel war sichtbar.
  817. 817Die Stimme war der Mirjams täuschend ähnlich.
  818. 818Ich wartete, bis sein Gesicht wieder starr geworden war, dann wiederholte ich leise:
  819. 819Ich legte mein Ohr dicht an seine Lippen.
  820. 820Ich trank die Worte so gierig, daß ich nur den Sinn begriff. Sie sprach von Liebe zu mir und von dem unsagbaren Glück, daß wir uns endlich gefunden hätten -- und uns nie wieder trennen würden -- hastig -- ohne Pause, wie jemand, der fürchtet unterbrochen zu werden und jede Sekunde ausnützen will.
  821. 821Dann wurde die Stimme stockend -- erlosch zeitweilig ganz.
  822. 822Lange keine Antwort.
  823. 823Dann fast unverständlich:
  824. 824Ich lauschte und lauschte.
  825. 825Vergebens.
  826. 826Vor Ergriffenheit und Zittern mußte ich mich auf die Kante der Pritsche stützen, um nicht vornüber auf Laponder zu fallen.
  827. 827Die Täuschung war so vollständig gewesen, daß ich Mirjam momentelang tatsächlich vor mir liegen zu sehen glaubte und alle meine Kraft zusammennehmen mußte, um nicht einen Kuß auf die Lippen des Mörders zu drücken.
  828. 828Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, daß man Schlafenden, um sie zum Reden zu bringen, die Fragen nicht ins Ohr stellen dürfe, sondern gegen das Nervengeflecht in der Magengrube richten müsse.
  829. 829Ich tat es:
  830. 830Die Stimme erstarb.
  831. 831Ich erinnerte mich: es war wörtlich der Schlußsatz aus Charouseks Brief.
  832. 832Das Gesicht Laponders lag bereits im Dunkel. Das Mondlicht fiel auf die Kopfenden des Strohsacks. In einer Viertelstunde mußte es aus der Zelle verschwunden sein.
  833. 833Ich stellte Frage auf Frage, bekam aber keine Antwort mehr:
  834. 834Der Mörder lag unbeweglich da wie eine Leiche und hatte die Lider geschlossen.
  835. 835Ich machte mir die heftigsten Vorwürfe, all die Tage über in Laponder nur den Verbrecher und niemals den Menschen gesehen zu haben. --
  836. 836Vielleicht hatte er den Lustmord in einer Art Dämmerzustand begangen.
  837. 837Ich konnte den Moment, wo er aufwachen würde, kaum erwarten.
  838. 838Ich bejahte: »Ich glaube es aus gewissen Anzeichen schließen zu dürfen.
  839. 839Ich -- ich -- darf ich Ihnen eine direkte Frage stellen, Herr Laponder?«
  840. 840Ich wagte vor Spannung kaum zu atmen.
  841. 841Ich schüttelte den Kopf und fing an zu zweifeln. Offenbar hatte Laponder im Halbschlaf in meinem Vorstellungsinhalt gelesen und alles wirr durcheinander gebracht: Hillel, Mirjam, den Golem, das Buch Ibbur und den unterirdischen Gang.
  842. 842Ich unterbrach ihn entsetzt:
  843. 843Ich konnte es nicht fassen, daß ihn mein Leben mehr interessierte als seine eigenen, doch wahrhaftig genügend dringenden Angelegenheiten; um ihn aber zu beruhigen, erzählte ich ihm alles, was mir an Unbegreiflichem geschehen war.
  844. 844Das heißt: sie sind hier geblieben und werden von Ihren Vorfahren so lange behütet, bis die Zeit des Keimens da ist. Dann werden die Kräfte, die in Ihnen jetzt noch schlummern, lebendig werden.«
  845. 845Ich verstand nicht: »Von meinen Vorfahren werden die Körner behütet?«
  846. 846Ich erzählte zu Ende. Alles. Auch das, was Mirjam über den »Hermaphroditen« gesagt hatte.
