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Zum wilden Mann

Édition BooksWhale en allemand par Wilhelm Raabe

Raabes Erzählung verbindet eine Apotheke, eine wiederkehrende Vergangenheit und die Frage, welchen Preis gesellschaftlicher Wohlstand haben kann.

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Zum wilden Mann

In der Apotheke Zum wilden Mann treffen vertraute Lebensverhältnisse auf eine Vergangenheit, die sich nicht beruhigen lässt. Wilhelm Raabe entfaltet aus einem geselligen Anlass eine Geschichte über Herkunft, Geld und moralische Abhängigkeiten. Die deutsche Erzählung verbindet genaue Milieubeobachtung mit Ironie und zeigt, wie eng scheinbar gesicherte Existenzen mit entfernten Lebenswegen und unbequemen Erinnerungen verbunden bleiben.

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Wilhelm Raabe starb 1910. Grundlage ist der gemeinfreie deutsche Originaltext aus Project Gutenberg; spätere editorische Zusätze und Abbildungen sind von dieser Rechtegrundlage nicht umfasst.

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Zum wilden Mann

Wilhelm Raabe

Chapitre d'aperçuErstes Kapitel.Aperçu

Sie machten weit und breit ihre Bemerkungen über das Wetter, und es war wirklich ein Wetter, über das jedermann seine Bemerkungen laut werden lassen durfte, ohne Schaden an seiner Reputation zu leiden. Es war ein dem Anscheine nach dem Menschen außergewöhnlich unfreundlicher Tag gegen das Ende des Oktober, der eben in den Abend oder vielmehr die Nacht überging. Weiter hinauf im Gebirge war schon am Morgen ein gewaltiger Wolkenbruch niedergegangen, und die Vorberge hatten ebenfalls ihr Teil bekommen, wenn auch nicht ganz so arg als Volk, Vieh, Wald, Fels, Berg und Thal weiter oben. Sie waren unter den Vorbergen nordwärts vollkommen zufrieden mit dem, was sie erhalten hatten, und hätten gern auf alles weitere verzichtet, allein das Weitere und Übrige kam, und sie hatten es hinzunehmen, wie es kam. Ihre Anmerkungen durften sie freilich darüber machen; niemand hinderte sie.

Es regnete stoßweise in die nahende Dunkelheit hinein, und stoßweise durchgellte ein scharfer, beißender Nordwind, ein geborener Isländer oder gar Spitzbergener, aus der norddeutschen Tiefebene her die Lüfte, die Schlöte und die Ohren und ärgerte sich sehr an dem Gebirge, das er, wie es schien, ganz gegen seine Vermutung auf seinem Wege nach Süden gefunden hatte. Er war aber mit der Nase darauf gestoßen oder vielleicht auch darauf gestoßen worden und heulte gleich einem bösen Buben, der gleichfalls mit dem erwähnten Glied auf irgend etwas aufmerksam gemacht und hingewiesen wurde. Ohne alle Umschreibung: der Herbstabend kam früh, war dunkel und recht stürmisch; — wer noch auf der Landstraße oder auf den durchweichten Wegen zwischen den nassen Feldern sich befand, beeilte sich, das Wirtshaus oder das Haus zu erreichen; und wir, das heißt der Erzähler und die Freunde, welche er aus dem deutschen Bund in den norddeutschen und aus diesem in das neue Reich mit sich hinübergenommen hat, — wir beeilen uns ebenfalls, unter das schützende Dach dieser neuen Geschichte zu gelangen.

Der Abend wird gemeiniglich eher Nacht, als man für möglich hielt; so auch diesmal.

Es ist recht sehr Nacht geworden. Wieder und wieder fegt der Regen in Strömen von rechts nach links über die mit kahlen Obstbäumen eingefaßte Straße. Wir halten, kurz atmend, die Hand über die Augen, uns nach einem Lichtschein in irgend einer Richtung vor uns umsehend. Es müssen da langgestreckte, in ihrer Länge kaum zu berechnende Dörfer vor uns, dem Gebirge zu, liegen, und der geringste Lampenschimmer südwärts würde uns die tröstende Versicherung geben, daß wir uns einem dieser Dörfer näherten. Vergeblich!