  847. 847Dann setzte ich mich ihm gegenüber und bot meine ganze Beredsamkeit auf, ihn zu überzeugen, wie dringend nötig es wäre, den Richtern gegenüber auf seinen krankhaften Geisteszustand hinzuweisen.
  848. 848Laponder machte eine abwehrende Handbewegung: »Sie irren! Die Richter haben von ihrem Standpunkt aus ganz recht. Sollen sie einen Menschen wie mich vielleicht frei umherlaufen lassen? Damit morgen oder übermorgen wieder das Unheil losbricht?«
  849. 849dieses Phantom, den Schlüssel können Sie leicht finden, wenn Sie darüber nachdenken -- erzählten, ist mir einst genau so passiert. Nur habe ich die Körner _angenommen_. Ich gehe also den >Weg des Todes<! -- Für mich ist das Heiligste, das ich denken kann: meine Schritte vom Geistigen in mir lenken zu lassen. Blind, vertrauensvoll, wohin der Weg auch führen mag: ob zum Galgen oder zum Thron, ob zur Armut oder zum Reichtum.
  850. 850Darum habe ich auch nicht gelogen, als die Wahl in meiner Hand lag.
  851. 851Dadurch, daß das Geistige in mir mich zum Mörder werden ließ, hat es eine Hinrichtung an mir vollzogen; dadurch, daß mich die Menschen an den Galgen knüpfen, wird mein Schicksal losgelöst von dem ihrigen: -- ich komme zur Freiheit.«
  852. 852Darum sagte ich vorhin: ich >wandere< und nicht: >ich träume<.
  853. 853Das Ringen nach der Unsterblichkeit ist ein Kampf um das Zepter gegen die uns innewohnenden Klänge und Gespenster; und das Warten auf das Königwerden des eigenen >Ichs< ist das Warten auf den Messias.
  854. 854Der schemenhafte Habal Garmin, den Sie gesehen haben, der >Hauch der Knochen< der Kabbala, das war der König. Wenn er gekrönt sein wird, -- dann reißt der Strick entzwei, mit dem Sie durch die äußern Sinne und den Schornstein des Verstandes an die Welt gebunden sind.
  855. 855Laponder schwieg.
  856. 856Lange konnte ich kein Wort sprechen. Seine Rede hatte mich fast betäubt.
  857. 857Draußen entstand ein Geräusch; die Riegel wurden zurückgeschoben, -- Laponder achtete kaum darauf:
  858. 858Vor Tränen konnte ich Laponders Gesicht nicht mehr unterscheiden, ich _hörte_ nur das Lächeln in seiner Stimme.
  859. 859In den nächsten Tagen, nachdem er weggeführt worden war, hatte ich ein Hämmern und Zimmern aus dem Hinrichtungshof heraufdröhnen hören, das manchmal bis zum Morgengrauen dauerte.
  860. 860Ich erriet, was es bedeutete, und hielt mir stundenlang die Ohren zu vor Verzweiflung.
  861. 861Monat um Monat verfloß. Ich sah, wie der Sommer zerrann, am Krankwerden des kümmerlichen Laubs im Hof; roch es an dem pelzigen Hauch, der aus den Mauern drang.
  862. 862Dann kamen wieder neue Gefangene: diebische Kommis mit verlebten Gesichtern, dickwanstige Bankkassierer, -- »Waisenkinder«, wie der schwarze Vóssatka sie genannt haben würde, -- und verpesteten mir die Luft und die Stimmung.
  863. 863Die Wut kochte in mir und am liebsten hätte ich den Halunken zu Boden geschlagen.
  864. 864Manchmal, besonders wenn der Mond grell durchs Gitter schien, wurde es besser: ich konnte mir die Stunden, die ich mit Laponder verlebt, dann lebendig machen, und das tiefe Gefühl für ihn verscheuchte mir die Qual, -- aber nur zu oft kamen die gräßlichen Minuten wieder, wo ich Mirjam ermordet und verkohlt im Geiste vor mir sah und glaubte, vor Angst den Verstand verlieren zu müssen.
  865. 865Die schwachen Anhaltspunkte, die ich für meinen Verdacht hatte, verdichteten sich in solchen Zeiten zu einem geschlossenen Ganzen, -- zu einem Gemälde voll unbeschreiblich entsetzenerregender Einzelheiten.
  866. 866Die Hoffnung, jemals dieses schreckliche Haus verlassen zu dürfen, war längst in mir gestorben.
  867. 867Ich machte mich darauf gefaßt, wieder eine kalte Frage gestellt zu bekommen, das stereotype Gemecker hinter dem Schreibtisch zu hören und dann zurück in die Finsternis zu müssen.
  868. 868Der Herr Baron Leisetreter war bereits nach Hause gegangen und nur ein alter, buckliger Schreiber mit Spinnenfingern stand im Zimmer.
  869. 869Dumpf wartete ich, was mit mir geschehen würde.
  870. 870Die Untersuchung hat weiters ergeben, daß die Leiche des erwähnten Karl Zottmann in der rückwärtigen Hosentasche zur Zeit ihrer Auffindung ein Notizbuch bei sich trug, in der sie vermutlich bereits einige Tage vor erfolgtem Ableben mehrere den Tatbestand erhellende und die Ergreifung des Täters durch die k. k. Behörden erleichternde Eintragungen vorgenommen hatte.
  871. 871Das Augenmerk einer hohen k. und k. Staatsanwaltschaft wurde demzufolge auf den nunmehr durch die Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend verdächtig gewordenen _Loisa_ Kwáßnitschka, zurzeit flüchtig, gelenkt und unter einem verfügt, die Untersuchungshaft gegen Athanasius Pernath, Gemmenschneider, dermalen noch unbescholten, aufzuheben, und das Verfahren gegen ihn einzustellen.
  872. 872Der Boden schwankte unter meinen Füßen, und ich verlor eine Minute das Bewußtsein.
  873. 873Der Schreiber war vollkommen ruhig geblieben, schnupfte, schneuzte sich und sagte zu mir:
  874. 874Der Schreiber hatte bei dem letzten Wort die Feder eingetunkt und fing an zu schmieren.
  875. 875Ich erwartete gewohnheitsmäßig, daß er meckern würde, aber er meckerte nicht.
  876. 876Der Gefangenwärter beugte sich über mich und flüsterte mir ins Ohr:
  877. 877Der Schreiber schob geräuschvoll seinen Stuhl zurück und reichte mir die Feder zum Unterschreiben.
  878. 878Dann richtete er sich stolz auf und sagte genau im Tonfall seines freiherrlichen Vorgesetzten:
  879. 879Dann stand ich auf der Straße.
  880. 880Das Pflaster war mit einer zähen Schicht von Schmutz bedeckt.
  881. 881Ich wankte auf eine Droschke zu, die im Nebel aussah wie ein zusammengebrochenes vorsintflutliches Ungeheuer. Meine Beine versagten fast den Dienst; ich hatte das Gehen verlernt und taumelte -- auf empfindungslosen Sohlen wie ein Rückenmarkskranker. -- --
  882. 882Die Droschke machte einen einzigen Galoppsprung und stolperte dann gemächlich weiter.
  883. 883Ich ließ die klapprigen Fenster herunter und sog mit gierigen Lungen die Nachtluft ein.
  884. 884Diesmal durfte ich es nicht verschlafen, wie das letztemal.
  885. 885Die Droschke hielt vor einem Trümmerhaufen. Barrikaden aus Pflastersteinen überall!
  886. 886Das hier, das mußte doch die Hahnpaßgasse sein?!
  887. 887Mühsam orientierte ich mich. Nichts als Ruinen ringsum.
  888. 888Die Vorderseite war eingerissen.
  889. 889Ich kletterte auf einen Erdhügel; tief unter mir lief ein schwarzer, gemauerter Gang die ehemalige Gasse entlang. Ich schaute empor: wie riesige Bienenzellen hingen die bloßgelegten Wohnräume in der Luft, halb vom Fackelschein, halb von dem trüben Mondlicht beschienen.