Pferdehufen, Rädergeroll, Menschentritte hinter uns? Wer weiß?

Wir eilen weiter, und plötzlich haben wir das, was wir so sehnlich herbeiwünschen, zu unserer Linken dicht am Pfade. Da ist das Licht, welches durch eine Menschenhand angezündet wurde. Eine plötzliche Wendung des Weges um dunkles Gebüsch bringt es uns überraschend schnell vor die Augen, und wir stehen vor der Apotheke »zum wilden Mann.«

Ein zweistöckiges, dem Anscheine nach recht solides Haus mit einer Vortreppe liegt zur Seite der Straße vor uns, ringsum rauschende, triefende Bäume — gegenüber zur Rechten der Straße ein anderes Haus — weiter hin, durch schwächeren Lichterschein sich kennzeichnend, wieder andere Menschenwohnungen: der Anfang einer dreiviertel Stunde gegen die Berge sich hinziehenden Dorfgasse. Das Dorf besteht übrigens nur aus dieser einen Gasse; sie genügt aber dem, der sie zu durchwandern hat, vollkommen; und wer sie durchwanderte, steht gewöhnlich am Ausgange mehrere Augenblicke still, sieht sich um und vor allen Dingen zurück und äußert seine Meinung in einer je nach dem Charakter, Alter und Geschlecht vermiedenen Weise. Da wir den Ausgang oder Eingang jedoch aber erst erreichen, sind wir noch nicht hierzu verpflichtet. Wir suchen einfach, wie gesagt, vorerst unter Dach zu kommen und eilen rasch die sechs Stufen der Vortreppe hinauf; der Erzähler mit aufgespanntem Schirm von links, der Leser, gleichfalls mit aufgespanntem Schirm, von rechts. Schon hat der Erzähler die Thür hastig geöffnet und zieht sich den atemlosen Leser nach, und schon hat der Wind dem Erzähler den Thürgriff wieder aus der Hand gerissen und hinter ihm und dem Leser die Thür zugeschlagen, daß das ganze Haus widerhallt wir sind darin, in dem Hause sowohl, wie in der Geschichte vom wilden Mann! — — Daß wir uns in einer Apotheke befinden, merken wir auf der Stelle auch am Geruche.

Chapitre d'aperçuZweites Kapitel.Aperçu

Trotz aller geistigen Aufregung mußte der Apotheker Philipp Kristeller einen erstaunten Blick für die Pforte, durch welche die Schwester so plötzlich wieder verschwunden war, übrig haben.

»Herr Jesus!« sagte er; und dann versuchte er es von neuem, sich ruhig zu setzen, allein es wollte nicht angehen. Das bedeutungsvolle Datum brannte wie in feurigen Ziffern und Buchstaben vor seinen Augen, und so schob er denn den Stuhl unter den Tisch und schlurfte, immerfort den Kopf schüttelnd, in seiner Bildergalerie auf und ab; und immer klarer und deutlicher stieg die Welt, welche vor dreißig Jahren, vor einem Menschenalter, war, in seiner Seele empor. Ja, von seiner frühesten Kindheit an lag mit einem Mal alles in den schärfsten Umrissen vor ihm, und nur seine ihm allzu früh gestorbenen Eltern durchzogen schemenhaft die helle Landschaft. Dagegen stand der Vormund in derber, ungemütlicher Deutlichkeit in dem Zauberlicht und in der Mitte der Scenerie jener kleinen Provinzialstadt jenseits des Gebirges, dem Thüringerlande zu, mit dem Kyffhäuser in der Nähe und dem Kickelhahn in der blauen magischen Ferne.