  890. 890Das dort oben, das mußte mein Zimmer sein -- ich erkannte es an der Bemalung der Wände.
  891. 891Ich drehte mich um: von dem Haus, in dem Wassertrum gewohnt, kein Stein mehr auf dem andern. Alles dem Erdboden gleichgemacht: der Trödlerladen, die Kellerwohnung Charouseks -- -- -- alles, alles.
  892. 892Ich fragte einen Arbeiter, ob er nicht wisse, wo die Leute jetzt wohnten, die hier ausgezogen seien; ob er vielleicht den Archivar Schemajah Hillel kenne.
  893. 893Ich schenkte dem Mann einen Gulden: er verstand zwar sofort deutsch, konnte mir aber keine Antwort geben.
  894. 894Vielleicht, daß beim »Loisitschek« etwas zu erfahren wäre?
  895. 895Der »Loisitschek« sei gesperrt, hieß es, das Haus würde renoviert.
  896. 896Der Arbeiter horchte auf.
  897. 897Ich jubelte. Gott sei Dank. Wenigstens ein Bekannter.
  898. 898In der Mitte auf einem dreibeinigen Billard schlief ein Kellner und schnarchte.
  899. 899Ich warf einen Blick in den Spiegel und entsetzte mich: ein fremdes, blutleeres Gesicht, faltig, grau wie Kitt, mit struppigem Bart und wirrem, langem Haar starrte mir entgegen.
  900. 900Dann legte sich der Kellner wieder auf das Billard und schlief weiter.
  901. 901Ich nahm das »Prager Tagblatt« von der Wand und -- wartete.
  902. 902Die Buchstaben liefen wie Ameisen über die Seiten und ich begriff nicht ein einziges Wort von dem, was ich las.
  903. 903Die Stunden vergingen und hinter den Scheiben zeigte sich bereits das verdächtige tiefe Dunkelblau, das den Einbruch der Morgendämmerung für ein Lokal mit Gasbeleuchtung anzeigt.
  904. 904Drei übernächtig aussehende Soldaten traten ein.
  905. 905Ich war so froh, nach so langer Zeit wieder ein bekanntes Gesicht zu sehen, daß ich aufsprang, ihm entgegenging und seine Hand faßte.
  906. 906Ich ließ mir einen Bleistift geben und zeichnete nacheinander die Gesichter von Zwakh, Vrieslander und Prokop auf.
  907. 907Das Fragezeichen verstand Jaromir nicht; -- er konnte nicht lesen, aber er begriff, was ich wollte, -- nahm ein Streichholz, warf es scheinbar in die Höhe und ließ es nach Taschenspielerart geschickt verschwinden.
  908. 908Ich zeichnete das jüdische Rathaus auf.
  909. 909Der Taubstumme schüttelte heftig den Kopf.
  910. 910Vor Schreck krampfte sich mir das Herz zusammen: Hillel fort! -- Jetzt war ich ganz allein auf der Welt. -- -- Die Gegenstände im Zimmer fingen an vor meinen Augen zu flimmern.
  911. 911Meine Hand zitterte so stark, daß ich ihr Gesicht lange nicht ähnlich zeichnen konnte.
  912. 912Ich stöhnte laut auf, lief im Zimmer hin und her, daß die drei Soldaten einander fragend anblickten.
  913. 913Ich hielt mich an der Tischplatte: »Um Gottes Christi willen, Mirjam ist gestorben?«
  914. 914Das Zwielicht kam, eine Gasflamme nach der andern erlosch und noch immer konnte ich nicht herausbringen, was die Geste bedeuten sollte.
  915. 915Ich gab es auf. Dachte nach.
  916. 916Das einzige, was mir zu tun blieb, war, in aller Frühe auf das jüdische Rathaus zu gehen, um dort Erkundigungen einzuziehen, wohin Hillel mit Mirjam gereist sein könne.
  917. 917Ich erkannte das Profil Rosinas. Er reichte mir das Blatt über den Tisch herüber, legte die Hand auf die Augen und -- -- weinte still vor sich hin. -- --
  918. 918Dann sprang er plötzlich auf und taumelte ohne Gruß zur Tür hinaus.
  919. 919Der Archivar Schemajah Hillel sei eines Tages ohne Grund ausgeblieben und nicht mehr wiedergekommen; seine Tochter habe er jedenfalls mitgenommen, denn auch sie sei von niemand mehr gesehen worden seit jener Zeit, hatte man mir auf dem jüdischen Rathaus gesagt. Das war alles, was ich erfahren konnte.
  920. 920Ich hatte meine Edelsteine verkauft, die ich noch in der Tasche gehabt, und mir zwei kleine, möblierte, aneinanderstoßende Dachkammern in der Altschulgasse -- die einzige Gasse, die von der Assanierung der Judenstadt verschont geblieben, -- gemietet.
  921. 921Ich hatte mich bei den Bewohnern -- zumeist kleine Kaufleute oder Handwerker -- erkundigt, was denn Wahres an dem Gerücht von dem »Zimmer ohne Zugang« sei und war ausgelacht worden. -- Wie man einen derartigen Unsinn denn glauben könne!
  922. 922Meine eigenen Erlebnisse, die sich darauf bezogen, hatten im Gefängnis die Blässe eines längst verwehten Traumbildes angenommen und ich sah in ihnen nur noch Symbole ohne Blut und Leben, -- strich sie aus dem Buch meiner Erinnerungen.
  923. 923Die Worte Laponders, die ich zuweilen so klar in mir hörte, als säße er mir gegenüber wie damals in der Zelle und spräche zu mir, bestärkten mich darin, daß ich rein innerlich geschaut haben müsse, was mir ehedem greifbare Wirklichkeit geschienen.
  924. 924Die Zufriedenheit eines Menschen, der nach langer Wanderung heimkehrt und die Türme seiner Vaterstadt von weitem blinken sieht, erfüllte mich auf ganz sonderbare Weise.
  925. 925Ich kramte in seinem Kasten unter all den Uhranhängseln, kleinen Kruzifixen, Kammnadeln und Broschen herum, da fiel mir ein Herz aus rotem Stein an einem verschossenen Seidenbande in die Hand und ich erkannte es voll Erstaunen als das Andenken, das mir Angelina, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen, einst beim Springbrunnen in ihrem Schloß geschenkt hatte.
  926. 926Lange, lange stand ich erschüttert da und starrte auf das kleine, rote Herz in meiner Hand.
  927. 927Ich saß in der Dachkammer und lauschte dem Knistern der Tannennadeln, wenn hie und da ein kleiner Zweig über den Wachskerzen zu glimmen begann.
  928. 928Die Kerzen waren heruntergebrannt. Nur eine einzige flackerte noch.
  929. 929Dann brachen Flammen durch das Holz der Tür und eine Wolke erstickenden heißen Qualms schlug herein:
  930. 930Ich reiße das Fenster auf. Klettere auf das Dach hinaus.
  931. 931Von weitem rast schon das gellende Klingeln der Feuerwehr heran.
  932. 932Dann das gespenstische, rhythmische, schlapfende Atmen der Pumpen, wie die Dämonen des Wassers sich ducken zum Sprung auf ihren Todfeind: das Feuer.
  933. 933Matratzen werden hinuntergeworfen, die ganze Straße liegt voll davon, Menschen springen nach, werden verwundet weggetragen.
  934. 934In mir aber jauchzt etwas auf in wilder jubelnder Ekstase; ich weiß nicht warum. Das Haar sträubt sich mir.
  935. 935Ich laufe auf den Schornstein zu, um nicht versengt zu werden, denn die Flammen greifen nach mir.
  936. 936Ich rolle es auf, schlinge es um Handgelenk und Bein, wie ich es als Knabe beim Turnen gelernt habe, und lasse mich ruhig an der Fassade des Hauses hinab. --
  937. 937Drin ist alles blendend erleuchtet.