»Der allergewöhnlichste Mensch hat doch immer etwas erlebt, wenn er so ein Menschenalter über ein Menschenalter hinaus zurückdenken kann,« murmele der Alte. »Wie lebendig das nun alles ist, was eben tot und vergessen in meiner Seele lag. Da ist ja der alte Biedermann, der Grauwacker, mein Lehrherr, mit seinem ganzen Haus und Hauswesen. Welch ein schnurriger, verbissener Patron er war; und dann die Patronin, ich meine die Frau Prinzipalin. Herrgott, wie sorgst du in deiner Güte und Weisheit dafür, daß denen, welchen du einen kleinen Löffel auf den Lebensweg mitgiebst, auch der Brei nach dem richtigen Maße zugemessen wird! Ist es mir doch, als verspürte ich heute noch das Magenknurren aus jener guten, alten Zeit unter dem Zwerchfell. Und es war doch eine glückliche, gesunde Zeit! Und gelernt hat man auch das Seinige bei dem alten Grauwacker; man muß es ihm lassen, er verstand das Geschäft, die Kunst, und er wußte uns darin zurecht zu schütteln. Alles, was nachher kam —«

Die Glocke der Offizin klingelte von neuem; abermals ging der Apotheker in seine Werkstatt zu seiner Arbeit, die diesmal etwas länger als vorhin dauerte. Während er seinen Trank mischte und kochte, führte er im landläufigen Dialekt eine Unterhaltung, die wir dem Leser nicht vorenthalten wollen, die Mundart freilich abgerechnet.

»Ihr habt euch bei einem schlimmen Wetter auf den Weg machen müssen, Gevatterin. Es steht wohl gar nicht gut zu Hause?«

»Wie mit dem Wetter draußen,« sagte das frische, sehr gesunde Bauerweiblein verdrossen. »Man hat seine liebe Not, daß man sich darüber selber gern vom Tage thun möchte. Er kann nicht leben und will nicht sterben; — ich glaube, er hält sich eben durch das Ärgernis, welches er uns macht; — recht machen kann man ihm gar nichts mehr, und von dem Verdruß lebt er so hin von einem Tage zum andern.«

»Hm, hm,« brummte Herr Philipp.

»Ja, es ist doch so, und der Doktor zieht dann das Beste davon. Das Ding hat er gestern Abend verschrieben, und es ist uns sehr eilig gemacht; ich meine aber, Sie wissen es am besten, Herr Kristeller, daß kein Tag vergeht, an welchem Sie mich nicht auf dieser Bank sitzen sehen. So dachte ich denn, es hat wohl Zeit bis morgen, und weggeworfenes Geld ist es doch.«

»Hm, hm,« brummte Herr Philipp, fügte aber diesmal hinzu: »Doktor- und Apothekerrechnungen zahlt wohl niemand gern; — aber wir machen es so billig als möglich, Gevatterin.«

»Wie es sich schickt für eine arme, elende Witfrau,« schluchzte die muntere Bäuerin hinter ihren Schürzenzipfeln.

»Na, na,« sagte der Apotheker, »zum Teufel, noch lebt er ja! Witfrau? junge Frau! ei freilich! — und meiner Meinung nach wird er es noch manches lange, gute Jahr durchmachen. Der Doktor und ich wollen schon das Unsrige thun.«

Table des matières

Dans cette édition

  1. 01Full text
  2. 02Erstes Kapitel.
  3. 03Zweites Kapitel.
  4. 04Drittes Kapitel.
  5. 05Viertes Kapitel.
  6. 06Fünftes Kapitel.
  7. 07Sechstes Kapitel.
  8. 08Siebentes Kapitel.
  9. 09Achtes Kapitel.
  10. 10Neuntes Kapitel.
  11. 11Zehntes Kapitel.
  12. 12Elftes Kapitel.
  13. 13Zwölftes Kapitel.
  14. 14Dreizehntes Kapitel.
  15. 15Vierzehntes Kapitel.
  16. 16Fünfzehntes Kapitel.
  17. 17Sechzehntes Kapitel.

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