  938. 938Ich will auf die Gitterstäbe losspringen.
  939. 939Das Seil singt bei dem Ruck. Knirschend dehnen sich die Fasern.
  940. 940Ich falle.
  941. 941Mein Bewußtsein erlischt.
  942. 942der Stein ist glatt.
  943. 943Die Worte gellen mir noch in den Ohren. Dann richte ich mich auf und muß mich besinnen, wo ich bin.
  944. 944Ich liege im Bett und wohne im Hotel.
  945. 945Ich heiße doch gar nicht Pernath.
  946. 946Ich schaue auf die Uhr: kaum eine Stunde habe ich geschlafen. Es ist halb drei.
  947. 947Ich nehme ihn und lese in goldenen Buchstaben auf dem weißen Seidenfutter den fremden und doch so bekannten Namen:
  948. 948ATHANASIUS PERNATH
  949. 949Der dicke Finger des Portiers deutet auf die Karte: »Hier, bitte.«
  950. 950Ich wickle Pernaths Hut hinein. Merkwürdig: er ist fast neu, tadellos sauber und doch so brüchig, als wäre er uralt. --
  951. 951Ich _muß_ diesen Athanasius Pernath auffinden, und wenn ich drei Tage und drei Nächte herumlaufen sollte, nehme ich mir vor.
  952. 952Lauter neue Häuser.
  953. 953Im Hintergrund allerdings eine Estrade mit Holzgeländer; eine gewisse Ähnlichkeit mit dem alten geträumten »Loisitschek« ist nicht zu leugnen.
  954. 954Ich habe einen guten Einfall, der mich orientieren wird:
  955. 955Die Kellnerin denkt nach: »Von den Gästen? Nein. -- Aber warten S': der Billardmarkör, der dort mit einem Studenten Karambol spielt, -- sehen Sie ihn? Der mit der Hakennase, der Alte, -- der hat immer hier gelebt und wird Ihnen alles sagen. Soll ich ihn rufen, bis er fertig ist?«
  956. 956Ich folgte dem Blick des Mädchens:
  957. 957Die Kellnerin stützt sich im Stehen mit dem Ellenbogen auf den Tisch, leckt an einem Bleistift, schreibt in Windeseile ihren Vornamen unzählige Male auf die Marmorplatte und löscht ihn jedesmal mit nassem Finger rasch wieder aus. Dazwischen wirft sie mir mehr oder minder sengende Glutblicke zu; -- je nachdem sie ihr gelingen. Unerläßlich ist natürlich das gleichzeitige Emporziehen der Augenbrauen, denn es erhöht das Märchenhafte des Blickes.
  958. 958Ich lasse meine Blicke durch das Lokal wandern, da höre ich plötzlich ein leises metallisches Zirpen, wie von einer Grille, hinter mir.
  959. 959Ich drehe mich neugierig um. Traue meinen Augen nicht:
  960. 960Das Gesicht zur Wand gekehrt, alt wie Methusalem, eine Spieldose, so klein wie eine Zigarettenschachtel, in zitternden Skeletthänden sitzt ganz in sich zusammengesunken -- der _blinde, greise Nephtali Schaffranek_ in der Ecke und leiert mit der winzigen Kurbel.
  961. 961Ich trete zu ihm.
  962. 962Im Flüsterton singt er konfus vor sich hin:
  963. 963Von Messinung, an Räucherl und Rohn.«
  964. 964Ich beuge mich über den Greis, -- rufe ihm ein Wort ins Ohr:
  965. 965Ich halte seine Hand fest: »Denken Sie einmal nach! -- _Haben Sie nicht vor etwa 33 Jahren einen Gemmenschneider namens Pernath gekannt?_«
  966. 966Ich gebe enttäuscht meinen Versuch auf.
  967. 967Mir wird immer kurioser zumute. Ich gehe direkt auf mein Ziel los:
  968. 968Der Schieläugige bekreuzigt sich.
  969. 969Der Fährmann bekreuzigt sich.
  970. 970Ich schenke dem Mann sofort einen Kognak ein, damit er gesprächiger wird.
  971. 971Der Fährmann bekreuzigt sich:
  972. 972Ich fühle vor Erwartung kaum den Boden unter mir.
  973. 973Ich kann und kann es nicht glauben.
  974. 974Der Fährmann rudert mich in seinem Kahn, der aus acht ungehobelten Brettern besteht, mit komischen schiefen Zuckbewegungen über die Moldau.
  975. 975Die gelben Wasser schäumen gegen das Holz. Die Dächer des Hradschins glitzern rot in der Morgensonne. Ein unbeschreiblich feierliches Gefühl ergreift Besitz von mir. Ein leise dämmerndes Gefühl wie aus einem früheren Dasein, als sei die Welt um mich her verzaubert -- eine traumhafte Erkenntnis, als lebte ich zuweilen an mehreren Orten zugleich.
  976. 976Ich steige aus.
  977. 977Denselben Weg, den ich heute nachts im Schlaf schon einmal gegangen, wandere ich wieder empor: die kleine, einsame Schloßstiege. Mir klopft das Herz und ich weiß voraus: jetzt kommt der kahle Baum, dessen Äste über die Mauer herübergreifen.
  978. 978Die Luft ist voll von süßem Fliederhauch.
  979. 979Mit geschlossenen Augen könnte ich mich hinauffinden in die kleine, kuriose Alchimistengasse, so vertraut ist mir plötzlich jeder Schritt.
  980. 980Ich strecke mich, um über das Strauchwerk hinüberzusehen, und bin geblendet von neuer Pracht:
  981. 981Die Gartenmauer ist ganz mit Mosaik bedeckt. Türkisblau mit goldenen, eigenartig gemuschelten Fresken, die den Kult des ägyptischen Gottes Osiris darstellen.
  982. 982Das Flügeltor ist der Gott selbst: ein Hermaphrodit aus zwei Hälften, die die Türe bilden, -- die rechte weiblich, die linke männlich. -- Er sitzt auf einem kostbaren, flachen Thron aus Perlmutter -- in Halbrelief -- und sein goldener Kopf ist der eines Hasen. Die Ohren sind in die Höhe gestellt und dicht aneinander, daß sie aussehen, wie die beiden Seiten eines aufgeschlagenen Buches. --
  983. 983Lange stehe ich wie versteinert da und staune. Mir wird, als träte eine fremde Welt vor mich, und ein alter Gärtner oder Diener mit silbernen Schnallenschuhen, Jabot und sonderbar zugeschnittenem Rock kommt von links hinter dem Gitter auf mich zu und fragt mich durch die Stäbe, was ich wünsche.
  984. 984Ich reiche ihm stumm den eingewickelten Hut Athanasius Pernaths hinein.
  985. 985ATHANASIUS PERNATH
  986. 986MIRJAM,
  987. 987Ich bin gebannt von ihrer Schönheit.
  988. 988Mir ist, als sähe ich mich im Spiegel, so ähnlich ist sein Gesicht dem meinigen.
  989. 989Dann fallen die Flügel des Tores zu, und ich erkenne nur noch den schimmernden Hermaphroditen.
  990. 990Der alte Diener gibt mir meinen Hut und sagt -- ich höre seine Stimme wie aus den Tiefen der Erde --:
  991. 991Ihren Hut, soll ich ausrichten, habe er nicht aufgesetzt, da ihm die Verwechslung sofort aufgefallen sei.
  992. 992Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.
  993. 993Die Schreibweise der Vorlage wurde weitgehend beibehalten. Einige offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier aufgeführt, teilweise unter Verwendung weiterer Ausgaben (vorher/nachher):

Disponibilidad de idiomas

Otros idiomas

Aún no hay otras ediciones lingüísticas publicadas. Esta sección enlazará las disponibles.

Solicitar otro idioma

Der Golem

Membresía $9.99 / año · acceso claim

Vista previaUnirse